23. Oktober – Trainingswille

Nicholas White beeilte sich mit seinem Abendessen, lief danach in seinen Schlafsaal im Gryffindorturm, holte seinen schwarzen Mantel und Schal und versuchte anschließend, das Schloss zu verlassen, ohne entdeckt zu werden. Als dunkler Schatten huschte er über die noch dunkleren Ländereien und hinüber zum Quidditch-Stadion. Er hatte beim letzten Spiel zufällig das Passwort zu den Umkleidekabinen gehört und darin befanden sich immer ein paar alte Besen und Bälle.

Nicholas besaß keine Uniform, die er hätte anziehen können, doch er legte seinen Mantel und Schal ab, nahm sich einen Besen und einen Quaffle und trat hinaus auf das pechschwarze Quidditchfeld. Erst vor ein paar Wochen hatte er das Fliegen erlernt, doch er wusste schon jetzt, dass es nichts Großartigeres geben könnte. Als er dann vor ein paar Tagen zum ersten Mal ein Quidditch-Spiel mitangesehen hatte, stand sein Entschluss fest: Er würde dieses Jahr so viel trainieren, dass der Kapitän Harry Potter gar keine andere Wahl hatte, als ihn mitspielen zu lassen. Der berühmte Harry Potter!

Er hatte sich überlegt, welche Position er am besten spielen sollten, und da Harry Sucher war, sein bester Freund Ron der Torhüter und er selbst nicht stämmig genug für einen Treiber war, blieb nur noch Jäger übrig. Praktischerweise wusste er, dass eine der Jägerinnen dieses Jahr ihren Abschluss machen würde und damit ihm den Platz freimachen könnte.

Er bestieg seinen Besen und stieß sich in die Luft. Ein paar Runden flog er nur im Kreis, um sich aufzuwärmen, dann machte er ein paar scharfe Kurven und Wendungen, zuletzt warf er den Quaffle nach vorn und versuchte, ihn danach aufzufangen, was ihm aber nicht immer gelang, weswegen er frustriert zum Erdboden zurückflog und den Ball mit der Hand auflas. Einmal, als er wieder herunterfliegen musste, sprach ihn jemand an, wodurch er zu Tode erschrak.

„Sind Sie sich sicher, dass dies die beste Möglichkeit des Trainings ist?"

Nicholas erstarrte und drehte sich langsam um.

Dort an einen der Torringe gelehnt stand Madame Hooch mit verschränkten Armen. Aber sie sah nicht wütend aus.

„Ähm, ich weiß nicht", gab er zu.

Sie kam auf ihn zu und nahm ihm den Quaffle ab. „Jetzt verraten Sie mir doch mal, was Sie so ganz alleine im Dunkeln auf dem Quidditchfeld machen."

„Trainieren", erwiderte er sofort.

„Und wofür?"

„Ich will nächstes Jahr in die Quidditchmannschaft."

„Welche Position?", fragte sie geschäftsmäßig.

„Jäger."

Sie nickte ein paar Mal, dann forderte sie: „Steigen Sie auf Ihren Besen und fliegen Sie in einem weiten Kreis über mir. Ich werde Ihnen den Ball zuwerfen und Sie versuchen, ihn zu fangen. Alles klar?"

Nicholas machte ein verdutztes Gesicht, gehorchte aber mit einem Nicken. Er hatte geglaubt, sie würde ihn bestrafen – und nicht helfen!

So trainierten sie eine Weile, Madame Hooch hatte mit einem Zauber für ein wenig Licht gesorgt, und das vereinfachte die Sache ungemein. Schließlich winkte sie ihn zu sich herunter.

„Gar nicht schlecht für den Anfang", lobte sie. „Aber ich möchte nicht, dass Sie hier abends allein herumfliegen, ist das klar?"

„Aber wie soll ich denn sonst trainieren?"

Madame Hooch überlegte. „Das ist eine berechtigte Frage… Ich hab's! Was halten Sie davon, wenn ich mitkomme? Es kann nicht schaden, das Quidditchfeld ein paar Mal die Woche für alle gewillten Trainierer zu öffnen und gegebenenfalls Tipps zu geben, nicht?"

Nicholas strahlte. „Sie sind die beste, Madame Hooch!"

Sie errötete leicht und winkte ab. „Man tut, was man kann für den Nachwuchs von morgen."