Kapitel 2

Durch einen plötzlichen starken Ruck, wachte das Mädchen blitzartig aus einem kurzen Traumlosen schlaf wieder auf. Die Kutsche war im Schlosshof angekommen und hatte durch ihre hohe Geschwindigkeit eine holprige Bremsung. Denn der Mann hatte aufgetragen, aufgrund der schlechten Gesundheit des frierenden Mädchens schneller zu fahren. Trotz der Decke konnte sie nämlich dennoch erfrieren, wenn sie zu lang in der Kälte war. Als das Mädchen merkte das sie auf dem Schoss des Mannes lag, setzte sie sich erschrocken wieder auf und rührte sich nicht. „Koukol bereite ein Zimmer für unsern Gast vor, schnell. Die Pferde kannst du später in den Stall führen. Schnell doch!", befiel der Mann mit harschem Ton dem Kutscher.

Sie während dessen packte er mit Leichtigkeit und trug sie ins Schloss. Er trug sie durch die riesige Eingangshalle, geradewegs auf die monströse Treppe, die nach rechts und links verlief. Mit schnellen Schritten nahm er jedes Mal zwei Stufen auf einmal und bog rechts ab. Er trug das Mädchen durch unzählige Gänge. Es ging nach links, nach rechts und einige Treppen nach oben. „Herbert! Herbert!", begann er energisch zu rufen. An der richtigen Tür angekommen, machte jemand plötzlich die Tür auf und lief ihm fast in die Arme, wollte er doch gerade der gebieterischen Stimme gehorchen. Bevor er die Situation erfassen konnte drückte ihm sein Vater das Mädchen in die Arme. „Nimm sie und bade mit ihr, sonst wird sie womöglich sterben." Herbert, der eh gerade vor hatte baden zu gehen und deshalb nur mit einem Hemd bekleidet war, sah verdutzt auf das kleine Ding in seinem Arm.

Das Mädchen war genauso kalt wie er, jedoch war es bei einem wie ihm normal. „Aber wer…?" „Frag nicht, ich komme gleich wieder", wies der ältere ihm an und ging bereits fort. „Wenn du versuchen solltest sie zu beißen, gnade dir Luzifer", wies er seinen Sohn an, bevor er um die nächste Ecke bog. Noch einmal sah Herbert sich das Kind an und trug sie dann auch, wie ihm aufgetragen wurde in sein Badezimmer. Er platzierte sie auf den Stuhl auf dem seine Sachen lagen und begann mehr Wasser in die große Wanne zu pumpen. Er versuchte zu verarbeiten was geschehen war. Sein Vater, der strenge ernste unnahbar scheinende Graf von Krolock, schleppte plötzlich ein kleines menschliches Mädchen an und versuchte auch noch ihr das Leben zu retten, statt sie, mit ihm zusammen an ihr zu sättigen. Er wusste ja dass sein Vater strengstens dagegen war Kinder auszusetzen, doch hätte er nie gedacht, dass dieser so eines mitnehmen würde um ihr auch noch das Leben zu retten. Was sollte sie hier? Was sollte aus ihr werden?

Aber vielleicht hatte sein Vater auch nur vor sie vorerst zu behalten um sie, nachdem er seine Lust nach Blut gesteigert hatte, sie auszusaugen. Doch hatte es der Graf nicht immer vermieden Kinder zu nehmen? Auch er musste zugeben, dass er nie mit dem Gedanken ein Kind ausgesaugt zu haben, sein Unleben sorglos weiterführen könnte. Herbert nahm die zwei Eimer heißen Wasser, die er sich zu Recht gestellt hatte und schüttete sie in die kaltwassergefüllte Wanne. Kurz fühlte er ob die Wanne die richtige Temperatur hatte und ging nun auf das Mädchen zu um sie ihrer feuchten Sachen zu entledigen. Er staunte nicht schlecht darüber das sie es duldend über sich ergehen lies, sich von einem fremden Mann ausziehen zu lassen. Doch musste sie durch Hunger, Durst und der klirrenden Kälte sehr erschöpft sein, konnte sie doch kaum ihre Äuglein aufhalten. Nachdem er das Tuch von ihren kleinen Schultern gezogen hatte erblickte er die Kette, die das Kind von seiner Mutter bekommen hatte. Doch dachte er sich nichts und legte diese auf eine nahe gelegene Kommode ab und zog dem Kind noch die restlichen Sachen aus.

