Drei neue Gesichter
Ken beobachtete neugierig, wie der Twi'lek Finns Gestalt annahm. Es geschah eigentlich nicht mehr dabei, als dass Nalen die Augen schloss und ein paar Sekunden so verharrte. Dann stand an seiner Stelle plötzlich der Mirialaner im Raum, vom dunklen Haarschopf über die Tätowierungen im grünen Gesicht bis hinunter zu den leichten hellen Schuhen, die er zu seiner Dienstkleidung trug.
„Ich verwandle mich nicht wirklich in jemand anderen", erklärte Nalen mit Finns angenehmer ruhiger Stimme. „Es ist nur ein Bild dessen, was ihr sehen wollt und sollt, wenn ihr mich anschaut."
„Was ist, wenn jemand Euch anrempelt – sind Eure Lekku noch da?" wollte Ken wissen.
„Ich sagte es doch gerade – es ist nur ein falsches Abbild. Ich bin noch da, samt Kleidung und allem anderen."
„Dann sollten wir aufpassen, wenn wir in eine Kneipenschlägerei geraten oder unsere Waffen benutzen müssen … Bereit für einen Test?"
Sie verließen Finns Büro und gingen zurück zum Behandlungsraum.
Finn staunte nicht schlecht, als er ihnen öffnete und ihm plötzlich sein Ebenbild gegenüberstand. „Kommt bloß rein, bevor das jemand sieht!" Er schloss schnell die Tür hinter ihnen, ließ sich aufklären und ging dann fasziniert um seinen „Zwilling" herum. „Nicht zu fassen … sieht wirklich echt aus. Sogar die Tätowierungen stimmen. Sprecht Ihr jetzt eigentlich auch wie ich?"
„So, wie Ihr Eure Stimme in Erinnerung habt."
„Stimmt. Ihr seht aus wie ich, Ihr klingt wie ich … jetzt seid mal ich!" Finn nahm ein Datenpad von seinem Tisch und drückte es Nalen grinsend in die Hand. „Meine Assistentin Pharen ist zwei Türen weiter rechts. Gebt ihr das bitte, sie soll die Medikamentenliste durchgehen. Alles Wichtige steht dabei. Ach ja, und sagt ihr, dass Ihr sie heute Mittag zum Essen in die Cantina einladet."
Nalen zog etwas befremdet die Augenbrauen zusammen. Ken fragte sich, ob er das wohl mit sich machen lassen würde – Botengänge für einen Jedi erledigen? Wo er doch sonst recht wenig von ihnen hielt?
Aber Nalen ging tatsächlich darauf ein. Es lag allerdings etwas in seinem Blick, das Ken vermuten ließ, er hätte so seine Hintergedanken dabei. „Pharen zum Essen einladen", wiederholte er und wechselte in Finns amüsierten Tonfall: „Traut Ihr Euch das nicht selbst?"
Finn lachte. „Sagt's ihr einfach."
Nalen hob die Schultern und verließ den Raum. Aber Ken sah im Umdrehen, dass ein hintergründiges Lächeln auf seinen Lippen lag. Oha … ob das so ausgehen würde, wie Finn sich das vorstellte?
Qyzen hatte es offenbar auch bemerkt. Er ließ sein leises, fauchendes Lachen hören. „Seid vorsichtig, Heiler. Der Kerl da ist ein Trickser."
Aber Finn winkte ab. „Dabei kann nicht viel schiefgehen. Pharen und ich machen das öfter. Und ihr wolltet doch einen Test – oder etwa nicht?"
Keine fünf Minuten später kam Nalen ohne Datenpad wieder zurück. Er sah aus, als wäre er ganz zufrieden mit sich. „Eure Assistentin bedankt sich für Eure Einladung. Wir haben allerdings gemeinschaftlich ein Abendessen daraus gemacht."
Finns Augen wurden immer größer. „Ihr beide habt was …?"
„Ihr sollt sie nach Dienstschluss abholen", fuhr Nalen gelassen fort. „Und sie lässt fragen, warum es denn so lange gedauert hat, bis Ihr endlich mal mit ihr ausgeht."
Ken wusste nicht, ob er lachen oder sich lieber auf die Zunge beißen sollte. Noch konnte er sich beherrschen.
„Hab Euch gewarnt, Heiler", sagte Qyzen mit einem Unterton von Schadenfreude.
„Ist das Euer Ernst?" Kopfschüttelnd musterte Finn seinen „Zwilling", schwankend zwischen Unglaube und Verärgerung.
„Warum sollte ich ablehnen, als sie es vorschlug? Sie scheint doch sehr nett zu sein." Nalen sah so ehrlich verwundert dabei aus, dass Ken ihm das wahrscheinlich geglaubt hätte – hätte er nicht vorhin dieses Lächeln gesehen.
Finn rieb sich seufzend die Stirn. „Das habe ich nun davon ... Und was habt Ihr darauf geantwortet?"
„Dass ich ihr das heute Abend erklären werde", erwiderte Nalen und setzte mit einem lauernden Unterton hinzu: „Habt Ihr sonst noch irgendwelche Aufträge für mich?"
Finn hob abwehrend die Hände. „Lieber nicht. Reicht schon, dass ich Pharen das jetzt wieder ausreden muss … He, wenn Ihr geht, dann lasst ‚mich' bitte hier, in Ordnung? Sonst kriege ich Ärger, weil ich meinen Dienst schwänze. Oder Ihr stellt noch sonst was mit ‚mir' an."
Nalen schloss kurz die Lider, dann stand wieder der Twi'lek vor ihnen, ein belustigtes Funkeln in den hellen Augen. „Keine Sorge, Jedi. Sie lässt sich zum Mittagessen von Euch einladen. Mehr habe ich nicht gefragt."
„Das meinte ich", erklärte Qyzen seelenruhig. „Er hat Euch auch reingelegt, nicht nur die kleine Heilerin."
Ken und Finn blickten sich an und fingen dann gleichzeitig an zu lachen. Nalen beließ es bei einem Heben der Augenbrauen. Er genoss es sichtlich, das Spiel, das Finn ihm auferlegt hatte, auf seine Weise gespielt zu haben. Die Gelegenheit, einen oder zwei Jedi hinters Licht zu führen, hatte er sich wohl nicht entgehen lassen können.
„Ich glaube, Ihr habt Talent für so etwas", sagte Finn mit einem breiten Grinsen. „Dann muss ich mir ja ein paar Sorgen weniger um euch drei machen, wenn ihr in den unteren Ebenen unterwegs seid. Kommt in einem Stück wieder!"
