11. Mai – Der tröstende Spiegel

Daisy O'Hara weinte. Doch da es ihr peinlich war – denn der Grund war, dass sie gerade von Greg geärgert worden war, der, obwohl er immer gemein zu ihr war, ihr heimlicher Schwarm war –, rannte sie zur nächsten Mädchentoilette, um sich zu verstecken und ihren Tränen freien Lauf zu lassen. In den acht Monaten, die sie nun schon auf Hogwarts war, war sie noch nie in diesem Badezimmer gewesen, weil es zu weit von ihrem Gemeinschaftsraum oder ihren Klassenräumen gelegen war. Daher erschrak sie nun zu Tode, als der Gesichtsspiegel vor ihr plötzlich anfing zu reden.

„Alles in Ordnung?"

„Ja", hauchte sie nach ein paar Momenten in einer Art Schockstarre.

„Aber du hast geweint?", hakte der Spiegel freundlich nach. Er hatte kein Gesicht, nur eine Stimme. Eine eher weibliche Stimme.

„Ähm, ja. Stimmt."

„Möchtest du mir davon erzählen?"

„Wer bist du denn?"

„Oh", machte der Spiegel erschrocken. „Verzeihung, das vergess ich immer. Ich bin der tröstende Spiegel. Wann immer du ein Problem hast, kannst du mit mir darüber sprechen. Ich kann sehr gut Ratschläge erteilen und deine Geheimnisse für immer bewahren." Er klang ehrlich, als er das sagte. „Und wer bist du?"

„Daisy", sagte das Mädchen schüchtern.

„Gut, Daisy, dann erzähl mir doch, was dich bedrückt."

Nach und nach begann die Erstklässlerin, sich dem Spiegel zu öffnen, und berichtete ihm von Greg.

Der Spiegel seufzte schwer. „Das ist nicht leicht", gab er zu. „Doch ich würde dir raten, dir entweder immer wieder Gregs schlechte Seiten hervorzurufen, damit du dich entliebst; oder aber ihn direkt einmal auf seine Gemeinheiten anzusprechen. Wenn du ihm sagst, dass dich seine Sprüche verletzen, lässt er es vielleicht bleiben."

„Ja, vielleicht…" Daisy war nicht ganz so begeistert von dem Vorschlag, dankte dem Spiegel aber dennoch herzlich.

„Gerne", lächelte der Spiegel mit der Stimme. „Du darfst jederzeit wiederkommen – ich bin immer für dich da."

Als Daisy sich verabschiedet hatte und gegangen war, brauchte der tröstende Spiegel nicht lange auf seine nächste Kundschaft zu warten, denn kurze Zeit später betrat eine verweinte Sechstklässlerin das Bad.