9. November – Reductio

„Ruhe", sagte Snape bedrohlich wie immer, auch wenn die Klasse schon mucksmäuschenstill war. „Heute befassen wir uns mit dem Reduktor-Fluch. Wer kann mir sagen, was dieser bewirkt?" Er ließ seinen Kopf durch die Klasse schweifen und war froh, keinen Streber wie die Granger zu haben, die sofort ihre Hand heben würde und auf ihrem Stuhl hibbeln würde…

Eine Weile passierte nichts, dann hob Ginny Weasley eher gelangweilt ihre Hand. Er nahm sie dran, obwohl er wusste, dass sie sich nur meldete, damit das Unterrichtsgeschehen vorankam und damit keiner ihrer Mitschüler von ihm einfach so drangenommen wurde, der die Antwort vermutlich nicht wusste, wodurch er ihm Punkte abziehen konnte. Es waren viele Gryffindors in diesem Kurs…

„Der Reduktor-Fluch lässt Gegenstände pulverisieren und magische Barrieren verschwinden."

Snape nickte kurz und wusste, dass Granger noch sehr viel mehr gesagt hätte (über die Geschichte des Fluches, verschiedene Anwendungen und vielleicht ein Beispiel, dass wenn man einen Tisch verschwinden ließ, die Gegenstände auf ihm zu Boden fielen…). Er war der Weasley dankbar, dass sie eine knappe Antwort gegeben hatte. Er hasste Besserwisser.

„Wie lautet die Zauberformel?", fragte er nun. Er erwartete nicht, dass ihm jemand antwortete, da dieser Spruch erst in der 5. Klasse behandelt wurde. Zu seiner großen Verwunderung jedoch meldete sich Weasley wieder – und auch Luna Lovegood. Er sah die Ravenclaw erwartungsvoll an.

Reductio", erwiderte sie mit fester Stimme, weil sie wusste, dass sie Recht hatte.

Wieder nickte er nur einmal, auch wenn er sich fragte, woher sie dies wusste. Normalerweise arbeitete sie nicht im Buch vor…

Als nächstes ließ er die Tische und Stühle zur Seite räumen, sodass eine freie Fläche im Raum entstand, und gab jedem ein Holzstück, die er im Verbotenen Wald gesammelt hatte. „Legen Sie das Holzstück ein paar Meter vor ihre Füße. Versuchen Sie dann, es mithilfe des Reduktor-Fluches zu pulverisieren. Achten Sie darauf, nicht Ihre Mitschüler zu treffen! Sehen Sie zu mir." Er holte seinen Zauberstab hervor, richtete ihn auf einen Ast, der vor ihm auf dem Boden lag, machte die richtete Bewegung und rief mit kräftiger Stimme: „Reductio!" Sofort war der Ast verschwunden und nur Staub blieb zurück. „Auch wenn die Zauberstabbewegung einfach ist", fuhr Snape fort, „gelingt dieser Zauber nicht vielen. Konzentrieren Sie sich daher. Beginnen Sie nun!"

Langsam wurde der Raum mit Reductio-Rufen gefüllt, doch kein Holzstück wurde zerstört. Ein paar flogen umher, einer ging in Flammen auf, doch dann plötzlich vernahm Snape das typische Geräusch der Pulverisierung.

Als er sich umsah, bemerkte er überrascht, dass Lovegood es geschafft hatte. Sie sah jedoch nicht besonders triumphierend aus, so als ob sie es schon oft geschafft hätte.

Gerade als Snape zu ihr gehen wollte, hörte er aus einer anderen Ecke ein lautes: „Reductio!" und ein Ast wurde mit solch einer Wucht zerstört, dass eine kleine Druckwelle entstand, die die Schüler zum Taumeln brachte.

„Wer war das?", rief Snape in die Runde, die Augen weit aufgerissen.

Weasley meldete sich schüchtern. „Ich, Professor."

Er schritt auf sie zu. „Machen Sie das noch einmal!", befahl er.

Ginny zielte auf den nächsten Ast, der ebenfalls pulverisiert wurde, wieder mit einer Druckwelle. Unsicher sah sie zu ihm auf.

„Nicht viele Zauberer sind in der Lage, so einen heftigen Reductio zu vollführen", gab Snape zu. „Wo haben Sie ihn gelernt?" Es war eindeutig, dass dies nicht ihr erster Versuch sein konnte.

„Ähm, in Dumbledores Armee, Sir", erklärte sie.

Er nickte verstehend – das erklärte auch, warum die kleine Lovegood es auf Anhieb geschafft hatte. „Ich möchte sehen, was Sie können." Er ließ alle Schüler in den hinteren Teil des Raumes gehen, zauberte eine Schutzblase um sie und befahl Ginny, den Tisch am anderen Ende des Zimmers zu vernichten.

Sie konzentrierte sich, rief: „Reductio!" – und der Tisch explodierte mit solch einer Kraft, dass die Bilder von den Wänden fielen, das Glas der Fensterscheiben klirrte und die Druckwelle selbst durch die Schutzblase spürbar war.

Snape sah sie erstaunt an. „Die Klasse ist entlassen. Miss Weasley, Sie bleiben noch kurz."

Schnell sammelten alle ihre Sachen zusammen und verließen den Raum.

Als Snape mit der rothaarigen Schülerin allein war, teilte er ihr sogleich mit: „Sie haben eine große Begabung. Mit diesem Zauber können Sie viel Schaden anrichten – er kann in einem Kampf von großem Vorteil sein."

„Ja, ich weiß", lächelte Ginny. „Das durfte ich in der Mysteriumsabteilung erleben."

Snapes Augen weiteten sich; er hatte von den zerstörten Regalen und Prophezeiungen gehört. Jetzt wusste er, wie es dazu gekommen war. „Gut, aber seien Sie vorsichtig mit diesem Zauber. Sie könnten aus Versehen sich und andere verletzten."

Sie nickte ernsthaft.

„Gut, Sie können gehen."

Ginny nahm sich ihre Tasche. Kurz vor der Tür hielt er sie auf.

„20 Punkte für Gryffindor", sagte er.

„Danke, Sir", grinste sie.

„Und 50 Abzug, wenn Sie es irgendjemandem verraten!", drohte er.

Sie lachte nickend und verschwand aus dem Klassenzimmer.

Snape blieb mit dem ungemütlichen Gedanken zurück, dass Potter mehr in Dumbledores Armee geleistet hatte, als er ihm je anerkannt hatte…