Noch immer ein wenig in sich hineingrinsend, verließ Ken mit seinen beiden Mitstreitern die Krankenstation. Das eben Erlebte war ihm und mit Sicherheit auch Nalen eine willkommene Ablenkung von unliebsamen Gedanken. Nach einem Besuch in der Senats-Cantina – eine interessante Auswahl an Speisen aus allen Ecken der Galaxis gab es hier, sogar alderaanischen Rotfeuerfisch, den Ken schon eine Ewigkeit nicht mehr auf dem Teller gehabt hatte – nahmen die drei sich ein Automatentaxi und ließen sich Richtung Markt chauffieren. Ken wollte ausprobieren, wie lange Nalens Sinnestäuschung, bei mehreren Leuten gleichzeitig angewandt, anhielt, bevor sie sich damit unter die Kriminellen mischten. Und außerdem galt es, einen Waffenhändler aufzusuchen, um ihre Ausrüstung zu vervollständigen. Schließlich konnten sie in ihrer Tarnidentität später nicht irgendwelche Schwerter zücken, wenn ihre „Kollegen" Blaster oder Blendgranaten hervorzogen. Das würde dann doch zu sehr auffallen.
Auch Qyzen ließ sich schließlich widerwillig auf Nalens spezielle Verwandlungskünste ein. „Nur wegen Yuon mache ich das mit", knurrte er. „Kann dich ja nicht mit dem Trickser allein gehen lassen. Wer haut euch denn sonst raus, wenn das schiefgeht?"
Hätte Qyzen sich auch ohne Nalens Eingreifen bei Meisterin Yuons Gewaltausbruch auf dessen Fähigkeiten eingelassen? Ken war sich nicht sicher. Sicher aber war, dass der Twi'lek sehr wohl erkannte, wann jemand bereit war, ihm eine Chance zu geben. Auch wenn das zu einem Großteil der Notwendigkeit geschuldet war.
„Ich denke, Yuon Par wird wissen, was sie Euch wert ist."
Auf Nalens offensichtlich ernst gemeinte Worte antwortete Qyzen mit einem prüfenden Blick und einer ruhigen Erklärung: „Sie ist eine Freundin. Mein Leben ist ihres. Ohne sie stünde ich heute nicht hier."
Nalen nickte, sicher in Erinnerung an das, was Ken ihm erzählt hatte. „Schätze, wir beide haben doch etwas gemeinsam, Trandoshaner. Unser beider Leben hängt an einem Jedi."
Qyzen legte den Kopf schräg. „Wenn man es so betrachtet, hat der Kerl tatsächlich recht", sagte er mit einem Seitenblick zu Ken. Sein Echsenmaul öffnete sich zu einem freundlichen Zähnefletschen. „Was müsst ihr Jedi euch auch immerzu einmischen?"
„Berufsgewohnheit", gab Ken mit einem Schulterzucken zur Antwort. Ihm gefielen diese kleinen Wortgeplänkel immer mehr. Humor war das letzte gewesen, das er bei Nalen – und anfangs auch bei Qyzen - vermutet hatte, aber er machte die Zusammenarbeit entschieden angenehmer. Zumal er unter den Jedi, mit denen Ken sonst zu tun hatte, eher selten zu finden war. Meister Joren und Finn waren einige der wenigen rühmlichen Ausnahmen.
Meister Joren … wo der wohl gerade steckte?
Ken wusste nur, dass er schon seit Wochen irgendwo in dieser Galaxis mit einem geheimen Spezialauftrag unterwegs war. Wenn er sich tief in der Meditation befand, dann konnte er die Verbindung zu seinem eigentlichen Meister spüren. Er war sich sicher, dass es ihm gut ging, was immer er auch tat. Aber Ken hätte sich doch ganz gern einmal mit ihm über all das ausgetauscht, was in der Zwischenzeit geschehen war. Auf seine Meinung zu der einen oder anderen Geschichte war er schon mehr als gespannt.
„Mit was für einem Gesicht muss ich denn jetzt herumlaufen?" wollte Qyzen wissen.
„Es waren größtenteils Menschen in dieser Organisation", erinnerte sich Ken an ihre Beobachtungen. Er blickte Nalen auffordernd an. „Drei langweilige Allerweltsgesichter wären für den Anfang genau das richtige."
Ein paar Minuten später stiegen drei langweilige Allerweltstypen am Rande des Marktes aus einem Automatentaxi und steuerten einen Waffenhändler an, den Qyzen von früheren Besuchen kannte. Nicht unbedingt billig, aber mit Waffen, auf die man sich verlassen konnte.
Nach der Begutachtung der Auslagen und einer kurzen Diskussion um die Preise winkte Nalen Ken jedoch beiseite. „Wird wohl nichts aus unserem Training", sagte er leise, mit verhaltenem Ärger und Bedauern in der Stimme. „Das Zeug ist zu teuer für mich. Den Blaster und die Unterkunft hier, das kriege ich hin, aber eine neue Vibro-Klinge kann ich nicht bezahlen. Kennt Ihr noch einen anderen Händler ohne solche Wucherpreise?"
Ken schüttelte im Stillen den Kopf über sich selbst. Dass er nicht vorher daran gedacht hatte! Meisterin Yuon sagte doch bei seiner Ankunft, dass die Twi'lek-Siedler nicht gerade gut bei Kasse waren. Meister Bakarn hätte es wenigstens erwirken können, dass Nalen seine Waffe hier auf Coruscant von ihm zurückbekam, falls Ken seiner Begleitung zustimmte. Ken erinnerte sich, dass Allia, die junge Twi'lek, die Nalen zur Schmiede begleitet hatte, seine Klinge nach dem Kampf an sich nahm. Es hatte wohl keiner im Tempel außer ihm davon gewusst oder daran gedacht, sich mit den Einwohnern von Kalikori deswegen in Verbindung zu setzen. Nun ja, wen wunderte das … Aber Ken konnte auch nachvollziehen, dass die Jedi Nalen nichts aus ihrer eigenen Waffenkammer spendieren wollten. Was ihn aber nicht daran hindern würde, es auf Umwegen jetzt trotzdem zu tun.
„Das lässt sich regeln. Die Waffen übernehme ich und …"
„Das kann ich nicht annehmen!" widersprach Nalen entschieden und trat einen Schritt zurück.
„Doch, könnt Ihr. Lasst mich erstmal ausreden. Ich will, dass wir alle drei heil aus dieser Sache wieder rauskommen, dafür brauchen wir eine vernünftige Ausrüstung. Ihr sagtet mir, Ihr seid mit dem Schwert besser als mit dem Blaster – also brauchen wir eins. Außerdem ist das hier ein offizieller Auftrag des Jedi-Tempels. Und Ihr steckt jetzt mit drin. Der Tempel zahlt meine und Qyzens Auslagen – ergo zahlt er jetzt auch Eure. Unterkunft, Verpflegung, Waffen – alles, was wir brauchen. Und bevor Ihr mir jetzt gleich sagt, dass Ihr von den Jedi auf Tython nichts geschenkt haben wollt – seht es einfach als einen Teil der Unterstützung, die sie Euch und Euren Leuten schon längst hätten gewähren sollen."
Nalen blickte Ken mit gerunzelter Stirn an. „Dann stehe ich jetzt also im Dienst von euch Robenträgern? Ich hoffe, Ihr meint das nicht ernst."
Ken lächelte unschuldig. „Ich muss meine Ausgaben ja irgendwie vor unserem Kassenwart rechtfertigen."
