Kapitel 9

Das Jahr war bald vorüber. Genau genommen war es der letzte Tag des zwölften Monats, und in dieser Nacht fand der alljährliche Mitternachtsball statt. Koukol ersetzte im Ballsaal alle heruntergebrannten Kerzen vom letzten Mal mit neuen. Er machte seit Tagen alles sehr Lustlos, da es im Schloss seit einer Woche recht ruhig und deprimierend war. Koukol hatte sich schnell an das kleine Mädchen gewöhnt, die immerzu lachte, und ihm bei allem erdenklichen helfen wollte. Doch nun, seit sie die Erkenntnis hatte, dass ihre Mutter sie hasst und nie mehr sehen wird, ist sie nur noch ein Haufen Elend. Egal was die Herren Krolocks auch taten, sie konnten sie nicht glücklich stimmen. Koukol kam nicht an sie heran, und auch das Essen rührte sie kaum an.

Cosette lag währenddessen auf ihrem großen Himmelbett, alle Holzfiguren, die sie einmal von Koukol bekommen hatte, um sich herum verstreut. Zum Spielen hatte sie nicht so Recht Lust. Die meiste Zeit starrte sie nur durchs Zimmer, und gab sich ihren düsteren Gedanken und Erinnerungen hin. Es gab nichts mehr in ihrem Zimmer das sie nicht kannte.

Ihr Himmelbett stand in der Mitte der Wand, gegenüber der Tür. Rechts daneben ein Nachtisch, und neben den ein großes Fenster. Die Wand daneben offenbarte eine weitere Tür in der es ins eigene Badezimmer ging, und daneben war ein großer Kamin, vor dem lag ein großer runder Teppich, und drei gemütliche Sessel standen davor. Links vom Bett befand sich eine große Kommode. Die nächste Wand, direkt dem Kamin gegenüber war eine große zweiflüglige gläserne Tür, die auf einem großen Balkon hinausführte.

Plötzlich klopfte es an ihrer Tür und Koukol kam mit einem Tablett Essen herein. Er stellte es auf ihrem Nachttisch ab und sah sie besorgt an. Es schien als hätte sie nicht bemerkt dass er herein gekommen war. Noch immer lag sie still und vor sich hin starrend auf dem Bett. Koukol musste sich was überlegen. So konnte es nicht weiter gehen. Wenn er nichts unternimmt würde es sie mit der Zeit von Innen auffressen. Ein Kind sollte niemals so niedergeschlagen und traurig sein.

Nach kurzem Nachdenken fiel ihm auch etwas ein, was Cosette auf andere Gedanken bringen könnte. Freudig strahlte er sie an und stupste sie an. Langsam und lustlos drehte sie ihren Kopf zu ihm. Ihr Blick verriet, dass sie am liebsten alleine gelassen werden wollte. Koukol aber ließ sich nicht beirren. Mit Handzeichen machte er ihr verständlich das sie mitkommen wollte. Kurz blitzte Neugierde ihn ihren Augen auf, setzte sich auf, aber dann war es auch wieder gewichen. Er sah das sie sich wohl von selbst nicht aus dem Bett kommen würde.

Also packte er sie sanft am Arme und zog sie vom Bett. Mit verwunderten großen Augen sah sie ihn an. Ihr war nicht klar was er so dringendes wollte. Koukol nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. Allerdings nicht ohne ihr ihren warmen Mantel überzuziehen. Cosette wehrte sich nicht und lief mit. Die Neugierde packte sie immer mehr, denn sie hatte keine Idee was er nun mit ihr anstellen könnte.

Als sie draußen auf den Hof standen, blickte sie sich um. Es war nichts Besonderes gesehen. Jedoch fiel ihr auf das der Schnee wieder etwas gestiegen war. Koukol ließ sie dort stehen wo sie war und ging kurz in den Stall. Nach kurzer Zeit kam er mit einem der schwarzen Pferde am Strick hinaus. Als Koukol Cosettes Reaktion auf das Pferd sah, wurde ihm das Herz leichter, denn sie begann wieder zu lächeln. Und ihre Augen strahlten seit Langem mal wieder. Denn sie liebte die Tiere. Es schien als könnte sie nichts glücklicher machen als die großen Vierbeiner.

