Kapitel 4

Kaum war die Sonne am Horizont untergegangen, begannen sich schon zwei Grabplatten in der Gruft des Schlosses von Krolock zu regen. „Vater, sieh dir das mal an", sagte Herbert auch gleich nachdem er aus seinem Sarg gestiegen und ihm wieder das Medaillon in seiner Hosentasche eingefallen war. Er zog die Kette aus seiner Tasche und überreichte es seinem Vater. Der Graf von Krolock drehte es in seiner Hand neugierig hin und her und betrachtete es mit Genauigkeit. Als er sich das Bild ansah, prägte er es sich genau ein. Cosette sah ihrer Mutter ähnlich. Sie würde mal eine sehr schöne Frau sein. „Woher hast du das?", fragte er seinen Sohn. „Sie trug es um den Hals und da ich es dir erst zeigen wollte, hatte ich es ihr auch noch nicht zurückgegeben." Nachdenklich sah der Graf das Bild an. „Wir werden es ihr nicht wieder geben. Ich habe noch mal über alles nachgedacht. Man kann sie nicht zu ihrer Mutter zurück bringen. Denn so wie ich das sehe, wurde sie gezwungen ihre Tochter auszusetzen. Ich weiß es nicht genau, aber ich will sie nicht mehr weggeben.

Außerdem wenn Cosette zu ihrer Mutter zurückkehrt, wer garantiert das sie beide heil aus der Misere rauskommen?" „So weit hat dich Cosette also schon gebracht? Ich habe es gewusst, aber dass es so schnell geht, hätte ich nicht erwartet. Das hat bisher kein Wesen geschafft." Für einen Moment schien der Graf weit weg in Gedanken. Er sah nur noch stur geradeaus, sah durch seinen Sohn hindurch. „Doch … eine hatte es geschafft. Du kannst dich kaum an sie erinnern. … Sie hatte dieselben lockigen roten Haare und die gleichen schönen leuchtenden Augen. Weißt du, was sie einmal zu mir sagte?" Herbert schüttelte den Kopf. „Ich will mit dir für immer zusammenbleiben, bis in die Ewigkeit.

Egal wie oft ich wiedergeboren werde, ich will immer bei dir sein. Vielleicht nicht als das was ich vorher war, aber ich hoffe immer als etwas was du lieben wirst." Plötzlich war es sehr still in der Gruft. Man hätte einen Tropfen auf den Boden aufplatschen hören können. Es war ein bedeutender Moment, denn der Graf redete nur ungern und sehr selten von der Vergangenheit, die die Erinnerung von seiner Liebe in sich barg, aus dem Herbert hervorging. Nur sie beide kannten das Geheimnis ihres früheren Lebens und das war gut so. „Weißt du noch wann deine Mutter uns verlassen hat?" „1617! Dieses Jahr könnte ich nie vergessen", sagte Herbert traurig, in Erinnerungen schwelgend. „Welches Jahr haben wir jetzt?" „1820!"

„Wie alt wird Cosette sein?" „Um die 3 Jahre, schätze ich." „In welchem Jahr wird sie also geboren sein?" „1817, wieso?" „Vor genau 200 Jahren nachdem deine Mutter gestorben ist, kam Cosette auf die Welt." „Du glaubst doch nicht etwa das …?" „Nein, keine Angst, es war nur ein dummer Gedanke, ein Hirngespinst. Und so viel Gnade hätte Gott niemals für die Unsrigen, die viel mehr Leiden zu tragen haben als seine Kinder." Herbert legte ihm aufmunternd einen Arm auf die Schulter. „Ich vermisse sie auch!" Der Graf nickte bestätigend und blieb noch für einen Augenblick in der Vergangenheit.

Auch Herbert versank in den schönen Erinnerungen seiner Mutter, die nur 5 Jahre seines Lebens erfassten. Plötzlich wachte der Graf wieder aus seiner Trance auf und rief Herbert zur Ordnung. „Wir sollten uns jetzt um Cosette kümmern." Beide gingen sie geradewegs zu Koukol um ihm nach ihr zu fragen, da er auf sie aufpassen sollte und wissen musste wo sie war.

