19. April – Das Klavier

Minerva blieb absichtlich als letzte im Lehrerzimmer zurück. Sie tat so, als wolle sie unbedingt noch ihr Kreuzworträtsel lösen, während sich ein Kollege nach dem anderen verabschiedete und zu Bett ging. Schließlich war auch Severus gegangen – endlich! – und Minerva hatte den Raum für sich allein. Aber warum?

Die Antwort war ziemlich simpel: Im Lehrerzimmer stand ein altes Klavier. Es stand dort schon seit Jahrzehnten und obwohl niemand darauf spielte, wurde es jährlich gestimmt.

Minerva jedoch spielte schon Klavier, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Sie war als Kind sogar richtig gut gewesen, doch als sie nach Hogwarts gekommen war, hatte es dort kein Klavier gegeben, auf dem sie täglich hätte üben können, und so waren ihre Kenntnisse langsam aber sicher eingerostet. Wenn sie zu Hause gewesen war, hatte sie natürlich gespielt, aber sie war von Sommer zu Sommer schlechter geworden und das hatte sie irgendwann dermaßen frustriert, dass es sie es ganz aufgegeben hatte. Und die letzten dreißig Jahre hatte sie nicht einmal mehr gespielt – bis sie dieses Jahr wieder angefangen hatte. Sie war an Silvester auf einem wunderbaren Konzert gewesen und die Pianistin hatte so grandios gespielt, dass sie, Minerva, sich vorgenommen hatte, im Jahre 1996 wieder mit dem Klavierspielen anzufangen.

Doch das sollte natürlich keiner wissen. Und so blieb die Verwandlungsprofessorin, wenn es sich anbot, abends ein wenig länger im Lehrerzimmer und übte. Mit Gemach wurde sie sogar besser, aber immer noch nicht so gut, dass es jemand hören sollte.

Sie setzte sich auf den Klavierbock, hob den Deckel an, strich sanft über die weißen und schwarzen Tasten, stellte ihre Noten auf – und begann zu spielen. Es war eine leichte, ruhige Melodie, fast schon wie eine Fingerübung, doch sie drückte verschiedene Emotionen aus. Minerva brauchte die Noten eigentlich gar nicht mehr und so träumte sie sich mithilfe der Musik fort. Wohin? Egal, einfach irgendwohin, wo es ruhig und friedsam war. Eine Wiese? Ans Meer? Egal. Hauptsache weg von Umbridge und der, dessen Name nicht genannt werden darf.

Als das Stück vorüber war, der letzte Ton verklang, herrschte einen Moment angenehme Stille – bis plötzlich jemand laut und langsam in die Hände klatschte.

Minerva drehte sich erschrocken zur Tür um. „Severus!", rief sie aufgebracht. „Was machst du denn hier?!"

„Ich hab nur was vergessen", meinte dieser grinsend und holte sein Buch vom Sofa nahe des Kamins. „Du hast übrigens toll gespielt", fügte er hinzu und es klang irgendwie sarkastisch.

„Jaja", erwiderte Minerva daher genervt. „Mach dich nur lustig über mich. Aber ich hab wenigstens Hobbys!"

Severus sah sie verwundert an. „Ich meinte das Ernst: Du hast wirklich toll gespielt." Und dieses Mal klang es auch so.

„Echt?", fragte sie wie ein junges Schulmädchen. Danke."

„Gute Nacht", lächelte er und verließ dann das Lehrerzimmer.

Minerva strahlte übers ganze Gesicht und begann schließlich, eine schnelle, laute und fröhliche Musik zu spielen.