25. September – Die Goldkette

Filch war auf dem Rückweg vom Abendbrot zu seinem Büro. Er war unzufrieden mit seinem Leben, aber das war nichts Neues. Er war nicht gerne Hausmeister, denn niemand schätzte seine Arbeit im Schloss, alle hielten sie für selbstverständlich. Ob er den Boden wischte oder nicht, spielte keine Rolle – am nächsten Tag war wieder alles dreckig. Ob er zerstörte Tische und Bänke reparierte oder nicht – demnächst herrschte wieder der Vandalismus. Ob er die Kinder ermahnte, sich auf den Fluren zu benehmen oder nicht – sobald er um die Ecke war, geschah ein Unfall. Es spielte keine Rolle, ob er hier war oder nicht. Nicht einmal die Strafarbeiten waren so grauenvoll wie früher… Aber der Job brachte ihm ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen, soziale Kontakte (auch wenn er der Meinung war, mit seiner Katze genug Freunde zu haben) und sogar noch ein wenig Geld oben drauf, das er für Musik oder besonderes Katzenfutter ausgeben konnte.

Doch an diesem Abend geschah etwas Seltenes: Er fand einen Gegenstand. Gut, dass er den Rotzlöffeln ihre Sachen hinterherräumen musste, da sie andauernd ihre Pergamente, Schals oder Bücher auf den Fluren liegen ließen, war nichts Besonderes – die Fundkiste in seinem Büro quoll jetzt schon über und er entleeret sie jeden Sommer und Winter einmal! Nein, dieser Gegenstand war anders als sonst. Es handelte sich um eine filigrane Goldkette mit einem Anhänger in Form eines Bücherstapels.

Filch betrachtete sie einen Moment fasziniert, blickte sich dann auf dem Korridor um, ob er auch allein war, und steckte sie blitzschnell in seine Jackentasche. Das war bestimmt echtes Gold, vermutete er, und das hieß, dass die Kette eine Menge wert war. Er war der Meinung, dass er sich ruhig einen Bonus auf sein Gehalt gönnen könnte, und es war ja nicht seine Schuld, wenn irgendjemand so unvorsichtig war und sie verlor.

Fröhlich pfeifend – ausnahmsweise einmal in bester Laune – und sich überlegend, was er von dem Geld, das ihm die Kette einbringen würde, alles Tolles kaufen könnte, kam plötzlich eine Schülerin um die Ecke gelaufen. An den buschigen, braunen Haaren konnte er leicht erkennen, dass es sich um Hermine Granger handelte, die aufgeregt umherhastete und sich mit großen Augen umschaute.

„Sollten Sie nicht in Ihrem Turm sein?", schnarrte Filch.

Das Mädchen blickte zu ihm und kam schnell auf ihn zu. „Ich suche nach meiner Kette. Haben Sie zufällig eine gefunden?"

„Wie sah die denn aus?"

„Sie war aus Gold und hatte einen Bücherstapel-Anhänger." Panisch sah sie ihn an. „Ich hab ihn letzte Woche von meinen Eltern zum Geburtstag bekommen – und jetzt hab ich ihn gleich verloren…" Tränen glitzerten in ihren Augen.

„Ja, nun, ich hab sie nicht gesehen", sagte Filch schnell und lief an ihr vorbei. Doch schon nach ein paar Schritten holte ihn sein schlechtes Gewissen ein. Miss Granger gehörte zu den wenigen Schülern, die niemals Ärger machten, sondern im Gegenteil sogar ihre Mitschüler dazu aufforderte, sich ebenfalls an die Regeln zu halten. Sie machte keinen Dreck, räumte hinter sich auf und lächelte ihm manchmal sogar höflich zu, wenn sie aneinander vorbeigingen.

Schweren Herzens nahm er die Kette aus seiner Tasche. Er drehte sich kurz zu ihr um, doch sie hatte ihm den Rücken zugedreht. Er schluckte und rief dann lauter: „Ist das Ihre Kette, Miss Granger?"

Hermine war sofort bei ihm und ihr Gesicht hellte sich beim Anblick ihrer Kette auf. „Ja, das ist sie! Vielen, lieben Dank!" Sie nahm die Kette, hängte sie sich um den Hals und strahlte Filch an.

„Ach, kein Problem", winkte er peinlich berührt ab.