18. März – In der Dämmerung

Ginny wurde am Nachmittag langweilig – alle ihre Hausaufgaben hatte sie schon erledigt, ihre Freunde waren anderweitig beschäftigt und zum Lernen hatte sie nicht mehr die nötige Konzentration. Daher beschloss sie, einen Spaziergang zum Großen See zu machen. Sie schlenderte gemütlich an dessen Ufer entlang, setzte sich zwischendurch auf eine Parkbank und genoss die Aussicht, und ließ flache Steine über die Oberfläche hüpfen. Außer ihr waren nicht besonders viele Schüler draußen, da es ziemlich windig war und nach Regen aussah.

Zum Abend hin machte sie sich auf den Rückweg, denn nicht nur wurde es langsam aber sicher immer dunkler, sondern bald würde das Abendessen beginnen und sie hatte einen riesigen Hunger von der ganzen frischen Luft. Doch noch hatte sie ein wenig Zeit, also machte sie einen Schlenker am Rand des Verbotenen Walds vorbei; vielleicht traf sie ja Hagrid? Sie war vielleicht zehn Meter vom Wald entfernt, aber das war schließlich erlaubt, denn sie war ja nicht im Wald. Trotzdem beäugte sie ihn misstrauisch. Zwischen seinen Bäumen wurde es schnell sehr finster, je weiter man hineinschaute, und manchmal ließ sie ein Knacken oder der Schrei eines Tieres aufschrecken. Aber Ginny wollte sich (und vor allem Harry) beweisen, dass sie Gryffindor genug war, an diesem Wald in der Dämmerung entlanggehen zu können!

Den Zauberstab fest in der Hand ging sie weiter, immer schräg auf den Wald schielend, sodass sie fürchterlich erschrak, als plötzlich eine Person unmittelbar vor ihr stand.

„Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie mich überhaupt noch bemerken würden", schnarrte Snape, „oder ob Sie einfach gegen mich laufen würden als wäre ich durchsichtig."

Ginnys Herz raste immer noch vor Schreck.

„Was machen Sie hier?", wollte er dann wissen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Spazierengehen", antwortete sie.

„So dicht am Wald?"

„Ist doch nicht verboten, oder?", erwiderte sie angriffslustig – ihr Schreck wandelte sich langsam in Wut um, weil sie mittlerweile registrierte hatte, dass er sie absichtlich erschreckt hatte.

„Nein, das nicht", gab er zu und grinste bösartig. „Aber es ist eindeutig, dass Sie Angst hier haben."

„Hab ich gar nicht!"

„Doch", erwiderte er amüsiert. „Ich beobachte Sie schon eine Weile."

Ihre Augen weiteten sich irritiert. „Warum denn das?"

„Deswegen", meinte er bedeutend, hob seinen Zauberstab und schleuderte einen Zauber auf etwas hinter ihr.

Schnell wirbelte sie sich herum und konnte gerade noch ein hundegroßes, extrem haariges Viech mit vielen Beinen in den Wald krabbeln sehen. Sie stieß einen angeekelten und gleichzeitig schockierten Laut von sich und sah Snape vollkommen entgeistert an.

„Diese Acromantula verfolgte Sie schon eine ganze Weile", verkündete er ernst.

„Und da lassen Sie mich hier einfach weiterlaufen!", rief sie panisch.

Er sah sie mit hochgezogenen Augen an. „Ich war doch da."

Ginny nickte ein paar Mal und schaute immer wieder zum Wald. „Danke", meinte sie schließlich und klang dabei, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen.

„Gehen wir ins Schloss", kommandierte Snape deshalb und fasste sie leicht am Oberarm, damit sie sich bewegte.

Als Ginny lethargisch neben ihm herlief, ließ er sie wieder los.

„Also, Miss Weasley", sagte er schließlich und versuchte, freundlich zu klingen. „Warum gehen Sie so dicht am Wald entlang?"

„Ich wollte beweisen, dass ich mutig bin", gab sie leise zu und senkte den Kopf.

Er schüttelte angewidert mit dem Kopf. „Typisch Gryffindor… Mut bedeutet nicht, sich absichtlich und vollkommen unnötig in Gefahr zu begeben."

„Ja", hauchte sie.

„Keine Sorge, Miss Weasley", meinte Snape dann und klang äußerst verbittert. „Sie werden schon bald ihre Chance bekommen, mutig zu sein."

Ginny sah erschrocken zu ihm, doch er blickte nur mit hartem Gesichtsausdruck nach vorne, und sie verstand, dass er den Kampf gegen Voldemort meinte…