19. Juli – Trostmittel

Es war dunkel, es war schon weit nach Mitternacht, bald würde es wieder hell werden. Und es war still, so still, wie es nur in der Nacht sein kann, so still, dass man sich plötzlich vollkommen allein auf der Welt fühlt, nur der Wind rüttelt leicht an den Fenstern und der Mond spendet sein Licht.

Severus konnte nicht schlafen. Er saß im Wohnzimmer in seinem Sessel in Spinner's End und starrte ins Nichts. Die Kerze, die er vor sich auf den Tisch gestellt hatte, war schon seit zwei Stunden verloschen.

Dies war sein Hauptargument, warum er die Ferien nicht mochte – er hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken, Grübeln, Sich-Erinnern, Trauern… Immer wieder quälte ihn die gleiche Frage: Hätte es eine Möglichkeit gegeben, Lily Evans zu retten? Hätte er vor dem Haus der Potters Wache halten sollen, um Voldemort aufzuhalten? Aber Severus wusste, wo der Fehler in der Gleichung lag: Er hätte gar nicht erst den Todessern beitreten dürfen! Dann hätte er nicht diesen bestimmten Teil der vermaledeiten Prophezeiung überhört und ihn an den Dunklen Lord weitergetragen! Und dann hätte dieser niemals die Potters verdächtigt und Lily würde noch leben!

Tränen stiegen in seine Augen bei diesem Gedanken. Er wusste ganz genau, dass er schuld an ihrem Tod war! Er war ein dummer, einsamer Junge gewesen, der sich von der Idee an Rache und Macht hatte verführen lassen und der dadurch den schlimmsten Fehler seines Lebens begangen hatte. Über die weiteren Gründe, warum er den Todessern beigetreten war, dachte er nicht nach; dass vielleicht sein Vater und Potter und Black mit Schuld trugen, das ignorierte er geflissentlich, denn er war tief in seinem Innern der Meinung, dass das Ganze vollkommen seine eigene Schuld war…

Heute war er natürlich immer noch einsam, vielleicht sogar noch viel einsamer, denn seine beste Freundin war nicht mehr. Selbst als sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, hatte er sie wenigstens aus der Ferne beobachten können: in Hogwarts und auch später in ihrem Haus in Godric's Hollow. Manchmal, wenn er sie vermisst hatte, war er in eine Gasse in der Nähe appariert und hatte gewartet, dass sie an ein Fenster trat oder aus der Haustür, nur um sie einmal wieder zu sehen… Nun sehnte er sie mehr denn je nach ihr und er hatte keine Möglichkeit, sie zu sehen. Es gab ein Trostmittel, das er nutzen konnte, aber er tat dies nur sehr selten, denn es war wie eine Droge: Im ersten Moment besänftigte es den Schmerz, doch danach fühlte er sich noch elender als vorher…

Seit Stunden schon überlegte er, ob er es tun sollte oder nicht, und nun war schließlich der Punkt gekommen, an dem er nicht mehr widerstehen konnten. Er zog seinen Zauberstab, schloss die Augen, dachte an den glücklichsten Moment in seinem Leben (den Tag in ihrem dritten Schuljahr, als Lily seine Hand genommen hatte und strahlend gesagt hatte: „Du bist wirklich mein bester Freund, Sev."), flüsterte: „Expecto Patronum", wartete einen Moment und öffnete dann die Augen.

Da war sie – seine Lily. Die silberne Hirschkuh tauchte das Zimmer in leuchtendes Weiß und ging vorsichtig umher. Severus lächelte, streckte seine Hand aus und die Hirschkuh stupste mit ihrer Nase seine Hand an und ließ sich danach streicheln.

Ja, Severus lächelte, aber gleichzeitig liefen ihm auch die Tränen übers Gesicht. Morgen würde ein noch schmerzhafterer Tag werden als heute – so wie immer…