4. Zu Besuch im Senat
Ken und seine drei Begleiter verließen die Herberge, stiegen in ein Automatentaxi und flogen Richtung Senatsplatz. Der Luftverkehr zwischen den Hochhäusern floss ruhig. Auf mehreren imaginären Bahnen strebten die Luftgefährte ihrem Ziel entgegen. Hin und wieder verließ eines die langen Schlangen und bog in eine Lücke zwischen den allgegenwärtigen Hochhäusern ab.
Coruscant war wahrscheinlich der dichtbebauteste Planet des bekannten Universums. Ein wahrer Moloch aus Stahl, Röhren, kunststoffbeschichteten Wänden und Ventilatoren, die die Luft in den tiefsten Straßenschluchten bewegten. Kaum zu glauben, dass es ein lebendiger, atmender Planet sein sollte. So ganz anders als Alderaan oder Tython. Ken hatte den Verdacht, dass selbst die Atemluft hier künstlich erzeugt und gereinigt wurde. Zumindest hatte er beim Landeanflug keine Wälder entdecken können.
Ken beobachtete Nalen, der aufmerksam aus dem Fenster schaute und versuchte, sich in der ihm ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Etwas merkwürdig und ungewohnt fühlte es sich für Ken schon an, dass der Twi'lek jetzt ein Teil der kleinen Gruppe war. Ob er es ähnlich empfand? Er kam Ken nicht mehr so angespannt vor wie gestern, aber immer noch ziemlich ernst und in sich gekehrt. Entsprach das jetzt mehr seinem Naturell als die Aggressivität, die er auf Tython zuletzt an den Tag gelegt hatte? Oder war es nur eine Folge dieser Ereignisse? Ken würde wohl noch eine Weile brauchen, bis er den Twi'lek richtig einschätzen konnte.
Schließlich lehnte Nalen sich im Sitz zurück, mit einem Gesichtsausdruck, als wäre ihm das Konzept eines Stadtplaneten mehr als fremd.
„Ihr wart noch nie auf Coruscant, oder?" fragte Ken.
„Nein. Wir haben auf unserer Suche nach einer neuen Heimat einige Planeten angeflogen, aber den hier nicht. Hier wäre sowieso kein Platz für uns. Nichts als Hochhäuser und Flugschiffe … wachsen hier überhaupt Bäume?"
„Auf dem Senatsplatz stehen einige, aber ich weiß nicht mal, ob sie überhaupt echt sind. Es gibt hier auch keine Raubtiere wie auf Tython, dafür jede Menge kriminelle Zweibeiner. Die sind mindestens genauso lästig."
Ken zog sein Kom-Gerät aus dem Etui und bat Nalen, seines ebenfalls hervorzuholen. „Nutzen wir die Zeit während des Fluges. Ich überspiele Euch erstmal ein paar Daten", sagte er, während er die entsprechenden Positionen in seinem Speicher auswählte. Dann klappte er an Nalens Gerät eine Abdeckung auf, so dass ein kleiner Bildschirm entstand, und tippte auf die Anzeigen, die nach und nach darauf erschienen.
„Ein Raster von den verschiedenen Ebenen der Stadt. Hier sind die Haltepunkte der Automatentaxis … da ist unsere Herberge … und da das Senatsgebäude. Es gibt auch einen Plan dazu. Das Ding ist riesig, ich habe mich beim ersten Besuch fast verlaufen. So, Synchronisation mit meinem und Qyzens Gerät, damit wir in Verbindung bleiben können. Ach ja, das ist auch noch wichtig: der Notruf für Finn, Meisterin Yuons Arzt. Falls einem von uns etwas zustößt, wählt ihn an, er schickt uns sofort Hilfe."
Nalen nickte und versuchte, aus den verschachtelten Ebenen von Coruscant schlau zu werden. „Gibt es hier denn wirklich nichts anderes als Häuser?" murmelte er kopfschüttelnd.
„Doch." Ken grinste schief. „Noch mehr Häuser. Häuser auf Häusern, Häuser unter Häusern, sogar Häuser in Häusern …"
Nalen verzog das Gesicht. „Wer will denn so leben?"
„Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit", knurrte Qyzen.
