3. Dezember – In Dreams

Die Graue Dame hatte eine wunderschöne Singstimme. Das Problem war nur, dass dies niemandem bekannt war. Wenn die Geister in der Adventszeit Weihnachtslieder sangen, taten sie es stets ohne den schüchternen Geist des Ravenclawturms – sie selbst hatte schon vor vielen Jahren abgelehnt. Sie hatte nie das Bedürfnis gehabt, unter Menschen oder anderen Geistern zu sein, schon als Sterbliche nicht; sie präferierte die Einsamkeit der Bücher. Dennoch hatte sie immer gerne gesungen und tat es auch heute noch, wenn sie das Bedürfnis danach verspürte und absolut sicher war, vollkommen allein zu sein.

In dieser Nacht schwebte sie durch die leblosen Gänge. Es hatte geschneit in Schottland und kalter Wind fegte durch die offenen Fensterbögen in den Korridor; Schneeflocken lagen zusammengehäuft auf den Fensterbänken, als wollten sie sich wärmen, ohne sich bewusst zu sein, dass dies ihr Tod bedeuten würde…

Die Graue Dame sah sich um, lauschte auf jedes kleinste Geräusch und kam zu dem Schluss, vollkommen allein zu sein. Sie schloss die Augen, beruhigte sich und begann dann, mit heller, klarer, feiner Stimme zu singen:

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When the cold of Winter comes

Starless night will cover day

In the veiling of the sun

We will walk in bitter rain.

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But in dreams

I still hear your name

And in dreams

We will meet again.

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When the seas and mountains fall

And we come to end of days

In the dark I hear al call

Calling me there

I will go there

And back again.

.

Die Graue Dame seufzte einmal, dann öffnete sie wieder ihre Augen und schwebte weiter. Als sie um die nächste Ecke bog, blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie sah, dass der Schnee hier seitlich hereingeweht war und den Boden bedeckte. Doch das verstörende waren die Worte, die jemand in den Schnee geschrieben hatte:

Du singst immer noch genauso schön wie früher, Helena.

Obwohl die Graue Dame schon seit tausend Jahren nichts mehr gegessen hatte, wurde ihr speiübel und sie wich entsetzt zurück. Panisch sah sie sich um, doch es war so still und verlassen wie zuvor. Ihr war jedoch mehr als bewusst, dass der Baron sich als Geist ebenfalls verstecken und tarnen konnte wie sie.

Schließlich sammelte sie ihre Kraft und schoss mit übernatürlicher Geschwindigkeit nach oben, durch die Decken und Wände des Schlosses, bis sie wieder in ihrem Versteck im Ravenclawturm verborgen war.

Sie versuchte, sich zu beruhigen, doch ein Gedanke schoss ihr immer wieder durch den Kopf. Nie wieder wollte sie hier herauskommen und nie wieder wollte sie singen!