Kapitel 5

Die Sonne war vor zwei Stunden aufgegangen, es war später Vormittag, doch Cosette schlief noch immer seelenruhig in Herberts Bett. Noch tief und fest trieb sie durchs Traumland. Bei ihren Eltern hatte sie noch nie so gut geschlafen. Und schon gar nicht so lange. Doch hier in diesem gemütlichen großen Zimmer, in diesem riesigen, weichen Himmelbett, konnte sie nicht widerstehen. Aber das wollte sie auch gar nicht.

Plötzlich würde sie von einem Geräusch geweckt, das sie nicht einordnen konnte. Cosette wollte nicht aufwachen, versuchte verzweifelt im Land der Träume zu bleiben, doch leider gelang es ihr immer weniger, je öfter sie was hörte. Verschlafen öffnete sie ihre grünen Augen und blickte auf einen erschrockenen Koukol. Er hatte versucht sie nicht aufzuwecken, doch fiel ihm das Besteck vom Brett, auf dem sich das Frühstück für die Kleine befand. Als Cosette ihn entdeckt hatte, sprang sie fröhlich unter ihrer Decke hervor und quietschte. „Kouhol", begrüßte sie ihn. Es machte ihn ein wenig stutzig ein kleines süßes Mädchen vor sich zu haben, das sich freute ihn zu sehen, rannten sie doch für gewöhnlich weg, wenn sie ihn sahen.

Hungrig wie ein Tier, schlang Cosette alles hinunter was Koukol ihr vorgesetzt hatte.

Nachdem sie fertig war, gab er ihr die Kleider die Herbert hinausgelegt hatte und den weichen, dicken blauen Mantel, den Herbert gerne als Kind getragen hatte. Cosette wusste nicht wo es hinging, doch folgte sie ihm bereitwillig. Sie freute sich darauf raus zu gehen. Vor dem Schlosstor wartete bereits die Kutsche mit den beiden schwarzen Riesen von Pferden. Cosette rannte direkt auf sie zu, und als sie die Köpfe neugierig hinunter senkten, streichelte sie die großen Mäuler. Beide erwiderten die Zärtlichkeiten indem sie an ihren Sachen, vor allem auf ihren Schopf und ihrem Bauch schnuffelten. Als Koukol Cosette nach etlichen Gebärdezeichen und Stöhnen dazu brachte, endlich von den Pferden zu lassen und sich von ihm in die Kutsche setzen zu lassen, fuhren sie hinaus in die offene Landschaft.

Diesmal genoss Cosette die Fahrt. Denn sie war warm angezogen, satt und gesund. Meistens stand sie, statt zu sitzen um so viel wie möglich zu sehen und streckte ihre Zunge auch ein manches Mal heraus, um ein paar Flocken zu erwischen, die herunter rieselten. Einmal wäre sie fast hinuntergefallen, doch sie konnte sich gerade noch festhalten. Erschrocken hatte sie zu Koukol gesehen, doch er hatte es nicht mitbekommen, da er sich auf das Lenken der Pferde konzentriert hatte. Nach etwa einer dreiviertel Stunde konnte man ein kleines verschneites Dorf in der Ferne erblicken. Je näher sie kamen, desto mehr Menschen konnte Cosette entdecken, die dort eilig durch den Schnee wateten.

Im Dorf angekommen, hielt die Kutsche vor einem zweistöckigen Haus, mit kleinen Fenstern und das im Schnee zu verschwinden drohte. Koukol stieg vom Kutschbock, warf den Pferden Decken über und half Cosette aus der Kutsche. Sie plumpste bis zu den Knien in Schnee. Laufen war so gut wie unmöglich, deshalb hob Koukol sie auf den Arm und trug sie ins Haus. Cosette war etwas verwirrt, sie wusste nicht was sie da wollten und hatte für einen Moment angst das Koukol sie weggeben würde. Erst recht als Koukol eine ängstlich wirkende, mollige Frau zu sich rief und ihr anwies, sich um Cosette zu kümmern. Cosette fragte sich wo vor sich denn die Frau so fürchtete. Es musste an Koukol liegen, denn um diesen machte die Frau nur einen Bogen und zog Cosette ein gutes Stück zu sich.

