8. Dezember – Meine arme Herrin

Kreacher konnte sich eigentlich nicht darüber beklagen, in Hogwarts zu sein: Hier konnte er seiner Tätigkeit als Hauself voll und ganz gerecht werden, die Arbeit war nicht zu hart oder zu viel, hier hatte er andere Hauselfen bei sich, um nicht vollkommen zu vereinsamen, er bekam genug zu essen und hatte ein weiches Bett. Dennoch würde er wohl niemals Hogwarts als sein Zuhause bezeichnen können. Viele Jahrzehnte lang hatte er den Blacks gedient, er kannte all ihre dunklen Geheimnisse und war stolz auf ihre Erfolge. Er hatte alles für sie getan, sogar mitangesehen, wie Master Regulus sterben musste, um seinen Auftrag auszuführen. Umso niederschmetternder war es für ihn, zuerst Sirius zu gehören, den er als Verräter betrachtete, und nun auch noch Potter – dem Dorn im Auge des alten Herrn der Blacks! Kreacher war es schlicht nicht gewohnt, für die gute Seite zu arbeiten; dementsprechend war ihm Hogwarts zu bunt, zu laut und viel zu fröhlich. Das ganze Gemurmel der Kinder erinnerte ihn an einen aufgeweckten Bienenstock und verursachte ihm regelmäßig Kopfschmerzen.

Doch das schlimmste war, dass er seine alte Herrin vermisste. Natürlich war sie schon seit Jahren tot, doch ein großes Gemälde von ihr hing im Flur des Black-Anwesens. Als er noch in dem gar fürnehmen Haus der Blacks gelebt und gewirkt hatte, hatte das Entstauben des Gemäldes zu seiner wichtigsten Beschäftigung gehört. Nebenbei hatte er sich gerne mit ihr unterhalten; oft hatte sie sich beschwert, dass Werwölfe, Schlammblüter oder Blutsverräter in ihrem Haus residierten, doch Kreacher hatte sich diese Schimpftiraden gerne angehört, denn sie erinnerten ihn an die frühere Zeit mit ihr. Er hatte ihr gerne gedient und er hatte sie sehr gemocht. Doch nun war sie weit weg. Zu weit…

Wenn er sie zu sehr vermisste jedoch, schlich er sich aus dem Schlafsaal der Hauselfen, konzentrierte sich und apparierte in den Grimmauld Platz 12. Seine Herrin erwartete ihn meist schon, um ihm sofort zu berichten, was sie alles an der Welt störte, und er holte lächelnd den Staubwedel aus einem Schrank und hörte sich geduldig alles an, während er sie immer wieder mit ruhigen Worte zu mildern versuchte. Auch wenn er es sich nicht zu oft leisten konnte, hierher zu kommen, da er fürchtete, der Potterjunge würde es mitbekommen und es ihm explizit verbieten, war es seine liebste Beschäftigung in der Nacht und die Müdigkeit am nächsten Tag nahm er dafür gerne in Kauf.