Ken fragte sich, was jetzt bemerkenswerter war – dass Qyzen überhaupt etwas in neutralem Tonfall kommentierte, was Nalen sagte, oder dass die beiden tatsächlich die gleiche Ansicht teilten.
„Nicht jeder findet ein Leben mitten im urwüchsigen Wald erstrebenswert", meinte Meister Bakarn.
„Jedem das seine." Ken zuckte die Achseln und kam zum nächsten Punkt seiner Vorbereitungen. „Wie ich schon sagte – auf Coruscant gibt es eine Menge Krimineller. Hier läuft gerade ein richtiger Bandenkrieg – und das, was wir suchen, befindet sich mittendrin. Mit der Macht kann man vieles ausrichten, aber manchmal muss es auch ohne gehen." Es war nur ein kurzes Zucken in Nalens Gesicht, als Ken die Macht erwähnte, aber Ken bemerkte es trotzdem. War es Widerwillen oder Unsicherheit gewesen? Nun, er würde es zu gegebener Zeit herausfinden. Nalens Fähigkeiten waren ein weiterer Punkt auf seiner Liste.
„Habt Ihr eine Waffe, Nalen?"
Nalen hob die Augenbrauen. „Glaubt Ihr etwa, Eure Jedi-Brüder hätten mir eine überlassen, als wir abflogen?"
‚Ich würde ihm auch jetzt keine überlassen', schien Qyzens Blick zu sagen, als er zu Ken hinüberschaute. Allerdings war das keine Option, wenn sie sich wieder mit der „Schwarzen Sonne" herumschlagen mussten.
„Dann organisieren wir eine, das ist kein Problem."
„Gebt Ihr mir einen Überblick über Eure Situation, Ken'arryn? Ich weiß einiges von Meister Bakarn, aber das ist bestimmt nicht der aktuellste Stand der Dinge."
„Ist er nicht", bestätigte der Jedi-Meister. „Ich bin auch neugierig."
„Nur Geduld, dazu wollte ich gerade kommen", sagte Ken und merkte erst einen Moment später, dass er unbewusst Meister Jorens belehrenden Tonfall imitierte. Bloß gut, dass er nicht noch ‚Padawan' drangehängt hatte. Etwas amüsiert über sich selbst drehte er sich in seinem Sitz, um seine beiden Zuhörer ansehen zu können. Doch als er begann, schlich sich die Sorge sofort wieder in seine Gedanken:
„Dass Meisterin Yuon bei meiner Ernennung zum Jedi zusammengebrochen ist, hat man Euch sicher erzählt. Nicht einmal Meisterin Shan und Meister Bakarn konnten feststellen, woran sie leidet. Es hieß, hier auf Coruscant hätte man mehr Erfahrung mit seltenen Krankheiten und ein großes medizinisches Archiv. Und es gäbe Artefakte aus dem ersten Jeditempel, die uns vielleicht helfen könnten. Deshalb kamen wir her. Dass der erste Tempel seit dem Krieg in Trümmern liegt, macht die Suche nach Antworten aber nicht leichter. Meiner Meisterin geht es leider immer schlechter. Sie ist sehr geschwächt und … nicht mehr sie selbst." Nalen runzelte die Stirn – das Letzte kam ihm wohl nur allzu bekannt vor. „Sie erkennt mich und Qyzen kaum noch. Sie … sagt und hört seltsame Dinge, die keinen Sinn ergeben. Von zwei Jungen, einem Parkanas und einem Schattenmann. Sagt Euch das irgendwas? Hat Rajivaris Geist jemals etwas in der Art erwähnt?"
Nalen runzelte die Stirn. Er schien eine Zeitlang in seinen Erinnerungen zu versinken. Doch dann schüttelte er den Kopf.
Ken war etwas enttäuscht, auch wenn er es nicht zeigte. Er hatte gehofft, dieser verrückte alte Jedi-Meister hätte in seinen Holocron-Lektionen vielleicht auch einmal seltsame Geisteskrankheiten erwähnt. Zuzutrauen wäre es ihm durchaus …
Ken seufzte, als er an seinen letzten Besuch bei Yuon Par zurückdachte. Er kannte die Jedi-Meisterin zwar erst seit ein paar Wochen, aber er mochte sie. Und sie so zu sehen, hinterließ in ihm jedes Mal ein bedrückendes Gefühl von Hilflosigkeit. „Finn kann auch nicht mehr machen, als ihr Beruhigungsmittel zu geben. Er sagt, es sei eine Krankheit des Geistes, aber sämtliche Datenbanken auf Coruscant spucken nichts Hilfreiches darüber aus."
