26. Dezember – Ein lang erwarteter Besuch

Albus Dumbledore stand unschlüssig im Gang: An mehreren Behörden und hoch bewaffneten Zauberern vorbei blickte er nun in die kleine, dunkle, kalte Zelle vor sich und besonders auf ihren Bewohner: Grindelwald saß mit dem Rücken zu ihm und schaute gerade hinaus auf die Wand.

Nach einem Moment des Überlegens bereute er es, hergekommen zu sein, und drehte sich um.

„Bleib doch noch, Albus", ertönte da auf einmal Grindelwalds Stimme; er nahm ihn hoch, wie er es früher schon getan hatte.

Dumbledore blickte wieder zur Zelle, doch ihr Insasse hatte sich nicht umgedreht. „Woher wusstest du, dass ich es bin, Gellert?"

Da änderte Grindelwald seine Sitzposition und sah nun direkt zu seinem Besucher. „Mir war klar, dass du früher oder später kommen würdest, so wie auch dein Widersacher mich bald aufsuchen wird. Außerdem kenne ich deinen Gang – niemand geht so wie du." Er lächelte schief.

Dumbledore schluckte angespannt. Er wusste, dass es schwer für ihn sein würde, seiner großen Jugendliebe gegenüberzutreten, besonders da ihre letzte Begegnung bei ihrem legendären Duell 1945 stattgefunden hatte…

„Warum besuchst du mich ausgerechnet jetzt?", wollte Grindelwald neugierig wissen.

„Es ist Weihnachten", erwiderte Dumbledore versucht emotionslos.

Grindelwald lachte bitter. „Das hat dich die letzten Jahre doch auch nie interessiert. Nein, Albus, es muss einen triftigen Grund geben. Brauchst du etwas von mir? Wissen, Macht, Gesellschaft?"

„Ich sterbe bald."

„Ah", machte Grindelwald nickend. „Ich verstehe. Das ist aber recht sentimental von dir – wir müssen schließlich alle bald sterben."

Dumbledore unterdrückte ein Seufzen und zwang sich, zur rechten seitlichen Wand zu sehen, damit er seinem alten Freund und leider auch Feind nicht in die Augen sehen musste. Seit vielen Jahrzehnten grübelte er darüber, was er damals in diesem Jungen gesehen hatte: Vermutlich war es die Faszination für seine Intelligenz, Tatkräftigkeit, natürliche Autorität und Leidenschaft für die Sache gewesen. Gellert hatte alles, was sein Bruder Aberforth ihm nie geben konnte – und viel mehr magische Jungen im gleichen Alter hatte Godric's Hollow nicht zu bieten gehabt. Zudem hatte die Liebe ihn blind gemacht, das hatte er leider zu spät eingehsehen…

„Ich gehe jetzt wieder", sagte Dumbledore leise, ohne den Gefangenen – den er ins Gefängnis gebracht hatte! – anzusehen.

„Es tut mir leid, dass du mich nie loslassen konntest", sagte Grindelwald auf einmal leise und zum ersten Mal mit mitfühlender Stimme, so wie sie als junge Erwachsenen oft miteinander gesprochen hatten.

Dieser Tonfall ließ Dumbledore automatisch in seine Augen sehen und sie enthielten eine seltene Wärme. Ja, sie waren wirklich Freunde gewesen, die Heiligtümer des Todes waren ihr gemeinsames Projekt gewesen – bis ihre Interessen sich auseinander bewegt hatten. Er lächelte traurig: „Ich bin der Meinung, dass es gut so war. Die Liebe hat mir immer weitergeholfen und sie hilft mir auch jetzt, den Kampf gegen die Dunkle Seite zu gewinnen."

Grindelwald schnaubte zwar, ging aber nicht darauf ein.

„Fröhliche Weihnachten, Gellert." Dumbledore nickte ihm einmal zum Abschied zu und ging dann, ohne sich noch einmal umzudrehen, mit schnellen Schritten davon.

Erst als er den Gang verlassen hatte, schloss Grindelwald die Augen und flüsterte: „Fröhliche Weihnachten, Albus."