Ungläubig nahm es sie nun genauer in Augenschein. Sie war regelrecht mager, hatte einige blaue Flecke und sah einfach nur ungesund aus. Schnell zog er sich das Hemd aus, nahm sie auf den Arm und stieg mit ihr langsam in die Wanne, damit sie sich nicht erschreckte. Sie saß nun auf seinem Schoß und wurde von seinem linken Arm an Herberts Brust gedrückt, damit sie nicht zu tief ins Wasser sank, war dieses doch bereits knapp unter ihrem Hals. Herbert nahm sich ein Schwamm und begann sie behutsam zu waschen. Verkrampft lies das Mädchen diese ungewohnten Berührungen über sich ergehen. Auch grabbelte es ihr unangenehm im ganzen Körper durch die plötzliche Veränderung der Temperatur. Doch entspannen konnte sie sich durch die ungewohnte Situation nicht. Und so begann Herbert ein, hoffentlich beruhigendes Lied zu singen.

***

Wenn die Nacht kommt,

wird die Sehnsucht klarer.

Alle Träume

sind im Dunkeln wahrer.

Freu von Ängsten steigen,

Gefühle aus dem Schweigen.

Fühl den dunklen

Schleier der dich streichelt.

Fass ihn, spür ihn,

wie er dich umschmeichelt.

Schütze dein Gesicht

vor dem grellen Tageslicht!

Denk an nichts mehr,

was die Seele traurig macht!

Und höre nur noch

die Musik der Nacht!

Schließ die Augen

und gib dich deiner Sehnsucht hin.

Flieh weit fort

vor den Zweifeln und den Tag.

Schließ die Augen

und schweb im Geist davon!

Und verlier dich

im Reich der Dimension.

Leise, innig

wird Musik erklingen.

Hör sie, fühl sie.

Lass sie dich durchdringen.

Lös dich von der Welt,

die dein Herz gefangen hält.

Widerstrebe nicht der unbekannten Macht,

der Dunkelheit und der Musik der Nacht!

Geh auf Reisen in eine andre Wirklichkeit,

wo die Seele sich reinigt und befreit.

Lass dich treiben, lass alles hinter dir!

Denn erst dann wirst du ein Teil von mir.

Ahnungsvoller Sinn,

diese Nacht ist der Beginn.

Fühl welch zärtliche Musik in mir erwacht!

Und such mit mir nach der Musik der Nacht!

Nur allein durch dich wird es vollbracht.

Mach aus meinem Lied Musik der Nacht!

Herbert sah hinunter zum Mädchen, denn er hatte sie, während er Geistesabwesend gesungen hatte, weiterhin liebevoll mit dem Schwamm gewaschen und hatte nicht bemerkt wie ihr Kopf auf die Seite fiel und sie einschlief. Während Herbert sang war der Graf gekommen, blieb jedoch an der Tür stehen um die Szenerie in sich aufzunehmen. Herbert hatte die Augen geschlossen und hatte sich so aufs singen und die Kleine konzentriert das er ihn wohl nicht bemerkt hatte. Das entlockte ihm ein Schmunzeln, was er aber schnell wieder hinter einem ernsten Gesicht versteckte. „Wie geht es ihr?", fragte er seinem Sohn, der daraufhin erschrocken aufblickte. Würde sein Herz noch schlagen, hätte es wohl einen Hüpfer gemacht.

Noch einmal sah Herbert zu dem Mädchen in seinem Armen, um sich zu vergewissern das er sie durch sein starkes Herumdrehen durchs Erschrecken verursacht, nicht erwacht ist. „Ihr Körper hat sich wieder erwärmt, sie müsste über dem Berg sein, doch ist sie sehr mager, hat einige blaue Flecke… ." „Mager und blaue Flecke?", fragte der Graf einem Wutausbruch nahe. Wie konnten ihre Eltern ihr das nur antun. „Gnade ihnen Gott, wenn… ." „Warum regst du dich so auf?" „Du weißt genau dass ich so etwas nicht toleriere." „Ich weiß, doch hätte ich offen gestanden nicht erwartest, dass du irgendwann mit einem Kind ankommst.

Normalerweise machst du nur ihren Eltern so eine Heiden Angst, indem du behauptest du wärst Satan selbst und würdest sie sonst mit in die Hölle nehmen, täten sie ihre Kinder weiterhin schlagen." „Ja, aber sie war allein und kam auf die Kutsche zugelaufen. Sie kam sicher aus dem Wald. Von ihren Eltern war nichts zu sehen und sie weinte, weil sie sich ihr Knie verletzt hatte." „Willst du sie aussaugen?" „Herbert von Krolock!" „Was? Entschuldige Vater, aber ich bin durch die ganze Sache überfordert. Ich weiß das du keine Kinder nimmst, ich auch nicht, aber was soll sie sonst hier? Was wird aus ihr? Du kannst sie nicht zu einer von uns machen, sie ist viel zu jung." „Ich weiß. Ich weiß noch nicht was aus ihr wird. Ich hatte nicht nachgedacht.

