24. Juni – Ein Jahr

Als Amos Diggory erwachte, wusste er sofort, welcher Tag heute war. Am liebsten wäre er gar nicht erst aufgestanden und hätte sich unter seiner Bettdecke verkrochen, aber es gab einen Ort, den er heute aufsuchen musste. Daher stemmte er sich mühsam aus dem Bett, schlurfte ins Bad, vermied dabei sein Spiegelbild und zog sich langsam an. Ohne zu frühstücken, öffnete er den Tagespropheten und überflog die Artikel auf der Suche nach seinem Sohn. Doch nichts. Anscheinend hatte die Welt ihn schon innerhalb eines Jahres vergessen…

Amos seufzte laut und stand auf. Mit müden Schritten verließ er seine Wohnung und disapparierte. Nach dem Tod seines Jungen hatte er nicht mehr in seinem alten Haus bleiben können, denn alles darin hatte ihn an Cedric erinnert und den Schmerz immer wieder von Neuem aufgeworfen.

Von einem nahegelegenen Feld pflückte er ein paar Mohn- und Kornblumen – das waren Cedrics Lieblingsblumen gewesen, denn manchmal blühten sie sogar zu seinem Geburtstag im September. Mit diesem Strauß in der Hand ging er eine Landstraße entlang, die ihn an Getreidefeldern und Waldstücken vorbeiführte, bis er ein kleines Dorf erreichte. Es störte ihn, dass die Sonne schien – er wollte lieber Regen haben, das würde besser zu seiner Stimmung passen.

In diesem Dorf war seine Frau aufgewachsen und vor ihrem Tod hatte sie ihn gebeten, bei ihren Eltern im Familiengrab beigesetzt zu werden. Dorthin war er nun auf dem Weg.

Der Friedhof war schön, umgeben von einem kunstvollgeschmiedeten, schwarzen Eisenzaun, mit hohen Schatten spendenden Bäumen und kleineren Hecken und Büschen für mehr Privatsphäre. Es handelte sich um einen Muggelfriedhof, aber das störte Amos nicht.

Er war schon oft hier gewesen, sodass seine Füße ihn ganz automatisch zum richtigen Grab führten. Er wünschte sich nur, die Amseln würden mit dem Singen aufhören, denn sie klangen viel zu fröhlich.

Dann stand er schließlich vor dem massigen Marmorstein, auf dem die Namen seiner Schwiegereltern, seiner Frau und nun auch leider seines Sohnes eingemeißelt worden waren.

Cedric Diggory

12. September 1977 –

24. Juni 1995

Amos legte die Blumen auf das Grab und schloss die Augen. Da übermannte ihn erneut das Gefühl der Einsamkeit und die Tränen, die er schon den ganzen Tag zu unterdrücken versuchte, kullerten ihm leise die Wangen hinunter.