Kapitel 8
Es waren zwei Wochen, seit dem Tod von Cosettes Mutter vergangen. Der Graf suchte noch die folgenden Tage nach dem Mann ab, doch konnte er ihn nicht mehr ausfindig machen. Es tat ihm sehr Leid um Cosettes Mutter, doch bei ihrem Vater, würde er keine Gnade walten lassen. Es hatte dem Grafen von Krolock einige Tage gekostet, ehe er wieder Cosette ins Gesicht sehen konnte. Noch immer fiel es ihm schwer, vor allem in den Augenblicken in denen sie besonders glücklich schien. Ihr Lachen zu hören, machte es ihm schwerer ums Herz, wusste er doch was ihrer Mutter schreckliches widerfahren war, doch nachdem er es überwunden hatte, konnte er es wieder genießen. Doch der Gedanke, es Cosette eines Tages zu erzählen, bereiteten ihm Kopfschmerzen. Je länger sie bei ihm war, desto weniger wollte er es ihr erzählen. Denn er konnte sich nicht vorstellen eines Tages dieses fröhliche Lachen zu zerstören, indem er die Wahrheit über ihre Mutter sagte. Aber er wusste, dass er es nicht verheimlichen konnte, und der Moment eines Tages kommen würde.
Cosette hatte seit dem letzten Mal nicht mehr nach ihrer Mutter gefragt, und so glaubten die drei Männer, dass das schlimmste ausgestanden sei. Tagsüber spielte sie mit ihren Holzfiguren, immer in der Obhut von Koukol, der sie wie sein Augapfel hütete. Oft spielte sie mit den Sägespänen, so dass die gesamte Werkstatt wie ein riesiger Käfig ausgelegt war, oder half ihm beim Striegeln der Pferde. Da sie noch sehr klein war, nahm er sie meistens auf die Arme damit sie an die entsprechende Stelle kam. Meistens taten ihm nach einer Weile die Arme weh, da sie am liebsten das gesamte Pferd alleine und sehr gründlich putzte. Doch er lies sie gewähren, auch wenn er sich so manchen bösen Blick einhandelte, weil er sie wieder absetzen musste, um die Arme ein wenig ruhen zu lassen.
Da sie nun schon seit einer Weile bei ihnen war, und alles nicht mehr so neu und fremd war, wurde Cosette immer selbstbewusster. Bei dem Hausherrn hielt sie sich zwar zurück, doch allen war klar, dass das nicht ewig anhalten würde. Schon einmal hatte sie sich ganz keck auf den Schoss vom Grafen gesetzt, als sie und Herbert dazugekommen waren. Doch der Graf konnte nicht anders, als sie gewähren zu lassen. Wie konnte er ihr auch lange böse sein? Er musste ihr nur einmal ins Gesicht sehen, und er hatte das Gefühl das alles leichter ist.
Nach weiteren zwei Wochen fuhr Koukol wieder mit Cosette ins Dorf um ihre Kleider abzuholen. Das kleine Mädchen war total aufgeregt und freute sich auf ihre neuen Kleidungsstücke. Diesmal aber saß sie direkt neben Koukol, denn sie wollte sehen, wie er die Pferde lenkte. Die gesamte Fahrt über ließ sie kaum die Augen von Koukols Händen und den Zügeln. Die Begeisterung für die Landschaft war verflogen. Nur wenn Koukol auf einen Hasen oder einen Reh deutete sah sie gebannt auf.
Im Dorf angekommen, fuhr Koukol wieder direkt vor das eingeschneite Haus in dem sich die Schneiderei befand. Cosette kletterte selbstbewusst alleine die Kutsche hinunter, plumpste jedoch direkt in den hohen Schnee. Koukol half ihr wieder auf, trug sie aber nicht zur Tür, da sie alleine Laufen wollte. Wieder lief sie in seinem Fußstapfen, da es leichter war. Als die Frau vom letzten Mal die beiden erblickte, wurde ihr Gesicht bleich, verschwand schnell in einem Hinterzimmer, um mit einer weiteren Frau, mehrere große Päckchen zurückzukehren. Es hatte den Anschein, dass die beiden Frauen unter dem Gewicht der Päckchen fast zusammenbrachen, aber dennoch beeilten sie sich damit die Päckchen, ein gutes Stück von Koukol entfernt, abzustellen.