Sie hatte mich mit ihren traurigen verheulten Augen angesehen und irgendwie konnte ich mich nicht wehren. Ich werde mir schon was einfallen lassen." Herbert nickte nur. Er hatte seinen Vater noch nie so gesehen und das verunsicherte ihn. „Hier, ich habe noch ein altes Kinderhemd von dir gefunden. Das kannst du ihr anziehen." Herbert nickte, stieg mit der schlafenden Kleinen aus der Wanne und trocknete sie zuerst ab, wodurch die Kleine erschrocken aufwachte. „Hab keine Angst, wir tun dir nichts. Wir wollen dir nur helfen", sprach Herbert ruhig auf sie ein. Sie sah zu ihm auf und erblickte einen jungen sehr blassen Mann, mit blauen Augen und weißen schulterlangen Haaren.

Sie hatte keine Angst vor ihm, denn er sah sie freundlich an und schien auch sehr nett zu sein. Und so sah sie ihm unerschrocken fragend in die Augen. „Mein Vater hat dich am Waldrand gefunden und mitgenommen, erinnerst du dich?" Das Mädchen nickte kaum erkennbar und sah nun zum anderen Mann, der ihr etwas Angst einflösste, mit seiner großen imposanten Gestalt, seinem ausdruckslosen Gesicht und seinen langen streng zurückgekämmten weißen Haaren. Drum drückte sie sich etwas mehr in Herberts Umarmung. „Das ist mein Vater, Graf von Krolock, du brauchst vor ihm keine Angst haben." Der Graf nickte ihr zu und reichte seinem Sohn das Hemd. Herbert trocknete sie fertig ab, zog ihr das Hemd an und lächelte ihr aufmuntern ins Gesicht während er sie mit einer Kopfbewegung dazu aufforderte zu seinem Vater zu gehen.

Während dessen behielt sie den Grafen immer in den Augen, als hätte sie Angst er würde ihr plötzlich was tun. Nun tapste sie schüchternen Blickes auf den großen Mann zu und blieb mit gesenktem Blick vor ihm stehen. Erst passierte nichts, doch dann kniete sich der Mann vor ihr hin und hob ihr Kinn an. „Wie heißt du?" Das Mädchen antwortete nicht sofort und als Herbert und sein Vater schon dachten dass sie keine Antwort bekämen, kam ein genuscheltes „Satans Kind". „WAS?", kam es ungläubig und wutentbrannt aus den Mündern der beiden aufgescheuchten Männer. Die lauten Stimmen erschreckten die Kleine, brachten sie dazu sich auf den Boden zu schmeißen und ihre Hände schützend auf ihrem Kopf zu legen. Bei dem Anblick knieten sich die beiden Männer zu ihr und Herbert nahm sie tröstend in den Arm. Schutz und Trost suchend krallte sie ihre kleinen Händchen in Herberts Hemd, der sich ín der Zwischenzeit wieder angezogen hatte.

„Tut uns leid, wir wollten dich nicht erschrecken", sprach er beruhigend auf sie ein und blickte Hilfe suchend zu seinem Vater. Dieser schien genauso überfordert wie er selbst. „Wie hat dich deine Mutter genannt? Nannte sie dich ebenso?", fragte der Graf in der Hoffnung eine Antwort zu bekommen. „Mama? Wo ist Mama?" Mit Tränen in den Augen sah sie den großen Mann vor ihr an. „Ich weiß es nicht." „Hat mich Mama nicht mehr lieb?" „Ich weiß es nicht." Herbert sah vom Mädchen zu seinem Vater auf und staunte nicht schlecht. Dieser war mit seiner Unwissenheit sehr überfordert und hätte die Eltern des Mädchens wohl am liebsten umgebracht. Von dem Mädchen kam keine Antwort, sie kuschelte sich noch weiter hilflos an Herbert. „Wie nannten dich deine Eltern?", fragte Herbert noch einmal. „Mama nannte mich Cosette." Verwundert sahen sich die blassen Männer an. „Und dein Vater?", fragte der Ältere. Beim Gedanken an ihren Vater zuckte das Mädchen ängstlich zusammen und begann kläglich zu weinen.

„Wie nannte dich dein Vater?", fragte Herbert während er sanft über ihren kleinen Rücken streichelte. „Missgeburt. Manchmal auch Bastard", nuschelte sie unter Schluchzer. Kurz vor dem Ausbruch fragte der Graf sichtlich nach Beherrschung suchend und auf die blauen Flecke blickend: „Hat dein Vater dich geschlagen?" Doch auf diese Frage erhielt er keine klare verbale Antwort. Nur das Zusammenzucken und der stetige Versuch sich selbst zu umarmen gab ihm eine klare Auskunft. „Herbert!" Der Graf stand wieder auf, ging auf das Fenster zu und blickte hinaus, während er versuchte sich zu sammeln. Herbert strich noch einmal über die feuchte Wange des Mädchens und ging zu seinen Vater. Für einen Augenblick sagte keiner der beiden ein Wort, bis der Ältere die Stille durchbrach.

