Kapitel 7
Eine Woche war vergangen, seit dem der Graf aufgetragen hatte das Zimmer herzurichten, und Koukol hatte Cosettes Zimmer endlich fertig. Nun hatte sie ein großes gelbes, helles Zimmer, mit großen Fenstern, einen großen Balkon und rote Vorhänge aus Brokat. Beim Eintreten merkte man sofort wer darin lebte, denn überall waren ihre Holzfiguren verteilt.
Es war Mitternacht, der Graf von Krolock fuhr mit der Kutsche den Hang hinab in ein Dorf, das weit entfern war, von seinem Schloss. Stunden waren sie gefahren. Er konnte froh sein, das die Winterabende länger waren, denn sonst wäre es fast nicht möglich. Der Graf hatte Tage gebraucht um dieses Dorf zu finden, musste Karten durchwälzen und eine Menge Leute befragen, doch es war ihm gelungen. Er war sich fast sicher dass die Mutter von Cosette in diesem Dorf lebte.
Er lies Koukol in der Nähe des Dorfes anhalten. Denn wenn es die Runde gemacht haben sollte, dass er sie sucht, könnte sie sich verstecken. Und das sollte nicht passieren. Geräuschlos lief er durch die Straßen. Als er an einem etwas abgelegenes Haus ankam, hörte er laute Stimmen herausdringen. Um besser mithören zu können, lehnte er sich an die Hauswand neben einen Fenster.
„Hör endlich auf zu winseln Weib, sei froh das dieses Monster endlich fort ist", schrie ein wütender Mann. Dem Grafen durchfuhr ein Schmerz durchs Herz. Er war sich nun sicher, dass er hier genau richtig war. Das musste der Vater der Kleinen sein, seiner Kleinen. Wie konnte man nur so über sein eigenes Kind reden. Plötzlich wurde es warm in seinem Innersten. Es war die blinde Wut über diesen Menschen. Neugierig sah er durchs Fenster. Der Graf wollte sich den Menschen einprägen, um ihn irgendwann in seine Schranken zu weisen, was diesen Menschen sicher das Leben kosten wird.
Eine junge Frau hockte Schluchzend auf dem Boden, die Hände verdeckten das Gesicht. Ihre Unterarme waren sehr blass und dünn. Sie war nur Haut und Knochen. „Hör endlich auf, mit dem Geheule", schrie der Mann und schlug sie zu Boden. Nun konnte Von Krolock der Frau ins Gesicht sehen. Es war dieselbe Frau vom Medaillon. Nur schien sie um Jahre gealtert zu sein. Die Wangenknochen traten stark hervor, tiefe dunkle Augenringe waren unter den verquollenen Augen, und ein großer Bluterguss zierte ihre Stirn. Sie weinte immer weiter, sie konnte nicht mehr aufhören, woraufhin ihr Mann immer weiter auf ihr einschlug, und schlussendlich seine Hose auszog um etwas zu tun, das der Graf noch nie bei einer Frau getan hätte, wenn sie es nicht auch wollte. Er verschloss die Augen und drehte sich weg. Dabei zuzusehen wollte er nicht, der Gedanke tat ihm weh, wenn er daran dachte, wie oft Cosette wohl schon dabei zugesehen haben musste.
Der Graf hätte ihr gerne geholfen, doch blieb keine Zeit, er musste sich beeilen, wenn er noch vor Sonnenaufgang zurück sein sollte. Denn was brachte es der Frau, wenn sie von ihrem Mann befreit, aber am Ende alleine auf Erden wäre, weil er sich, mitten in der Wildnis Transsilvaniens in Asche verwandelt hätte. Sicherlich würde sie weglaufen vor Angst, wobei Koukol sie nicht aufhalten könnte. Und er selber war sich zu schade sich für diesen Menschen zu opfern. Während der Rückfahrt plagten ihn unzählige Fragen. Aber alle führten zu der Frage, wie es nun weiter gehen sollte. Sollte er die Frau in ihrem Elend allein lassen und Cosette nicht von ihr erzählen? Oder ihr sagen, ihre Mutter wäre gestorben? Sollte er die Mutter in der nächsten Nacht mit zu sich nehmen, damit Cosette ihre Mutter wieder hatte? Doch wie sollte es dann weiter gehen? Sollte er sie dann zum Vampir machen oder sollte sie Mensch bleiben?
Doch zwei Menschen im Schloss zu haben könnte gefährlich werden. Bei Cosette mochten sich ja die anderen Friedhofsvampire ja noch zurückhalten, da Kinder auszusaugen, in ihren Kreisen eh verboten war. Doch wenn die Mutter noch da war, werden sich die nicht aufhalten lassen. Wenn die Gier zu groß wäre, würden sie nicht mal mehr auf ihn hören. Und das könnte leicht passieren, mit dem Wissen, dass das ganze Jahr über Leckerbissen im Schloss herumlaufen.
