2. August – Tierliebhaber

In der Nähe des Hauses der Lovegoods gab es einen kleinen Wald, durch den ein glänzender Bach floss und in dem die verschiedensten magischen und auch nicht-magischen Wesen lebten. Luna kam gerne hierher, um zu denken, zu zeichnen oder einfach nur zu beobachten. Manchmal konnte ihr Vater eine ihrer Erkundungen für sein Magazin verwenden.

Es dämmerte schon, aber Luna hatte keine Angst, schließlich war sie eine Hexe. Und bisher war ihr auch noch nie etwas Unvorhergesehenes passiert – bis heute.

„Halt!", rief plötzlich jemand, als sie gemütlich einen schmalen Pfad entlang spazierte, sprang aus dem Gebüsch und hielt sie fest.

Vor Schreck konnte sie nicht einmal nach ihrem Zauberstab greifen. Stattdessen starrte sie nur in die leuchtend grünen Augen ihres „Verbrechers". Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, vielleicht Mitte zwanzig, der kurze, braune Haare hatte und einen abgewetzten Mantel trug.

„Du musst aufpassen, wohin du gehst", sagte er ihr und wirkte erleichtert. „Fast wärst du auf eine Irische Ringelschnecke getreten – und es gibt nur noch zweiunddreißig in England." Er deutete auf ein kleines rot-gesprenkeltes Tier, das gemütlich an einem Laubblatt fraß.

„Oh, das tut mir leid", sagte Luna sofort erschrocken. „Das wollte ich nicht."

„Ist ja nochmal gut gegangen", lächelte der junge Mann nun und ließ sie los.

Luna beugte sich über die Schnecke und betrachtete sie genau. „So eine habe ich noch nie gesehen."

Er hockte sich neben sie. „Das ist das einzige Exemplar in diesem Wald. Deswegen will ich sie mitnehmen und zu einem Partner bringen."

Luna nickte.

„Ich bin übrigens Rolf Scamander", sagte der junge Mann und reichte ihr lächelnd seine Hand.

„Luna Lovegood", erwiderte sie automatisch und schüttelte die Hand. Doch dann meinte sie verwundert: „Scamander? Du hast nicht zufällig etwas mit Newt Scamander zu tun?"

„Doch", lachte Rolf und erhob sich wieder. „Der ist zufällig mein Opa."

„Wow!", staunte Luna und stand ebenfalls auf. „Ich bin ein großer Fan seiner Werke. Ich hab das Gefühl, ich kann Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind halb auswendig."

„Das freut mich", strahlte Rolf. „Ich arbeite nämlich an einer Erweiterung, da es noch immer magische Tiere gibt, die nicht genügend erforscht sind."

„Und das machst du beruflich?"

Er nickte.

„Das würde ich auch gerne machen."

„Was machst du denn aktuell?", wollte er wissen, während er ein Einmachglas mit kleinen Löchern im Deckel aus seiner Tasche holte, ein paar Blätter hineingab und vorsichtig die Schnecke hineinpackte.

„Ich gehe noch zur Schule."

„Hogwarts?"

Sie nickte.

Die Schnecke war mittlerweile wohlbehalten im Glas und Rolf stand wieder auf. „Ich bin übrigens ein großer Fan von dem Magazin deines Vaters", meinte er dann beiläufig.

„Du liest den Klitterer?!", rief Luna aus.

„Klar. Da stehen manchmal höchst interessante Artikel über verschiedene Tierwesen drin."

„Manche stammen von mir", gab sie zu und errötete leicht bei dem Gedanken, dass der Enkel von Newt Scamander ihre Artikel las!

„Das ist echt beeindruckend", erwiderte er ehrlich und grinste sie an.

Eine Weile standen sie einfach nur still einander anlächelnd voreinander, bis Luna sich räusperte und schüchtern fragte: „Ähm, hast du Lust, auf einen Tee mit zu mir zu kommen? Ich wohne gleich da drüben und mein Vater ist auch zu Hause."

„Das ist wirklich sehr nett", sagte Rolf gerührt, „aber ich muss den kleinen Kerl hier in sein neues Zuhause bringen."

Luna nickte verständnisvoll, auch wenn es sie auf einmal enttäuschte, dass sie sich von ihm verabschieden musste…

Ihm schien es ähnlich zu gehen, denn er fragte: „Darf ich dir schreiben?"

„Sehr gerne", strahlte sie.

„Nun dann, Miss Luna Lovegood", er nahm ihre Hand und gab ihr einen sanften Handkuss, „auf Wiedersehen."

„Ja", flüsterte sie nur, weil sie nichts anderes herausbringen konnte, und im nächsten Moment war er disappariert.

Völlig verträumt und mit klopfendem Herzen fand sie langsam am Abend ihren Weg nach Hause, wo sie sich ins Bett legte und von Rolf Scamander träumte…