In der Tür zur Werkstatt stehend, blieben beide Männer abrupt still und zogen das Bild das sich ihnen bot, tief in sich auf. Sie erblickten einen konzentrierten Koukol, mit dem Rücken zu ihnen gewand, an einem Holzstück schnitzend und ein kleines süßes Mädchen, das in einem Sarg lag, mit schönen Holzfiguren kuschelnd. Während die beiden ihr beim schlafen zusahen, wachte sie langsam unter ihrem starrenden Blick, wegen der Kälte aufgewacht, die durch die offene Tür drang. Gähnend rieb sich Cosette die Augen und blickte den jungen Mann und den etwas gruseligen Grafen überrascht an. „Na Cosette, hast du gut geschlafen?", fragte Herbert lieb lächelnd. Eifrig nickte die Kleine und zeigte ihm fröhlich ihre neuen Spielzeuge. „Ferd!", sagte sie und hielt es ihm strahlend endgegen. „Das ist aber ein schönes Pferd. Gefällt es dir?" „Ja!" „Willst du noch mehr haben?" Nun war Cosette verunsichert. Sie konnte doch nicht sagen, dass sie noch mehr wollte. Wenn sie es mal gewagt hatte, war es bis jetzt nie gut ausgegangen. „Du kannst deine Wünsche ruhig äußern Cosette, du wirst alles bekommen was du willst", sagte der ältere Mann sanft, was das Mädchen veranlasste ihn nicht mehr so unheimlich zu finden. „Ja, will mehr!", sagte sie schüchtern.

„So Kleines, wir sollten jetzt ins Schloss und baden, du bist schmutzig." Herbert drückte ihr all ihre Figuren in ihre Arme, packte sie und trug sie in sein Zimmer hinauf. Der Graf sah ihnen nach. "Koukol, ich will das du das schöne helle Zimmer im Südflügel des Schlosses mit dem Balkon zu Recht machst und blitze blank putzt. Cosette wird ab jetzt dort wohnen. Besorge schöne weiche Bettwäsche und lass ihr Kleider im Dorf schneidern. Zunächst nur warme Winterkleidung. Bis zum Sommer wird sie gewiss gewachsen sein." Ohne ein weiteres Wort ging der Graf ins Schloss zurück in das Zimmer seines Sohnes. Auf dem großen Himmelbett Herberts lagen die Holzfiguren verlassen da während aus dem Badezimmer Gelächter drang. Verwundert lief der Herr des Hauses ins Bad und musste unweigerlich Lächeln. Die kleine, sonst so schüchterne Cosette saß bereits entkleidet nackt im Wasser und bespritzte den noch immer gekleideten Herbert mit Wasser.

„Hey, was soll denn das? Hör auf. … Na warte" lachte Herbert, zog sich schnell, wenn auch etwas umständlich aus, setzte sich hinein und spritzte ohne Erbarmen zurück. Der Graf lies sie gewähren, sagte nichts und wartete bis sie fertig waren. „Und wer wird das sauber machen?", fragte er neckisch und lies sein Blick über das überflutete Badezimmer schweifen, „Koukol wird nicht sehr erfreut sein." Verdutzt sah Herbert sich um, konnte sich ein Grinsen jedoch nicht verkneifen. „O ha, wir waren wohl etwas übereifrig." „Macht nicht so lange, Cosette wird morgen einen langen aufregenden Tag haben." „Ach wird sie?" Auch Cosette schaute nun verblüfft auf. „Ja, ich bin im Kaminzimmer, wenn ihr mich sucht", sagte der Graf und ging. „Na Cosette, magst du morgen mit Koukol ins Dorf fahren und für dich neue Kleider kaufen?" Für einen Moment saß das Mädchen nur da und blickte verwirrt drein.

Noch nie in ihren kurzen Leben wurde sie gefragt ob man für was kaufen sollte. Es war regelrecht Neuland für sie. „Was ist, magst du nicht?", fragte Herbert freundlich lächelnd. Nach einem kurzen Moment nickte Cosette zaghaft. „Das dachte ich mir", lachte Herbert, nahm sich einen Schwamm und begann Corsette zu waschen. Sie genoss die sanfte Berührung und versuchte danach ihn ebenfalls zu waschen, so gut sie es eben hinbekamen. Nachdem die beiden fertig waren, sich abgetrocknet und Cosette ein altes Nachthemd aus Herberts Kindertagen bekam und zusätzlich in eine Decke eingewickelt wurde, gingen sie ins Kaminzimmer. Dort trafen sie auf einer Couch vor dem monströsen steinernen Kamin auf den Hausherren des Grafen von Krolock.

Herbert setzte die Kleine zwischen sich und seinem Vater. Cosette kuschelte sich mit ihrer Decke sofort an ihn und warf, ihrer Meinung nach, unsichere Seitenblicke zum Grafen. Sie hatte zwar nicht mehr solche Angst vor ihm, doch wusste sie dennoch nicht so recht wie sie auf ihn zugehen sollte, da er sehr Respekt einflössend war. Für lange Zeit saßen die drei da und sagten nichts. Die Situation war doch sehr ungewohnt.