Das Misstrauen verschwand aus Nalens Blick, als er verstand. „Ihr habt wohl für alles ein passendes Argument?"
„Der Junge wird mal Diplomat, der kann gar nicht anders." Qyzen schaute mit begehrlicher Miene zu einem der Waffenregale hinüber. „He, wenn ich jetzt auch so ein Offizieller bin, dann will ich die Tech-Klinge da drüben noch mal sehen!"
„Jetzt nicht übermütig werden, Qyzen!" Ken lachte leise, als er sich Meister Vorix' Gesichtsausdruck vorstellte, wenn er ihm die Rechnung über einen halben Waffenschrank präsentierte. „Wenn Ihr wollt, dann könnt Ihr die Waffen auch als Leihgabe betrachten, Nalen."
„Das kann ich akzeptieren. Aber sobald ich meine eigenen Waffen wiederhabe, bekommt ihr die hier zurück. Ich will von Eurem Tempel keine Geschenke."
Kurze Zeit später hatten sie neben Nalens neuer Bewaffnung und Blastern für alle auch eine handliche Tech-Klinge für Qyzen erstanden, die er großzügig von seinen eigenen Credits bezahlte. Ken erwarb noch eine Anzahl nützlicher kleiner Kapseln, die Blendgranaten oder ein schwaches Betäubungsgas enthielten, und verteilte sie. Man wusste nie, wozu die mal gut sein konnten. Sie hatten ihm und Meister Joren schon früher aus der Klemme geholfen. Ein Paar Übungsklingen – Ken hatte definitiv vor, die Trainingsrunden mit dem Twi'lek abzuhalten – und Qyzens Stabwaffe, die für ihr Vorhaben zu auffällig und unhandlich war, ließen sie in ihr Gasthaus liefern.
Danach schlenderten die drei langweiligen Allerweltstypen durch die Ladenpassagen, bis Nalen nach insgesamt zwei Stunden feststellte, dass seine Tarnidentitäten sich auflösten. Drei auf einmal waren ungewohnt und auf Dauer auch anstrengend für ihn. Er hatte die Machtstrukturen immer wieder kontrollieren und neu bündeln müssen, um die falschen Abbilder so lange aufrechtzuerhalten. Aber im Gegensatz zu Kens Zehn-Minuten-Tarnung würde das ausreichen, um dem Ziel ihrer Suche näher zu kommen.
Ken mietete das Taxi für den Rest des Tages und ließ Nalen etwas Zeit, um seine Kräfte zu sammeln. Der Twi'lek zog sich in den hinteren Bereich des Wagens zurück und es sah so aus, als würde er, wie Ken es auch gewohnt war, in eine Meditation gehen. Hatte Meister Bakarn ihm das während seiner Behandlung als notwendigste Erholungsübung aufgedrückt oder war das eine von Rajivaris vernünftigeren Lektionen gewesen? Ken registrierte jedenfalls zufrieden, dass er sich damit nicht mehr befassen musste. Stattdessen beugten er und Qyzen sich über die Karten des Gebiets der „Schwarzen Sonne". Sie diskutierten leise die beste Vorgehensweise, um die Organisation zu infiltrieren, bis Kens Kom-Gerät piepste.
„Meister Bakarn", grüßte Ken freundlich, als die Hologestalt des älteren Jedi aufleuchtete. „Ihr habt Glück, dass Ihr uns noch erreicht. Ich wollte bald abschalten."
„Ich will nur ein paar Informationen an Euch weitergeben, Ken'arryn. Heute Morgen habe ich mit Morran Telèss gesprochen, dem Senatsverwalter, der für die Angelegenheiten von Tython verantwortlich ist."
Ken hob die Augenbrauen und drehte sich zur hinteren Sitzbank, um zu sehen, ob Nalen schon wieder zuhören konnte. Der Klang dieses Namens hatte den Twi'lek aus der Meditation gerissen. Er beugte sich vor, eine Mischung aus Aufmerksamkeit und Abneigung gegenüber diesem Verwalter im Blick.
„Ihr seid ihm übrigens heute schon begegnet", fuhr Meister Bakarn fort. „Der ältere Herr, der mich am Taxihalt ansprach. Ich habe euch aber mit Absicht noch nicht vorgestellt. So eine unerwartete Begegnung hätte leicht … in die falsche Richtung losgehen können."
Der Jedi lächelte fein. Ken sah, dass Nalen den dabei auf ihn gerichteten Blick auffing und das Gesicht verzog. „Das war eine weise Entscheidung, Jedi", kommentierte er trocken.
Ken tauschte einen amüsierten Blick mit Qyzen und war sich sicher, dass sie gerade alle drei dasselbe dachten. Nalen sagte nichts von ihrem Kurzbesuch in Morran Teléss' Büro. Auch Ken sah keine Veranlassung, Meister Bakarn davon zu erzählen. „Habt Ihr ihm gesagt, dass wir ihn demnächst aufsuchen werden?" wollte er stattdessen wissen.
Meister Bakarn nickte. „Der Verwalter kennt meine Berichte über die letzten Ereignisse. Er ist etwas ungehalten wegen dieser Geschichte, das will ich euch nicht verschweigen. Allerdings war er heute nicht mehr besonders interessiert, über legale oder illegale Siedlungen zu reden. Er ist jetzt auf dem Weg nach Alderaan. In acht Tagen kommt er zurück, dann könnt ihr Kontakt zu ihm aufnehmen."
„Was will er denn auf Alderaan?" fragte Qyzen. „Ist doch gar nicht sein Fachgebiet."
„Eine Privatangelegenheit. Er macht wohl dort Urlaub."
„Urlaub?!" wiederholte Nalen ungläubig. Ken konnte spüren, wie die Wut wieder in ihm aufflammte. „Der Kerl legt sich an irgendeinem alderaanischen Strand in die Sonne, während wir …" Der Twi'lek unterbrach sich kopfschüttelnd und winkte verächtlich ab. „Vergesst es. Den sehen wir noch früh genug." Ken hatte den Eindruck, dass Morran Teléss gerade noch ein Stück tiefer in Nalens Achtung gesunken war … wenn das überhaupt noch ging. Er selber wollte sich lieber noch kein Urteil erlauben. Er hatte heute schon einmal danebengelegen, das genügte.
„Habt Ihr Eure Anfrage schon an den Tempel geschickt, Ken'arryn?"
„Sie ist auf dem Weg."
„Gut. Mein Antrag auch. Ich habe für morgen Vormittag eine Direktverbindung zu Meisterin Shan und Meister Kaedan angemeldet. Ihr solltet Euch dazuschalten, wenn es Euch möglich ist. Dann machen wir die ganze Sache offiziell."
„Gebt mir die Zeit und den Verbindungscode durch, ich werde da sein", versprach Ken erfreut. Das ging ja schneller voran, als er gedacht hatte. Hoffentlich funkten ihm die örtlichen Kriminellen nicht dazwischen. „Wart Ihr schon bei Meisterin Yuon?"