Ken begegnete Nalens Blick, der beunruhigt wirkte.
„Hat ihr Zustand etwa auch mit dem Holocron zu tun, das ich fand? Sie hat es sicher aktiviert, nachdem Ihr es zu ihr brachtet."
„Hat nichts mit dem Ding zu tun", antwortete Qyzen. „Sie war schon krank bevor sie nach Tython kam. Nur noch nicht so schlimm wie jetzt."
Ken sah, wie die Anspannung wieder aus Nalens Miene wich. Er hatte wohl schon befürchtet, auch noch für Meisterin Yuons Erkrankung verantwortlich zu sein.
„Finn hat Informationen über drei uralte Jedi-Holocrons, die das Wissen des Tempels verwalteten. Leider wurde der zerstörte Tempel ausgeraubt. Die Holocrons sind verschwunden. Aber in einem von ihnen steckt möglicherweise eine Lösung. Das hoffe ich jedenfalls. Sonst wissen wir wirklich nicht mehr weiter."
Eine Tatsache, über die Ken nicht nachzudenken versuchte. Er öffnete die Tasche, die er am Gürtel trug, und präsentierte Nalen und Meister Bakarn einen Würfel, so groß wie seine Hand. Auf jeder Seite leuchteten fünf Symbole in einem weißgrünen Licht. „Das ist Nummer eins. Das Noetikon des Wissens."
„Ihr habt es also gefunden seit Eurer letzten Nachricht." Meister Bakarn sah erfreut und erleichtert aus. „Was habt Ihr erfahren?"
„Dass die Meister, die darin das Wissen bewahren, uns nicht helfen können. Sie haben nur ein paar Annahmen, die sie überprüfen müssen, und dazu brauchen wir Nummer zwei, das Noetikon des Lichts." Ken verzog ein wenig das Gesicht. „Bei unserem Glück müssen wir am Ende auch das dritte finden, um weiterzukommen."
Nalen betrachtete den Würfel mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen. „Das ist also auch so ein Ding, das die Lehren und den Geist eines alten Jedi am Leben erhält?"
„Von drei Meistern, um es genau zu sagen", erklärte Ken. Er konnte Nalens Unbehagen nur zu gut nachvollziehen. „Drei virtuelle Bibliothekare, die das alte Wissen für jeden durchsuchen, der das Noetikon aktiviert."
„Warum könnt ihr Jedi nicht einfach Datenbanken anlegen wie alle anderen auch? Das wäre weitaus ungefährlicher."
„Es ist das Wissen selbst, das gefährlich sein kann, nicht die Form, in der man es abspeichert", betonte Meister Bakarn.
Ken nickte. „Die drei hier pflegen zwar ein paar wissenschaftliche Streitereien untereinander, sind aber keine Gefahr für den, der zuhört."
„Wenn Ihr das sagt … dann suchen wir jetzt also das zweite."
„Wir wissen sogar recht genau, wo es zu finden sein müsste." Ken rief das Ebenenraster auf und wies auf einen kleinen, rot markierten Punkt. „Kantina „Zur Stummen Sonne". Aber da ist kein Rankommen. Die liegt mitten im Gebiet des Bandenkriegs. Diese sogenannte „Schwarze Sonne" – keine Ahnung, wie die zu ihrem Namen gekommen sind – ist eine verdammt zahlreiche Organisation. Und trotzdem wissen sie sehr genau, wer dazugehört und wer nicht. Sie kontrollieren diesen gesamten Sektor. Wir haben's versucht, hatten aber bisher keine Chance, ungesehen an ihren Wachposten vorbeizukommen. Aber mit Eurer Hilfe sollte das einfacher sein."
Nalen blickte Ken fragend an, doch schon einen Augenblick später schien ihm klar zu werden, worauf er anspielte. „Bei mir selbst funktioniert es, aber ich bin nicht sicher, ob bei anderen auch."
„Wovon sprecht ihr?" unterbrach ihn Qyzen misstrauisch. „Was soll der Trickser dabei tun?"