„Ich hab sie gefunden", war die knappe Begrüßung, die er seinem Sohn zukommen lies, nachdem er wieder zurückgekehrt war. „Echt? Und? Was hat sie gesagt? Hast du sie ausgesaugt?", fragte Herbert prompt, während sie in die Gruft hinuntergingen. „Nein", sagte der ältere und erzählte dem Jüngeren kurz was er gesehen hat. „Oh mein Gott, du musst sie sofort daraus holen, das wäre auch für Cosette das Beste", setzte sich Herbert ein. „Und wie soll das dann weiter gehen? Du weißt doch, das die anderen Jagd auf sie machen werden", begehrte der Graf auf. „Dann mach sie zu einer von uns. Was willst du denn Cosette sagen, wenn sie das nächste Mal nach ihrer Mutter schreit? Willst du so tun als wüsstest du nichts? Oder ihr erzählen ihre Mutter wäre tot?", redete Herbert auf seinen Vater ein.
Darüber nachdenkend stieg der Graf in seinen Sarg. Er hatte von Anfang an beschlossen die Mutter Cosettes mit aufs Schloss zu nehmen, doch er wollte wissen wie sein Sohn darüber dachte. Und noch mal alles überdenken. Er hatte Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Das Schicksal der jungen Frau schien ihm doch nicht so ganz egal zu sein. Er wusste dass es so was zu Hauff auf der Welt gibt, aber es zu sehen war etwas anderes. Es kam dem Grafen wie Stunden vor, ehe er einschlief.
In der nächsten Nacht, verplemperte der Graf von Krolock keine Zeit. Als er aus der Gruft kam, stand die Kutsche bereits im Schlosshof, bereit zur Fahrt. Er hatte Koukol befohlen auf ihn zu warten, damit sie sofort los konnten. In Windeseile galoppierten die Pferde los. Diesmal dauerte es nicht ganz so lange, da es nicht mehr geschneit hatte, und er nun genau wusste wo er hin musste, ohne sämtliche Leute zu befragen.
Er marschierte geradewegs zum Haus, am Rande des Dorfes. Jedoch achtete er darauf dass ihn niemand sah, sonst könnte ihm jemand in die Quere kommen. Als er in das Haus hineinlugte sah er die junge Frau glücklicherweise alleine. Es war nur ein Zimmer, ein recht kleines niedriges Haus. Er konnte also sicher sein, das der Mann nicht im Hause war. Doch als er sie so da sitzen sah, in eine Ecke gekauert, brach es ihm fast das Herz. Ihr Mann hatte sie wohl wieder mit gewallt genommen, denn sie war nur mit einer Decke umwickelt. Um sich wieder anzukleiden war sie wohl zu schwach.
Sie saß gegen die Wand gelehnt, starrt leer vor sich hin. Tränen hatte sie keine mehr. Plötzlich hob sie ihre Hand, was die Decke verrutschen lies. Nun hatte der Graf den Blick auf ihren gesamten, geschundenen Körper. Übersät mit blauen Flecken, Blutergüssen und Striemen. In der Hand hielt sie ein stumpfes kleines Messer. Das, womit sie wohl sonst die Kartoffeln schälte. Sie betrachtete es für einen Augenblick und murmelte etwas vor sich hin, was der Graf nicht hören konnte. Dann ganz plötzlich, schnitt sie sich in die Ader am Handgelenk, und eine dunkle Flüssigkeit schoss sofort heraus.
In Windeseile und ohne Nachzudenken, sprang der Graf auf und versuchte durch die Tür hineinzugelangen. Doch die Tür war abgesperrt. Trotz das sie alt und morsch war, hielt sie seinen Schlägen und Tritten stand. Er musste sich beeilen wenn er sie retten wollte. Angst durchflutete sein Herz, er wollte nicht dass sie starb. Nicht nur wegen Cosette. Nachdem es Aussichtslos schien, durch die Tür hineinzugelangen, ging er ans Fenster zurück und schlug es ein. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er es völlig zertrümmert hatte. Da es nur sehr klein war, mit denen im Schloss nicht zu vergleichen, musste er jede kleine Kante zerhauen, um überhaupt hindurch kriechen zu können.
Er rannte direkt zu ihr. Sie lag bereits in einer großen Blutlache. Schon nicht mehr ganz bei Sinnen und mit verklärtem Blick sah sie zu ihm auf, als er sie in den Arm nahm. Hilflos hielt er mit seiner Hand das blutende Handgelenk fest, um die Blutung zu stoppen, doch er wusste dass es nichts brachte. Als er sich hinunter beugen wollte um sie zu beißen, in der Hoffnung es würde sie noch retten, drückte sie ihn mit der anderen Hand schwach von sich. „Nein. Ich will nicht mehr, ich ertrage das nicht", flüsterte sie leise kopfschüttelnd. „Aber Cosette braucht dich", redete der Graf auf sie ein. Für einen Moment leuchteten ihre Augen auf. „Cosette?", flüsterte sie und Tränen bildeten sich auf ihrem Gesicht.
