9. Juli – Ein Stück Schokolade

Es war abends und schon dunkel draußen. Dudley versuchte einzuschlafen, doch er konnte es nicht, da er Hunger hatte. Also schlich er schließlich hinunter in die Küche, achtete darauf, nicht auf die knarzenden Treppenstufen zu treten oder sonst irgendeinen Laut von sich zu geben. Auf dem Flur unten jedoch hörte er seine Eltern im Wohnzimmer sprechen und aus reiner Neugier lauschte er.

„Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn", sagte seine Mutter gerade.

„Wieso denn das?", erwiderte sein Vater unverständlich.

„Seit er wieder hier ist, hat er kaum etwas gesagt, verkriecht sich den ganzen Tag in seinem Zimmer, isst kaum und manchmal denke ich, er hat geweint."

Dudley zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sein Cousin weinte?!

„Ist doch gut, wenn der Bengel uns vom Hals bleibt", meinte Vernon.

„Ich mache mir trotzdem Sorgen…"

„Aber warum denn?"

Petunia murmelte so leise, dass Dudley sie kaum verstand: „Er ist immer noch der Sohn meiner Schwester…"

Vernon seufzte, stand auf – vielleicht nahm er seine Frau in den Arm. „Ich werd versuchen, die nächsten Tage ein wenig netter zu ihm zu sein, okay?"

„Danke", erwiderte Petunia leise.

Dudley war völlig verstört von dem, was er gehört hatte. Sonst kümmerte sich niemand um Potter und alle zeigten ihm, wie wenig sie ihn wollten. Dudley machte da keine Ausnahme; so hatte er es schon früh als Kind gelernt. Doch nun machte sich seine Mutter Sorgen um Harry und sogar sein Vater wollte sich zurückhalten? Mit seinem Cousin musste etwas Schreckliches geschehen sein, dass er so niedergeschlagen war. Vielleicht Liebeskummer? Oder Einsamkeit? Oder Schulstress?

Als seine Eltern sich im Wohnzimmer bewegten, beeilte Dudley sich: Er schlich in die Küche, nahm aus dem Süßigkeitenschrank eine Tafel Schokolade und hastete ungesehen wieder nach oben. Als er jedoch an Harrys Zimmer vorbeikam, überkam ihn ein Gefühl, das er bisher nicht kannte: Sein Cousin tat ihm leid. Um sich besser zu fühlen, brach Dudley ein Stück von der Schokolade ab und schob es Harry unter der Tür ins Zimmer. Schokolade sollte doch glücklich machen, oder? Vielleicht half sie ihm ja…

Schnell ging Dudley in sein Zimmer zurück, aß die Schokolade auf und schlief zufrieden mit sich und der Welt ein.