„Sie austricksen. Wie er's bei dir gemacht hat." Ken grinste ihn an. Die Idee war ihm gestern Abend durch den Kopf geschossen. „Du weißt ja, wenn ich versuche, uns beide vor ihren Blicken zu verbergen, dann fliegt das Minuten später wieder auf. Ich bin einfach noch nicht soweit! Aber er kann sich oder vielleicht auch uns so aussehen lassen, als wären wir Leute, die sie kennen."
„Ist das dein Ernst?" Qyzen sah wenig erfreut aus. „Der alte Jedi sagt, dass er nicht lernen will, seine Macht richtig zu beherrschen. Und du willst, dass wir uns auf seine Fähigkeiten verlassen? Wir sind tot beim ersten Schritt in ihr Jagdgebiet!"
„Er hat dich getäuscht, obwohl du Yuon gut kanntest. Du hast nichts gemerkt. Warum soll es hier nicht auch funktionieren?"
„Kann sein. Kann nicht sein. Aber mit mir stellt er nichts an!"
„Bis ich das mit der Tarnung richtig raushabe, können noch Wochen vergehen, Qyzen! Soviel Zeit haben wir vielleicht nicht!" Ken seufzte leise. „Erstmal müssen wir herausfinden, ob es überhaupt so geht, wie ich mir das vorstelle. Und ob Ihr es tun wollt und könnt." Ken blickte Nalen ernst an. „Es ist ein ziemliches Risiko. Den Leuten von dieser „Schwarzen Sonne" ist ein Leben nicht sehr viel wert. Wenn wir auffliegen, wird es sehr ungemütlich."
„Ich bin noch nie einem Kampf ausgewichen, der es mir wert war", antwortete der Twi'lek ohne zu zögern. In seiner Haltung lag plötzlich wieder Sicherheit und Stolz.
„Senatsplatz", ertönte eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher des Automatentaxis. Das Fahrzeug scherte aus seiner Schlange aus, ging in den Sinkflug über und landete auf einer überdachten Plattform inmitten des Häusermeers. Ken und seine Begleiter hatten es kaum verlassen, als hinter ihnen jemand rief:
„Meister Bakarn!"
Ein älterer Mann in eleganter Robe war gerade aus einem weiteren Taxi gestiegen und hob grüßend die Rechte. „Gut, dass ich Euch hier treffe. Habt Ihr Zeit für ein Wort auf dem Weg zu unserer Versammlung?"
„Für Euch immer." Meister Bakarn lächelte ihm zu und wandte sich an seine Begleiter: „Wir bleiben in Verbindung. Ich besuche Yuon, so bald ich kann. Viel Glück. Und gebt auf Euch acht. Ihr alle."
Während der Jedi-Meister und sein Bekannter hinter ihnen zurückblieben, strebten Ken, Qyzen und Nalen dem Ausgang entgegen. Als sie ins Licht hinaustraten, stockten plötzlich Nalens Schritte. Ken dachte zuerst, es läge an den vielen Passanten, die über den Vorplatz des Senatsgebäudes eilten und flanierten, angeregt diskutierten oder laut aufeinander einredeten. Dazwischen tauchten immer wieder glänzende Protokolldroiden und ihre kleineren Brüder auf Rädern auf. Ken hatte anfangs etwas Zeit gebraucht, um sich wieder an solch ein Getümmel zu gewöhnen. Aber Nalen starrte nicht auf die Menschen und anderen Wesenheiten, sondern auf das Senatsgebäude.
Coruscant war das Zentrum der Republik. Jeder bewohnte Planet hatte einen Repräsentanten im Senat und alle wichtigen Entscheidungen über ihre Zukunft wurden hier getroffen. Dieser Bedeutsamkeit angemessen hatte man natürlich ein monumentales Senatsgebäude errichtet. Selbst für Ken, der schon einige Planeten besucht hatte, war es ein ziemlich imposantes Bauwerk. In Nalens Augen mochte es noch weitaus beeindruckender aussehen.
Oder auch nicht.
Nalens erstes Erstaunen verschwand rasch. Eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn. Sein Blick glitt über die Besucher und Senatsangehörigen, die auf dem großen Vorplatz ihren Zielen zustrebten. Mit jedem Schritt auf das riesige Eingangsportal zu wurde seine Miene finsterer.
