13. Dezember – Schmerz

Severus patrouillierte den Korridor, als er auf einmal eine geöffnete Tür entdeckte, die normalerweise immer geschlossen war. Verwundert zückte er seinen Zauberstab und trat vorsichtig in den Raum. Er war dunkel. Lumos!, dachte er und die Spitze seines Zauberstabes leuchtete auf.

„Wer ist da?", rief er grimmig in das Dunkle. Als er sich weiter vorwagte, schloss sich die Tür hinter ihm von allein und hüllte ihn nun in vollkommene Dunkelheit. Er ging jedoch mutig weiter und warf einen Lumos Maximus nach vorne, sodass er erkennen konnte, dass er sich in einem gewölbeartigen Raum befand. Homino Revelio!, dachte er wieder, doch nichts geschah: Er war allein an diesem Ort. Nun weniger behutsam schritt er voran, kam um eine dicke Säule und entdeckte einen großen Spiegel mit hölzernem Rahmen, in den Buchstaben hineingeritzt waren.

„Der Spiegel Nerhegeb", hauchte er ehrfürchtig. Was tat der denn hier? Hatte Dumbledore ihn nicht versteckt, nachdem er nicht mehr zur Beschützung des Steins der Weisen gebraucht wurde?

Obwohl er wusste, dass er es lieber nicht tun sollte, konnte er der Versuchung nicht wiederstehen und ging langsam zum Spiegel. Nur sein Zauberstab erhellte den Raum und er sah schließlich sein eigenes hageres Gesicht vor sich. Doch plötzlich erkannte er auch ein zweites Gesicht, mit langen, roten Haaren und leuchtend grünen Augen.

Seine Augen weiteten sich und er drehte sich blitzschnell um, obwohl er wusste, dass es Unfug war. Sie war nur im Spiegel.

Er wandte sich ihr wieder zu und sie lächelte ihn an. „Lily…", seufzte er. Einen Augenblick genoss er ihre Scheinnähe und weidete sich an dem guten Gefühl, das ihn bei der Erinnerung an seine große Liebe durchströmte.

Doch dann kam der Schwerz. Sie war tot, sie war für immer weg, und sie starb nicht nur seinetwegen, sondern auch mit Hass auf ihn, weil er sie verraten hatte… Zum zweiten Mal… Er fiel auf die Knie und hielt sich am Spiegel fest. An ihr.

Schließlich kam die Wut. Verdammt! Sie war seit über 15 Jahren tot! Würde sie ihn jemals loslassen? Würde er sie jemals loslassen können? Würden dieser Schmerz und diese Schuldgefühle denn niemals nachgeben? Er opferte sein gesamtes Leben auf, um das Geschehene wieder gut zu machen – er musste vermutlich sogar Dumbledore dafür töten! Und niemals hatte er auch nur einen Moment Ruhe, denn alles in seiner Umgebung erinnerte ihn an sie: Hogwarts an ihre gemeinsame Zeit; der Garten an den tragischen Tag des Endes ihrer Freundschaft; Potter, der seinem Vater so schrecklich ähnlich sah, aber dennoch ihre Augen hatte! Alles hier erinnerte ihn an sie und daher würde dieser Schmerz vermutlich nie aufhören.

Severus hätte am liebsten den Spiegel eingeschlagen, so wütend war er auf sich selbst und auf alle, die sein Leben zur Hölle gemacht hatten, doch er wusste, dass Dumbledore ihm das nie verzeihen würde, wenn er ein solch wertvolles Artefakt zerstört hätte. Stattdessen schlug die Wut wieder in Trauer um und er ließ sich auf dem steinernen, kalten Boden nieder und wollte einfach nur noch sterben.

Das Licht des Zauberstabs verlosch und ließ ihn in dankbarer Dunkelheit zurück.