Kapitel 13

Es war später Vormittag und die Sonne zeigte sich allmählig durch die dicke Wolkenschicht. Grau und düster war es schon seit Wochen, nur manchmal hellte sich der Himmel auf, was sehr deprimierend wirkte in diesem großen dunklen Schloss. Kniehoher Schnee lag vor den Toren und im Innenhof. Und das Schneien wollte dennoch nicht aufhören.

Cosette saß bedrückt am Fenster und blickte trostlos hinaus. Seit Tagen hatte sie die Sonne nicht mehr gesehen. Zwischen Tag und Nacht schien es fast keinen Unterschied mehr zu geben. Da der Schnee so hoch war, was es ihr unmöglich machte da durch zu laufen, durfte sie auch nicht mehr hinaus und spielen. Stundenlang hatte sie in letzter Zeit Koukol beim Arbeiten zugesehen oder saß im Stall bei den Pferden. Schon oft war sie aus Langeweile im Heu eingeschlafen. Deshalb konnte sie auch Nachts nicht wirklich schlafen, doch das hatte auch sein Vorteil, denn so konnte sie länger mit Herbert und dem Grafen gemütlich am Kamin sitzen und den spannenden Geschichten lauschen, die ihr vorgelesen wurden.

Vieles Verstand sie noch nicht wirklich, aber dennoch gefiel es ihr sehr gut, vor allem da der Graf eine sehr einnehmende, tiefe Stimme hatte. Doch die Tage waren langatmig und deprimierenden, was ihren fröhlichen Charakter sehr beanspruchte. Da Koukol sich aber immer etwas einfallen ließ um es ihr angenehmer zu machen, konnte sie es ertragen.

Wenn sie nicht gerade im Stall war oder ihm beim Arbeiten zusah, durchstöberte sie das Schloss oder blätterte in alten Büchern mit schönen Illustrationen. Lesen konnte sie noch nicht, tat aber gerne so als würde sie es tun.

Koukol hatte sie auch schon einmal vorgelesen, während er in seiner Werkstatt Holz schliff, allerdings auf ihre Art. Was bedeuten sollte, das sie mit den Fingern über die Zeilen huschte, blätterte, jedoch nicht wirklich las, sondern nur Geschichten erfand, die sie ihm erzählte. Meistens ging es um eine kleine Prinzessin die in einem großen Schloss lebte, jedoch nie einen wirklichen Spielkameraden hatte. Vieles griff sie aus ihrem eigenen Leben, schmückte es jedoch anders heraus.

Koukol verstand sofort. Es war Zeit das Cosette einen Spielkameraden bekam, nun wo sie schon so lange hier war und sich körperlich, wie geistig gut entwickelt hatte. Oft schien das ihr früheres Leben wie vergessen war. Er musste sich was einfallen lassen, denn er hatte nicht immer die Zeit und auch nicht immer die Geduld sich um ein Kind zu kümmern. Bevor Cosette kam hatte er nie mit Kindern zu tun gehabt, das letzte mal war es der Fall als er noch selbst ein Kind war, doch zum einen war es sehr lange her, zum anderen wurde er nur verspottet von den anderen, wegen seinem Aussehen.

Wie ignorant Menschen doch waren, vor allem ihren Artgenossen gegenüber, er war froh das er hier beim Grafen unter kommen konnte. Als Jugendlicher wurde er gefunden und landete hier, seitdem arbeitete er für den Grafen und war einer der letzten der Bediensteten die noch lebten oder ein Unleben führten. Die Meisten mussten unter dem Blutrausch des Grafen ihr Leben lassen oder flohen aus dem Schloss, nachdem aufgefallen war das immer mehr Personal spurlos verschwand, nachdem sie im Gemach des Grafen gerufen wurden.

