1. Juni – Bella

Andromeda Tonks fuhr mit dem Zug von ihrer Arbeitsstelle nach Hause. Da ihr Mann ein Muggel war, lebten sie in einer Muggelsiedlung; da konnte sie sich nicht einfach so mit einem Portschlüssel von A nach B bewegen oder sogar apparieren. Doch letzteres verabscheute sie sowieso – ihr wurde immer schlecht davon, sodass es für sie kein großer Verlust war.

Die Bahn kam aus London, wo sie in einem Archiv des Ministeriums arbeitete. Eine halbe Stunde brauchte sie gewöhnlich pro Fahrt und meistens nutzte sie diese Zeit zum Lesen, doch heute hatte sie keine Konzentration dafür. Stattdessen sah sie müde aus dem Fenster und erblickte Häuser, Wiesen, Flüsse und den wolkenverhangenen Himmel. Sie hatte heute im Tagespropheten erneut etwas über ihre Schwester gelesen. Zumindest über eine der beiden. Seit Bellatrix aus Askaban ausgebrochen war, wurde sie ständig in den Medien diskutiert. Ihre Vergangenheit wurde aufgerollt, Experten versuchten sie einzuschätzen und Psychologen, ihr Verhalten zu erklären. Doch Andromeda wusste ganz genau, warum ihre kleine Schwester diese schrecklichen Dinge tat: Sie wollte die Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Eltern.

Andromeda und ihre ältere Schwester Narzissa waren perfekte Kinder gewesen: höflich, brav, gut in der Schule, schön. Doch Bella war weniger schön, weniger begabt, weniger freundlich und allgemein sehr viel weniger beliebt als ihre beiden Schwestern – selbst bei den eigenen Eltern. Ihr Vater ignorierte sie bisweilen absichtlich und von ihrer Mutter musste sie sich oft anhören, sie solle sich ihre beiden Schwestern zum Vorbild nehmen. Das entfremdete Bella und ihre Schwester zunehmend und die Jüngste der drei Black-Schwestern begann, sich ihren Eltern anders zu nähern: über die Dunkle Magie. Es war allgemein bekannt, dass das noble Haus Black die schwarzen Künsten favorisierte und so fing Bella an, sich immer tiefer in die verbotene Literatur einzulesen und sich mit immer schlimmeren Zauberern abzugeben, bis sie sogar für ihre Eltern Rodolphus Lestrange geheiratet hatte, dessen Familienname schon viel über sein dunkles Wesen aussagte, und schließlich bei dem Dunkelsten von allen gelandet war: Voldemort.

Andromeda hatte oft versucht, ihre Schwester wieder auf den rechten Pfad zu führen, doch als sie, Andromeda, aus der Familie verstoßen worden war, weil sie sich als Reinblütige mit einem Muggel eingelassen hatte, brach der Kontakt zu Bella ganz ab. Zu Narzissa ebenfalls, denn diese konnte die Wahl ihrer Schwester kein bisschen verstehen und schämte sich sogar für sie, während Andromeda ihrerseits ein Problem mit Narzissas Ehemann hatte…

So hatte Andromeda nichts mehr für die beiden tun können und durfte sich daraufhin vollkommen auf ihr neues familiäres Glück konzentrieren. Doch ihre Schwestern haben sie innerlich nie losgelassen und so gab es wohl einen triftigen Grund, warum Nymphadora ein Einzelkind war…