Koukol schnappte sich einen Stapel Päckchen das er sofort durch die, von der zweiten Frau offen gehaltenen, Tür zur Kutsche brachte. Aufmerksam beobachtete Cosette die Frau, die sie noch nicht kannte. Sie verstand nicht, weshalb sie sich so weit wie möglich von Koukol wegdrückte und angewidert das Gesicht verzog. Wieder kam Koukol zurück nachdem er den Stapel verstaut hatte, kam zurück und holte den zweiten, wobei Cosette ihm folgte. Alleine versuchte sie auf die Kutsche zu steigen, doch wollte es nicht so recht klappen. Und als Koukol auf die Kutsche gestiegen war und es dadurch ruckelte, verlor sie fast den Halt, weswegen sie einen kleinen Schreckensschrei von sich gab. Als Koukol das hörte, rutschte er sofort auf die andere Seite des Kutschbocks und zog sie hinauf. Die beiden Frauen hatten die Szenerie aus dem Fenster beobachtet, denn als Cosette hinter Koukol hinausgegangen war, hatten sie sofort die Tür geschlossen. Sie wussten nicht was sie davon halten sollten. So was hatten sie in ihrem gesamten Leben noch nicht erlebt.
Ein paar kurze Straßen weiter, merkte Cosette das sie wohl wieder in das Wirtshaus gehen werden, doch sie hatte keine Lust dazu, wieder diesem schmierigen Wirt und der bösen Frau zu begegnen und so wartete sie draußen auf der Kutsche. Es schien einige Zeit zu dauern. Aus Langeweile sah sich Cosette das Dorf genauer an. Die vielen kleinen Häusern mit den kleinen Fenstern waren nicht mit dem Schloss zu vergleichen in dem sie lebte. Plötzlich hörte sie ein Geräusch, und als sie sich umdrehte erblickte sie das freundliche, braunhaarige Mädchen vom letzten Mal. Sie war wohl von Hinterhof des Wirtshauses gekommen, und stand nun angewurzelt da, mit einem Schneeball in der Hand.
Im ersten Moment schien das Mädchen sehr ängstlich, denn diese kannte diese Kutsche, und die Worte die ihre Mutter ihr über den Buckligen gesagt hatte, klangen ihr noch in den Ohren. Doch als sie Cosette darauf erblickte, wich ihre Blässe und begann wieder zu Lächeln. Auch Cosette lächelte, und kletterte ohne nachzudenken hinunter vom Kutschbock. Erst sahen sie sich ein wenig unbeholfen an, bis die beiden Mädchen begannen aufeinander zuzugehen. „Hallo!", sagte das zweieinhalb Jahre ältere Mädchen. „Halo", sagte Cosette schüchtern. Sie konnte sich nicht daran erinnern wann das letzte Mal sie ein Kind angesprochen hatte, oder ob das überhaupt jemals passiert war. „Wie heißt du?", fragte das Mädchen. „Cosette", antwortete sie schon selbstsicherer. „Ich heiße Sarah. Willst du mit mir spielen?", fragte Sarah und hielt zur Verdeutlichung den Schneeball in die Höhe. Cosette nickte aufgeregt und strahlte vor Freude.
Plötzlich wurde sie mit dem Schneeball hart auf die Brust getroffen und Sarah lief vor Freude einigen Schritten weg. Traurig blickte Cosette sie an. Sie verstand nicht, weshalb Sarah ihr wehtat. Sie dachte, dass Sarah nun ihre Holzfiguren holen würde, damit sie spielen konnten. „Was ist denn?", fragte Sarah besorgt. „Du hast mir … weh getan", sagte Cosette und Tränen bildeten sich in ihren Augen. „Tut mir leid, das wollte ich nicht. Aber so geht das Spiel eben." „Welches Spiel?" Verwirrt sah Sarah sie an. „Na, Schneeballschlacht natürlich", sagte sie, ging in die Hocke und formte noch einen weiteren Ball. Ängstlich wich Cosette zurück. „Du brauchst keine Angst haben, ich tue dir nicht weh. Kennst du Schneeballschlacht denn nicht?", fragte Sarah ungläubig. Mit einem leichten Kopfschütteln verneinte Cosette.
„Du hast noch nie von Schneeballschlacht gehört? Du bist ja langweilig", versetzte Sarah. Geknickt sah Cosette zu Boden. „Soll ich dir erklären wie es geht?", fragte Sarah mit einem einladenden Lächeln. „Ja", quiekte Cosette vergnügt. Nachdem Sarah geduldig ihr das Spiel erklärt hatte, begann Cosette sofort fleißig damit viele Schneebälle zu formen. Nur leider gelang es ihr nicht so gut wie Sarah. Ihre waren runder und größer. Doch sie machte sich nichts draus und warf nur so drauf los. Natürlich konnte sie nicht so weit und so gezielt werfen wie Sarah, aber dennoch hatte sie riesigen Spaß. Nur taten ihre Hände nach einer Weile vor Kälte weh und waren rot angelaufen. Doch es machte ihr nichts aus, sie wollte nur immer weiter spielen.
