5. November – Kerzenlicht

Die Graue Dame schwebte durch das Schloss, ohne sich bewusst darüber zu sein, wohin. Nur am Rande bemerkte sie die Dunkelheit und Stille – es schien Nacht zu sein – sie war in Gedanken, aber an was sie dachte, konnte sie später nicht mehr sagen.

Als sie jedoch durch die nächste Wand schwebte, erwartete sie dahinter Licht. Sie befand sich nun in einem kleinen Raum mit einem Bett, einem Bücherregal und einem Tisch, auf dem eine lange, weiße Kerze brannte.

Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf das kleine Feuer. Langsam kam sie näher.

Da! Sie blickte blitzschnell zur Seite, da sie aus den Augenwinkeln jemanden entdeckt hatte. Doch sofort bemerkte sie, dass es sich nur um ihr eigenes Spiegelbild handelte. Fasziniert beobachtete sie, wie das flackernde Licht ihr Gesicht noch gespenstischer aussehen ließ als sonst. Und irgendwie schöner…

Sie richtete ihren Blick wieder auf die Kerze, schritt näher und beugte sich zu ihr herunter. Wie in Trance hob sie ihre Hand und berührte mit ihrem Zeigefinger das offene Feuer.

Sie seufzte enttäuscht – es war ihr als Geist nicht möglich, zu sterben oder auch nur Schmerzen zu empfinden. Wie oft hatte sie am Anfang versucht sich umzubringen, als sie erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, zurückzukehren. Sie hatte versucht, sich zu ersticken, ertränken, erstechen, erschießen… Aber nicht einmal dieses Kerzenlicht konnte ihr irgendein Gefühl abringen. Kein Schmerz, und auch keine Wärme.

Plötzlich sprang die Tür hinter ihr auf, eine Lehrerin trat herein und blickte sie erschrocken an.

Die Graue Dame überlegte nicht lange und floh, so schnell sie konnte, durch die nächste Wand.

Ihr Windstoß ließ die Kerze erlöschen.