„Was ist los?" fragte Ken leise.
Nalens Kopf fuhr zu ihm herum. „Das müsst Ihr noch fragen? Sehr Euch doch um! Seht sie Euch an! Sie stolzieren herum und reden über irgendwelche nichtigen Dinge, während meine Leute um ihr Überleben kämpfen! Die Leute hier auf Coruscant haben damals über unsere Zukunft entschieden! Dabei haben sie mehr Ressourcen, als sie jemals brauchen! Allein dieses übertriebene Bauwerk! Mit den Credits, die das gekostet hat, könnte man einen ganzen Kontinent versorgen! Für den Senat wäre es doch ein Leichtes, ein paar Soldaten, Waffen und Kampfdroiden zu unserer Unterstützung zu schicken! Aber sie tun es nicht, diese ignoranten Feiglinge!"
Ken begegnete ein weiteres Mal dem stechenden Blick aus Nalens hellen Augen, den er inzwischen nur allzu gut kannte. Ein paar Passanten wandten ihnen schon neugierig die Köpfe zu.
„Sprecht leiser", bat Ken. „Oder wollt Ihr das mit dem ganzen Senatsplatz diskutieren?" Mit gedämpfter Stimme fuhr er selber fort: „Die Frage ist: Warum sollten sie Euren Leuten helfen? Ihr seid nur ein Dorf mit ein paar hundert Twi'lek, von denen die Republik sich nichts verspricht. Soweit ich weiß, gibt es auf Tython nicht einmal nennenswert Bodenschätze. In der jetzigen Situation bringt ihr der Republik keinen besonderen Nutzen. Und ihr seid immer noch illegale Siedler, habt damit gegen das Gesetz verstoßen. Warum also sollten Soldaten der Republik ihre Heimat und ihre Familien verlassen und gegen die Fleischräuber kämpfen, wenn sie mit ihren eigenen Kriminellen genug zu tun haben?"
Ken wusste, dass seine Worte hart und schonungslos klangen, er sah es auch an Nalens Gesichtsausdruck. Er setzte noch hinzu: „Würden Eure Leute denn hierher kommen und sich in den unteren Ebenen Coruscants in den Kopf schießen lassen, weil der Senat es nicht schafft, den Untergrundbanden selber Herr zu werden?"
„Diese Frage stellt sich hier nicht." Unter Nalens grimmigem Blick kam Ken sich fast selbst wie ein kleinlicher Senatsangestellter vor, der seinen „Abgelehnt"-Stempel gelangweilt auf Unmengen von Anträgen drückte, ohne sie vorher überhaupt gelesen zu haben. „Ich dachte, Ihr wolltet uns unterstützen, Jedi? Und jetzt redet Ihr so!"
Ken hob eine Augenbraue. „Ich versuche, Euch begreiflich zu machen, wie eine Entscheidung hier im Senat funktioniert. So ungerecht das für Euer Dorf auch sein mag."
„Die Art Eurer Republik, Entscheidungen zu treffen, kenne ich zu Genüge!"
„Aber Ihr versteht sie nicht. Und das ist aus Eurer Sicht völlig verständlich. Aber die Mitglieder des Senats müssen strategisch und raumpolitisch entscheiden, zum Besten ihrer Planeten und der Republik."
Nalens Gesichtsausdruck blieb abweisend. „Ich verstehe eines nur zu genau: Dass meine Leute zu wenige und zu unbedeutend sind, als dass irgendwer in diesem Protzbau auch nur einen Gedanken an uns verschwenden würde. Diese Leute sind viel zu sehr mit sich selbst und ihrer … Galaxispolitik beschäftigt." Er blickte auf das Senatsgebäude und schüttelte den Kopf. „Wir wollten nichts anderes als einen Platz, an dem wir unserem Glauben folgen und unser Leben leben können. Aber immer wieder wurden wir abgewiesen. Selbst auf einem Planeten, auf dem außer euch Jedi niemand siedeln will, sind wir unerwünscht. Wahrscheinlich haben sie nur aus einem einzigen Grund niemanden geschickt, um uns von dort zu vertreiben – weil die Fleischräuber es genauso gut erledigen!"