Als plötzlich die Tür aufging und sie sich beider erschraken, blieben sie wie angewurzelt stehen. „Sarah", schrie der Wirt der hinter Koukol, der wieder einige große eingewickelte Dinge zur Kutsche trug, hinausgetreten war. „Komm sofort rein! Was habe ich dir gesagt junge Dame. Willst du mich meschugge machen?", wetterte der Wirt sofort los, so wie es seine Frau einst getan hatte. Ohne Cosette auch nur noch einmal anzuschauen, rannte Sarah hinein. Traurig sah Cosette ihr nach. Dem bösen Blick vom Wirt trotzig standhaltend, bis er seiner Tochter hinterher ging, bildeten sich wieder Tränen in den Augen. Sie verstand nicht weshalb der böse Mann mit dem roten Gesicht sie nicht mit ihrer Freundin spielen ließ.
Koukol hatte sich das schweren Herzens angesehen, und gab sich selber die Schuld dafür. Denn wann immer Cosette mit ihm unterwegs sein würde, würde sie nie wie ein normales Kind mit anderen spielen können. Enttäuscht und niedergeschlagen kletterte sich Cosette wieder auf den Kutschbock und wartete dort mit hängenden Schultern so lange auf ihn, bis er alles verstaut hatte, was er mitnehmen wollte.
Während der Rückfahrt gab Cosette kein Wort von sich. Es war nicht so das sie jemals so viel gesprochen hatte, doch war die Stille dieses Mal sehr unangenehm und bedrückend. Um sie wieder aufzumuntern, ließ er die Pferde halten, packte Cosette, setzte sie auf seinen Schoss und drückte ihr die Zügel in die Hand. Da sie recht schwer waren und Cosette sie noch nicht bedienen konnte, umschlang er ihre kleinen kalten Hände mit seinen Pranken und zeigte ihr wie es geht. Quietschend und Lachen begleitete nun die restlich Fahrt. Das Geschehene war schnell vergessen und Cosette konzentrierte sich nur noch aufs Lenken.
Im Schlosshof angekommen kam Koukol eine tolle Idee, während er das Tor hinter ihnen wieder schloss. Er würde Cosette ein Kätzchen schenken. Er hatte schon viele Katzen im Dorf gesehen, und auch so manch eine war im Herbst trächtig gewesen. Sie wurden zwar meistens sofort vom Besitzer erschlagen, da er so viele Katzen nicht brauchen konnte, doch so manche Katzen versteckten ihre Kätchen geschickt im Heuboden oder auf Dachkammern. Je länger er darüber nachdachte gefiel ihm die Idee immer besser. Denn auch wenn das Kätchen keine Freundin ersetzen konnte, war es doch ein guter Spielkamerad. Nachdem Cosette beim Striegeln der Pferde geholfen hatte und ihnen Futter gegeben hatte, ging sie hinauf in ihrem Zimmer. Inzwischen fand sie alleine dorthin, wie auch das Kaminzimmer. Es war nicht schwer zu finden, wenn man sich nur nicht von den vielen Gängen verwirren ließ.
Nachdem Koukol die Ereignisse im Dorf dem Grafen geschildert hatte, war auch dieser von der Idee begeistert. „Das ist eine gute Idee Koukol. Geh sofort los, und such eine junges Kätchen. Es muss aber in guter Verfassung sein, was allerdings Momentan schwierig sein wird. Na ja, vielleicht hast du Glück. Möglicherweise könnten wir es auch wieder aufpäppeln", sprach der Graf, und ging sofort wieder ins Kaminzimmer, da seine Kinder auf ihn warteten. Abrupt blieb er stehen. Seine Kinder? Hatte Cosette ihn nun schon so weit gebracht? In der kurzen Zeit? Hatte er sie bereits innerlich als Tochter adoptiert, ohne es zu merken? Schmunzelnd ging er weiter. Er hatte es ja geahnt, aber dass es so schnell gehen würde, hatte er nun auch nicht gedacht.
Im Kaminzimmer angekommen, setzte er sich zu Herbert und Cosette. Herbert war gerade dabei Cosette ein paar schöne Märchen aus seinen eigenen Kindertagen vorzulesen. Doch als sich der Graf neben sie gesetzt hatte, nahm sie ihm das Buch aus der Hand und legte es dem Älteren auf den Schoss. „Lies vor", forderte sie ihn auf. Denn sie war der Meinung dass er am besten von den Beiden vorlesen konnte, da der Graf so eine schöne tiefe Stimme hatte. Seinem Sohn ein keckes Lächeln schenkend, da Cosette ihn lieber lesen hörte, fing er an, und Herbert fühlte sich durch die bekannten, beliebten Märchen und der Stimme seines Vaters wieder in die Kindheit zurückversetzt. Cosette kuschelte sich an den Grafen und auch Herbert legte wieder seinen Kopf auf dessen Schulter, Cosette zwischen den beiden.
