2. April – Stille Sehnsucht

Es war nachts, es war still und die Maulende Myrte fühlte sich einsam. Sie versuchte, ihren Kopf auszuschalten, doch es gelang ihr nicht – immer wieder kamen die Bilder ihres früheren Lebens in ihr hoch: Wie sie gehänselt worden war und wie sie schließlich gestorben war…

Sie überlegte, nach draußen zu gehen, aber ihr als Geist hatte frische Luft nichts an, auch keine positive Wirkung. Es gab eine Möglichkeit für sie, sich zu beruhigen, doch diese nutzte sie eher selten aus Furcht, entdeckt zu werden.

Zur Hölle damit!, dachte sie sich aber heute und schwebte los, quer durch das Schloss, durch alle Wände und andere Objekte, auf direktem Weg zum Gryffindorturm. Schließlich hatte sie ihr Ziel erreicht: den Jungenschlafsaal der Fünftklässler und das Bett von Harry Potter. Im wahrsten Sinne des Wortes wie ein schimmerndes Wesen schwebte sie in gebührlichem Abstand über ihm und beobachtete ihn. In letzter Zeit schlief er nicht besonders gut, Albträume schienen ihn zu quälen, doch heute Nacht war er ganz ruhig und Myrte hätte ihm am liebsten durch das rabenschwarze Haar gestrichen – auch wenn es nicht viel gebracht hätte.

Gleich vom ersten Augenblick an, als sie Harry in seinem ersten Schuljahr gesehen hatte, hatte er etwas Anziehendes auf sie gehabt – und zwar nicht, weil er berühmt war! Sie konnte es selbst nicht genau beschreiben, aber irgendetwas an ihm faszinierte sie …

Doch er schien sie nicht einmal zu mögen… Er vermied sie und ihr Badezimmer und falls sie einmal miteinander sprachen, wich er ihr sogleich schnell aus. Stattdessen verbrachte er viel lieber Zeit mit dieser Streberin Granger. Oder dieser Schönheit Chang…

Es gab da noch einen anderen Jungen, den sie, Myrte, sehr gern gehabt hatte – doch Cedric war gestorben. Das erste Opfer im zweiten, wohl bald kommenden Krieg gegen Voldemort.

Sie spürte, wie ihr wieder einmal die Tränen kamen. Warum musste sie auch im Tod so viel Pech haben!? Als sie bemerkte, dass sie gleich laut schluchzen würde, verließ sie Harry rasch, um ihn nicht zu wecken, und schwebte nach draußen, zum Großen See, in den sie eintauchte und sich wie ein Stein sinken ließ, bis sie von vollkommener Schwärze und ohrenbetäubender Stille umgeben war.