Meister Bakarns Miene verdüsterte sich. „Ja, ich war eben bei ihr. Ihr hattet recht, es sieht nicht gut aus."
„Seid Ihr wirklich sicher, dass es nur eine Krankheit ist, was sie plagt?" wiederholte Nalen die Frage, die er schon Finn gestellt hatte. „Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Sie ist wie besessen auf Ken'arryn losgegangen. Und dann dieser Satz … die Dunkelheit naht …"
„Ja, bei dem habe ich auch ein ganz mieses Gefühl", murmelte Ken.
„Ich werde sie noch einmal gründlich untersuchen, wenn euch das beruhigt. Aber ich kann nur wiederholen, was ich schon Attros Finn gesagt habe: weder ihr Geist noch ihr Körper ist von irgendetwas beeinflusst. Das hätten wir gespürt."
Ken vertraute Meister Bakarns Fähigkeiten, aber das ungute Gefühl, das Nalens Frage ausgelöst hatte, wollte nicht weichen. Er schob es jedoch in den Hintergrund, als das Taxi in den Landeanflug überging. „Wir sind fast da, Meister Bakarn. Ich gebe Finn immer unsere aktuelle Position durch. So kann er uns notfalls Hilfe schicken."
„Hoffen wir, dass das nicht nötig sein wird. Viel Glück!"
Als das Bild verblasst war, sagte Nalen: „Er versucht wirklich, uns zu helfen." Er klang erstaunt, als hätte er trotz Meister Bakarns Ankündigung seine Zweifel daran gehabt.
Ken nickte. „Er macht uns ein paar Türen auf. Aber durchgehen müssen wir selber."
Die drei parkten ihr Taxi in einer Seitengasse und schlichen sich unentdeckt an den Ort, den Ken und Qyzen für die Aktion ausgewählt hatten – ein leerstehendes Lagerhaus an der Grenze zu dem Bezirk, der von der „Schwarzen Sonne" kontrolliert wurde. Ken spähte durch die halbblinden Fenster des ehemaligen Büroraumes zu den „neuen Tarnidentitäten", auf die sie es abgesehen hatten.
„Die drei dort", flüsterte Ken Nalen zu und deutete auf die bewaffneten Männer, die ein Stück entfernt vor einer Kreuzung Wache hielten. Sie lehnten an der Wand eines Containerhauses, behielten mit eher mäßiger Aufmerksamkeit die Umgebung im Auge und unterhielten sich gelangweilt. Wenn jemand auf der Straße auftauchte, dann warf er ihnen einen raschen Blick zu und machte, dass er weiterkam – in einem möglichst großen Bogen um die drei herum. Nur einmal wurde jemand nach einem kurzen Wortwechsel durchgelassen.
„Die haben wir hier schon öfter am Nachmittag gesehen. Wachposten, die auch in der besagten Cantina ein und aus gehen. Demnächst ist Wachablösung, dann können wir an ihrer Stelle rein. Bleibt hier und nehmt sie so leise wie möglich in Empfang. Ich sorge dafür, dass sie auch kommen." Ken grinste seinen beiden Mitstreitern zu, die sich neben der Tür postierten, nahm vorsichtshalber sein Lichtschwert vom Gürtel und konzentrierte sich darauf, ihm nächsten Moment nicht mehr da zu sein.
Der überraschte Blick, mit dem der Twi'lek auf die Stelle schaute, wo er eigentlich auch jetzt noch stand, zeigte Ken, dass es schon geklappt hatte. Sehr gut. Die Zeit, die er dafür brauchte, wurde immer kürzer. Aber die Zeit, die seine Tarnung anhielt, blieb nach wie vor zu gering. Deshalb huschte Ken sofort aus der Tür und näherte sich raschen, aber leisen Schrittes den drei Männern. Angst verspürte er nicht – das, was er tun wollte, hatte er schon erfolgreich angewandt.
Der erste in der Gruppe war ein richtiger Schlägertyp, mit Glatzkopf und einem kantigen Narbengesicht. Neben ihm lehnte ein kräftiger Kerl mit gelangweilter Miene an der Hauswand, die Daumen lässig in den Pistolengürtel gehakt. Der dritte im Bunde war ein Mittdreißiger mit stechendem Blick, den Ken als den Befehlshaber der Gruppe ausgemacht hatte. Er schlich sich an ihn heran, bis er ihm aus der Unsichtbarkeit heraus in die grauen Augen blicken konnte. ‚Im alten Lagerhaus rechts von euch versteckt sich jemand! Schick einen deiner Männer hin, um nachzusehen!'
Der stumme Befehl aus der Tarnung heraus verlangte größere mentale Anstrengung als ein laut ausgesprochener. Aber er war, fand Ken, in solchen Fällen ungemein praktisch. Ken trat lautlos zurück, während der Anführer blinzelte, den Blick auf das Lagerhaus richtete und dem Schlägertyp den Ellbogen in die Seite stieß.
„He, Brad! In dem Lagerhaus da drüber ist jemand! Will sich hier wohl einschleichen! Zieh ihm eins über und bring ihn her!"
Der Glatzkopf runzelte die Stirn und musterte seinerseits die Häuserfront. Alles sah friedlich aus.
„Na mach schon!" fuhr der Befehlshaber ihn an. „Für's Rumstehen wirst du nicht bezahlt!"
„Ja, ja …" knurrte der Glatzkopf. Er löste eine Art Schlagstock von seinem breiten Gürtel, schlenderte auf das Lagerhaus zu und verschwand im Eingangstor.
Ken beobachtete abwechselnd das Haus und die Umgebung, aber alles schien glatt zu laufen. Aus dem Lagerhaus drang kein Geräusch herüber. Auch der Ausgeschickte ließ sich nicht mehr blicken.
Im Bewusstsein, dass seine Tarnungszeit ablief, trat Ken erneut an die beiden heran und flüsterte wieder in die Gedanken des Anführers hinein: ‚Da stimmt was nicht! Ob ihn jemand geschnappt hat? Nimm deinen Kumpan mit und folge ihm!'
Der misstrauische Blick des Mannes glitt erneut über das Lagerhaus. „Irgendwas ist schief gegangen. Los, komm mit!" befahl er seinem Mitstreiter, der den gelangweilten Blick verlor und, offenbar in Vorfreude auf eine kleine Schießerei, seinen Blaster zog. Dass ihr Posten jetzt unbewacht blieb, schien ihn nicht besonders zu kümmern.
„Wenn man den Kerl einmal was alleine machen lässt …" seufzte er und ging seinem Befehlshaber voran. Ken hängte sich, immer noch unsichtbar, als dritter hintenan.
Die beiden näherten sich langsam dem Lagerhaus, vorsichtiger als der Glatzkopf, sicherten sich nach allen Seiten ab. Ken wurde es mulmig, als er für einen Moment in eine Blastermündung blickte, während der Anführer seine Waffe herumschwenkte. Dann war der Moment vorbei und Ken atmete innerlich auf. Es war gar nicht so einfach, in solchen Augenblicken die Ruhe zu bewahren.