Zu Cosettes erstaunen holte er den anderen nicht heraus. Und spannte er den hier vor ihr stehenden auch nicht an die Kutsche an. Ohne Vorwarnung warf Koukol den Strick einfach über den Hals des Pferdes, damit es nicht darauf trat, und hob Cosette auf den Rücken des Tieres. Zuerst klammerte sie sich panisch an der Mähne fest, sie hatte nicht damit gerechnet und war noch nie auf einem Pferd gesessen. Es fühlte sich sehr ungewohnt an. Ihr kurzen Beine baumelten links und rechts herunter.

Koukol machte ihr verständlich dass er aufpassen würde, dass sie nicht herunterfiel und führte das Pferd langsam um den Kreis. Nach einer Weile entspannte Cosette sich wieder durch die rhythmischen Bewegungen und setzte sich auch aufrecht hin. Je länger sie darauf saß desto mutiger wurde sie. Es dauerte nicht lange und sie saß darauf wie eine stolze kleine Prinzessin. Sie tat es so gut das man meinen könnte sie hätte nie was anderes getan.

Nachdem sie viele Runden im Kreis geritten war wurde es ihr ein wenig langweilig und spornte Koukol an, das Pferd schneller laufen zu lassen. So wie sie nun freudig auf dem Pferd zappelte, wunderte man sich dass das Pferd nicht längst schneller geworden war. Doch es war sehr gut erzogen und hörte in diesem Fall nur auf denjenigen, der den Strick in der Hand hatte. Cosette wollte immer mehr und immer schneller, doch Koukol war sich sicher das sie dann herunter fallen würde. Doch er wollte ihr den Wunsch nicht verwehren, wo sie doch nun endlich wieder einmal glücklich war. Und da kam ihm auch gleich eine Idee.

Er band das Pferd kurz an, und nahm Cosette erstmal herunter, was sie wieder traurig stimmte. Sie dachte, dass es nun wieder vorbei war. Doch voller Erstaunen sah sie wie Koukol einen Hocker aus dem Stall holte. Diesen stellte er links neben dem Pferd ab, stellte sich darauf, machte es vom Strick los, und stieg selber aufs Pferd. Verwirrt sah Cosette ihm zu. Sie hatte noch nie jemandem auf diesen Pferden sitzen sehen, sondern nur auf der Kutsche. Noch etwas traurig war sie aber dennoch, weil sie glaubte ihm jetzt nur zugucken zu dürfen.

Doch zu ihrer freudigen Überraschung deutete Koukol ihr an auf den Hocker zu steigen. Freudig quiekend tat sie sofort was er verlangte. Sie hätte sich nicht im Traum ausgemalt mit ihm zusammen reiten zu dürfen. Sie mochte Koukol sehr gerne und störte sich nicht an seinem Aussehen, wie die anderen Menschen, vor allem die Kinder. Als sie auf dem Hocker stand, beugte Koukol sich vom Pferd herunter und zog sie an ihrem Arm zu sich hinauf. Er setzte sie vor sich hin und schlang die Arme um sie und ergriff die Mähne. Diese Pferde mussten nicht ungedingt mit Zügel geritten werden, sondern hörten auch wenn man kräftig genug, aber nicht zu fest, an der Mähne zog.

Zuerst ritten sie wieder im Schritt im Kreise herum. Doch als Cosette wieder ungeduldig wurde und nach mehr Geschwindigkeit verlangte, trieb er das Pferd mehr an und es ging zum Trab über. Da Cosette so klein und sehr leicht war, wurde sie sehr heraufgestoßen, weshalb Koukol sie gut festhalten musste, aber es machte spaß. Vor allem der Kleinen gefiel es sehr. Sie lachte während dessen vergnügt und strahlte nur noch. Auch Koukol stimmte es wieder glücklicher. Doch nach einiger Zeit mussten sie aufhören, denn er hatte noch viel zu tun und wollte keine Rüge von seinen Herren bekommen. Es würde nicht mehr lange dauern bis die Vampire aus den Gräbern stiegen, und er musste noch Cosette in ihr Zimmer bringen um sie zu schützen. Wer weiß was die anderen Vampire vorhatten, wenn sie merkten, dass ein Menschenmädchen im Schloss war. Und Koukol hatte auch keine Vorstellung davon wie gut sie auf Krolocks Anweisungen gehorchen würden, schließlich war es eine Mahlzeit die sie niemals bekommen werden.

