22. Oktober – Askaban

Narzissa Malfoy erschien auf der kleinen Insel mitten auf der Nordsee und schwankte kurz. Lange Apparierstrecken bekamen ihr nicht besonders. Sogleich bemerkte sie die salzige Luft, die leichten Gischttropfen und natürlich die Eiseskälte, die die vielen Dementoren verursachten.

Sie stieg mit eilenden Schritten hinauf zu der Steinfestung und durch das Eingangstor. Beim Pförtner wies sie sich aus, ließ ihre Tasche und sich selbst nach irgendwelchen gefährlichen oder verbotenen Gegenständen untersuchen, gab ihren Zauberstab ab und wurde dann von einem Wächter zu der richtigen Zelle geführt. Askaban war schon unheimlich genug, mit seinen dunklen, kalten, engen Gängen, den vielen Klage- und Wahnsinnsschreien der Gefangenen, doch Dementoren an jeder Ecke verschlimmerten die Lage ins Unermessliche. Mit jedem Schritt, den sie weiter hineinging, wurden ihre Gedanken düsterer und depressiver. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie sich überlegte, wie man sich wohl fühlen musste, wenn man für längere Zeit, vielleicht sogar Jahre hier sein musste.

„Sie haben eine Stunde", sagte der Wachtmann ruppig, als sie die Zelle erreicht hatten, und ging wieder.

Narzissa nickte nur und stellte sich ohne Umschweife an die Gitterstäbe. „Lucius", sagte sie mit belegter Stimme.

Ihr Mann saß mit ausdruckslosem Gesicht auf seiner Pritsche. Als er sie jedoch bemerkte, lächelte er auf und kam schnell auf sie zu.

Wie gern hätte sie ihn umarmt, doch die Gitterstäbe ließen es nur zu, seine Hand – die eiskalt war! – zu ergreifen und sein Gesicht voller Bartstoppeln zu streicheln. Selbst durch die ungewaschenen, langen Haare fuhr sie ihm gerne.

„Narzissa", seufzte er und schmiegte sich an ihre Hand.

Sie konnte ihre Tränen nicht mehr unterdrücken, doch er wischte sie einfach weg und versicherte ihr, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging.

„Aber wie geht es dir?", wollte er danach wissen. „Und… Draco?"

Auch Narzissa schluckte. „Dumbledore lebt noch", flüsterte sie nur, als ob damit alles gesagt worden wäre.

„Hat er mal geschrieben?"

Sie schüttelte mit dem Kopf und weinte verzweifelt. „Warum nur…?"

Lucius seufzte niedergeschlagen. „Es ist meine Schuld, ich habe versagt…"

„Nein!", rief sie sofort. „Darüber haben wir schon gesprochen! Du trägst keine Schuld! Es ist seine Schuld!"

„Narzissa!", zischte Lucius erschrocken. „Was sagst du da?"

„Er hat dich allein gelassen im Ministerium", erwiderte sie eindringlich, wenn auch leiser. „Er hat dir nicht geholfen, sondern ist geflohen, obwohl er wusste, dass die Auroren und Dumbledore da waren. Er hat dich noch immer nicht hier rausgeholt, obwohl es hier so schrecklich ist. Und dann hat er auch noch Draco bestraft und ihm eine unmögliche Aufgabe gegeben. Und wenn er die nicht schafft, dann wird er ihn… umbringen." Das letzte Wort kam nur noch gebrochen heraus.

Lucius legte, so gut es ging, seine Arme um sie und versuchte, sie zu trösten. „Sch, sch", machte er. „Das wird nicht geschehen! Draco ist nicht allein – Severus ist bei ihm. Er hat es geschworen, nicht wahr?"

Narzissa nickte leicht.

„Dann wird alles gut. Ich komm hier schon klar. Bitte mach dir keine Sorgen mehr, ja?"

„Ich versuch's", erwiderte sie leise, aber immer noch mitgenommen.

Er lächelte sanft. „Ich liebe dich."

„Ich liebe dich auch", flüsterte sie.