29. April – Regen und kalter Wind

Severus Snape stand auf dem Astronomieturm und starrte in den Regen. Kalter Wind fegte ihm durch die Roben und Haare, doch er reagierte nicht darauf. Er stand stocksteif da und blickte mit unbewegter Miene über den Großen See, der durch die dicken Tropfen, die in ihn hineinfielen, aufgewirbelt wurde.

„Oh, Verzeihung", sagte da plötzlich eine hohe Stimme hinter ihm. „Ich wollte dich nicht stören, Severus."

„Ist schon gut, Filius." Er musste sich dringend wieder fangen und konzentrieren – einem Doppelspion durfte es nicht passieren, dass sich jemand unbeachtet von hinten anschleichen konnte. Aber vermutlich fühlte er sich einfach zu sicher in Hogwarts.

Filius Flitwick stellte sich neben seinen Kollegen und schaute mit ihm zusammen in den Regen.

Severus wartete darauf, dass der kleine Professor etwas sagen würde – etwas, wie: „Immer dieser Regen… Schrecklich!" oder „Ich brauchte nur mal kurz eine Pause. Gleich probt der Chor, weißt du." – doch sehr zu Severus' Verwunderung schwieg Filius und der Zaubertränkeprofessor war ihm innerlich sehr dankbar dafür, denn er war hergekommen, um seine Ruhe zu haben, um allein zu sein, vielleicht sogar um nachzudenken – auch wenn seine Gedanken zurzeit besonders düster waren. Dolores Umbridge hatte Dumbledore vertrieben und war nun Schulleiterin… Wenn diese Frau blieb, würde er gehen! Das hatte er sich fest vorgenommen, bis Dumbledore ihn gebeten hatte, hier zu bleiben, um über die Schüler und besonders Harry Potter zu achten – und Severus konnte Dumbledore nichts abschlagen, nicht nach allem, was der mächtigste Zauberer unserer Zeit für ihn getan hatte…

Fast eine Viertelstunde standen die beiden Professoren schweigend im frischen Wind, ein paar Regentropfen wehten ihnen ins Gesicht, und schwiegen, bis Filius leicht zitternd fragte: „Macht dir die Kälte nichts aus?"

„Nein", erwiderte Severus mechanisch. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, seine Gefühle zu verbergen, auch das Gefühl der Kälte. „Und dir?"

„Oh, doch, ja sehr, ich friere!" Filius rieb sich über die Arme und wickelte seinen Umhang enger um sich.

„Warum gehst du dann nicht wieder hinein?", wollte Severus leicht verwundert wissen.

„Weil mich die Kälte und der Regen auf andere Gedanken bringen."

Nun blickte Severus mit gerunzelter Stirn auf seinen Kollegen.

Dieser lächelte gequält und erwiderte leise: „Hier draußen kann ich meine Gedanken von allem schrecklichen lösen. Wenn ich mich auf den Regen und den Wind konzentriere, vergesse ich für ein paar wenige Minuten, dass Dumbledore weg ist, dass Umbridge uns nun beherrscht, dass Du-weißt-schon-wer seinen Schrecken verbreitet und dass es vermutlich bald zu einem Krieg kommen wird." Er seufzte niedergeschlagen und blickte wieder zum Großen See.

Severus schluckte einmal schwer, bevor er sich öffnete und dem Zauberkunstprofessor verriet: „Mir geht es ganz genauso."