26. Mai – Traumatische Erinnerungen

Modesty ging ans Fenster und sah hinaus auf den großen, grünen Park mit dem See in der Mitte. Normalerweise spazierten dort auf den Wegen viele Menschen, doch heute nicht, denn es regnete. Der Regen machte sie nicht traurig – er verwirrte sie. Irgendetwas Schreckliches war in ihrer Kindheit geschehen, dass sie mit Regen verband. Aber sie konnte sich nicht so gut daran erinnern.

Auf einmal flog eine große, schwarze Krähe an ihrem Fenster vorbei und erschreckte sie zu Tode. Sie trippelte ein paar Schritte zurück, stolperte über ihre eigenen Füße und fiel auf den Boden. Ihr Herz raste wild, sie bekam schlecht Luft und plötzlich bewegten sich die Wände um sie herum. Modesty kauerte sich in eine Ecke und fing an zu schluchzen, als Erinnerungsfetzen an ihre Kindheit in ihr aufstiegen.

Alles ist dunkel und kalt und grau.

Flyer werden verteilt.

Ihre Mutter schlägt ihren Bruder.

Menschen sterben.

Ein schwarzes Ungeheuer macht New York unsicher.

Das Haus wird zerstört und sie läuft davon.

Credence!

Sie schnappte panisch nach Luft und schrie dann laut um Hilfe. Immer wieder schrie sie, während sie schluchzte und die Tränen ihr übers Gesicht liefen.

Regen. Alles verwischt im Regen…

Ihre Zimmertür wurde aufgestoßen und jemand kniete sich vor sie auf den Boden und fasste ihre Arme.

„Modesty. Modesty! Sehen Sie mich an. Es ist alles in Ordnung."

Modesty erkannte die Stimme und wusste, dass sie ihr trauen konnte, also blickte sie auf, in die warmen Augen von Schwester Agatha. Auf dem Namensschild der Schwester las sie dann auch den Ort, an dem sie sich gerade befand und beruhigte sich wieder langsam, denn sie wusste, dass sie hier in Sicherheit war und dass man ihr hier helfen konnte.

ST. MICHAEL PSYCHATRIE