18. Oktober – Zwangsehe

Es war Nacht, ruhig und dunkel. In der Nachbarschaft schienen alle zu schlafen und auch die Kerzen in diesem Haus waren schon vor einer Weile gelöscht worden, doch trotzdem schliefen seine Bewohner noch nicht.

Es war ein altes Haus, voller dunkler Ecken, geheimer Verstecke, schwarzmagischer Artefakte. Wenn das Ministerium dieses Haus fände, würde es den wohl größten Coup der Geschichte landen, doch dieses Haus wurde durch jahrhundertealte Zauber, Flüche und Beschwörungen verborgen, sodass der Herr und die Herrin eigentlich in Ruhe schlafen könnten, obwohl sie auf Steckbriefen gesucht wurden und ihnen die Todesstrafe drohte.

Doch das taten sie nicht. Viel zu sehr quälten sie ihre eigenen Gedanken. Obwohl sie ein Ehepaar waren und im Bett nebeneinander lagen, war der Umgang miteinander weder intim noch besonders liebevoll. Aktuell lag jeder auf seiner Seite, weggedreht vom anderen und ignorierte ihn.

Auf der rechten Seite lag Rodolphus Lestrange. Als Reinblüter, der stolz darauf war, ganz und gar magisches Blut zu tragen, war es selbstverständlich gewesen, eine reinblütige Hexe zu heiraten. Doch viel Auswahl hatte es nicht mehr gegeben. Viele Zaubererfamilien hatten im Laufe der Jahre ihr Blut verunreinigt, indem sie Muggel, Squibs, Halbblüter oder Schlammblüter geheiratet hatten. Er hatte damals, mit gerade einmal zwanzig Jahren, die Wahl zwischen drei Frauen gehabt, die verfügbar waren, und zu seinem Glück war das Mädchen, das er schon seit der ersten Klasse heimlich beobachtet hatte, auch dabei gewesen: Bellatrix Black. Lange, schwarze Haare, dunkle Augen mit einem scharfen Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren konnte; sie war boshaft, gnadenlos und begabt – genau nach seinem Geschmack. Und sie hatte ihn sogar akzeptiert! Für einen Moment war er wunschlos glücklich gewesen, bis sie ihm in ihrer Hochzeitsnacht mitgeteilt hatte, sie habe ihn nur auf Wunsch ihrer Eltern geheiratet und er solle jetzt nicht erwarten, dass sie ein glückliches Paar wären! Er hatte zwar im Laufe der Jahre (selbst während der langen Zeit in Askaban) versucht, sie für sich zu gewinnen, doch es war hoffnungslos. Er hatte irgendwann herausgefunden, dass sie jemanden anderen verehrte – und gegen ihn würde er niemals ankommen…

Auf der linken Seite des Bettes lag Bellatrix Lestrange, geborene Black, und träumte vom Sieg über die Schlammblüter, Blutsverräter, Muggel und anderen Abschaum. Wenn Dumbledore erst einmal aus dem Weg war und Snape in Ungnade gefallen war, dann würde sie selbst hervortreten und den Krieg für die gute Sache gewinnen. Sie wird es sein, die Harry Potter zu ihm bringt, und damit den entscheidenen Siegtreffer erringt. Dafür würde er sie belohnen, sie an sich ziehen, küssen und zusammen würden sie England und bald die ganze Welt regieren! Sie liebte den Dunklen Lord über alles, sie würde alles für ihn tun, ihm alles geben, was sie besaß, sogar für ihn sterben! – und sie war sich sicher, dass er sie eines Tages ebenfalls lieben würde, wenn er sie für würdig erachtet hätte, wenn sie sich bewiesen hätte.

Und so lagen Mann und Frau zusammen und doch einsam im gemeinsamen Ehebett und keiner von beiden wusste, dass er glücklich geworden wäre, wenn er damals die Halbblüterin aus seiner Klasse Anne Legrand geheiratet hätte, und sie, wenn sie dem Dunklen Lord nie begegnet wäre…