Am Weihnachtstag, an dem ein jeder Christ sich an die Geburt Jesu erinnerte, fuhren Koukol und Cosette wieder ins Dorf, ohne auch nur zu wissen welcher Tag es war. Koukol musste für den bevorstehenden Mitternachtsball noch einige Kerzen besorgen, und auch das Essen war knapp. Während Koukol im Wirtshaus war, blickte sich Cosette um. Irgendetwas war anders, das merkte sie. Als sich die Tür wieder öffnete, und auch ne Zeitlang offen stand, da Koukol wieder hineingehen würde, fiel es ihr schlagartig wieder ein. In Windeseile schlug sich ihre Laune wieder um. Bedrückt saß sie auf dem Kutschbock als Koukol sich neben sie setzte, und wieder zum Schloss fuhr. Koukol war sehr verwundert. Er wusste nicht, was ihre Laune wieder verschlechtert hatte. War es vielleicht wegen dem Mädchen, mit dem sie dieses Mal nicht spielen konnte? Ein Kätzchen hatte er bisher leider noch nicht ausfindig machen können.
An diesem Abend waren auch der Graf und Herbert sprachlos. Sie wussten nicht was mit ihr geschehen war. Sie schien sich durch nichts aufmuntern zu lassen. Noch nicht mal als der Graf ihr, ihre Lieblingsgeschichte vorlesen wollte. „Nun sag schon Cosette, was hast du? Warum bist du heute so traurig?", fragte Herbert besorgt. „Heute…heute … ich…", schniefte sie. „Ja? Was ist heute?", hakte der Ältere nach, während er ihr über den Rücken strich, während sie auf Herberts Schoss saß und Tränen vergoss. „Mama hat immer gesagt … ich bin am selben Tag wie … wie das Jesuskind geboren. … Und deswegen hassen mich alle", sprach sie es endlich aus.
Verdutzt sahen der Graf und Herbert auf sie herab. Ehe der Ältere wieder einen Wutanfall bekommen konnte, sprach Herbert weiterhin ruhig auf Cosette ein. „Du hast heute Geburtstag?", fragte Herbert. Plötzlich hob Cosette fragend den Kopf. „G'burlzttag?", fragte Cosette. „Nein, Geburtstag. Weißt du denn nicht was Geburtstag ist?", fragte Herbert ungläubig. Verneinend schüttelte Cosette den Kopf. Wutentbrannt stand der Graf auf und marschierte wie ein Tiger im Käfig durchs Zimmer. „Das ist der Tag an dem du geboren worden bist. Den feiert man jedes Jahr. Hast du und deine Mutter das nie gemacht?", fragte Herbert aufgewühlt. Wieder schüttelte Cosette ihren Kopf.
Nachdem der Graf für einige Minuten fort gegangen war, und wieder einigermaßen beherrscht zurückkam, setzte er sich wieder zu den Zweien und erklärte Cosette was es nun genau mit dem Geburtstag auf sich hatte. Der Graf und Herbert gratulierten ihr zum Geburtstag und versprachen ihr ein tolles Geschenk, das aber noch auf sich warten lassen würde. Auch eine kleine Feier wollten sie am nächsten Abend veranstalten. Zunächst freute sich Cosette, doch plötzlich schlug ihre Stimmung wieder um. „Cosette was hast du?", fragte der Ältere. „Wird Mama auch kommen?", fragte Cosette. Kurz sahen sich die beiden Männer an. Sie wussten nicht was sie sagen sollten. Doch ihnen war klar, dass sie ihr die Wahrheit verschweigen würden.
„Nein, das geht nicht", fing der Graf an. „Warum nicht?", fragte Cosette wieder den Tränen nahe. „Warum kommt sie nicht? Warum hasst sie mich? Warum will sie mich nicht haben?" Es tat den beiden weh sie so zu sehen. Sie hatten gehofft dass das Schlimmste überstanden war. Doch da hatten sie sich geirrt. „Sie liebt dich", sagte der Graf verzweifelt, um sie zu beruhigen, doch dieses Mal, wusste er, das er die Wahrheit sagte. Wieder hatte er die Bilder der jungen Frau vor Augen. Doch verspürte er diesmal körperlichen Schmerz, einen harten Druck der auf sein Herz lastete. Er wollte nicht dass sie so litt. Er wollte, dass sie eine Sorgenfreie und schöne Kindheit hat. Aber es würde eine Zeitlang dauern ehe Cosette sich richtig eingewöhnte und beginnen würde, zu vergessen. Vergessen was Schreckliches in ihrem Leben geschehen war.
Er wusste, dass nur sehr wenige Menschen sich an ihren Kleinkindertagen erinnern konnten, und so hoffte er inständig, das Cosette nicht zu ihnen gehörte.
Fortsetzung folgt …