Die Kleine bekam Angst und dachte sie würde Koukol und den netten Herbert und den Grafen nie wieder sehen. Sie drehte sich zu Koukol um, streckte die kleine Hand nach ihm aus und begann zu weinen. „Ahr, Kouhol … da bleiben", schrie sie verzweifelt. Koukol ging auf sie zu, was die Frau zurückweichen lies, tätschelte ihren Kopf und machte ihr mit Handzeichen klar, das er nicht ohne sie gehen würde. Noch immer nicht ganz beruhigt, ließ sich Cosette von der Frau auf einen Hocker stellen und den Mantel ausziehen. Als die Frau ihre Größen maß, was sie von ihrer Mutter kannte, auch wenn es bisher erst dreimal geschehen war, wusste sie was los war. Ihr fiel dann auch wieder ein das Herbert sie ja gefragt hatte, ob sie nicht neue Kleider haben wolle. Schlagartig schlug ihre Laune wieder um, und sie blieb die ganze Zeit über brav und still stehen, damit die Frau alles richtig machen konnte, und der Graf nicht sauer werden würde, wenn ihr Kleid nicht richtig passte.

Nach und nach, brachte die mollige Frau verschiedene Stoffe. Zunächst ging sie zu Koukol um, damit er die Farben auswählen konnte, doch schickte er sie zu Cosette. Die Kleine sollte sich ihre liebsten Farben raussuchen. Verwirrt stand Cosette eine Zeitlang vor den Stoffrollen und wusste nicht welche sie nehmen sollte. Es gab fast ein Duzend verschiedener Farben, eine schöner als die andere. Als die Frau schon langsam ungeduldig wurde, kam Koukol, zeigte auf eine Farbe, und sah Cosette fragend an. Um ihn verständlich zu machen, dass sie den Stoff haben wollte nickte sie. Das wiederholte sich dreimal, bis Koukol beschloss das sie alle kriegen sollte. Und auch drei Mäntel in verschiedenen Farben wurden für Cosette ausgesucht. Freudig darüber, quietschte Cosette erfreut und umarmte Koukol stürmisch, was diesen zusammenzucken ließ. Er war es nicht gewohnt dass ihn jemand umarmte.

Nachdem Koukol gesagt worden war, das die Kleider in einem Monat fertig sein würden, kaufte er noch zwei weitere, schon fertige Kleider und einen Mantel. Danach stiegen die beiden, mit samt Beladung in die Kutsche und fuhren wenige kurzen Straßen weiter zu einem Gasthaus. Auch dort hielt Koukol an, deckte die Pferde ab, und nahm Cosette mit hinein. Ihnen kam sofort ein bärtiger Mann entgegen der offentsichtlich der Wirt war entgegen. Auch er schien von Koukol nicht so begeistert zu sein, was Cosette nicht verstehen konnte. Sie mochte ihn nämlich ganz gerne. Während sie sich so umsah entdeckte sie ein junges braunhaariges Mädchen, das etwas älter als sie selbst war. Das Mädchen sah sehr nett und freundlich aus. Und nachdem die beiden sich gemustert hatten, winkte ihr das andere Mädchen zu, und kam sogar ein paar Schritte näher.

„Sarah, komm sofort hierher", donnerte eine dicke Frau mit roten Wangen sofort los, als sie das sah. Erschrocken drängte sich Cosette noch näher an Koukol, was diesen wieder etwas Zucken lies. „Du sollst nicht zu diesen Krüppel gehen, auch nicht wenn er eine Göre bei sich hat", trichterte die Frau dem braunhaarigen Mädchen ein. Trotz das sie ihre Stimme gesenkt hatte, konnte es Cosette deutlich hören. „Geh niemals zu ihm hin, sonst verschleppt er dich", sprach die Frau nun noch leiser. Cosette fand die Frau böse, sie mochte sich nicht. Sie war sich sicher das Koukol niemanden was tun würde. Ihr gefiel es hier im Dorf nicht mehr. Alle hatten sie Angst und redeten schlecht. Schlagartig wurde sie an ihr früheres Leben erinnert. Und an ihre Mutter. Wo war sie? Wollte sie sie nicht mehr?

