Kapitel 3

Es war ein heiterer Tag. Die Sonne schien und Cosette wurde nicht wie jeden Morgen grob aus dem Schlaf gerissen. Sie lag noch immer im Bett, schlief zwar nicht, traute sich aber nicht die Augen zu öffnen. Sie wusste im ersten Moment nicht wo sie war, denn das Bett in dem sie schlief war definitiv nicht ihr eigenes. Es roch ganz anders und fühlte sich viel weicher an. Dann kam plötzlich die Erinnerung an letzter Nacht zurück.

***

Die Erinn'rung kommt zurück.

Nebelschwaden überm glänzenden Schnee.

Ringsum Bäume in der Nacht,

und auf dem Schnee, war ein Gefährt.

Und im Gefährt, da war ein Mann.

Wer war der Mann in der Droschke?

Wer war die Schattengestalt?

Langsam öffnete sie ihre Augen um sich sicher zu sein wo sie war. Tatsächlich, sie war nicht zu Hause. Ruckartig stieg ihr Tränen in die Augen. Wo war ihre Mutter? Warum hatte sie sie allein gelassen? Liebte sie sie nicht mehr? Cosette krallte ihre Hände in die Kissen und klagte bitterlich. So ging es etwa zwei Stunden. Nun lag sie nur noch still da, starrte ins Nichts und schniefte nur noch ab und zu. Sie fühlte sich völlig erschöpft und wünschte sich nur zu ihrer Mutter zurück. Plötzlich erhob sie sich erschrocken und blickte zur Tür. Dort stand der bucklige Mann, der Kutscher von gestern Nacht. Ängstlich rutschte sie auf die andere Seite des Bettes, um so weit weg wie möglich von ihm zu sein. Er lies sich nicht davon beirren und trug das Tablett mit dem Frühstück darauf, auf das Nachttischen neben dem Bett. Kurz sah er sie noch an, humpelte dann wieder nach draußen und lies die Tür einen Spalt offen. Cosette sah ihm verwundert hinterher.

Er schien nicht so böse zu sein wie er aussah, denn er hatte ihr nur was zu Essen gebracht und ihr nichts getan. Mit knurrendem Magen sah sie gierig auf das Essen, rutschte wieder hinüber und verschlang es so schnell, als müsse sie Angst haben, es könnte weggenommen werden. Nachdem sie fertig und gesättigt war, lag sie sich noch einen Moment hin um es zu verdauen, denn es lag richtig schwer im Magen. Während sie so da lag dachte sie über die beiden Männer nach, die ihr gestern geholfen hatten. Der junge Mann war sehr nett, sie mochte ihn. Doch der andere erschien ihr ein wenig gruselig, auch wenn er nett zu ihr war. Wie es jetzt wohl weiter gehen wird? Nun begann sie mit einer Hand über ihren Bauch zu streicheln.

Das Gefühl vom gefüllten Magen war sehr ungewohnt für sie, doch hielt sie es nicht davon ab, aufzustehen und durch den Spalt der Tür zu gucken.

Als sie niemanden sah und nicht hörte, öffnete sie die Tür ganz und sah auf den Gang. Nach kurzer Zeit ging sie wieder ins Zimmer, denn es war sehr frisch auf dem Flur. Auf dem Weg zum Bett fielen ihr die Sachen auf der Truhe, die vor dem Bett stand auf. Man hatte es wohl bereit gelegt, damit sie sich anziehen konnte. Vorsichtig berührte sie den weichen Stoff. So was hatte sie noch nie gefühlt. Sorgsam zog sie die Jungensachen an und ging nun wieder auf den Gang hinaus. Nach kurzem überlegen entschied sie sich nach rechts zu gehen. Auch der Graf war dort hin um die Ecke gelaufen nachdem er sie zu dem jungen netten Mann gebracht hatte. Als sie um die Ecke schielte, sah sie dass nach dieser noch mehr Gänge sich befanden. Das musste ein riesiges Anwesen sein. Sie lief einige Gänge weiter und blickte sich neugierig um. An den Wänden hingen Portraits von, für sie gruseligen aussehenden, Männern und Frauen.

Nachdem sie nun auch so manche Treppe hinab gestiegen war merkte sie dass es ein Labyrinth sein musste. Nach einigen hin und her fand sie in die Eingangshalle. Ihr fiel auf das sie während ihrer Erkundungstour niemanden angetroffen hatte. Nicht den Grafen, nicht den jungen Mann und auch nicht mehr den Buckligen. Wo waren sie nur alle? Auch wenn sie sich bei ihnen immer unsicher fühlte, wollte sie trotzdem nicht völlig allein sein. Plötzlich erklang ein unbekanntes Geräusch und sie versteckte sich hinter dem Geländerpfosten. Der Bucklige kam aus einer kleinen Tür, nahe der zweiflügligen Eingangstoren heraus und verschwand nach draußen. Jedoch nicht ohne die Tür ein Spalt offen zu lassen. Cosette schlich ihm leise hinterher. Doch als sie sich durch den Spalt zwängte merkte sie wie kalt es im Schlosshof war. Es kümmerte sie nun aber nicht weiter, konnte sie doch wieder ins wärmere Schloss zurück, wenn sie wollte. Sie lief über den Hof, in die Tür nahe dem Stall blieb sie stehen. Es war wohl seine Werkstatt. Der Raum war voller Bretter und Sägespäne.

