19. Oktober – Selbsthilfegruppe

Tobias Snape war sich nicht sicher, ob er den Raum wirklich betreten sollte oder nicht. Wollte er überhaupt? Aber es musste sich dringend etwas in seinem Leben ändern!

Er atmete einmal tief durch, bevor er die Türklinke herunterdrückte und den Raum betrat. Das Treffen hatte anscheinend schon begonnen, alle saßen in einem Stuhlkreis und blickten nun überrascht zu ihm. Er überlegte, ob er schnell wieder verschwinden sollte.

„Willkommen", grüßte ihn da eine ältere Frau freundlich. Sie hatte warme Augen und ein ehrliches Lächeln. „Setz dich doch zu uns."

Er tat es und wartete angespannt. Er fühlte sich unwohl, aber das gehörte wohl dazu.

Die anderen sahen ihn jetzt ebenfalls offen und positiv an, auch wenn er bei ihnen die gleichen dunklen Augenringe und Sorgenfalten wie auf seinem Gesicht entdecken konnte.

„Wenn du magst, kannst du uns deinen Namen verraten", meinte die Frau. „Oder du sagst uns, wie du genannt werden möchtest."

„Tobias", sagte er sofort. Es gab keinen Grund, einen anderen Vornamen zu benutzen.

„Möchtest du uns von deinem Problem erzählen?"

Schweren Herzens tat er es. Sein Arzt, die Polizei und sein Kumpel hatten ihm empfohlen, sich hier zu öffnen. „Ich komme aus einem kleinen Ort. Dort hatte ich eine Frau und einen Sohn. Als ich jedoch meine Arbeit in der Fabrik verlor, hab ich mit dem Trinken angefangen. Ich hab meinen Ärger und meine Frustration an meiner Familie ausgelassen und sie… geschlagen. Mein Sohn war auf einem Internat in Schottland und daher nur im Sommer da, aber das hat gereicht. Ich hab mich oft mit den beiden gestritten über alles Mögliche. Sie waren… seltsam, ganz anders als ich. Damit bin ich nicht klargekommen. Als mein Sohn erwachsen war, ist er ausgezogen, bei irgendwelchen Freunden untergekommen. Meine Frau hat sich von mir getrennt und mich rausgeworfen. Seitdem bin ich allein und komm vom Alkohol nicht weg." Er schaute mit leerem Blick in die Runde und konnte verschiedene Emotionen in den Gesichtern der anderen lesen: Mitleid, Scham, Abscheu, Mitgefühl, Trauer, Wiederkennung.

„Wo sind deine Frau und dein Sohn jetzt?", fragte die ältere Frau ruhig.

„Meine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben, ein Unfall, glaub ich. Mein Sohn ist Lehrer in seinem Internat geworden, aber er will nichts mehr mit mir zu tun haben…" Das war es, was er am meisten bereute – dass sein Sohn ihn hasste.

„Was glaubst du, was dir helfen könnte, von deiner Sucht loszukommen?"

„Wenn Severus wieder mit mir spricht", erwiderte er sofort. „Er muss mich nicht mögen, ich will nur wieder ein Teil von seinem Leben sein."

„Was hast du bisher unternommen, um den Kontakt wieder aufzunehmen?"

„Ich hab versucht, ihn anzurufen, aber er ist nicht rangegangen. Ich hab ihm mehrere Briefe geschrieben, aber er hat nie geantwortet. Ich hab auch schon mal versucht, ihn bei seiner Schule zu treffen, aber ich konnte sie einfach nicht finden." Er seufzte kurz. „Letzten Sommer war ich bei unserm alten Haus. Als meine Frau starb, erbte er es und mir wurde gesagt, er ist im Sommer immer da, aber mir machte zuerst keiner auf. Ich hab's immer wieder versucht, aber irgendwann ist so ein komischer Mann rausgekommen, ganz klein und hässlich, und hat gesagt, Severus wohnt hier nicht mehr. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie ich ihn erreichen soll…"

Einen Moment herrschte bedrücktes Schweigen, dann seufzte die ältere Frau einmal schwer und ratlos.

So fühlte sich Tobias seit Jahren.