Und dann, ganz plötzlich, ohne Vorahnung, hob der Hausherr seine Hand und tätschelte Cosette liebevoll am Kopf. Als sie verblüfft zu ihm aufsah lächelte er sie offen an. Cosette war so überwältigt von den Gefühlen in ihrem Innersten, hatte sie ja nur selten von ihrer Mutter Zärtlichkeiten bekommen wenn der Vater nicht da war, das sie einfach aufstand und ihm um den Hals fiel. Nach einem Schock der Überraschung nahm der strenge Hausherr die Kleine fest in den Arm. Herbert beobachtete das Ganze und grinste innerlich. ‚Du hast es geschafft Cosette', dachte er sich, ‚nun hast du ihn endgültig um den Finger gewickelt.' In den nächsten Stunden blieb Cosette auf dem Schoß des Grafen sitzen, an seine Brust gekuschelt, bis sie irgendwann einschlief. Auch Herbert war nach kurzer Zeit zu ihnen gerutscht, ruhte mit dem Kopf auf der Schulter seines Vaters und streichelte der schlafenden Cosette die weiche warme Wange.

„Sie wird das schöne sonnige Zimmer im Südflügel bekommen", unterbrach der Graf von Krolock irgendwann die Stille. Verwundert hob Herbert den Kopf und blickte seinem Vater an. „Mutters Zimmer, bist du sicher?" „Ja! Weißt du noch wie dir deine Mutter nach deinem ewigen Bitten nach einem Geschwisterchen, eine Tochter haben wollte die in ihren Jugendzimmer wohnen sollte?" Herbert nickte. Er wusste was das heißen sollte. Sein Vater wollte den Wunsch seiner Mutter nun auch nach Jahrhunderten erfüllen, indem er ein kleines Mädchen, in dem er nun schon recht vernarrt war, dort wohnen lies. „Sie sieht ihr wirklich erstaunlich ähnlich", nuschelte der Graf vor sich hin, während er der Kleinen eine rote Strähne aus dem Gesicht strich. „Bring sie ins Bett, sonst kann ich mich gar nicht mehr loseisen und nehme sie noch mit in den Sarg mit", lächelte der Graf und übergab Cosette vorsichtig Herbert, damit sie nicht aufwachte. Nachdem dieser das getan hatte, kam er zurück und überlegte zusammen mit seinem Vater die restliche Nacht, wie es mit Cosette weiter gehen sollte, während Koukol ihnen Krüge mit Blut servierte.

Über so mancherlei Dinge zerbrachen sich die beiden Männer den Kopf und bekamen nach stundenlangem Grübeln keine Antwort, doch war auch so manches sicher. Cosette sollte bei ihnen ein sicheres standfestes zu Hause bekommen in dem sie sich wohlfühlen konnte. Sie sollte eine schöne Kindheit hier verbringen, aber auch unterrichtet werden. Zum größten Teil von den Hausherren selbst, was lesen, schreiben und rechnen beinhaltete, doch übernahm Herbert gerne die Musik und das Reiten. Sie überlegten auch, ob es nicht besser wäre wenn sie nicht eine Grundausbildung im Kampf erhalten sollte, doch war die Frage momentan noch hinfällig, da sie noch viel zu jung war. Soweit war alles besprochen, doch gab es noch immer wichtige Punkte die noch immer einer Lösung bedürften.

Zum Beispiel konnten sie ihr nicht ewig verheimlichen das sie Vampire waren, irgendwann würde sie dahinter kommen. Doch da sie noch klein war und ihr früheres Leben sicher bald vergessen, würde es vielleicht kein Problem darstellen, da sie ja es nicht anders kennen würde. Das andere Problem waren die anderen Vampire auf dem Friedhof. Selbst wenn sie Cosette bei jedem Mitternachtsball einsperren würden, kämen diese irgendwann dahinter. Das nächste und letzte Problem bestand darin, das sie noch nie ein Kind großgezogen hatten. Abgesehen vom Grafen, doch lag das zwei Jahrhunderte zurück, und noch dazu ein Mädchen. Sie würde ja nicht ewig so klein und unschuldig sein. Wie geht es weiter, wenn sie älter ist und in die Pubertät kam? Die beiden Männer waren sich nicht sicher ob sie das hinkriegen würden, vor allem die Gespräche über die Frauenprobleme. Aber sie waren optimistisch. Vielleicht konnten sie auch eine Vampirfrau finden, die sich um sie kümmern würde. Mit zermalmenden Köpfen stiegen die beiden Von Krolocks in den Sarg, gespannt darauf wie es weiter gehen wird.

Fortsetzung folgt …