Kapitel 10
Plötzlich wurde die Tür aufgesperrt. Noch immer stand Cosette angewurzelt an der Kaminwand. Sie atmete erleichtert aus als sie Koukol hereinkommen sah. Sie wollte ihm zeigen das jemand auf ihrem Balkon stand, doch als sie wieder dort hinsah, war nichts zu sehen. Dennoch hatte sie das Gefühl, das derjenige noch immer da war und rannte Koukol in die Arme. Verwundert tätschelte er ihren Kopf und fragte sich was mit ihr plötzlich los war. Aber wahrscheinlich war sie wieder traurig wegen ihrer Mutter. Er nahm sie und ging zurück zum Kamin und beschäftigte sich mit ihr. Schon nach kurzer Zeit hatte sie die Gestalt vergessen und war wieder Fröhlich.
Während dessen standen die Herren Krolocks recht gelangweilt im Salon beim Mitternachtsball. Es standen viele Untote um sie herum, doch waren sie mit ihren Sorgen dennoch alleine. Herbert saß wie bei jedem Ball am Klavier und präsentierte sein Musiktalent mit klassischen Stücken wie Mozart und Chopin. Er wirkte wie eine mechanische Puppe, denn mit seinen Gedanken war er nur bei Cosette und war so in seiner Musik vertieft das er die anderen fast nicht bemerkte. So spürte er auch den Blick eines Braunhaarigen Vampirs nicht, der in der Nähe stand und Herbert unentwegt betrachtete.
Der Graf stand bei der Gruppe der ältesten Vampire hier im Schloss und unterhielt sich über die alten Zeiten. Nicht alle Vampire zählten schon so viele Jahre wie er und seine alten Freunde. Er beteiligte sich nicht viel an den Gesprächen, denn er überlegte noch immer scharf wie er den anderen beibringen sollte, das von nun an ein Mensch unter ihnen leben würde, und sie es nicht aussaugen dürften. Nach wenigen Stunden trat er seufzend auf sein Podest und machte die anderen auf sich aufmerksam.
Er war schon seit Jahrhunderten nicht mehr so nervös gewesen. „Meine lieben Freunde. Ein Jahr ist es her dass wir uns sahen und die zwei Bauers Söhne satt getrunken hatten. Auch dieses Jahr habe ich wieder etwas für euch." Freudiges Getuschel war von der Horde zu hören und manche sah der Graf sich über die Eckzähne lecken. „Meine Familie", machte er sie wieder hörig, „ habe ich euch nicht immer neue Opfer gebracht?" „Ja!", antwortete die Horde Vampire. „Und habe ich euch nicht ein neues, unsterbliches Leben geschenkt ohne Tod, Sorgen und Krankheiten?" „Ja!" Langsam wurden die Vampire unsicher. Ihr Graf war noch nie so nervös. Sie wussten nicht wie sie darauf reagieren sollten. „Und habe ich euch nicht ein neues, gutes zu Hause gegeben?" „Ja!" „Nun komm zur Sache", sprach sein ältester, geschätzter Freund. Er war einer der wenigen die das Privileg hatten, ihre Meinung ihm derartig kund zu tun. Der Graf nickte ihm zu. „Du hast Recht, Charles, ich will euch nicht länger hinhalten."
„Ab jetzt wird ein Menschenkind bei uns leben. Und sie wird nicht ausgesaugt werden… ." Empört tuschelten die Vampire mit einander. Sie konnten das eben gehörte nicht fassen. „RUHE", schrie der Graf von Krolock. „Lasst es mich erklären", fuhr er wieder ruhiger fort, „Sie muss ungefähr drei Jahre alt sein. Sie heißt Cosette. Ihre Eltern haben sie ausgesetzt, ihre Mutter wurde von ihrem Vater gezwungen und hat sich aus Verzweiflung umgebracht. Ihren Vater wollte ich zur Verantwortung ziehen." Lächelnd leckte er sich über die Lippen um den anderen klar zu machen was er meinte, wobei er begeisterte Zurufe erntete. „Ich habe ihn nächtelang gesucht, doch ohne Erfolg, doch ich werde so was nicht ungeschehen durchgehen lassen. Ihr wisst was wir geschworen haben. Wir saugen jedes Opfer aus, doch keine Kinder, die nicht im Stande sind sich zu wehren. Wir sind nicht so hinterhältig wie die Menschen, die glauben wollen sie seien die Guten, und geben jedes Opfer die Chance sich zu wehren. Ein Kind kann das nicht. Somit ist es die größte Schandtat für ein Vampir ein Kind auszusaugen und wird hart bestraft. Und da ihr meine Familie seid, hielt ich es für richtig euch von unserem neuen Mitglied zu erzählen. Und da ihr sie nicht aussaugen dürft, erlaube ich euch, den Vater zu suchen. Er ist ein Saufbold. So viel kann ich euch versichern. Und wenn ihr ihn findet, dürft ihr jeden, der bei ihm ist, ebenfalls aussaugen. Jedoch achtet darauf, dass sie sterben. Solche Menschen will ich nicht in unserer Mitte haben. Und nun, lasst uns feiern und unser neues zukünftiges Mitglied begrüßen", sprach er und wurde mit begeisterten Zurufen gefeiert.