Der Anführer winkte seinen Gefolgsmann, sich auf der anderen Seite des Tores aufzustellen, so dass sie beide Seiten des Eingangs im Blick hatten. Dann erst verschwanden sie einer nach dem anderen im Halbdunkel des Vorraumes, der Anführer als zweiter. Der nächste Raum wurde ebenso vorsichtig durchquert, mit misstrauischen und suchenden Blicken nach allen Seiten.
‚Los, lauft schon!' dachte Ken, allmählich doch ein wenig nervös. Er merkte, wie das Machtgefüge, das er um sich gelegt hatte, zu zerfasern begann. Aber mit der Kraft seines Willens hielt Ken die Auflösung noch ein wenig länger auf. Er hob seine freie Hand und trat leise wieder näher an den Anführer heran. Währenddessen drehte sich sein Kollege in den nächsten Raum hinein, den Blaster schussbereit in der Hand – und sackte mit einem dumpfen Stöhnen in sich zusammen.
Bevor der Anführer womöglich in Panik um sich schoss, berührte Ken ihn mit unsichtbaren Fingern an der Stirn: ‚Schlaf!'
Der Mann bemühte sich, die Augen offenzuhalten, doch der mentale Befehl schloss ihm die Lider. Ken fing den schweren Körper auf, bevor er stürzte. Noch in der Bewegung sah er, wie seine Hände und Arme wieder sichtbar wurden. Länger hätte es wirklich nicht dauern dürfen!
„Gute Beute gemacht, kleiner Jäger", grinste Qyzen ihn an. Er hatte sich den Schlagstock des Glatzkopfes ausgeliehen und hielt ihn noch immer schlagbereit erhoben. Der zweite Gefolgsmann lag reglos zu seinen Füßen, während Nalen ihm Hände und Füße zusammenschnürte. Der Twi'lek hielt nur kurz inne, um Ken einen prüfenden Blick zuzuwerfen. Der Glatzkopf lag ein paar Schritte von ihnen entfernt, genauso bewegungslos, entwaffnet und gebunden, wie sein Kollege es jetzt war.
„Uff, leicht ist was anderes", stöhnte Ken leise, während er sein Opfer in den Raum hineinschleifte und vorsichtig niederlegte. „Den müssen wir auch noch verschnüren, bevor ich ihn ausfragen kann." Er überließ dem Twi'lek seinen Platz und beugte sich nacheinander zu den anderen beiden Gefesselten, um sie ebenfalls einschlafen zu lassen. Dann erhob er sich und warf einen Blick aus dem halbblinden Fenster. Die Kreuzung war leer.
Nalen zog die Schnur fest, mit der er den Mann an ein staubiges, aber stabiles Metallregal gebunden hatte. Fragend blickte er Ken an. „Brauchen wir wieder unsere ‚langweiligen Allerweltsgesichter', bevor Ihr ihn aufweckt?"
Ken schüttelte den Kopf. „Ist nicht nötig. Ich sorge dafür, dass die drei alles vergessen, was sie in der letzten Stunde getan und gesehen haben. Aber vorher werden sie mir sagen, was wir wissen wollen."
„Was ist mit der Wache? Wird das nicht auffallen, dass sie verschwunden ist?"
„Für den Moment muss es so gehen. Wir müssen erstmal Näheres über sie erfahren und herausfinden, wie sie ihre Leute erkennen. Behaltet bitte die Gegend im Auge und gebt mir Bescheid, falls jemand kommt!"
Nalen nickte und trat ans Fenster, um die Umgebung zu beobachten.
Ken ließ sich neben dem gefesselten Anführer in die Hocke sinken. Einen Moment lang betrachtete er das scharf geschnittene Gesicht, das im Schlaf gelöster wirkte und noch nicht den berechnenden Ausdruck des Wachseins trug. ‚Wie bist du wohl unter diese Kriminellen geraten?' fragte Ken sich unwillkürlich. Dann schüttelte er den Gedanken ab. Er legte dem Mann kurz eine Hand über die Augen und sagte: „Wach auf!"
Als er die Finger zurückzog, begann der Mann zu blinzeln. Sein Blick wurde klar und füllte sich mit Verblüffung und Wut, als er diesem Fremden, der Ken für ihn war, ins Gesicht sah und auch seine Fesseln spürte.
„Was zum Teufel …!"
„Bleib ruhig! Dir geschieht nichts! Du wirst mir auf jede meiner Fragen eine wahrheitsgetreue Antwort geben!" fiel Ken ihm ins Wort – mit einem ruhigen, aber unmissverständlichen Befehl, während er erneut den Blickkontakt zu seinem Gegenüber hielt. Der Anführer runzelte die Stirn, doch seine Gegenwehr erlosch fast sofort. Er hatte keinerlei Begabung in der Macht und keine Möglichkeit, um sich gegen Ken zur Wehr zu setzen.
„Wie ist dein Name?"
„Fred Wilkins", antwortete der Anführer mit abwesendem Blick.
„Wie heißen deine zwei Begleiter?"
Wilkins deutete auf den Kräftigen. „Der da heißt Tom Gibson. Der Glatzkopf ist Brad."
Ken fiel etwas ein. „Qyzen, mach Aufnahmen von den dreien und schick die Bilder mit den Namen an die Datenbank der Sicherheitstruppen. Vielleicht werden sie schon gesucht."
„Willst du die Belohnung kassieren?" fragte Qyzen belustigt.
„Sag mir erstmal, ob sich's lohnt. Nein, ich bin nur gern informiert über unsere Tarnidentitäten. Bevor wir einem verdeckten Ermittler in die Arme laufen oder so …"
Während der Trandoshaner sich an die Arbeit machte, drehte Ken sich wieder zu Wilkins um, der mit leeren Augen in die Luft starrte. „Welche Aufgaben habt ihr bei der ‚Schwarzen Sonne'?"
„Wachposten. Aufklärer. Begleitschutz bei Spezialaufträgen."
Ken hob eine Augenbraue. Das klang interessant. „Welche Spezialaufträge laufen denn derzeit?"
„Schmuggelware vom Planeten runterbringen. Und die Schmuggler zusammenhalten, bevor sich welche davonmachen."
„Warum sollten sie das denn tun?" fragte Ken etwas verwundert.
„Einige möchten ihre Ware lieber heute als morgen wieder loswerden."
Was war das denn für eine Geschichte? Hatten sie die Leute zwangsverpflichtet? Oder lag es an dem, was transportiert werden sollte? „Von welchen Waren sprichst du eigentlich?"
„Altes Jedizeug aus dem zerstörten Tempel."
Volltreffer! Ken sah grinsend zu seinen Gefährten hoch. Dann beugte er sich unwillkürlich noch etwas näher zu Wilkins hinunter. „Was weißt du darüber? War etwas dabei, das wie ein Würfel aussah, leuchtend und mit Symbolen auf den Seiten? Ein Jedi-Holocron?"
„Keine Ahnung, was das sein soll. Ich habe von der Ware noch nie etwas gesehen."
