Kapitel 6

Der Graf von Krolock stieg wutentbrannt die langen Treppen seines Schosses hinunter. Er verstand nicht wie eine Mutter ihr eigenes Kind, ihr eigenes Fleisch und Blut so was antun konnte. Im Schlosshof wartete bereits Koukol mit der Kutsche auf ihn. Er hatte sich vorgenommen diese Frau ausfindig zu machen. Die Nacht war sternenklar, eis kalt, und es würde wohl bald wieder einen Sturm geben, doch das war ihm egal. Das Bild der weinenden Cosette ließ ihn nicht mehr los, er hatte es immerzu vor Augen, und es füllte sein Herz mit Hass.

Die Pferde schienen zu merken wie aufgewühlt er war, und galoppierten als gäbe es kein Morgen mehr. Der Graf wusste nicht wo er anfangen sollte zu suchen, und so entschied er, an dem Ort zurückzukehren, an dem er Cosette gefunden hatte. Dort angekommen, stieg er aus um ein wenig herumzulaufen und nachzudenken. Die Mutter musste in einen der umliegenden Dörfer leben. Es würde womöglich Wochen dauern, sie zu finden, doch ihm war es egal.

Das nächste Dorf war eine Stunde entfernt. Er gab Koukol sofort eine forsche Anweisung dort hin zu fahren. Dort angekommen, suchte er sich den nächst besten Menschen, der in diesem Fall ein alter Mann war, zeigte ihm das Bild von der Cosettes Medaillon und fragte, ob er die Frau kenne. Ängstlich ging der Alte im Schein der Laterne, die an der Kutsche hing, in die Knie. „Tut mir nichts Herr, ich bin euer Diener wenn ihr es wünscht", bettelte er um sein Leben. „ANTWORTE MIR", schrie der Graf ihn an und hielt dem Alten die geöffnete Medaillon dicht vor die Augen. „Nein Herr, tut mir Leid. Ich kenne diese Frau nicht."

Mürrisch zog der Graf mit der Kutsche weiter durchs Dorf, doch ein Jeder der ihn sah, versteckte sich sofort in sein Haus. ‚Dann eben anders', dachte sich Von Krolock und ging ins nächste Wirtshaus. Erschrocken drehten sich alle Anwesenden nach ihm um, nach dem er die Tür gewaltvoll aufstieß. Kurz sah er sich um, bis er direkt auf den Wirt zuging, der von seiner dicken Frau einen Schups bekommen hatte. „Kennen Sie diese Frau?", fragte er, jedoch ein wenig gefasster und hielt auch diesem die Medaillon hin. „N…nei…nein", stotterte der Wirt. „Ich bin sehr enttäuscht von dir Chagall", sagte er drohend, blickte auf das kleine Mädchen, von dem er wusste das es seines war, bleckte die Zähne und zeigte sein fiesestes Grinsen das er aufbringen konnte. Das Mädchen war fasziniert von dem fremden, großen, in edlem Schwarz gekleideten Mann, doch versetzte der Blick ihrem Vater einen Schreck.

„Bitte Herr, ich kenne die Frau wirklich nicht. Ich habe sie noch nie gesehen", wiederholte er ängstlich. Doch er brauchte sich keine Sorgen zu machen, der Graf holte sich niemals Kinder.

Glücklicherweise wussten das die Menschen nicht, und so konnte er die Kinder derer als Druckmittel benutzen, wenn sie nicht so spurten wie er wollte. Aber Chagall schien tatsächlich nichts zu wissen. Noch einmal blickte er zur Wirtstochter. Sie blickte ihn noch immer bewundernd an, und ihre Augen erinnerten ihn an Sterne, so glänzend wie sie waren. ‚Sternenkind', ging es ihm schlagartig durch den Kopf, dann drehte er sich blitzschnell auf dem Absatz um und ging wieder hinaus.

Der Graf setzte sich in die Kutsche und wies Koukol an ins nächste Dorf, das eine halbe Stunde entfernt war, zu fahren. Während der Fahrt sah Von Krolock sich das Bild an, um es sich einprägen zu können. Denn sollte er mal an ihr vorbeilaufen, wollte er sie sofort erkennen.