„Hier sind die Kerzen. Nicht tropfend", sprach der Wirt mussmutig. Koukol nahm ein großes Pack lange Kerzen entgegen, die in eine Art Kartoffelsack steckten. „Na wer ist denn die kleine Schönheit", beugte sich der Wirt mit rotem verschwitztem Gesicht Cosette entgegen. Er war ihr nicht geheuer. Bestimmt war er so böse wie die Frau. Ängstlich drückte sie sich gegen Koukol und griff nach seiner Jacke. Misstrauisch schaute sie dem Wirt entgegen, und als dieser ihr über den Kopf streicheln wollte, ging sie hastig ein paar Schritte zurück, hielt sich aber noch immer an Koukol fest. Koukol gefiel es nicht, das Chagall der Kleinen Angst einjagte und drängte ihn stöhnend wieder zurück. „Schon gut, ich tu ihr ja nichts", wich dieser zurück. Nach einem selbstgefälligen Grinsen machte Koukol kehrt und ging, noch immer Cosette am Rockzipfel, zur Kutsche hinaus. Da Cosette im hohen Schnee nicht laufen konnte, aber der beladene Koukol ihr nicht helfen konnte, ließ sie los und lief in seinen Spuren, die er hinterließ.

Auf dem Rückweg betrachtete Cosette die Landschaft nicht mehr so bewundernd, sondern fragte sich wo denn ihre Mutter war. Sie erinnerte sich das sie sie vor wenigen Tagen in einem Baum gesetzt hatte, und nicht mehr wieder kam. War sie böse gewesen? Wollte die Mutter sie nicht mehr haben?

Als die beiden wieder im Schlosshof angekommen waren, fragte sie Koukol sofort nach ihrer Mutter, doch er zuckte nur mit den Schultern. Er wusste es nicht. Es stimmte Cosette traurig, doch sie nahm sich vor Herbert und den Grafen mal zu fragen. Bestimmt wussten sie es. Nachdem Koukol die Pferde in den Stall, und die Kerzen ins Schloss gebracht hatte, ging er nicht, wie Cosette erwartet hatte in die Werkstatt, sondern ging in den Südflügel des Hauses in einem dunklen Raum hinein. Im ersten Moment konnte sie nichts sehen, bis Koukol die schweren Vorhänge zur Seite zog. Es war ein großes helles Zimmer, jedoch über die Jahre sehr verstaubt, mit riesigen Fenstern und einem schönen Balkon. Cosette verstand nicht warum sie da waren, doch war es ihr egal. Es war aufregend, sie lief überall hin und begutachtete alles. Das große Himmelbett, das sie sehr an Herberts erinnerte, die Schminkkommode, den großen Kleiderschrank und natürlich den Kamin.

Koukol verbrachte den ganzen Tag damit das Zimmer sauber zu kriegen. Cosette half ihm, so gut sie konnte und Lust hatte. Allerdings würde er trotz Hilfe mehrere Tage brauchen. Es musste von oben bis unten geputzt werden, sogar hinter und unter den Möbeln, da man nicht wusste was sich so in den letzten Jahrzehnten angesammelt hatte. Teppiche, Vorhänge und Gardinen mussten gereinigt werden, und auch die Vorhänge des Himmelbettes. Die Möbel mussten poliert und ausgemistet werden.

Während Koukol noch weiterhin beschäftigt war und Cosette inzwischen auf dem Bett mit ihren Figuren spielte, die Koukol für sie geholt hatte, merkten erst spät, dass die Sonne gerade dabei war unterzugehen. Koukol zündete, um besser sehen zu können, die unzähligen Kerzenständer, die in dem Zimmer standen, an und machte sich sofort wieder an seine Arbeit. Cosette war ganz fasziniert von den Kerzen. Sie hatte noch nie so viele auf einmal gesehen, das Zimmer leuchtete, durch die gelben Wände, ganz golden.

Als am Horizont nur noch ein zartes rosa sehen war, schoben sich bereits die Grabplatten von den beiden Von Krolocks zur Seite. „Konntest du auch nicht mehr schlafen?", fragte Herbert den älteren amüsiert. „Nein", lächelte dieser. „Ich habe viel nachgedacht." „Ja, ich auch", gab Herbert zu. „Was soll nur aus uns werden, wenn sie uns jetzt schon so einnimmt?", fragte sich der Graf spöttisch. „Keine Ahnung. So lange es nicht soweit geht, dass sie uns kontrollieren kann, ist es noch ungefährlich", scherzte Herbert. „Mmh, ja", sagte der Graf, jedoch klang er nun wieder ernster und schien weit in Gedanken versunken zu sein.

Zusammen gingen sie hinaus in den Schlosshof. Sofort schauten sie in Richtung Werkstatt, doch da brannte kein Licht. Ohne mit der Wimper zu zucken, sah der Graf hinauf zum Südturm und entdeckte, direkt unterm Dach ein Zimmer mit Balkon, aus dem Licht drang. Ein zufriedenes Lächeln erschien auf sein Gesicht. Koukol hatte sofort mit der Arbeit begonnen, genau wie er es wollte. Von seinem Sohn begleitet machte er sich auf den Weg zu Koukol und der Kleinen, die ganz sicher bei ihm war.