„Wo befindet sich dieses Jedizeug jetzt?"
„Bei den Schmugglern."
Ken verdrehte die Augen. „Und die sind wo?" Das Unpraktische an der Macht-Fähigkeit, Leute auszufragen, war, dass sie wirklich nur genau auf das antworteten, was man fragte, und keine Silbe mehr. So dauerte es manchmal ewig, ihnen alles aus der Nase zu ziehen.
‚Geduld, Padawan … hoppla, Jedi!' ermahnte Ken sich im Stillen. Er schaute kurz zu Nalen auf, um zu erfahren, ob draußen auf der Straße noch alles ruhig war. Der Twi'lek wandte sich gerade vom Fenster ab, fing den Blick auf und nickte Ken zu. Aber Ken hatte den Eindruck, dass ihn irgendetwas beschäftigte. Oder störte. Statt seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße zu richten, beobachtete er Ken bei seinen nächsten Fragen mit einem so tiefen Stirnrunzeln, dass Ken es nicht mal sehen musste, um es zu spüren.
Endlich hatte der Anführer alles erzählt. Die Schmuggler, die ihre Waren direkt bei sich trugen, hielten sich im Umkreis von der Cantina „Zur Stummen Sonne" und in ihr selbst auf, weil es Verzögerungen mit den Frachtpapieren für den Abflug ihres Raumschiffes gab. Wohin der Flug gehen sollte, wusste Wilkins nicht. Ein dunkelhäutiger Kerl namens Morris hatte zurzeit in dieser Angelegenheit das Sagen.
Ken ließ sich die Cantina und die Umgebung beschreiben und fragte Wilkins noch nach ein paar Eigenheiten von Morris, ihm selbst und seinen zwei Kumpanen aus. Und nach dem Erkennungszeichen, mit dem die Mitglieder der „Schwarzen Sonne" immer so genau unterscheiden konnten, wer zu ihnen gehörte und wer nicht.
Wilkins deutete auf eine verblasste Narbe an seinem linken Handgelenk. „Implantierter Chip. Und hier ist der Scanner dazu." An seinem Gürtel hing eine kleine Tasche, in der sich ein winziger Handscanner befand. Ken nahm beides an sich und ließ ihn erklären, wie man das Ding bediente.
„Wird auch jeder gescannt, der in die Cantina ‚Zur Stummen Sonne' gehen will?"
Wilkins nickte und Ken verzog ein wenig das Gesicht. Das konnte er nicht vorspiegeln, wie Nalen Ken nach dessen Frage mit einem Kopfschütteln zu verstehen gab. Technik ließ sich nicht täuschen. Nun gut, das musste Ken dann eben wieder übernehmen.
„Fällt euch noch was ein?" fragte Ken seine Begleiter.
„Irgendwelche Feinde oder Freunde, die wir kennen sollten?" fragte Nalen. Er sah dabei wieder aus dem Fenster, aber Ken spürte immer noch, dass etwas in ihm arbeitete. Ken fragte sich, was Nalen wohl gerade durch den Kopf ging. Aber Priorität hatte erst einmal Wilkins.
Ken gab die Frage an seinen Gefangenen weiter, denn jemand anderem außer ihm würde Wilkins nicht antworten. Aber bis auf die Namen von ein paar Leuten, die Wilkins und seine Kumpane für „Volltrottel" oder für „ganz brauchbar" hielten, gab es nichts Wichtiges zu erfahren.
Ken blickte in Wilkins' graue Augen. Einen Moment lang war er versucht, dem Mann doch noch die Frage zu stellen, die ihm vorhin durch den Kopf geschossen war. Bei Leuten wie ihm fragte Ken sich jedes Mal, wie und warum sie den Weg als Krimineller, Kopfgeldjäger oder Entführer eingeschlagen hatten. Er konnte so etwas nicht nachvollziehen. Jetzt hatte Ken sogar einmal die Chance, eine ehrliche Antwort zu bekommen. Aber dafür war diese Fähigkeit nicht gedacht.
„Willst du nun wissen, wie viele Credits wir für die drei kriegen?" fragte Qyzen, noch immer mit nicht ganz ernstem Unterton.
Ken schüttelte mit einem leichten Schmunzeln den Kopf. „Sag mir lieber, womit sie sich ihre Fangprämie verdient haben."
Qyzen blickte auf sein Pad und las vor: „Alle drei gesucht wegen Einbruch, Raub und schwerer Körperverletzung. Fred Wilkins außerdem wegen Widerstand gegen das Militär. Tom Gibson wegen illegalem Glücksspiel und Drogenschmuggel. Brad wegen Mord. Soweit ich sehen konnte, sind an denen noch keine Agenten dran ... Du willst die Credits wirklich nicht wissen? Ist ein guter Fang, kleiner Jäger. Teilen wir später durch drei." Er bleckte die Zähne und blickte abschätzig auf die Gefangenen herab. „Hm. Und als so was müssen wir nun rumlaufen ... Unser Trickser sollte den Spieler übernehmen, das passt doch."
„Ich kann nicht behaupten, dass ich mich mit illegalem Glücksspiel auskenne", entgegnete Nalen wenig begeistert. „Aber wenn Ihr den Glatzkopf haben wollt – von mir aus. Mit seinem Spielzeug könnt Ihr ja schon ganz gut umgehen."
‚Jetzt streitet euch noch über die Vorzüge und Nachteile eurer Tarnidentitäten', dachte Ken amüsiert. ‚Da kann ich nicht mal mitreden. Wilkins bleibt sowieso an mir hängen.' Laut sagte er: „Ich hoffe, in den nächsten zwei Stunden müssen wir weder Sabacc spielen noch jemanden ermorden." Er blickte auf die drei Gefangenen und unterdrückte ein Seufzen. Nun ja, was hatte er anderes erwarten können.
Dann wandte er sich wieder Wilkins zu: „Du wirst alles vergessen, was dir in der letzten Stunde geschah - uns und was du mir erzählt hast. Schlaf! Und wenn du wieder aufwachst – denk mal über dein Leben nach!" Den letzten Satz konnte Ken sich einfach nicht verkneifen. Die Lider von Wilkins schlossen sich, er sackte etwas in den Fesseln zusammen. Ken zog das Sedativum aus der Tasche, das Finn ihm ausgehändigt hatte. Er setzte die Nadel an der Halsschlagader des Mannes an und schickte ihn für die nächsten Stunden ins Land der Träume. ‚Die öden Anatomie-Lehrstunden sind tatsächlich mal nützlich', dachte er dabei.
Er stand auf und begegnete Nalens Blick. Es lag immer noch dieses Unbehagen darin, obwohl er es hinter einer ausdruckslosen Miene zu verbergen suchte. Ken beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Er trat zu dem Twi'lek ans Fenster.
„Euch beschäftigt doch etwas. Was ist los?"
„Dafür ist jetzt nicht die richtige Zeit", wich Nalen ihm aus.