Im nächsten Dorf hatte er kein Glück, und auch im übernächsten nicht. Frustriert machte er sich auf den Rückweg. Denn in wenigen Stunden würde die Sonne aufgehen, er musste sich beeilen.

Er kam gerade noch rechtzeitig an. Im Schlosshof angekommen, sah man bereits am Horizont einen dünnen rosafarbenen Strich. Der Graf eilte ohne ein weiteres Wort in die Gruft, in der sich auch schon Herbert befand. „Wo warst du?", fragte dieser besorgt. „Ich suche sie", sagte der Ältere, und hielt zur Verdeutlichung das Medaillon in die Höhe. Verwirrt blickte Herbert auf das Medaillon. Er wusste nicht was sein Vater damit erreichen wollte. „Und was tust du, wenn du das geschafft hast? Sie aussaugen?" Schweigend sah Von Krolock das Bild der Mutter an. „Willst du das wirklich tun? Cosettes Mutter?", fragte Herbert ungläubig. „Ich weiß nicht, eigentlich will ich sie zur Rede stellen. Was dann folgt, kann ich dir nicht sagen", sagte er bedrückt.

„Wie geht es Cosette", fragte er dann. „Na ja, sie ist am Boden zerstört. Stundenlang hat sie geweint, bis sie keine Tränen mehr hatte", sagte Herbert traurig. Es war ihm sehr nahe gegangen. „Mmh, sie ist stark, das verkraftet sie. Und irgendwann wird es in Vergessenheit geraten sein", nuschelte der Graf vor sich hin. Als Koukol kam, legten sie sich in die Särge, damit dieser dann die Deckel schließen konnte. Die Sonne war zwar bereits dabei aufzugehen, doch mussten sie sich in der Gruft nicht daran stören, da sie im Norden lag und die Sonne niemals hinein schien. Auch kam kein Tageslicht hinein, da man eine Treppe hinunter gehen musste, und soweit reichte das Licht nicht. Vierundzwanzig Stunden am Tag war es dort unten Stockdunkel.

Cosette wachte am frühen Morgen in einem fremden Betten auf. Sie brauchte ein wenig um sich zu erinnern wo sie war. Als es ihr einfiel sah sie sich neugierig im Zimmer um. Sie konnte nicht glauben dass es nun ihr gehören sollte. So ein riesiges Zimmer nur für sie allein. Der Balkon gefiel ihr am Besten, doch konnte sie ihn nicht öffnen. Aber wenigstens konnte sie durch das Glas sehen. Ihr Herz machte einen mächtigen Hüpfer als sie auf der Brüstung einen schönen Vogel entdeckte. Doch als sie auflachte und auf die Scheibe klopfte flog er wieder fort.

Wieder dachte sie an die Nacht zurück, in der sie in Herberts Armen geschlafen hat. Inzwischen hatte sie ihn richtig ins Herz geschlossen. Nie zuvor wurde sie so in den Arm genommen. Er hatte ihr nicht sagen können wo ihre Mutter war, was sie sehr traurig stimmte. Sie war noch immer davon überzeugt, dass ihre Mutter sie nicht haben wollte. Während sie so ihren düsteren Gedanken nachhing, sich noch immer weiter einredete dass ihre Mutter sie hasste, bemerkte sie nicht wie Koukol mit dem Frühstück hineinkam. Erst als er es geräuschvoll abstellte, zuckte sie erschrocken zusammen und blickte sich nach ihm um.

Der Duft des leckeren Essens und die Gesellschaft von Koukol ließen sie für eine Weile die Traurigkeit vergessen. Koukol machte dort weiter, wo er am Vortag aufgehört hatte. Es würde wohl noch eine Woche dauern, schätzte er, ehe das Zimmer so richtig bewohnbar war. Wieder war er den ganzen Tag beschäftigt, und wenn Cosette nicht gerade mit ihren Figuren spielte, half sie ihm sogar, so gut sie eben konnte.

