10. März – Überraschungsbesuch

Remus Lupin befand sich in seinem kleinen Apartment in London, genauer gesagt in der Küche, sah aus dem Fenster über die verregnete Stadt und wusch sein Mittagsgeschirr ab.

Heute war sein Geburtstag, doch niemand wusste etwas davon. Niemand außer seinen alten Freunden natürlich, aber James war tot, Peter bei Voldemort und Sirius durfte das Haus nicht verlassen. Und Dumbledore natürlich, der so gut wie alles wusste, doch dieser hatte ihm heute eine Eule mit einer Geburtstagskarte geschickt, sodass Lupin keinerlei Besuch mehr zu erwarten hatte. Und ihm war es auch recht so. Er hatte sich für heute ein neues Buch gekauft und setzte sich nach dem Abwasch in seinen Sessel, um einfach einen Nachmittag ohne Aufgaben für den Orden oder andere Sorgen zu genießen.

Er hatte noch nicht einmal eine halbe Stunde gelesen, als es an seiner Haustür klingelte. Verwundert legte er sein Buch zur Seite, ging in den Flur und öffnete die Tür. Vollkommen erstaunt riss er die Augen auf, denn es war Tonks.

„Hallo!", rief sie strahlend. Ihre heute dunkelblauen, schulterlangen Haare trieften vom Regenwasser (doch das schien sie nicht zu stören) und in ihrer Hand hielt sie eine tellergroße Schachtel. „Alles Gute zum Geburtstag!" Sie stürmte einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn kurz, wobei ihre nassen Haare an seinem Hals kitzelten. „Oh, Verzeihung", sagte sie erschrocken, als sie seinen vor plötzlicher Kälte verzerrten Gesichtsausdruck sah.

„Nicht so schlimm", murmelte er nur und wischte sich die Wassertropfen vom Hals. Er war eher erschrocken von ihrer plötzlichen Nähe gewesen. „Aber sag mal, was machst du hier?", fragte er schließlich.

„Na, dir zum Geburtstag gratulieren natürlich", grinste sie. „Ich hab dir sogar einen Kuchen gebacken." Sie deutete auf die Schachtel in ihrer Hand. „Darf ich reinkommen?"

„Ach so, ja klar." Lupin sprang zur Seite und ließ Tonks eintreten, um ihr dann aus ihrer Jacke zu helfen, seinen Zauberstab zu nehmen und einen Trockenzauber über seinen Gast zu sprechen – zum einen, damit sie keine Wasserflecken in seiner Wohnung hinterlassen würde, zum anderen auch, weil er nicht wollte, dass sie sich unwohl fühlte, denn er mochte Tonks recht gerne. „Magst du einen Tee?"

„Klaro", erwiderte sie und setzte sich ins Wohnzimmer.

Die Zeit, die Lupin zum Teebrauen benötigte, gab ihm die Gelegenheit, über seinen plötzlichen Besuch nachzudenken. Er war nicht böse darüber, dass Tonks gekommen war, er wunderte sich nur darüber. Warum sollte sie ihn an seinem Geburtstag besuchen wollen? Sie hatte doch sicherlich Besseres zu tun. Und wie hatte sie überhaupt davon erfahren?

Da steckte sein Gast auf einmal den Kopf zur Küchentür herein und schlug lächelnd vor: „Wenn du mir Teller und Besteck gibst, kann ich schon mal aufdecken."

Er gab ihr zwei Teller und Kuchengabeln.

Sie sah ihn verwundert an. „Kommt sonst niemand?"

„Nein, ich denke nicht", antwortete er ohne Traurigkeit in seiner Stimme; er hatte sich damit abgefunden.

„Ach so", erwiderte sie und musste seltsamerweise ein Grinsen unterdrücken, als sie die Küche wieder verließ.

„Sag mal, woher wusstest du eigentlich, dass heute mein Geburtstag ist?", fragte Lupin fünf Minuten später, als er Tonks am flachen Wohnzimmertisch gegenübersaß, zwei Tassen Tee und zwei Stücke Kuchen zwischen ihnen.

„Ich hab Sirius gefragt", meinte sie, als sei es das Normalste auf der Welt. „Er lässt übrigens grüßen und wünschst dir auch alles Gute."

Lupin nickte als Dank. „Und warum bist du hier?", hakte er nach. Es klang nicht unfreundlich, sondern einfach nur neugierig.

Sie zuckte mit den Schultern. „Warum denn nicht? So was machen Freunde doch, oder?" Sie sah ihn angespannt an.

Waren sie Freunde? Die Frage hing einen Moment unbeantwortet im Raum.

„Ja, das stimmt", befreite Lupin sie endlich schmunzelnd von ihrer Furcht.

„Oder störe ich dich gerade?", wollte sie nun erschrocken wissen.

Lupins Blick huschte kurz zu seinem Buch, bevor er ehrlich erwiderte: „Nein. Ich freue mich, dass du da bist."

Daraufhin schenkte sie ihm das strahlendes und bezauberndste Lächeln, dass er je gesehen hatte. „Gut, dann lass uns essen", meinte sie nun fröhlich und nahm sich ihren Kuchenteller.

Lupin schluckte. „Ja…"

Den Rest des Nachmittags unterhielten sie sich in entspannter Atmosphäre über dieses und jenes und während dieser ganzen Zeit beobachtete Lupin Tonks sehr genau und stellte schließlich erstaunt fest, wie er sie langsam aber sicher mit ganz anderen Augen sah…