1. September – Der Servierwagen

Anne Ross war eigentlich schon in Rente, aber zweimal im Jahr konnte sie ihren Geldbeutel ausbessern und zugleich noch in glückliche Kindergesichter blicken. Pünktlich um zehn Uhr morgens nahm sie den Servierwagen für den Hogwarts-Express von einem Vertreter der magischen Süßigkeitenfirma entgegen, prüfte noch einmal, ob auch alle Schokoladenfrösche, Kesselkuchen und Getränke an ihrem richtigen Ort waren und stieg dann vorne zum Lokführer in den ersten Waggon ein. Den Servierwagen ließ sie mit einem Schwebezauber hereinholen.

„Na, Anne, auch mal wieder da?", lachte Miguel. Er fuhr den Hogwartsexpress nun schon seit über 30 Jahren.

„Aber natürlich", grinste sie. „Immer am 30. Juni und 1. September."

Das Geld, das sie für diesen Job bekam war nicht besonders berauschend, aber immer noch gut genug, dass es sich für sie lohnte.

Um elf Uhr fuhr der Zug los – ob alle Schüler drinnen waren oder nicht – und schon bald hatten sie London hinter sich gelassen.

Anne blieb noch ungefähr eine Stunde vorne bei Miguel, sie unterhielten sich und genossen die schöne Aussicht, bevor sie sich mit ihrem kleinen Wagen auf den Weg durch alle Abteile machte.

„Hier kommt der Servierwagen!", rief sie immer wieder, damit alle sogleich ihr Geld herausholen konnten. „Hier kommt der Servierwagen!"

Sie verkaufte heute ungewöhnlich viel Schokolade, aber das lag bestimmt an den ganzen Dementoren, die den Himmel über England verdunkelten. Seltsamerweise konnte sie heute nirgends Harry Potter entdecken, und der Junge kaufte doch sonst immer reichlich bei ihr.

Das letzte Abteil war für die Professoren und andere Angestellte von Hogwarts reserviert. Hier traf sie am Ende ihrer Schicht auf Professor Slughorn, der breit grinste, als er sie entdeckte. „Anne! Du bist ja noch immer hier."

Sie nickte und umarmte ihren alten Freund. „Und du bist wieder in Hogwarts?"

„Was soll ich sagen", meinte er nur Schultern zuckend, „Dumbledore braucht mich eben."

Den Rest der Zugfahrt unterhielten sie sich über alte Zeiten und was sich seitdem in ihren Leben so alles getan hatte, auch wenn es nicht besonders viel war. Als sie Hogsmeade erreicht hatten, geleitete Anne Slughorn noch nach draußen.

„Mach's gut, Anne", lächelte dieser und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.

„Du auch, Horace", erwiderte sie leicht errötend. Er hatte schon immer diesen ganz besonderen Charme gehabt…

„Und bitte pass auf dich auf. Wir leben in sehr gefährlichen Zeiten."

„Ich weiß", nickte sie ernst.

Er drückte sie noch einmal an sich, bevor er sich winkend auf den Weg zu den Kutschen machte.

Anne sah ihm noch eine Weile leise lächelnd nach, dann stieg sie schnell wieder in den Zug ein und im nächsten Moment war sie schon auf dem Rückweg nach London.

Schon jetzt freute sie sich auf das Ende des Schuljahres, weil sie dann vielleicht Slughorn wieder begegnen würde…