18. November – Unter dem Tarnumhang

„Hey, Harry, kann ich mir kurz deinen Tarnumhang ausleihen?", fragte Ginny am Abend, als ob sie nach dem Wetter gefragt hätte.

„Ähm, wieso?", fragte Harry misstrauisch. Ginny hatte noch nie nach seinem Tarnumhang gefragt.

„Ich bin gerade dabei, meinen Verteidigungsaufsatz zu schreiben, und da habe ich bemerkt, dass mir eine bestimmte Information fehlt und die würde ich gerne in der Bibliothek nachsehen." Sie zuckte mit den Schultern. „Mir ist das ziemlich egal, aber du weißt ja, wie Snape ist." Sie rollte mit den Augen.

„Ähm, ja, ist gut. Ich hol ihn schnell."

Keiner von beiden erwähnte, dass Hermine, die in einem Sessel in der Ecke las, vermutlich die Antwort wusste, oder dass sogar Harry selbst es konnte, da er so gut in dem Fach war.

Er wäre fast gestolpert, so hastig sprang er auf und lief in den Jungenschlafsaal hoch. Schnell zog er den Tarnumhang aus seinem Nachttisch hervor und wollte gerade wieder hinunterlaufen, als ihm eine Idee in den Kopf schoss. Betont gelassen betrat er wieder den Gemeinschaftsraum und schritt zu Ginny. „Ich komme am besten mit", sagte er ruhig, auch wenn sein Herz wild schlug. „Ich muss auch noch was in der Bibliothek nachsehen."

Ginny blickte ihm kurz fest in die Augen, dann lächelte sie und erwiderte fröhlich: „Ist gut."

Zusammen schlichen sie sich aus dem Gemeinschaftsraum und Harry warf den Umhang über sie beide, sodass sie nicht mehr zu sehen waren. Sie standen nun dicht aneinander und die wenige Luft unter dem Umhang füllte sich schnell mit Ginnys blumigen Duft.

Schweigend gingen sie zur Bibliothek, schweigend suchten sie in den Büchern, schweigend traten sie den Rückweg an, schweigend versteckten sie sich vor Mrs Norris, schweigend kehrten sie zum Gemeinschaftsraum zurück – doch während dieser ganzen Zeit hatte sein Herz laut geklopft und sein Atem war schneller gewesen als gewöhnlich.

Mittlerweile waren die anderen Gryffindors zu Bett gegangen, sodass sie gefahrlos den Tarnumhang ablegen konnten. Einen Augenblick standen sie unschlüssig voreinander.

„Danke, Harry", sagte Ginny schließlich mit einem Lächeln.

„Klar, gerne", erwiderte Harry hastig.

Da stellte sich Ginny leicht auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Gute Nacht", wünschte sie leise und lief dann die Treppe zum Mädchenschlafsaal hinauf.

Harry stand einige Minuten wie vom Blitz getroffen da und spielte immer wieder das Geschehene vor seinem inneren Auge ab, bevor sich ein hoffnungsvolles Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete und er wie in Trance zum Jungenschlafsaal ging, den Tarnumhang, der noch immer nach Ginny roch, fest in der Hand.