2. September – Lies mich!

Mathilda war neu in Hogwarts, und als echte Leseratte musste sie natürlich an ihrem ersten richtigen Schultag die Bibliothek besuchen. Sie strahlte glücklich angesichts all der vielen Bücher, gemütlichen Lesesessel und praktischen Arbeitstische. Wahllos ging sie zum ersten Regal und zog ein Buch heraus, blätterte in den bunten Abbildungen und stellte es schließlich zurück. Es waren wenige Schüler heute da – es war ja auch erst der erste Tag –, nur ein älteres Mädchen mit buschigen Haaren saß in einem Sessel in der Ecke und las konzentriert in einem dicken Wälzer.

Mathilda ging weiter durch die Reihen, versuchte herauszufinden, wie die Bücher sortiert waren, bis sie plötzlich eine liebliche, geflüsterte Stimme vernahm.

„Hey, du. Komm bitte zu mir und lies mich."

„Wer hat da gesprochen?", fragte sie besorgt und sah sich um. Sie konnte niemanden entdecken.

„Hier. Folge meiner Stimme."

Mathilda ging weiter den Gang entlang, während die Stimme immer lauter wurde.

„Hier!", rief jemand plötzlich und sie sah zur Seite und entnahm ein Buch aus dem Regal, das aufgeregt wackelte.

„Hast du geredet?", flüsterte sie. Hogwarts war magisch – warum sollten dann nicht auch die Bücher reden können.

„Ja. Danke, dass du mir gefolgt bist", sagte das Buch. „Kannst du mich bitte lesen?" Es fragte so freundlich, dass Mathilda sofort nachgab.

Sie öffnete die erste Seite und begann zu lesen und zu lesen und zu lesen und zu lesen… Nach einer Weile wollte sie aufhören, doch es ging nicht. Panik stieg in ihr auf, sie konnte nichts sagen und sich nicht einmal umdrehen, ihre Augen verfolgten weiterhin jede Zeile, jedes Wort genau, ohne dass sie überhaupt den Sinn verstand.

Als es dämmerte, las sie immer noch. Ihre Augen tränten, ihre Arme schmerzten und sie konnte nicht mehr stehen.

Bald setzte die Dunkelheit ein und Mathilda fragte sich, ob sie wohl die ganze Nacht hierbleiben müsste und ob der Zauber gebrochen würde, wenn sie vor Erschöpfung ohnmächtig würde…

„Finite!", rief plötzlich jemand und das Buch fiel ihr aus der Hand und sie selbst auf die Knie.

Mathilda blickte auf und entdeckte Madame Pince, die Bibliothekarin, die ihren Zauberstab fest umklammert hielt und sie mit schreckgeweiteten Augen anblickte.

„Alles in Ordnung bei dir?", wollte sie wissen und Mathilda nickte. „Woher hast du dieses Buch?"

Das Mädchen zeigte auf die freie Stelle im Regal.

Madame Pince hob das Buch auf. „Das gehört eigentlich in die Verbotene Abteilung…", murmelte sie. Dann half sie Mathilda auf die Beine. „Hör zu, Mädchen", sagte sie ernst. „Vertraue nie einem Buch, wenn es dir Dinge sagt."

Mathilda nickte kleinlaut. Wer hätte gedacht, dass es gefährliche Bücher gab?