„Doch, das ist sie. Ihr braucht nachher einen klaren Kopf, sonst geht uns die Tarnung im dümmsten Moment flöten. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche."
Der Twi'lek zögerte. Dann sagte er widerstrebend: „Das, was Ihr mit ihm gemacht habt, damit er Euch alles erzählt … mit der Macht kann man also wirklich jemandem befehlen, etwas zu tun. Und er muss dem Befehl folgen, ob er will oder nicht?"
Ken bekam langsam eine Ahnung, um was es ging. „Das muss er. Für eine gewisse Zeit. So habe ich dafür gesorgt, dass die drei hierherkamen."
Nalen holte tief Atem. „Als ihr mich fragtet, ob ich Yosh und den anderen mit der Macht befohlen hätte, bis zu ihrem Tod gegen Euch zu kämpfen, war ich mir sicher, dass ich das nicht getan habe! Aber ich hatte auch die Sache mit Kreth vergessen, als meine Gedanken sich nur noch um Rajivaris Vermächtnis drehten. Und jetzt sehe ich, was Ihr tut und dass der hier jedem Eurer Worte folgt. Vielleicht habe ich wirklich meine Freunde auf diese Weise in den Tod geschickt und kann mich nicht einmal daran erinnern?"
Ken schluckte. Seine eigenen Worte waren der Grund gewesen. Aber bevor er den Gedanken und die Zeit für eine Antwort fand, waren sie wieder da. Benneth und Lian. Ihre Gesichter tauchten vor Ken auf, bevor er sich dagegen wappnen konnte. Aufmerksam und eindringlich blickten sie Ken an. Ein Blinzeln später waren sie verschwunden.
Jetzt war es Ken, der erstmal tief Luft holte. Er hatte in der letzten, allzu kurzen Nacht endlich einmal nicht von ihnen geträumt und auch nicht damit gerechnet, dass diese Erinnerung ihn jetzt erneut einholen würde. Nalens Frage hatte sie wieder geweckt. Von den beiden nur angeschaut zu werden war immer noch besser, als sie ein weiteres Mal zu töten. Trotzdem schlug sein Herz schnell und schmerzhaft und wollte sich nur langsam wieder beruhigen.
Qyzens tiefe, ruhige Stimme holte Ken in das Lagerhaus zurück: „Warum fragst du nicht mich, Trickser? Ich war schließlich dabei."
Nalen schloss beide Hände zu Fäusten, als wolle er auf diese Weise wieder Ruhe in sich hineinzwingen, und drehte sich zu Qyzen um.
„Dann sagt es mir."
„Du hast ihnen befohlen, mich zu bewachen und zu verhindern, dass mich jemand befreit. Davon, jemanden zu töten oder sich töten zu lassen, war nicht die Rede. Du hast so mit ihnen gesprochen, wie ich jetzt mit dir spreche. Nicht mit diesem komischen starren Blick, den unser Jedi eben drauf hatte." Qyzen hob eine seiner knochigen Augenbrauen. „Aber wie sie das ausgelegt haben, ist wohl eine andere Sache. Sie haben jedenfalls noch eine Weile die Köpfe zusammengesteckt, nachdem du weg warst. Aber zu leise geredet, als dass ich es verstehen konnte."
Nalen schloss einen Moment lang die Augen. „Danke", sagte er leise. „Ich musste es einfach wissen."
„Keine Ursache", antwortete Qyzen, für sein bisher eher angespanntes Verhältnis zu Nalen sogar relativ freundlich. „Außerdem hättest du dir ja wohl kaum die Mühe mit deiner Trickserei gemacht, wenn es auch einfacher gegangen wäre."
„Er hat recht, Nalen. Es braucht Jahre der Übung, bis man wirklich jemandem erfolgreich einen Befehl erteilen kann. Selbst wenn Rajivari Euch etwas davon beigebracht hat – es wäre Euch nicht möglich gewesen. Daran habe ich gestern bloß nicht gedacht." Ken schüttelte über sich selbst den Kopf. „Vergesst den Vorwurf, er war völlig unbegründet. Ich konnte mir nur einfach nicht erklären, warum die drei so auf das Äußerste aus waren."
„Selbst wenn ich es ihnen nicht befohlen habe – es ändert nichts an dem, was daraus entstanden ist." Die Bitterkeit in Nalens Stimme spiegelte Kens eigene Gefühle, die er seit jenem Tag immer wieder aus seinem Bewusstsein drängte. Aber manchmal, so wie eben, gelang es ihm nicht. Obwohl es ihm seit seinem Gespräch mit Nalen leichter fiel, diese Erinnerungen zu tragen. Ken verstand nur allzu gut, was in dem Twi'lek vorgehen mochte. Und es lag ihm nichts daran, dies auch noch zu verschlimmern. Zumal sie beide ihre Konzentration für andere, im Moment wichtigere Dinge brauchten.
„Oh doch, das ändert etwas", widersprach Ken ihm deshalb mit Nachdruck. „Denn dann habt nicht Ihr diese Entscheidung für sie getroffen, sondern sie selbst. Aus welchem Grund auch immer." Der plötzliche Wunsch, Benneth und Lian danach zu fragen, war in seiner Intensität so schmerzhaft wie unmöglich.
„Eine meiner Nachrichten ging an Yosh", sagte Nalen, als hätte er Kens Gedanken geteilt. „Vielleicht gibt er uns eine Antwort."
„Vielleicht", murmelte Ken. Hoffentlich hatten diese beiden Twi'lek jetzt die Güte, ihn in Ruhe zu lassen, bis diese Sache hier vorüber war. Es reichte Ken langsam, dass diese Erinnerung ihn immer wieder so unvermittelt überfiel. ‚Vielleicht sollte ich die zwei einfach höflich darum bitten', dachte er ironisch. Der Gedanke erschien ihm so absurd, dass er ihm aus reiner Neugier tatsächlich Folge leistete. Schaden konnte es ja nicht. Umso erstaunter war Ken, als er danach wirklich das Gefühl hatte, er wäre gehört worden. Konnte das so funktionieren? Nun, er würde es ja sehen. ‚Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal versuchen, mit ihnen ‚zu reden' statt sie jedes Mal auszusperren, wenn sie mich anspringen? Schlimmer kann's ja nicht werden … Also kommt meinetwegen wieder, wenn ich Ruhe und Zeit für euch habe! Jetzt ist es nämlich echt ungünstig.'
„He, ihr zwei! Wir haben noch etwas zu erledigen!"
Qyzen holte Ken und Nalen nachdrücklich zurück ins Jetzt. Hier lagen immer noch drei Gefesselte zu ihren Füßen. Und draußen lud eine unbewachte Kreuzung alle Neugierigen dazu ein, das Gebiet der „Schwarzen Sonne" zu besuchen. An wem würde man es auslassen, wenn das jemand ausnutzte? An ihnen! Ken tadelte sich wegen seiner Unaufmerksamkeit und war froh darüber, dass der Kerl, der gerade auf seinem Bike an der Kreuzung vorbeifuhr, nicht einmal hinschaute.