Das war für die Kleine nichts neues, sie kannte es aus ihrem Dorf. Der Bucklige hatte sie offenbar noch nicht bemerkt, denn er saß noch immer ruhig an seinem Tisch, mit den Rücken zu ihr gerichtet und schnitzte an etwas. Neugierig tapste sie weiter zu ihm und bemerkte nun auch die großen Holzkisten die neben ihm standen. Sie hatte sie schon einmal gesehen. Einmal, da war sie mit ihren Elter auf einen großen Platz der mit großen Steinen übersäht war und da lag ein sehr bleicher abgemergelter Mensch in so einer Kiste und wurde tief in der Erde verbuddelt. Sie wusste nicht warum sie den Menschen in die Kiste gelegt hatten, sie dachte, das er vielleicht darin spielen wollte. Es musste toll sein in so einem Ding zu sitzen. Weiter ging sie auf den Buckligen zu und entdeckte eine dieser Kisten neben ihm auf dem Boden liegend und ohne Deckel. Freudig ging sie darauf zu und kletterte geräuschvoll hinein, wodurch nun auch Koukol sie bemerkte. Verwundert sah er sie an und wusste wohl im ersten Moment nicht was er machen sollte.

Der Graf, sein Meister hatte ihm zwar aufgetragen sich tagsüber um sie zu kümmern doch wusste er doch nichts mit Kindern anzufangen. Als nun auch Cosette begriff das er sie ansah, wurde sie zunächst ängstlich und verkroch sich in die hinterste Ecke des Sarges. Sie hatte noch immer Furcht vor ihm. Koukol verzweifelte bei dem Bild das sich ihm bot, er wollte nicht das sie zu weinen beginnen würde, zumal der Graf sehr verärgert sein würde, wenn er davon erfahren würde, also gab er der Figur die er gerade geschnitzt hatte den letzten Schliff und gab sie der Kleinen. Cosette guckte zunächst verwirrt. Er gab ihr diese schöne Figur? Ihr? Noch nie in ihrem kurzen Leben hatte man ihr so etwas Schönes gegeben. Nicht sicher ob sie es wirklich haben konnte, wollte sie es ihm wieder zurückgeben, doch dieser schüttelte den Kopf und drückte es ihr an die Brust, um ihr zu verstehen zu geben das es ihr gehörte. Cosette verstand und lachte laut aus vollem Herzen, hielt das kleine Holzpferd freudestrahlend in die Luft was auch Koukol zum lächeln brachte.

Noch nie hatte sich jemand über etwas gefreut was er gemacht hatte. Vollends erheitert und animiert setzte sich Koukol wieder an den Tisch, nahm sich ein Stück Holz und begann ein weiteres Tier zu schnitzen während Cosette vergnügt im Sarg saß und das Pferdchen in ihrer Fantasie über weite Wiesen springen lies. Nach nur einer Stunde hatte Koukol auch die zweite Figur fertig und gab der Kleinen, die noch immer mit purer Begeisterung mit dem Pferdchen spielte. Mit einem freudigen Glucksen nahm das kleine Mädchen die Holzfigur entgegen und erkannte sie auch gleich. Sie hatte dieses Tier schon mal gesehen als sie mit ihrer Mutter sehr früh aufs Feld ging. Ihre Mutter nannte es ein Reh. Überglücklich spielte sie nun mit zwei Figuren weiter. Einmal lies sie das Reh dem Pferd hinterher jagen und ein anderes Mal das Pferd dem Reh. Und manchmal rauften sie auch miteinander.

Als sie die beiden Tiere sich mal genau betrachtete, fiel ihr ein dass es so ein Pferd, nein, sogar zwei Pferde auch hier im Schloss gab. Aufgeregt und neugierig kletterte sie ungehalten aus dem Sarg, lief in den Hof und sah sich um. Wo standen sie wohl? Koukol der ganz konzentriert war bei seinen weiteren Schnitzarbeiten, bemerkte es erst nicht sofort das das kleine Mädchen wieder hinausgelaufen ist. Schnell folgte er ihr, wobei er über seine eigenen Bretter stolperte, ein Sturz noch verhindern konnte und in den Hof polterte. Cosette, die noch immer verunsichert da stand, sah ihn fragend an und hielt das Pferd ihm halb entgegen. „Ferd?" Koukol zunächst nicht was sie wollte und sah sie seinerseits fragend an. „Ferd!", wiederholte Cosette und sah sich noch mal suchend um. Nun verstand auch der Bucklige und zeigte auf ein nicht sehr großes morsches Holztor.