Nach einiger Zeit angekommen, zeigte sich ihnen eine beeindruckende Szene. Cosette stand mit erhobenen Armen in der Mitte des Zimmers, quietschte fröhlich beim Anblick der Kerzen, und hüpfte immerzu im Kreis. Sogar Koukol war gebannt von dem Anblick, er hatte seine Arbeit liegen lassen und betrachtete sie. Es war ein Bild für die Götter. Ihre Augen strahlten eine ungeheure Lebensfreude aus und ihre roten Locken flogen in der Luft. Als sie plötzlich das Gleichgewicht verlor und hinfiel, kamen alle drei Männer und wollten ihr beim Aufstehen helfen. Doch sie schaffte es alleine, schwankte aber noch, da ihr schwindlig war. Um nicht noch einmal umzukippen, hielt sie sich an Herbert Hosenbein fest.

„Na Cosette, gefällt dir das Zimmer?", fragte Herbert, und nahm sie auf den Arm. Sie klammerte sich prompt um seinen Hals, legte ihren Kopf in seine Halsbeuge, schloss für einen Moment die Augen, damit die Übelkeit schneller vorüber war und nickte heftig. „Ab jetzt gehört es dir", versprach ihr der Graf, der auf sie zu kam und ihr den Schopf streichelte. „Wo ist Mama", fragte Cosette plötzlich und unerwartet. Ihr war gleich wieder eingefallen, was sie die beiden fragen wollte. Verdutzt sahen die beiden Männer sie an. Herbert wusste nicht was er sagen sollte, und blickte Hilfe suchend zu seinem Vater. „Weißt du …", versuchte Herbert einen Satz anzufangen, brachte es aber einfach nicht fertig, ihr zu sagen, das sie ihre Mutter nie wieder sehen würde.

„Wo ist Mama", fragte Cosette nun verzweifelter und Tränen bildeten sich in ihrem hübschen Gesicht. Es brach den Männern fast das Herz. „Wo ist Mama", fragte sie wieder und ihr Körper begann sich durch ansteigende Heulkrämpfe zu schütteln. „War ich böse?", fragte sie undeutlich zwischen zwei Schluchzern, doch die beiden verstanden es. „Nein, das warst du nicht … es ist nur", versuchte es Herbert noch einmal, aber wieder kam keine vernünftige Erklärung raus. „Cosette es ist nicht deine Schuld…", mischte sich der Graf nun ein und legte eine Hand auf ihren Rücken. „DOCH! … MAMA HASST MICH … ICH … ICH … WAR BÖSE", schrie sie plötzlich hysterisch, wand sich in Herberts Armen und versuchte sich aus der Umarmung zu befreien.

Herbert hielt sie stur fest, doch als sie begann auf ihn einzuschlagen und zu kneifen musste er sie loslassen. Jedoch konnte er, bevor sie herunterfiel, noch aufs Bett fallen lassen. Dort krallte sie sich in die Kissen und weinte bitterlich. Die Männer wussten nicht was sie tun sollten. Koukol ging vorsichtig auf sie zu, nahm eines der Figuren, und stupste sie damit an. Er versuchte sie aufzuheitern doch hatte es keinen Sinn. Cosette reagierte nicht darauf. „Koukol, geh und bereite etwas zu Essen vor", schickte der Graf den Buckligen fort. Er war sich sicher das nach so einem Anfall Cosette sicher Hunger hatte, das kannte er noch von Herbert, und er wollte nicht, das Koukol sah, wie verzweifelt und unsicher sein Herr sein konnte. Er war immerhin ein Graf und hatte seinen Stolz.

Herbert setzte sich ans Bett, strich Cosette über den Rücken und hoffte dass seine beruhigenden Worte bald Erfolg zeigten. Auch der Graf setzte sich für eine Weile hin und strich ihr so manches Mal über den Schopf, doch als Koukol zurückkam ging er ohne ein Wort hinaus. Herbert blieb als Einziger die ganze Nacht bei ihr. Er legte sich neben ihr und streichelte sie weiterhin. Erst nach Stunden versiegten ihre Tränen und sie schlief in Herberts Armen erschöpft ein.

Fortsetzung folgt …