Schon bald hatten sie erkannt was er war, schon allein daran das er nie aß. Und obwohl sie weit in der Überzahl waren, trauten sie sich nicht, ihm entgegenzutreten und zu vernichten, hatten sie ihm doch freiwillig über Jahre ihre Loyalität dargebracht. Der Einzige der sich vor den Angriffen nicht fürchten musste war sein Sohn und seine geliebte Gattin. Doch irgendwann sollte es eine Wendung nehmen.

Plötzlich stand Cosette strahlend vor ihrer Balkontüre und starrte staunend in den Himmel. Es hatte aufgehört zu schneien und die Sonne drang nun endlich durch die dunklen Wolken. Nun kam es ihr nicht mehr so trostlos vor wie noch vor wenigen Minuten. Nun glänzte der Schnee besonders schön, was Cosette begierig macht es anzufassen. Da sie die Tür nicht ohne weiteres öffnen konnte, schob sie einen Stuhl direkt unter den Türklinken, nachdem Springen nichts brachte und schob mit aller Kraft die Tür auf. Es war nicht leicht, denn der Schnee war hoch, jedoch glücklicherweise nicht so wie im Innenhof.

Flink war sie durch den Spalt geschlüpft und trat ohne Mantel hinaus in die Kälte. quietschvergnügt sprang sie im Schnee herum, formte sich mit ihren nackten, kleinen Händen Schneekugeln und warf, wie sie es bei den Kindern aus dem Dorf gesehen hatte, an die Wände. Noch lange nachdem die Sonne wieder hinter den Wolken verschwunden war spielte Cosette im Schnee.

Trotz das sie fror, spielte sie immer weiter und war recht bald klitschnass. Plötzlich wurde sie von hinten gepackt, was sie mit einem Schrei vor lauter Schreck quittierte, wurde zurück in ihr Zimmer getragen und die Tür geschlossen. Koukol stand plötzlich mit einem ernsten Gesichtsausdruck vor ihr, schüttelte sie und sagte ihr so gut er konnte sie solle das nie wieder tun.

Den Schrecken noch immer in den Knochen sitzend, kamen ihr die Tränen und ihre blauen Lippen zitterten, nun jedoch nicht der Kälte wegen. Sofort schaltete es in Koukol um, er nahm sie auf den Arm und streichelte ihr über den Kopf, bis sie sich beruhigt hatte.

Kaum war dies geschehen brachte er sie ins Bett, nachdem er sie ausgezogen hatte und deckte sie warm zu, damit sie sich nicht erkälte, was sich jedoch bestimmt nicht mehr verhindern ließ. Schnell ging er los und hing ein paar Eimer Wasser über das Feuer, während er in ihrem Bad, das sich im Nebenzimmer befand kaltes Wasser einließ. Es war sehr anstrengend so schnell, so weit, hin und her laufen zu müssen, doch es ging um ein junges Leben.

Kaum hatte das Wasser die richtige Temperatur, holte er Cosette aus dem Bett und legte sie hinein. Stunden schienen für Koukol zu vergehen, ehe Cosette wieder aufgewärmt war. Nach dem langen Bad, zog er ihr warme Kleider an, entzündete ihren Kamin und legte sie ins Bett.

Das kleine Mädchen verstand den Aufwand nicht, jedoch wollte sie ihm nicht widersprechen, da er so ernst war das man ihn nur anschauen musste um zu sehen das er keine Widerrede dulden würde.

Schnell war es später Nachmittag, die Sonne ging unter und Herbert stieg mit seinem Vater aus den Särgen. Kaum waren sie aus ihrem Schlaf erwacht, waren sie auf den Weg zu Cosette, wie jede Nacht. Koukol war schon wieder aus deren Zimmer verschwunden und bereitete Essen für die Kleine zu. Noch wussten die Herren des Hauses nichts von dem Vorfall, doch nachdem sie nicht viel gegessen hatte und Breda der, auf seinen Schoß, eingeschlafenen Cosette über das Gesicht strich, bemerkte wie heiß sie doch war.

Geschockt blickte er seinen Sohn an. "Was ist denn Vater?"

"Sie hat sehr hohes Fieber."