Hinter Koukol hüpfend ließ sich Cosette in ihr Zimmer bringen. Dort angekommen machte sie sich sofort über das Essen her, ohne sich den Mantel auszuziehen. Koukol schüttelte lächelnd den Kopf darüber. Sie musste sie direkt vom Löffel loseisen um ihr ihren Mantel ausziehen zu können. Denn sie sollte, auch wenn sie noch so klein war, lernen wie man sich richtig benahm. Und speisen im Mantel gehörte nicht dazu. Und er wusste auch, dass es im Sinne der Herren von Krolock war. Nachdem sie fertig war, nahm er das Tablett wieder mit hinaus und ließ sie wieder allein. Mit dem guten Gewissen, das sie sich nun nicht wieder vor sich hin starrend und deprimiert aufs Bett legen würde.

Der letzte Sonnenstrahl war untergegangen, und es war am Horizont nur noch ein dünner violetter Streifen zu sehen. Die Steinplatten der Gruftsärge öffneten sich. In Windeseile stiegen Herbert uns sein Vater aus ihnen heraus. Sie mussten sich beeilen, da sie noch zu Cosette gehen wollten ehe der Mitternachtsball anfing. Glücklicherweise ließen die Friedhofsvampire immer auf sich warten. Fast panisch rannten sie die Stufen zu Cosettes Zimmer hinauf. Ihnen fiel ein Stein vom Herzen als sie Cosette freudig vor dem Kamin auf dem weichen Teppich sitzend mit ihren Figuren spielen sah. Auch wenn sie es besser wussten, hatten sie ein grausiges Bild im Kopf. Und in dem lag Cosette in den Armen eines Vampirs mit blutigem Hals und mit glanzlosen, matten Augen.

Strahlend empfing Cosette ihre Familie, wie sie es inzwischen schon empfand. Sie hatte sich schnell und gerne hier bei den drei Männern eingelebt, zu ihrem vollkommenen Glück fehlte nur noch ihre Mutter. Verwundert blickten die beiden Krolocks Cosette an. Sie hätten nicht erwartete sie so gut gestimmt vorzufinden. Ohne zu Zögern ging Herbert auf sie zu, setzte sich hinter ihr und nahm sie auf den Schoss, während sie zusammen weiter spielten. Sein Vater ließ sich indessen von Koukol mit Hilfe der Gebärdensprache erzählen was Cosette den ganzen Tag so gemacht hatte, was er an jedem Abend tat, und staunte nicht schlecht über Koukols Idee mit dem Pferdereiten. Prompt gab er ihm die Erlaubnis ihr das Reiten beizubringen. So kam sie mal an die Frische Luft, lernte etwas was sie sowieso lernen sollte, was er ihr gerne selbst beigebracht hätte, doch das würde er eh, da Koukol nur das nötigste konnte, und kam auf andere Gedanken.

Nach kurzer Zeit gingen die drei Männer wieder, aber nicht ohne Cosette ausführlich zu erklären das sie diese Nacht nicht zusammen verbringen werden. Diese Nachricht stimmte sie wieder traurig und ihr Blick brach den dreien fast das Herz. Am liebsten hätten die Herren Krolocks das Fest abgesagt, den anderen Vampiren klar gemacht das es nichts zu saugen gab und sie wieder in ihre Särge geschickt. Doch sie wussten dass das nicht möglich war. Und so versprachen sie, dass sie Koukol sobald wie möglich vorbeischicken würden, damit sie nicht so alleine wäre. Nachdem Cosette ein kleines Lächeln zustande gebracht hatte verabschiedeten sie sich von ihr und der Graf versperrte von außen die Tür. Es war ihm egal ob Koukol nachher zu ihr gehen würde, und selbst wenn die Vampire nichts merken würden und auf ihn ohne Widerworte gehorchen werden, er wollte sicher gehen das sein kleines Mädchen in Sicherheit war.

Plötzlich blieb er abrupt stehen. Er dachte über das eben gedachte nach. Sein kleines Mädchen? „Soweit hast du mich nun schon Cosette", flüsterte der Graf lächelnd zu sich selbst und ging seinem Sohn hinterher. Sie mussten sich noch zu Recht machen. Und Koukol musste das Opfer vorbereiten. Es war ein dünner hagerer Mann. Und er hatte Koukol ihn mit Absicht zu dem Dorf geschickt, indem Cosette früher mit ihren Eltern lebte. IN der Hoffnung er würde einmal ihren Vater erwischen. Doch dieser war es zu seinem Leidwesen nicht gewesen. Doch er gab nicht auf. Er würde ihn eines Tages erwischen. Und wenn er das gesamte Dorf und die ganzen anderen drum herum absuchen musste.