Und sofort rannte die Kleine dorthin und versuchte hineinzukommen, doch es war zu schwer. Koukol kam ihr prompt zur Hilfe und öffnete die linke Tür. Kaum war sie ein Spalt offen, schlüpfte Cosette auch schon hinein. Dort standen sie, die zwei schwarzen Riesen. Doch konnte sie nur einen Kopf mit einer weißen Blesse sehen. Aber ganz konnte sie sie auch nicht sehen da sie in einer großen Box standen. Mit aller Mühe versuchte sie den Riegel vorzuschieben, doch war sie schon wie bei der Tür zu klein und zu schwach. Und wieder half ihr Koukol und wieder schlüpfte sie schnell hindurch. Nun blieb sie abrupt stehen und sah das große Tier vor sich, mit großen wundernden Augen an. Direkt vor dem stehend sah es noch viel größer aus. So viel größer, das sie schon wieder ein wenig Angst bekam. Der große Kopf mit der Blesse kam auf ihre Höhe herunter, schnupperte neugierig und begann auch gleich zärtlich ihren Bauch mit seinen weichen Lippen nach Leckerlis zu suchen.

Es kitzelte so sehr das Cosette heftig zu lachen anfing und die Figur fallen lies. Koukol hob dieses sofort auf, damit es nicht kaputt gemacht werden konnte. Vor lauter Lachen schlang das Mädchen ihre kleinen Ärmchen um den Kopf um sich festhalten zu können, da sie sonst hinfallen täte. Nun fuhr das Pferd mit dem Schnuppern an den roten Haaren Cosette's fort. Während sich die Kleine nun langsam beruhigte das es auf dem Haarschopf nicht ganz so kitzelte, hob sie ihre Hände um das Tier zum Aufhören zu bewegen. Unglücklicherweise griff sie mit ihren Händchen direkt in die Nüstern des großen Wallachs, was diesen zum ausschnauben brachte und so einiges in ihren Locken landete. Doch sie lies sich nicht dabei stören und ging noch näher heran. Unbekümmert und ohne Angst streichelte sie die Vorderbeine und auch die muskulöse Brust. Indessen schnupperte das Pferd nun an ihrem kleinen Hintern und untersuchte sie gründlich.

Langsam wurde auch das andere Pferd neugierig und begann nun ebenfalls an ihr zu schnuppern, wobei sie sehr erschrak und sich an ihren selbsternannten Liebling schmiegte. Doch als sie sah dass alles in Ordnung war begann sie wieder zu strahlen, traute sich auch aus dem Schatten ihres Lieblings und streichelte nun den anderen. Der andere war ebenfalls schwarz, doch hatte dieser einen weißen Stern auf der Stirn. Und auch dieser begann sie von oben bis unten interessiert anzuschnüffeln, was sie ein weiteres Mal zum Lachen brachte. Nachdem sie sich nun auch mit diesem ausgiebig beschäftigt hatte, fand Koukol das es allmählich Zeit wurde wieder zurück zu gehen. Also zog er Cosette sanft von den Pferden weg, drückte ihr wieder die Holzfigur in die Hand, machte die Box zu, schob die Kleine hinaus in den Hof und schloss auch das Stalltor.

Cosette war etwas enttäuscht, denn sie hätte gerne die großen Tiere weiter gestreichelt, doch vielleicht konnte sie den netten jungen Mann mit den langen weißen Haaren fragen, wenn er irgendwann wieder da war. Kaum war sie wieder im Hof begann sie wieder zu frieren, lief schnell in die Werkstatt zurück und setzte sich wieder in den grob gezimmerten Fichtensarg, der noch immer auf dem Boden lag mit der Rehfigur in seinem Innern. Koukol kam auch gleich hinterher, setzte sich wieder an seinen Tisch und schnitzte weiter. Nach ein paar Stunden war Cosette schon um einige tierische Holzfiguren reicher. Nun hatte sie schon einen Eber, eine Eule, einen Fuchs und eine Fledermaus. Noch etwas geschwächt vom Vortag und der Aufregung des heutigen Tages, lag sie nun mit der Pferdefigur an sich gedrückt und mit den anderen Figuren um sich rum verteilt im Sarg und schlief seelenruhig. Koukol hatte es noch nicht bemerkt, da er noch immer sehr konzentriert arbeitete. Der Graf hatte aufgetragen das Cosette viele schöne Spielzeuge kriegen sollte und auch er hatte nun den Drang sie glücklich zu machen, auch wenn er nicht wusste weshalb.

Fortsetzung folgt …

A/N: *** „Die Erinn'rung kommt zurück" von „Das Phantom der Oper" (von mir aber abgeändert, damit es hinpasst^^)