Die Erbitterung, mit der Nalen sprach, saß tief, das spürte Ken. Er hätte ihm gern etwas Positiveres über die Senatspolitik gesagt, aber so war sie nun einmal. Nutzen wurde um Nutzen, Risiko gegen Risiko abgewogen. Er hatte im Laufe seiner Lehrzeit gelernt, das zu akzeptieren, obwohl ihm vieles daran nicht gefiel. Aber Nalens Dorf war ein Opfer dieser kalkulierten Berechnung geworden. Kein Wunder, dass er das Bauwerk anschaute, als würde er es am liebsten in die Luft jagen.
„Wir müssen mit dieser Denkweise zurechtkommen, wenn wir versuchen, einen Weg für euch zu finden", sagte er. „Fragt mich nicht, wo es leichter sein wird – beim Rat der Jedi oder im Senat."
Ein leises Grollen drang aus Qyzens Kehle. Bisher hatte der Trandoshaner den Wortwechsel seiner Begleiter geduldig über sich ergehen lassen, doch jetzt hatte er genug. „Wir sind wegen Yuon hier, kleiner Jäger. Nicht wegen ihm! Vergiss das nicht!"
Der Vorwurf in seinen barschen Worten traf Ken. Qyzen hatte recht. Er beschäftigte sich schon viel zu sehr mit dem Fall Kalikori, obwohl die Suche nach dem zweiten Noetikon doch seine volle Aufmerksamkeit verlangte.
„Und du …", Qyzen fasste den Twi'lek ins Auge, der ihn kalt anblickte. „Seit dem Morgen sprichst du ständig von deinem Dorf! Warum bist du wirklich hier? Um uns zu helfen oder euch?"
Die beiden starrten sich an, bis Ken die Spannung zwischen ihnen fast greifen konnte. Schließlich hob Nalen eine Augenbraue. „Was wollt Ihr hören, Trandoshaner? Dass ich vorhabe, den Senat einstürzen zu lassen? Oder ein paar Leute als Geiseln nehmen will, um uns Gehör zu verschaffen?" Der Sarkasmus in seinen Worten war unüberhörbar.
„Traue dir beides zu!" knurrte Qyzen.
Nalen gab ein verächtliches Geräusch von sich. „Wenn es etwas bringen würde, würde ich das vielleicht sogar in Betracht ziehen."
Ken schob sich zwischen die beiden und unterbrach ihren Blickkontakt. „Wir konzentrieren uns jetzt auf das, was ansteht. Erst Yuon, dann Kalikori. Sonst kommen wir bei keinem von beidem zu einem Ergebnis."
Qyzen nickte, zufrieden mit Kens Worten.
„Ihr solltet vorsichtiger sein mit dem, was Ihr hier sagt, Nalen. Bei dem Verdacht auf einen Anschlag sind die Sicherheitsleute sehr hellhörig."
„Sie werden wohl Grund dazu haben."
Nalen wandte sich brüsk ab und ließ sich etwas zurückfallen. Er folgte Ken und Qyzen stumm, als sie auf das Eingangstor zuschritten. Als Ken sich noch einmal zu ihm umwandte, sah er immer noch den finsteren Blick in seinen Augen und den harten Zug um seinen Mund.
„Habe kein gutes Gefühl, kleiner Jäger", murmelte Qyzen.
„Ich auch nicht", seufzte Ken.
Die Räume der Ärzte und Meisterin Yuons Quartier befanden sich in einem hinteren Teil des Senatsgebäudes. Ken führte seine Begleiter durch eine Anzahl von Gängen, eine Treppe hinauf und durch eine weite Halle, an deren gewölbter Decke ein holographisches Abbild der Galaxie prangte. Die drei Männer waren die einzigen, die gerade in diesen Gebäudekomplex hineingingen. Alle anderen Wesenheiten, die aus den Gängen kamen, gingen ihnen auf dem Hauptgang entgegen und folgten ihm hinaus, auf den großen Ratssaal zu. Die Versammlung, zu der Meister Bakarn geladen worden war, schien gut besucht zu werden.