Nachdem er den dürren Mann, der von nun an bei ihnen als Vampir leben würde in die Menge geschubst hatte, ging er zu seinem Sohn hinüber. „Sie scheinen sehr gut damit zurecht zu kommen", sagte er gelassen. „Man muss es ihnen nur schmackhaft machen", sagte er erleichtert und lächelte seinen Sohn kurz an. „Aber an mir kannst du die Geschichte nicht so leicht verfüttern", sprach eine, dem Graf sehr gut bekannte Stimme. „Charles, ich dachte mir, dass es bei dir nicht leicht werden würde", sagte er und drehte sich zu seinem Freund.
„Was hast du dir dabei gedacht? Du kannst keinen Menschen unter Vampiren aufziehen? Warum hast du sie nicht irgendwo …" „Ausgesetzt?", fragte der Graf empört. „Du weißt, dass ich so was nicht tue und dulde. Das hier ist mein Schloss und mein Wort ist Gesetz", fauchte er. „Ja und wir schätzen dich alle als unseren Vater, doch du kannst uns nicht übergehen. Ein König, der sein Volk unterdrück, wird am Ende gestürzt und meistens lässt er dabei sein Leben", sprach Charles. Nicht, weil er seinen Freund nicht verstehen konnte oder nicht respektierte, doch die Fakten lagen dennoch auf dem Tisch und man durfte sie nicht ignorieren. „Hättest du sie nicht zu irgendwelchen Leuten bringen können?" „Nein", seufzte der Graf von Krolock, „und inzwischen will ich es auch nicht. Sie bleibt hier. Und wird nur zu einer von uns, wenn sie es wünscht." „Du hast dir also schon einen Narren an sie gefressen", sagte Charles, „Ich hoffe für dich dass es nicht so endet wie das letzte mal." „Herbert konntest du retten, jedoch nicht die Mutter." „Ich weiß was ich tue, und es wird mir nicht noch einmal passieren", fauchte der Graf seinen alten Freund aggressiv an. Dieser blickte ihm nur kurz mit ausdruckslosem Gesicht in die Augen, nickte und ging zu den anderen.
„Beruhige dich Vater, wir schaffen das schon", munterte ihn Herbert auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Aufgewühlt schüttelte der Ältere die Hand ab. „Ich muss raus hier. Kümmere dich um die anderen", sagte er nur und ging bedrückt hinaus. Herbert wusste was in seinem Vater vor sich ging. Er wurde auf grausame Art und Weise an seine Vergehen in seinen Leben erinnert. Wenn man es überhaupt Leben nennen konnte. Viel mehr ein unleben.
Herbert blickte durch den Saal. Die Vampire waren in guter Stimmung und das Opfer, welches nun keines mehr war, lag an einer Säule gelehnt. In ein paar Stunden würde er aufwachen. Jedoch nicht mehr als Mensch. Schulter zuckend setzte er sich wieder an sein Klavier.
Noch immer spielte Cosette mit Koukol. Sie war schon recht müde, weigerte sich aber ins Bett zu gehen. Sie wollte viel lieber mit Koukol wach bleiben. Nach einiger Zeit ging Koukol wieder hinaus. Er musste den Sarg für den Neuling im Saal bereitstellen. Und ihm am Ende des Balls hineinlegen. Liegen lassen konnte er ihn so nicht, denn sonst würde er durch die Sonne, die durch die Fenster scheinen würde, sterben. Doch vielleicht erwachte er noch in dieser Nacht, bei manchen dauerte es nur ein paar Stunden. So ließ er Cosette allein, vergas aber die Tür hinter sich wieder zu verschließen.