„Ja, sie ist bei mir. Sie fragt nach dir. Sie glaubt das du sie hasst, weil…", erklärte er. „Nein", sagte die junge Frau energisch. „Ich hasse sie nicht. Ich wurde … gezwungen." Für einen Moment sah sie ihn einfach nur an und ein Lächeln deutete sich kurz auf ihrem Gesicht an. „Sagt ihr … dass ich sie …s…sehr liebe." „NEIN, du sollst am Leben bleiben", rief er aus, schob sich den Ärmel hoch und biss sich selber ins Handgelenk, so das Blut hinaus floss. Er hielt seinen Arm direkt über ihren geschlossenen Mund, die Tropfen fielen auf ihre vollen Lippen. Er wusste dass es zu spät sein musste, doch er wollte es nicht unversucht lassen.
Wieder erschien ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. „Kümmern …sie sich … bitte … gut um … Cosette", sprach sie atemlos, wobei die Tropfen in ihren Mund fielen. Sanft strich der Graf über ihre kalte Wange. Während ihr Blick immer leerer wurde, versuchte sie ihre Hand zu heben um sie auf seine zu legen.
Doch sie schaffte es nicht mehr.
Ihre Hand klatschte unsanft und leblos auf den Boden.
Ihr Kopf, mit leeren Augen, fiel zur Seite.
Sie war tot.
Für einige Minuten starrte er nur auf sie herab. Er konnte nichts fühlen und nicht denken. Sanft strich er eine braune Haarsträhne aus ihrem Gesicht und schloss ihre Augen. Es tat innerlich weh, doch er konnte diese Gefühle nicht äußerlich zeigen. Irgendwie gab es eine Barriere. Er wollte weinen, doch es rührte sich einfach nichts. Für eine Weile saß er noch so da mit ihr. Loslassen konnte er sie nicht.
„Hey, was tust du da?", lallte eine laute, wütende Stimme. Der Graf wusste sofort wer das war. Er ließ den toten Körper zu Boden sinken und stellte sich schützend davor. „Was hast du mit meiner Frau gemacht du Schwein", schrie der Mann. „Die Frage ist wohl eher, was hast du mit ihr gemacht", donnerte der Graf zurück. Wutentbrannt taumelte der Mann auf den Grafen zu und versuchte ihn zu schlagen, doch dieser musste nicht groß ausweichen um nicht getroffen zu werden. Denn der andere war so betrunken das er wohl dreifach sehen musste. Von Krolock verpasste ihm eins mit seiner Linken, wobei er seine gesamte aufgestaute Wut hineinpackte. Der betrunkene Mann knallte gegen den Tisch, rollte darüber und fiel auf der anderen Seite bewusstlos zu Boden.
Der Graf spielte mit dem Gedanken ihn auszusaugen, doch wäre das durch den Alkohol keine gute Idee. Er ging zur jungen Frau zurück, wickelte sie in die Decke ein, nahm sie auf den Arm und trug sie bis zur Kutsche. Koukol staunte nicht schlecht, als er sie mitbrachte. Dieser wusste zwar dass er sie mitnehmen würde, doch hatte er nicht erwartet dass sie nur mit einer Decke gekleidet vom Grafen getragen wurde. Im ersten Moment dachte er, das der Graf spaß mit ihr gehabt hatte, doch konnte er sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Als er bemerkte dass sie tot war, kamen ihm fast die Tränen als er an Cosette denken musste.
An der Stelle wo Von Krolock Cosette gefunden hatte, vergrub er die junge Frau. Er ließ es nicht von Koukol machen, das war eine Sache, die er selbst tun musste. Und er wollte es auch. Für wenige Minuten blieb er noch am Grab stehen, doch dann musste er gehen, da die Sonne in einer Stunde aufgehen würde. Noch kurz bevor der erste Sonnenstrahl aufging schaffte er es noch in die Gruft. Dort wartete bereits Herbert auf ihn. Er erzählte ihm alles, und wie er es sich schon gedacht hatte, bedrückte es diesen sehr. „Wie sollen wir es Cosette beibringen?", fragte Herbert. „Sie wird es nicht erfahren", beschloss der Graf. „Noch nicht", fügte er hinzu, als er den verständnislosen Blick seines Sohnes sah. „Sie soll eine schöne Kindheit haben. Ich werde es ihr sagen, aber erst wenn sie alt genug ist, um das zu verstehen. Bis dahin behalten wir das für uns", erklärte er, wobei er keine Widerrede duldete.
Fortsetzung folgt …
