14. Oktober – Ohne Worte

In Hogwarts herrschte wunderbares Herbstwetter: Die Sonne schien, die Temperaturen waren angenehm und die Blätter verfärbten sich allmählich gelb, braun und rot.

„Ich geh nach draußen", verkündete Harry am Nachmittag und schloss sogar sein Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen. „Kommt einer mit?"

Hermine schüttelte nur mit dem Kopf, ohne überhaupt von ihrem Buch über Besondere Verwandlungen des 16. Jahrhunderts aufzublicken, und Ron murmelte gequält: „Geht nicht, Zauberkunst-Aufsatz…"

Also ging Harry allein nach draußen. Vielleicht könnte er Hagrid besuchen oder Hedwig? Seine Füße trugen ihn wie von selbst hinaus auf den Innenhof mit dem Brunnen. Ein paar Schüler saßen an dessen Rand und ließen die Füße überm Wasser baumeln, doch Harry strebte nicht nach ihrer Gesellschaft und ging schnell an ihnen vorbei. Der Auserwählte wollte einfach nur seine Ruhe haben…

Er überquerte die Holzbrücke, die ihn zu Hagrid, dem Verbotenen Wald und der Peitschenden Weide führte, und kam schließlich zu dem Steinkreis am Ende der Brücke.

Im ersten Moment glaubte er, dass niemand hier war, und er genoss die Einsamkeit – keine seltsamen Blicke, kein Geflüster, keine Beleidigungen –, doch dann entdeckte er am Rand des Kreises ein Mädchen, das im Gras lag, die Augen geschlossen hatte und die Sonne genoss. Anhand ihrer langen, blonden Haare, die quer über den Rasen ausgebreitet waren, war es nicht besonders schwer zu erraten, wer sie war.

Harry ging zu Luna und überlegte, ob er sie stören sollte oder nicht. Er mochte sie sehr gerne, da sie ihn wie einen Freund behandelte, und nicht wie einen Helden oder einen Feind, und weil sie in ihrer manchmal seltsamen Art doch so unkompliziert und ruhig war.

Als Harrys Schatten aus Versehen auf ihr Gesicht fiel, öffnete sie verwundert die Augen, erkannte ihn jedoch, lächelte kurz, deutete dann auf den Platz neben sich im Gras und schloss die Augen wieder.

Harry zögerte nur kurz, bevor er sich dazulegte, und nun ebenfalls die Sonne genoss.

Nach einer Weile spürte er, wie ihre Hand seine leicht umfasste, und er ließ es geschehen, da er wusste, dass sie es nicht so meinte, wie es für Außenstehende nun aussehen durfte. Außerdem spendete diese kleine Geste ihm mehr Trost, als es auch nur irgendein Wort vermocht hätte.

Harry lächelte leise. In diesem Moment war es so einfach, alles Schlechte dieser Welt zu vergessen.