Nalen seufzte, verärgert über sich selbst. „Ich hätte nicht damit anfangen sollen." Wieder diese Bewegung, als wollte er etwas Unangenehmes von seinen Schultern schütteln. „Schließlich brauchen wir hier alle einen klaren Kopf." In seinem Blick zu Ken lag die Ahnung, dass dieser wohl auch nicht glücklich damit war, jetzt wieder mit diesem Geschehen konfrontiert zu werden.
„Ich habe Euch danach gefragt", erinnerte ihn Ken. „Ohne meine Bemerkung gestern wärt Ihr gar nicht auf die Idee gekommen. Wie sieht's aus, können wir weitermachen?"
„Von mir aus ja", sagte Nalen. Auf seine Frage, die unausgesprochen in der Luft lag, antwortete Ken: „Von mir aus auch."
„Ihr Weichhäute denkt zu viel. Der eine wie der andere", knurrte Qyzen und blinzelte Ken zu. „Denkt später weiter, sonst steckt ihr mich noch an."
„Glaub ich nicht. An deinem trandoshanischen Dickschädel prallt das doch ab", sagte Ken und erntete ein leises, fauchendes Lachen.
„Zum Glück, kleiner Jäger. Sonst wärt ihr Jedi überhaupt nicht auszuhalten."
Qyzen schaffte es immer wieder, Ken auf seine unnachahmliche Art zum Schmunzeln zu bringen – egal, worüber er sich vorher den Kopf zerbrochen hatte. „Also los, bevor da draußen jemand misstrauisch wird. Ich will die zwei hier nämlich auch noch ausfragen, aber der Wachposten muss wieder besetzt werden."
„Den übernehme ich. Lasst mich vorher nur den Scanner ausprobieren." Nalen schien froh darüber zu sein, wieder etwas tun zu können. Er nahm das kleine Gerät an sich, ließ es aber nicht über das Handgelenk von Wilkins gleiten, sondern trat ein paar Schritte zurück und aktivierte es aus der Entfernung. „Dachte ich es mir doch … sie haben den Mann vorhin ja auch nicht direkt gescannt."
„Schlau ausgedacht. Qyzen kommt Euch gleich nach, ich brauche ihn noch kurz hier. Aber bevor Ihr losgeht, benötigen wir auch noch unsere Tarnung."
Nalen nickte und schloss die Augen. Es dauerte wieder einige Sekunden, dann stand Gibson zwei vor Ken. „Wenn mich jemand fragt, dann kontrolliert ihr gerade etwas Verdächtiges. Lasst Euch nicht zu lange aufhalten, Wilkins."
„Machen wir, Gibson. Nicht vergessen, die Jungs hier waren alle per Du. Gibson gehorcht seinem Boss aufs Wort, aber dem guten Brad muss man alles zweimal sagen."
„Na danke", knurrte Qyzen. „Schwerhörig ist er wohl auch noch?"
„Wohl eher schwer von Begriff", vermutete Nalen und ging auf Qyzens amüsierten Tonfall ein. „Kriegst du das hin, Trandoshaner?"
Kens Grinsen musste ansteckend sein. Es wanderte, wenn auch etwas verhalten, zu Nalen weiter und machte sich danach auf Qyzens neuem Gesicht breit. „Provozier' mich nur weiter. Dann fordere ich dich in der Cantina vor allen Leuten zu einem Spielchen heraus. Wenn du dann nicht gewinnst, Trickser, wirst du dich fürchterlich blamieren."
„Das bleibt an ihm hängen, nicht an mir", meinte Nalen mit einer wegwerfenden Handbewegung zu Gibson und verließ raschen Schrittes das Lagerhaus.
Als Ken aus dem Fenster blickte, um nach ihm zu sehen, als er am Containerhaus ankam, sah der Jedi undeutlich sein Spiegelbild im halbblinden Glas – Wilkins' etwas verkniffener Mund, das scharfkantige Profil und die schmalen Augen. Qyzen – jetzt ein Glatzkopf mit ziemlich muskulösen Armen, beobachtete ebenfalls, wie Nalen sich in Gibsons gelangweilter Haltung an die Wand des Containerhauses lehnte.
„Weißt du was, kleiner Jäger? So übel ist der Kerl gar nicht … seit er auf unserer Seite ist."
„Freut mich, dass du das auch so siehst", erwiderte Ken mit einem Lächeln.
„Aber sag ihm das bloß nicht. Er kann sich ruhig noch ein bisschen anstrengen. Hat uns ja vorher auch genug Ärger gemacht."
Ken lachte leise. „Du bist echt unerbittlich, Qyzen."
Qyzen antwortete mit einem selbstzufriedenen Grinsen. „Wenn ich der Meinung bin, er hat's verdient, dann sag ich's ihm selbst."
Ken bemühte sich wieder um eine ernsthafte Miene. „Gib die Bilder und unsere Koordinaten an die Sicherheitstruppen weiter, Qyzen. Falls wir hier nicht mehr herkommen können, sollen die Jungs unsere drei einsammeln. Gib ihnen fünf Stunden von jetzt an."
Qyzen nickte und zog sein Kom-Gerät heraus, während Ken sich zu Gibson herunterbeugte. Manchmal wussten die Untergebenen mehr als ihre Anführer und er gedachte nicht, sich das entgehen zu lassen. Aber er hatte kaum die Hand ausgestreckt, um sie Gibson über die Augen zu legen, als Qyzen ihn anstieß.
„Da draußen!"
Ken stand auf und blickte aus dem Fenster. Drei Männer standen jetzt an der Kreuzung und redeten heftig auf Nalen ein.
„Ist das schon die Wachablösung?" fragte Qyzen.
„Keine Ahnung. Ist eigentlich zu früh dafür."
Einer der Männer hob die Faust, als wolle er zuschlagen. Nalen fiel ihm in den Arm, hielt ihn fest und sagte etwas, was die anderen anscheinend noch mehr aufbrachte.
Ken entschied, dass Brad und Gibson weiterschlafen durften, statt ihm auch noch Rede und Antwort zu stehen. „Geh raus zu ihm, Qyzen! Ich mache den Rest!"
Qyzen nickte und war schon zur Tür hinaus. Ken zog das Sedativum hervor und verpasste den beiden Gefesselten rasch die vorgesehene Dosis. Dann gab er selbst die Nachricht an die Sicherheitstruppen ein. Ein Blick hinaus zur Kreuzung – Qyzen kam mit langen Schritten heran, den Schlagstock demonstrativ in der Rechten, und rief den wütenden Männern schon aus der Entfernung etwas zu. Das kleine Handgemenge, das zwischen Nalen und dem einen entstanden war, ging jedoch munter weiter. Nalen wich einem Faustschlag aus, nutzte den Schwung des Gegners und stieß diesen gegen die Wand des Containerhauses.
‚Na klasse', dachte Ken ein wenig besorgt, als er die Tür schloss und den Gefährten folgte. ‚Die erste Schlägerei, und wir sind noch nicht mal in der Cantina!'