„Es ist beschlossen, sie bleibt hier." „Was? Wie kannst du das Verantworten? Vater, es tut mir leid das ich dir jetzt sehr unmenschlich erscheine, aber wie stellst du dir das vor? Bist du sicher dass wir es aushalten, sie hier zu haben ohne sie zu beißen? Und was macht sie allein am Tage? Was erzählen wir ihr, wo wir tagsüber sind? Du kannst es ihr nicht ewig verheimlichen. Und was machen wir mit ihr, wenn Mitternachtsball ist? Es ist zwar nur einmal im Jahr, aber was ist wenn die anderen sie riechen und finden? Was wirst du ihnen sagen? Werden sie auf dich hören und sie über all die Jahre nicht anrühren?" „Herbert, vergiss nicht wen du vor dir hast. Egal was ich von ihnen verlange, sie werden sich alle fügen. Und während der Bälle wird sie in ihrem Zimmer bleiben. Mein Sohn, versuch mich zu verstehen. Sie hat nicht die leiseste Chance da draußen. Sie wurde aus ihrem eigenen Dorf vertrieben. Scheinbar haben die eigenen Eltern sie ausgesetzt. Wenn ich sie wo anders hinbrächte würde es immer wieder mit ihrer Verbannung enden, oder man würde sie gar verbrennen oder hängen. Willst du das?" „Nein!", sagte Herbert verstehend und stimmte seinem Vater über diese abwegige Entscheidung zu.

Kurz blickte er auf den Fleck wo er Cosette hatte stehen lassen, doch da war kein Mädchen mehr zu sehen. Aufgeschrocken lief er durch das Bad und suchte sie. Auch sein Vater hatte nun die Abwesenheit des kleinen Neuankömmlings bemerkt und suchte ebenfalls. Als sie im Bad nicht zu finden war, suchten sie im Nebenraum. In Herberts Zimmer fanden sie sie auch. Beide blickten auf ein kleines rothaariges Mädchen, das es sich auf Herberts Bett gemütlich gemacht hatte und schlief. Herbert ging auf sie zu und deckte sie zu, hatte sie sich doch nur auf die Decke gelegt und zusammen gerollt. Beide sahen sie einen Moment an und schwiegen. Dann ging der Graf von Krolock auf sie zu und strich ihr eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Der nächste Mitternachtsball ist nicht mehr weit. Dort werde ich die anderen über sie unterrichten. Ich wünsche das du auf sie aufpasst und sie beschützt, Herbert." „Ja Vater."

Herbert hatte nichts gegen den Auftrag einzuwenden, denn er hatte die Kleine schon ganz gerne und hatte auch das Baden mit ihr genossen, wenn es auch sehr ungewohnt ist. „Das wäre ja dann geklärt", sagte der Ältere und ging wieder. Herbert blickte ihm nach. „Du wirst ihn ganz schön um den Finger wickeln Cosette. Gewiss wirst du ihm sein Liebstes." Mit einem Seufzen ging er zurück ins Bad um das Wasser raus zu lassen, und bei einem flüchtigen Blick auf die Kommode, fiel ihm die Kette wieder ein. Er nahm sie neugierig in die Hand und begutachtete sie genau. Das Silber war schmutzig und als er das Medaillon öffnete erblickte er eine schöne junge Frau, fast noch ein Kind. „Ist das deine Mutter?", nuschelte er vor sich hin. Statt die Kette wieder dem Kind um den Hals zu hängen, steckte er sie in seine Hosentasche und nahm sich vor es erstmal seinem Vater zu zeigen, bevor sie sie ihr wieder zurückgaben.

Er ging zurück in sein Zimmer, setzte sich dann ans Bett seines neu gewonnenen Familienmitglieds und wachte über ihren Schlaf. Davon bekam Cosette schon lange nichts mehr mit und schlief zum ersten Mal in ihren dreijährigen Leben seelenruhig, ohne Alpträume und ohne am frühen Morgen grob geweckt zu werden. Kurz bevor die Sonne aufging, trennte sich Herbert von ihr und ging zu seinem Vater in die Gruft, um nun auch seinen Schlaf zu finden.

Fortsetzung folgt …

A/N: *** „Die Musik der Nacht" von „Das Phantom der Oper"