11. März – Fernbeziehung

Die Bibliothek war die meiste Zeit des Tages geöffnet und in ihrer gesamten Öffnungszeit war Madame Pince anwesend. Mit Hingabe und Liebe kümmerte sie sich um die vielen Bücher und sie vermutete in jedem Schüler einen Vandalen, der nur hierherkam, um Bücher zu klauen oder zu schänden – mit Dreck, Essen oder Tinte!

Sie selbst aß an ihrem Tisch beim Eingangstresen – die Haushelfen brachten ihr das Essen vorbei und sie war den kleinen Wesen sehr dankbar dafür. Sie wollte nicht mittags die Bibliothek schließen müssen und lernwillige Schüler herauswerfen, nur damit sie selbst in der Großen Halle essen konnte. Und die Bibliothek einfach währenddessen offen zu lassen, könnte sie nicht ertragen – sie konnte doch nicht ihre armen Bücher im Stich lassen!

„Madame Pince?", wurde sie plötzlich in ihrer ruhigen Mittagspause gestört. Sie sah sich um und entdeckte Miss Granger.

„Ja?", erwiderte sie freundlich.

„Ich finde das eine Buch nicht, das ich suche", begann Miss Granger eifrig, als ihr plötzlich der Teller vor der Bibliothekarin auffiel. „Oh, ich wollte Sie nicht beim Essen stören", sagte sie daher schnell.

„Nein, nein, kein Problem", gab Madame Pince noch schneller zurück, legte ihre Gabel auf den Teller und stand auf. Dieses Mädchen war eine Freude für jeden Bibliothekar, so oft wie sie hier war; da konnte man auch schon einmal sein Mittagessen unterbrechen. „Um welches Buch handelt es sich denn?"

Miss Grangers Gesicht hellte sich auf, sie nannte den Buchtitel und Madame Pince begleitete sie zum richtigen Regal.

„Hier", sagte sie, als sie angekommen waren, griff halb blind in das Regal, holte das richtige Buch heraus und gab es der Schülerin.

„Ja, das ist es!", rief diese erfreut. „Vielen, lieben Dank."

„Keine Ursache." Als Madame Pince zurück zu ihrem Tisch ging, hatte sie ein Strahlen im Gesicht – sie liebte ihren Beruf einfach.

„Entschuldigen Sie, Madame Pince", quiekte plötzlich eine hohe Stimme hinter ihr.

„Ja?", drehte sie sich um.

Eine Hauselfe stand ihr gegenüber und reichte ihr nun einen Brief. „Für Sie, Ma'am."

„Oh, Dankeschön." Sie nahm den Brief entgegen, schaute auf den Umschlag – und erkannte die Schrift sofort. Halb erschrocken, halb aufgeregt hastete sie zu ihrem Tisch und setzte sich eilends. Schnell riss sie den Umschlag auf, holte den Brief heraus, entfaltete ihn und las ihn mit fliegenden Augen.

Meine liebste Irma,

Moskau ist kälter als gedacht, aber die Menschen hier sind freundlich zu mir und das Botschaftsgebäude stilvoll eingerichtet. Gestern hatte ich mein erstes Gespräch mit dem Zaubereiminister Russlands. Ich würde dir gerne davon berichten, aber ich stehe ja unter Schweigepflicht.

Ansonsten gibt es nicht viel Weiteres, Spannendes zu berichten – außer dass ich dich natürlich sehr, sehr vermisse. Aber keine Sorge, im Mai habe ich eine Woche frei und dann werde ich dich in Hogwarts besuchen, wenn ich darf.

Schreib mir bitte bald zurück – wie geht es denn zum Beispiel deinen Büchern? Wenn du möchtest, kann ich dir ein Buch für eure Sammlung schicken, das ich in einem Buchladen für Antiquitäten gefunden habe und das Hogwarts aus russischer Sicht beschreibt. Wäre das nicht interessant?

Bis dahin sage ich „Bis bald" und „Ich liebe dich – von ganzem Herzen."

Dein Jonathan

PS: Weißt du, dass wir uns in zwei Wochen schon über sechs Jahre lang kennen? Wie die Zeit doch vergeht. Aber mit dir war es immer eine sehr schöne Zeit, mein Licht.

Madame Pince las den Brief noch viele weitere Male, während sie gleichzeitig lachte und weinte. Jonathan, seufzte sie verliebt.