Cosette nahm davon keine Notiz, denn Koukol hatte ihr angedeutet, das er gleich wiederkommen würde. Doch nach einiger Zeit war ihr als hörte sie etwas. Es war nur sehr leise, und irgendwann drang es soweit in ihr Bewusstsein, das sie neugierig wurde und nachsehen wollte was es war. Sie bemerkte, dass die Tür einen Spalt offen stand und steckte den Kopf hindurch. Nun war das Geräusch lauter und es schien Musik zu sein. Doch eine Melodie konnte sie nicht heraushören, und so wagte sie sich weiter in den Flur hinaus.
Immer weiter und immer weiter lief sie der Musik nach. Und mit jedem weiteren Geschoss das sie hinab stieg wurde es deutlicher und die Melodie gefiel ihr sehr. Und so stieg sie weitere Treppen hinab. Plötzlich stieß sie, als sie um eine weitere Ecke ging, mit jemandem zusammen, und fiel auf ihr Hinterteil. Durch den Schreck und den Schmerz begann sie zu schluchzen. Mit tränenden Augen blickte sie herauf. Vor ihr stand ein ihr fremder Mann. Durch die Dunkelheit konnte sie nicht viel sehen, doch das Mondlicht machte es ihr möglich ein wenig zu erkennen.
Der Mann hatte dunkle Kleider an, dunkle schulterlange Haare und auch ein dunkles Gesicht, wobei sie sich nicht erklären konnte weshalb das so war. „Na wen haben wir denn da?", lächelte der Fremde, wobei seine weißen Zähne aufblitzten. Noch mehr Tränen stiegen Cosette ins Gesicht. Sie hatte ein wenig Angst vor ihm, denn sie kannte ihn nicht und wusste nicht so recht wo Herbert und sein Vater waren. „Du brauchst keine Angst haben Kleines", sprach der Mann beruhigend und kniete sich zu ihr hin. „So eine hübsche Dame sollte nicht weinen", sagte er und wischte ihr die Tränen von den Wangen, „das steht dir nicht." Schüchtern lächelte Cosette ihn an. Sie fand ihn sehr nett. „Siehst du, nun ist es schon viel besser."
„Armes Ding, machen sie sich nun schon über kleine Kinder her? Dabei dachte ich immer es wäre verboten. Doch das sieht dem Alten ja ähnlich, nicht wahr?", sagte er säuerlich, und strich Cosette sanft über die Wange. Ihm war klar dass das kleine Mädchen vor ihm nicht wusste von was er sprach. „Bist du ihnen abgehauen?", lachte er, „das geschieht dem Alten recht. Doch leider bringt es dir nicht viel. Sie werden dich dennoch finden. Und ich kann dir leider nicht helfen", sagte er, wütend auf die anderen und auf sich selbst. Wütend über seine Hilflosigkeit in diesem Schloss. Doch das war sein einziges zu Hause. Er hatte keine Möglichkeit irgendwohin zu gehen. Somit war es sein Gefängnis.
„Na dann bringen wir dich mal wieder zurück. Von wo bist du gekommen?", fragte er Cosette. Diese zeigte in die Richtung aus der sie gekommen war und sagte: „Da!" Ohne Furcht nahm sie ihn an die Hand und führte ihn zu ihrem Zimmer, wobei er, da er so groß war, gebeugt gehen musste.
Nach einiger Zeit waren sie in ihrem Zimmer angekommen. Freudig rannte sie zum Teppich vor dem Kamin und zeigte dem Mann ihre tollen Holzfiguren. Lächelnd ging er auf sie zu. „Sie sind sehr schön. Sicher hat der Bucklige sie geschnitzt", sagte er ehrlich. Kurz sah er sich im Zimmer um. Es war anders als die anderen Zimmer der Opfer. „Ich frage mich warum sie sich so viel Mühe bei dir geben. Mmh, wohl aus perverser Lust", nuschelte er vor sich hin.