Auch in dieser Nacht waren die beiden Von Krolocks wach, ehe die Sonne ganz untergegangen war. Der Graf sprach kaum ein Wort mit seinem Sohn. Er hatte nur die Frau im Kopf, die er zu finden hoffte. Kaum war der letzte Sonnenstrahl gewichen, lief er ins Schloss, hinauf in Cosettes Zimmer. Er stürmte hinein, und befahl Koukol barsch, er solle die Kutsche bereit machen, und ging auch wieder, ohne Cosette zu beachten. Diese fand es sehr böse, und war den Tränen nah, da sie dachte dass nun auch der Graf sie nicht mehr mochte. Aber Herbert erklärte ihr sofort, dass das manchmal passierte, und sie es nicht so ernst nehmen sollte, und dass der Graf sie noch immer sehr mochte. So recht schien sie sich aber nicht aufmuntern zu lassen.

„Sei nicht traurig, das vergeht wieder. Mmh, hast du diese Sachen nicht gestern schon angehabt?" Cosette blickte an sich herunter und nickte. „Na dann wird es ja Zeit das du baden gehst und neue Sachen anziehst. Hat Koukol dir schon neue Kleider besorgt?", fragte Herbert freundlich. „Ja", rief Cosette begeistert aus. Herbert lief mit Cosette auf seinem Arm in seinem Badezimmer, und ließ sich von Koukol die Kleider bringen, die dieser gekauft hatte.

Wieder stiegen sie zusammen in die Badewanne. Doch diesmal ereignete sich keine glorreiche Wasserschlacht. Cosette war irgendwie ruhig, und für nichts zu begeistern. Still saß sie da und sah den Wellen zu, die sie mit ihren kleinen Fingern verursachte. Herbert sah ihr stillschweigend zu. Es bereitete ihm Schmerzen sie so zu sehen. Er verstand nicht wie man kleinen Kindern, die nicht damit umgehen konnten und sich erst recht nicht wehren konnten, so was antun konnte.

„Cosette?" Keine Antwort, nur ein plötzliches schütteln der Schultern. „Cosette, weinst du?", fragte Herbert überrascht. Doch das Mädchen antwortete nicht, sie hatte einen Kloß im Hals. Herbert reagierte sofort, setzte sie auf seinen Schoß und nahm sie fest in den Arm. Wie die Nacht zuvor begann nun wieder ein heftiger Heulkrampf. Auch wenn sie nichts sagte, Herbert wusste was los war. Sie redete sich ein, dass ihre Mutter sie hasste und das nun auch sein Vater sie zu hassen beginnen würde. Sie schien das ganze Erlebte nun jetzt erst wirklich zu registrieren, obwohl es schon ein paar Nächte her war.

„Wein dich richtig aus Cosette. Das ist gesund und der Schmerz wird mit jedem Mal immer etwas kleiner sein, bis er verheilt", sprach er leise in ihr Ohr. Sie blieben zwei Stunden in dem Wasser liegen, bis es zu kalt war. Am Ende hatte sich Cosette wieder beruhigt. Sie war nur noch auf seiner Brust gekuschelt da gelegen und spielte mit seinen Haarspitzen. Als es die beiden nicht mehr im Wasser aushielten, oder besser gesagt Cosette, denn Herbert machte die Temperatur als Vampir natürlich nichts aus.

Als Cosette ihr neues Kleid anziehen durfte, war sie wieder fröhlicher. Denn noch nie hatte sie ein so schönes Kleid bekommen. Glücklich sprang sie neben Herbert her, als sie wieder in den Kaminzimmer gingen. Dort setzten sie sich auf Sofa und Herbert las Cosette ein Buch vor. Für war es total neu, denn ihr wurde noch nie vorgelesen. Still, ja fast unbeweglich saß sie da und hörte mit gespitzten Ohren zu. Sie las Herbert alles von den Lippen ab, ohne auch nur einmal wegzusehen. Doch das Ende bekam sie nicht mehr mit, da sie auf Herberts Schoß eingeschlafen war.

Ein paar Stunden vor Sonnenaufgang fuhren Koukol und Krolock wieder zurück zum Schloss. Wieder hatte er kein Glück gehabt. Er würde noch einmal zum Platz zurückkehren müssen, vielleicht findet er was, was ihm den Weg zeigen könnte. Seine Laune noch schlechter als am Vortag, überlegte er, wo es denn noch Dörfer geben könnte in seinem Bezirk. Doch bestimmt hatte er noch irgendwo Karten. Sie waren zwar nicht mehr auf den neuesten Stand, doch die meisten Dörfer waren bereits sehr alt. Vielleicht hatte er Glück.

Fortsetzung folgt …