2. März – Opa William

Minerva McGonagall saß an dem Schreibtisch in ihrem Büro und sollte eigentlich die Aufsätze der Viertklässler korrigieren, doch stattdessen befand sich vor ihr ein leeres Blatt Pergament. In der Hand hielt sie eine Feder, an deren Ende frische Tinte hing, doch die Hand bewegte sich nicht; sie schwebte nur in der Luft und wartete auf einen genialen Gedanken, der sie dazu bewegen würde, Verse auf das Pergament zu schreiben.

Minerva zerbrach sich schon seit einer halben Stunde den Kopf, doch ihr wollte nicht einmal ein Thema einfallen, über das sie schreiben könnte. Als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie die Sommer oft und gerne bei ihrem Großvater William verbracht. Er besaß ein schönes Landhaus direkt an einem der vielen kleinen schottischen Seen. Selbst ein kleiner Kelpie ließ sich darin finden. Ihr Opa hatte ihr immer von der Kunst der Dichtung vorgeschwärmt. Er selbst hatte im Laufe seines Lebens mehrere hundert Gedichte geschrieben, viele von ihnen lange Ballade, von denen einige im Tagespropheten erschienen waren und andere sogar in Form eines kleinen Büchleins veröffentlich worden waren. Er hatte sie seiner Enkelin abends vorgelesen und diese hatte laut geklatscht und danach davon geträumt, irgendwann selbst einmal eine große Dichterin zu werden.

„Wenn du groß bist, Minnie", hatte er zu ihr gesagt, „dann schreibst du auch Gedichte, versprochen?"

„Ja", hatte sie gestrahlt und sich schon Themen überlegt, über die sie einmal schreiben könnte. Natur, Liebe, Magie, Verwandlungen.

Als sie aber irgendwann als Kind nach Hogwarts gekommen war, war der Name McGonagall schon bekannt und in aller Munde, und Minerva hatte schnell herausgefunden, dass ihr Großvater – William Topaz McGonagall – als schlechtester Dichter in ganz Großbritannien galt. Verwundert darüber begann sie, seine Gedichte ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, und stellte schon bald fest, dass sie nicht so gut waren wie die anderer, wirklich berühmter Dichter…

Sie hatte zwar versucht, ein Gedicht zu schreiben – schließlich hatte sie es Opa William ja versprochen – doch jedes Mal stellte sie sich unweigerlich die Frage, ob er vielleicht sein ‚Talent' an sie vererbt haben könnte, und sie fürchtete sich davor, etwas sehr Schlechtes zu schreiben – daher schrieb sie meistens gar nichts.

Im Laufe der Jahre versuchte sie es immer mal wieder, so auch heute, doch so wie jedes Mal, ließ sie die Feder schließlich unverrichteter Dinge wieder sinken, seufzte laut – und widmete sich wieder der Sache, die sie am besten konnte: Lehrerin sein.