Er wusste, dass er diesen Mistkerl eines Tages an einem Mitternachtsball servieren könnte. Das wusste er jetzt schon. Aber diese Mahlzeit würde nur ihm münden. Ob es den anderen gefiel oder nicht. Er gehörte ihm allein. Natürlich würde er nicht das ganze Jahr über nach diesem Mann suchen, nicht so wie er es bei Cosettes Mutter getan hat, nein, dafür war ihm seine Zeit zu kostbar. Doch er würde noch lange genug leben um ihn eines Tages zu erwischen. Und er hoffte, dass auch Cosettes Vater lange genug lebte, denn er wollte ihn um jeden Preis.

Seufzend machte sich Herbert auf dem Weg zum Ballsaal. Er hatte diesmal überhaupt keine Lust. Sonst bereiteten die Feste ihm vergnügen, aber diesmal, wünschte er sich nur er könnte dem Fernbleiben und bei Cosette sein. Unterwegs traf er auf seinem Vater. Sie gingen immer zusammen hin, nie ohne den anderen. Zu Herberts Erstaunen blickte seine Vater ebenso drein wie er selbst. Diese Tatsache brachte ihn zum Lachen. „Was ist bitteschön so lustig?", fragte der Graf genervt. Es dauerte eine Zeitlang ehe Herbert sich wieder eingekriegt hatte. „Sie hat dich rumgekriegt, gibt's zu." Wieder begann er zu lachen. Sein Vater sah ihn mit großen Augen an, musste dann aber auch lächeln. „Merkt man es so sehr?" „Vater sei mir nicht böse, man merkt es nicht nur, man spürt und sieht es schon", grinste Herbert.

„Das ist schlecht", seufzte der Graf. Zunächst sah Herbert seinen Vater verwirrt an, doch dann verstand er. Wenn die anderen Vampire es sahen war es denkbar schlecht. Sie würden dann glauben ihr Graf wäre schwach geworden, hegte Gefühle für Menschen. Das gäbe eine Katastrophe. Man würde wohl versuchen ihn zu töten und Herbert ebenso. Während sie sich weiter hinuntergingen setzten sich die beiden eine Maske für diesen Abend auf. Keine echte Maske, keine aus Stoff, Holz oder anderem Material. Eine unsichtbare Maske, eine Maske die einem davor Schützte schwach zu wirken oder gefühlsduselig. Denn ohne solch einer Maske konnte man auf dieser Welt nicht leben, jedenfalls nicht lange, und wenn doch, dann nicht lebenswert.

Während dessen saß Cosette noch in ihrem Zimmer und spielte. Sie ahnte nichts davon, dass genau in diesem Moment auf dem Friedhof eine Horde von Vampiren aus ihren Särgen stieg. Der Tag war so schön gewesen, fand sie. Cosette hoffte das Koukol das noch einmal mit ihr machen würde. Wenn er kommt wird sie ihn sofort fragen. Inständig hoffte sie das er ja sagen würde, oder eher nicken. Verträumt ließ sie die Pferdefigur über den Teppich hüpfen. Vor ihrem inneren Auge war das Pferd natürlich echt, und es lief über die Wiese, was die Fasern des Teppichs waren. Lächelnd stellte sie sich vor wie sie darauf saß und über die Wiesen ritt. In ihrer Vorstellung konnte sie es natürlich perfekt und ohne Hilfe.

Plötzlich schrak sie auf. Sie hatte etwas gehört. Und es kam nicht von der Tür, und Koukol konnte es nicht gewesen sein, da er noch gar nicht so lange fort war. Es schien vom Balkon zu kommen. Mit klopfendem Herzen sah sie zu den Balkontüren. Durch das Kaminfeuer hatte sie das meiste vom Balkon, so groß war er ja nicht, im Blick. Erleichternd ausatmend machte sie sich wieder über ihr Holzpferd her, denn auf dem Balkon war nichts zu sehen. Es musste wohl ein Vogel gewesen sein, wie sie ihn einmal am Fenster gesehen hatte.

Einmal noch blickte sie sich um. Erschreckt schrie sie auf. Und schnell war sie auf den Beinen um sich ängstlich an die Kaminmauer zu drücken. Auf ihrem Balkon stand jemand.

Fortsetzung folgt …