Nun konnte Cosette auch den fremden Mann genau sehen. Er war groß, schlank, hatte schwarze strähnige schulterlange Haare, schwarze Kleider, ein dazu passendes schwarzes Cape und eine schwarze Dreiviertelmaske. Man konnte nur das sehen was sich unter der Nase befand. Lachend drückte Cosette ihm eine Figur in die Hand. Sie wollte mit ihm spielen. Und sie freute sich auch darauf wenn Koukol wieder kam, dann konnten sie zu dritt spielen. Der Fremde sah sich die Figur an. Es war ein Löwe.
„Ich sollte besser wieder gehen. Wenn sie mich hier erwischen gibt es Ärger", sagte er und wollte ihr die Figur wieder geben. Doch Cosette drückte seine Hand weg. „Danke", sagte er, und drehte sein Geschenk nachdenklich hin und her. Man hatte ihm noch nie was geschenkt. Nicht soweit er sich erinnern konnte. „Tschüss Kleines, wir sehen uns garantiert bald mal", sagte er, wuschelte ihr über den Rotschopf und ging hinaus.
Es dauerte nicht lange bis er jemanden in seine Richtung kommen hörte. Schnell konnte er sich noch in eine Nische verstecken, ehe Koukol um die Ecke kam. Dieser bemerkte ihn zu seinem Glück nicht, denn durch seine dunkle Kleidung war es fast so als wäre er unsichtbar. Nachdem Koukol vorüber war, schlich er sich wieder ein paar Stockwerke hinunter. Den anderen Vampiren war es verboten sich im anderen Teil des Schlosses aufzuhalten. Fast hatte er schon den Ausgang erreicht. „Na was für eine Überraschung. Wer schleicht sich denn hier herum. Du hast dich schon seit Ewigkeiten nicht mehr hier blicken lassen", wurde er von einer, ihm sehr gut bekannten Stimme angesprochen, als er schon die Tür öffnen wollte.
„Für unseres Gleichen ist die Ewigkeit nur ein Katzensprung", antwortete er zynisch. „Schlagfertig wie immer was? Was tust du hier? Du weißt genau das wir hier nicht im Schloss herumwandern dürfen", sagte sie. „Ach tatsächlich? Aber ich bin doch nur in der Eingangshalle", sagte er unschuldig. „Wie lange verfolgst du mich schon?", fragte er bissig. „Seit du am Kaminzimmer vorbei geschlichen bist", lächelte sie triumphierend. „Ach, hast du deinen werten Grafen nicht gefunden und willst dich nun mir an den Hals schmeißen?", sagte er. „Auch wenn du dich ihm freiwillig als Konkubine zur Verfügung stellst, erhöht es nicht automatisch deinen Stand", fauchte er sie an während er sich zu ihr herum drehte.
Noch immer war sie sehr schön. Verständlich, schließlich war sie nicht sterblich. Ihr rotschwarzes Kleid sah noch gar nicht so alt aus, sie hatte es erst seit wenigen Jahren und war nicht so alt und zerschlissen wie die der anderen Friedhofsvampiren. Ihre braunen langen Korkenzieherlocken waren zu einer Hochfrisur gesteckt, aus der allerdings etliche Haarsträhnen heraushingen. Ein Vampir vom Friedhof hatte nicht viele Möglichkeiten sich zurecht zu machen. Ihre Figur war sehr weiblich und wurde von dem Kleid nur noch mehr betont. Ihre blaugrünen Augen sahen ihn verletzt und wütend zugleich an. Den Anblick den sie nun bot hätte ihm früher ein Stich ins Herz versetzt, doch es war schon lange her und er hatte es endlich überwunden. Viele Jahre musste er durch sie erleiden.
Kurz betrachtete er sich noch. „Du warst mir einmal sehr wichtig, weißt du das?", seufzte er und ging hinaus in die kalte Nacht. Mit ihrem Blick in seinem Rücken spürend, sah er sich um. Mit seinen geschärften Sinnen eines Vampiers konnte er den Grafen, etliche Meter entfernt im Garten erkennen. Gewiss stand er vor dem Grabstein seiner geliebten, verstorbenen Frau, welches man aber nicht sehen konnte, da es von Buschwerk umgeben war.
„Dort ist er. Bei ihr. Du suchst ihn sicher", sagte er melancholisch und ging fort.
Fortsetzung folgt …