„Das hier ist der Verwaltungsbereich", erklärte Ken über die Schulter zu Nalen, der wieder etwas zu ihnen aufgeschlossen hatte und die schwebenden Hologramme altgedienter Senatsabgeordneter musterte, an denen sie vorüberkamen. „Hier wird alles Mögliche geregelt, was in den einzelnen Planetenregionen so anfällt. Jede Region hat einen ganzen Gebäudetrakt für sich allein. Der hier gehört den Kernwelten, wozu auch Coruscant zählt." Ken deutete in einen breiten Gang hinein, in dem einige Senatsmitarbeiter geschäftig diskutierten. Türen öffneten und schlossen sich, zwei glänzende Protokolldroiden staksten vorüber.
Dagegen war es hier bei ihnen, wo auch einer der Verwaltungsgänge abzweigte, ziemlich ruhig. Nur ein einzelner Ithorianer bewegte sich mit wiegendem Schritt auf die Halle zu.
„Wozu gehört Tython?" wollte Nalen wissen. Seine Miene war unergründlich, aber sein Tonfall klang neutral.
„Region Tiefkern." Ken war froh, dass der Twi'lek sich anscheinend wieder gefangen hatte. Als er sich zu der Tafel umdrehte, die in der Mitte der Halle die Richtung zu den Gängen der einzelnen Planetenregionen wies, summte sein Kom-Gerät in einer ganz bestimmten Tonfolge: Finn, Yuons Arzt.
Ken sah Qyzen an, der eilig einen Schritt nähertrat. Die gleiche Besorgnis, die Ken erfasste, lag auch in seinem Blick. Was war los? Finn hatte sich bisher immer nur dann in Direktverbindung gemeldet, wenn es Probleme mit Meisterin Yuon gab. Hoffentlich war ihr Zustand nicht schlimmer geworden!
Rasch öffnete Ken sein Futteral und aktivierte das Gerät. Im bläulichen welligen Hololicht erschien die schlanke Gestalt von Meisterin Yuons Arzt. Selbst in der Übertragung sah Ken, dass er sehr beunruhigt wirkte.
„Was ist passiert?"
„Es tut mir leid, Euch das mitteilen zu müssen, aber der Zustand Eurer Meisterin hat sich rapide verschlechtert", antwortete Finn. Auf seinem jugendlichen Gesicht mit den drei Tätowierungen lag ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Frustration. „Sie erkennt uns überhaupt nicht mehr und wird zunehmend aggressiv. Eben erst ist sie auf ihre Pflegerin losgegangen! Wir konnten sie gerade noch davon abhalten, ihr ernstlich wehzutun." Der Arzt seufzte und schüttelte den Kopf. „Kommt bitte vorbei, so bald Ihr könnt! Wenn Ihr es auch nicht mehr schafft, zu ihr durchzudringen, dann kann ich ihr nur noch ein Dauersedativum geben, bevor sie für sich und andere zur Gefahr wird!"
Ken biss sich auf die Unterlippe und tauschte einen Blick mit Qyzen. So schlimm war es inzwischen? Wie eine dunkle, schwere Decke legte sich die Befürchtung über ihn, dass er und Qyzen es nicht schaffen könnten. Dass sie zu langsam waren mit ihrer Suche. Dass Yuons Geist so weit abdriften würde, dass Hilfe nicht mehr möglich war. Er schloss kurz die Augen und holte tief Luft.
„Wir kommen", sagte er mit rauer Stimme, den Blick wieder fest auf Finns Gesicht gerichtet. „Wir sind gerade im Senatsgebäude und auf dem Weg zu euch."
„Gut." Finn klang etwas erleichtert. „Was macht Eure Suche nach dem zweiten Noetikon?"
„Es gibt nichts Neues. Aber wir haben Unterstützung bekommen, das wird uns sicher helfen."
„Das hoffe ich." Die Besorgnis in Finns Miene gab Ken einen Stich. Er schaltete das Kom-Gerät ab, als die Projektion zu verblassen begann, und sah zu Qyzen auf. Der Trandoshaner starrte noch immer auf das Hologerät.
„Ich hatte sie gewarnt", sagte er, und es lag Trauer in seiner Stimme. „Sie hätte viel früher Hilfe suchen müssen. Aber Yuon wollte stark sein und nicht akzeptieren, dass sie krank war. Sture alte Weichhaut!"
