5. Dezember – Verstecke

„198, 199, 200." Ginny nahm die Hände von den Augen und sah sich um. In jeden Schrank, hinter jedes Sofa, im Gemeinschaftsraum und Jungenschlafsaal, schaute sie, doch wie schon vermutet, war hier niemand zu finden, also ging sie nach draußen.

Als der Clique am Nachmittag langweilig gewesen war, hatte Dean die Idee gehabt, eine Runde Verstecken zu spielen. Harry, Ron, Neville, Seamus, Lavender und Ginny waren schnell mit von der Partie gewesen (Hermine wollte lieber die Zeit in der Bibliothek nutzen) und Ginny war ausgelost worden zu suchen. Nachdem die Regeln festgelegt worden waren (wo man sich verstecken durfte, ab wann das Spiel wieder aufgelöst würde, etc.), hatte Ginny begonnen, bis 200 zu zählen, während die anderen sich ihre Verstecke suchten.

Zuerst fand sie lustiger Weise Luna, die wissen wollte, was sie gerade machte.

„Kann ich noch mitspielen?", fragte die Ravenclaw, nachdem Ginny es ihr erzählt hatte.

Die Gryffindor zuckte mit den Schultern. „Dann zähl ich mal los, bis ich dich nicht höre." Sie schloss die Augen. „1, 2, 3, 4, …"

Luna rannte los und war schon bei „15" verschwunden.

Ginny ging absichtlich in die andere Richtung, in der die Schritte verklungen waren, um das Spiel fairer zu machen.

Den ersten richtigen Mitspieler fand sie eine halbe Stunde später: Seamus war in der Großen Halle hinter Dumbledores Stuhl.

Ron und Lavender knutschten hinter einem Vorhang, Dean lief ihr entgegen, als er sein Versteck ändern wollte, und Luna war hinter einer Säule. Fehlten nur noch Harry und Neville.

Ginny ging in die Bibliothek, wo Hermine an einem Tisch saß. „Hey, ich hab dich gefunden", grinste sie.

Hermine stöhnte genervt auf. „Ich hab gesagt, dass ich nicht mitspiele!"

Ginny hob beschwichtigend die Hände. „Ich hab nur nen Witz gemacht. Hast du Neville oder Harry gesehen?" Das Abendessen würde bald stattfinden und damit ihre Spielzeit enden, daher fand Ginny es nicht schlimm, sich ein paar Tipps zu holen.

Hermine gab ihr einen strengen Blick. „Solltet ihr nicht lieber Hausaufgaben machen oder lernen?!"

Ginny rollte mit den Augen. „Also?"

Hermine verharrte einen Moment, dann nickte sie mit dem Kinn Richtung Verbotener Abteilung.

Ginny brauchte nicht lange, um die nächste Person zu finden: Harry saß in einem Sessel und las konzentriert in einem Buch über Dunkle Flüche. Er sah dabei so wunderbar aus, dass sie ihn einen Augenblick nur beobachtete, bevor sie sich räusperte.

Harry blickte auf und lächelte. „Ich hab mir gedacht, das ich die Zeit auch sinnvoll nutzen kann."

Ginny kam langsam näher. „Was Interessantes gefunden?"

Harry wäre nicht Harry gewesen, wenn er ihr nicht sofort alles Schreckliche und für ihn gerade deswegen Faszinierende berichten würde, was er gerade gelesen hatte. Ähnlich Hermine, nur dass er sich mehr oder weniger nur für Quidditch und den Kampf gegen die Dunklen Künste begeistern konnte.

Ginny setzte sich vor ihm auf den Boden im Schneidersitz und hörte ihm aufmerksam und erfreut zu.

Als er geendet hatte, schwiegen sie und lächelten sich nur an.

Harry sprach zuerst, wenn auch leise, als wolle er den Moment nicht zerstören. „Es ist dunkel."

Ginny übernahm diesen Tonfall. „Das Abendessen hat bestimmt schon begonnen."

„Hast du alle gefunden?"

Sie schüttelte mit dem Kopf. „Neville fehlt noch."

Er zog erstaunt eine Augenbraue hoch. „Echt? Aber er hat sich doch unter das erstbeste Sofa geworfen."

„Was?", rief Ginny. „Verdammt, ich hab nur hinter die Sofas, aber nicht darunter geschaut. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand freiwillig so dicht und dann auch noch so unbequem verweilen wollte."

Harry lachte leise. Dann stand er auf und bot Ginny eine Hand an. „Dann lass uns in die Große Halle gehen und ihm zu seinem Sieg gratulieren."

„Okay." Sie nahm seine Hand und ließ sich von ihm hochhelfen. Es war schwer, seine Hand anschließend wieder loszulassen…