„Meisterin Yuon ist eine Jedi. Sie wird kämpfen, bis wir einen Weg gefunden haben, um ihr zu helfen! Sie kann gar nicht anders!" Ken wollte zuversichtlich sein, aber die Sorge wollte nicht weichen. „Lasst uns gehen. Vielleicht können wir ja …"
Ken verstummte, als er sich zu Nalen umdrehte.
Der Twi'lek war verschwunden.
Der Gang zum Platz hin war leer. Der Gang weiter in den Verwaltungskomplex hinein ebenfalls. Selbst der Ithorianer, der ihnen vorhin noch entgegenkam, schien während ihres Gesprächs mit Finn einen anderen Gang oder ein Zimmer betreten zu haben.
„Hast du gesehen, wohin Nalen gegangen ist?" fragte Ken mit gerunzelter Stirn. Das ungute Gefühl, mit dem er das Senatsgebäude nach Nalens Worten betreten hatte, wuchs mit jeder Sekunde.
„Habe wegen dem, was der Heiler sagte, nicht auf ihn geachtet", gestand Qyzen und ließ ein wütendes Fauchen hören. „Das passiert kein zweites Mal! Er kann nicht weit weg sein."
Ken bat Qyzen, auf dem Platz nachzuschauen, und folgte selbst dem Gang mit ein paar raschen Schritten bis zur nächsten Abzweigung. Ein Blick nach links und rechts – immer noch Leere.
Kopfschüttelnd griff Ken nach seinem Kom-Gerät, um den Twi'lek auf dem einfachsten und schnellsten Wege zu kontaktieren. Doch bevor er Nalens Kennung anwählte, fiel sein Blick auf ein Schild, das auswies, wer hinter der nächsten Tür sein Büro hatte:
Morran Teléss, Senatsverwalter
Zuständigkeitsgebiet: Tython
Ken hielt den Atem an. Er sah Nalens Gesicht vor sich, vorhin auf dem Platz. Seine brennenden hellen Augen, die immer dann diesen gefährlichen Ausdruck annahmen, wenn irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Nalens bissige Worte zu Qyzen: ‚Ein paar Leute als Geiseln nehmen, um uns Gehör zu verschaffen? Wenn es etwas bringen würde, würde ich das vielleicht sogar in Betracht ziehen.' Seine unübersehbare Wut auf all jene, die Kalikori seiner Meinung nach im Stich gelassen hatten.
Und hinter dieser Tür saß derjenige, der hier auf Coruscant die Entscheidung gefällt hatte!
‚Er wird doch nicht …' Alles in Ken sträubte sich gegen diesen Gedanken. Gleichzeitig wusste er, dass man Nalens Gemütszustand noch lange nicht als gefestigt bezeichnen konnte. Wenn der Twi'lek dem Verwalter in einem Anfall von Rachsucht etwas antat, dann lag das auch in Kens Verantwortung! Selbst ohne Waffe reichten Nalens Fähigkeiten in der Macht dafür völlig aus.
Ken klappte sein Kom-Gerät mit einer heftigen Handbewegung zu und konzentrierte sich. Ja, da war sie – er spürte Nalens Präsenz hinter der Tür, und noch ganz schwach jemand anderen, der nicht zu den Machtnutzern zählte. In Nalens Machtaura zitterte mühsam unterdrückte Wut.
‚Und ich dachte wirklich, wir könnten zusammenarbeiten! Ich bin so ein Idiot!'
Der Verdacht, so kurz nach ihrer Übereinkunft hintergangen worden zu sein, hinterließ ein scheußliches Gefühl in Ken. Seine Hand fand wie von selbst den Weg zum Lichtschwert an seinem Gürtel. Er trat neben die verschlossene Tür und hörte in seinem Rücken Qyzens Schritte, die eilig näherkamen. Der Trandoshaner runzelte die Stirn, als er Kens Hand an der Waffe liegen sah. Er griff nach der seinen, ohne überhaupt zu fragen.
Ken deutete auf das Schild neben der Tür. „Er ist mit dem Verwalter hier drin!" flüsterte er.
Qyzen kommentierte das mit einem grimmigen Zähneblecken. „Er ist und bleibt ein Trickser."
Sie postierten sich neben der Tür. Ken betätigte den Sensor. Im selben Moment fuhr die Tür mit einem leisen Zischen auseinander.
