Kapitel 14
„WAS?", fragte Herbert überrumpelt und legte seine kalte Hand an ihrer Stirn. Ihm war schnell aufgefallen das Cosette recht ruhig war, ruhiger als gewöhnlich, doch er hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Womöglich hatte sie sich beim Spielen verausgabt, oder das trübe Wetter ließ ihr aufgewecktes Gemüt ermüden. Schnell und ohne nachzudenken brachte der Graf von Krolock das kleine Mädchen ihr Bett und rief nach Koukol. Dieser humpelte nach kurzer Zeit herein.
„Was ist passiert? Weshalb hat Cosette Fieber?" Etwas eingeschüchtert blickte Koukol auf den Boden. Er wollte nicht zugeben dass er eine Zeitlang auf Cosette keine Acht gegeben hat. Dennoch aber erzählte er die Geschichte und zu seinem Glück bekam er nur einen giftigen Blick. „Bereite einen Tee und eine Hühnersuppe vor, Koukol", befahl der Schlossherr und wendete sich seinem Sohn zu. „Reite ins Dorf und beschaffe Medizin." „Ja Vater."
Noch einen Kuss auf Cosette's Stirn gesetzt, machte Herbert sich auf in den Stall, sattelte sein schwarzes Pferd und machte sich auf ins Dorf. Schnell kämpfte sich das Ross durch den Schnee, doch zu Herberts Unglück begann es wieder zu stürmen. Der Graf holte noch eine Metallschüssel mit Deckel, in der er heiße Kohlen legte.
So stellte er es ans Bettende unter Cosette's Bettdecke, damit es noch wärmer wurde. Zusätzlich wusch er ein Tuch in kaltes Wasser, wrang es aus und legte es Cosette auf die Stirn, damit das Fieber sich senkte. In diesem Alter war eine Krankheit besonders gefährlich.
Plötzlich kamen Breda Erinnerungen aus seinem früheren Leben zurück. Herbert war in Cosette's Alter und eine tödliche Krankheit hatte sich über das Land verbreitet. Nur wenige Menschen überlebten es. Kinder fast keine. Schnell war das Betretungsverbot seiner Ländereien ausgesprochen. Irgendwann bekam Herbert es doch, jedoch glücklicherweise eine schwächere Form der Krankheit.
Durch ein leises Brabbeln Seitens Cosette's schreckte er aus seinen Dejavous hoch. Kurz blickte er sie an. Er hatte sie schnell lieb gewonnen, das hatte er nicht erwartet. Aus Prinzip biss er zwar keine Kinder, jedoch hieß es nicht das er ihnen sehr gesonnen war. Er war immer überzeugt dass das Unleben, das er führte, ihn gefühlskalt machte. Doch scheinbar waren noch immer menschlichen Instinkte, so unausgeprägt sie auch waren, vorhanden.
Nachdem Koukol das Huhn mit einem Schlag betäubt hatte, die Federn ausgerupft den Kopf abgehakt und zum Ausbluten hingegangen hatte, holte er alles an Gemüsesorten was da war und begann zu schälen und zu schneiden. Er würde einen großen Topf machen, dachte er sich. Mit vielen Kräutern, die er über die Monate getrocknet hatte. Während der riesige Topf voller Wasser über den Feuer hing, es würde dauern ehe es kochte, wusch er das Huhn und schnitt das Fleisch von den Knochen. Er war zuversichtlich, dass es Cosette wieder auf die Beine brachte.
Der Sturm wollte nicht milder werden. Große Flocken peitschten an Herbert vorbei. Mutter Natur schien es nicht gut mit ihm zu meinen. Oder sollte es wirklich so kommen das … . Mit zusammengekniffenen Augen schüttelte er sich diese Gedanken weg. Er wollte nicht eine Sekunde daran denken was mit Cosette nun passieren könnte. Es sollte nicht passieren. Es wird nicht passieren, da war er sich sicher. Weiter und weiter trieb er sein Pferd an. Es sprang schon mehr als das es lief. Doch anders war das nicht zu meistern, denn der Wind peitschte direkt von Vorne die kalten Bällchen ins Gesicht, was das Ganze erschwerte.
Stunden später sah er das kleine Dorf vor sich. Es war noch nicht einmal so recht zu erkennen, selbst als er schon gar nicht mehr so weit davon entfernt war. Das Einzige was es einem als Dorf zu erkennen ließ war das Leuchten der Fenster. Diese waren zwar schon sehr zugeschneit, doch durch das Wenige das noch frei war, drang das Licht und der im Mondlicht glitzernde Schnee reflektierte es gut.
Im Dorf angekommen stieg er ab und führte sein Pferd zwischen die Häuser hindurch, auf der Suche nach einem Arzt. Haus für Haus hielt er nach einem Türschild Ausschau. Nachdem er schon fast jedes Haus inspiziert hatte, kam mehr und mehr die Verzweiflung in ihm hoch. Am liebsten wäre er in jedes Haus eingebrochen und hätte alles an Hausmitteln zusammengerafft was nur ginge. Oder er würde sich eine Mutter schnappen, sie aufs Schloss entführen und sie dazu zwingen Cosette gesund zu pflegen, in Gegenzug würde sie ihr Leben behalten dürfen.
Nach gefühlten mehreren Stunden fand er endlich ein Haus mit dem entsprechenden Schild. Um nicht unnötig Euphorisch zu werden, wischte er den Schnee vom Türschild, um sicher sein zu können. Denn bei dem des Wirtes und des Bäckers war es jedes Mal eine derbe Enttäuschung gewesen. Mit Schwung klopfte er bestimmend an die Türe und wartete einen Augenblick. Nach kurzer Zeit war eine zaghafte Stimme zu hören, die fragte, wer denn da sei.
„Ich habe keine Zeit für lange Reden, lassen sie mich rein", brüllte Herbert die Tür an. Seine Geduld war nach der Tortour recht aufgebraucht, und er wollte keine unnötige Zeit verlieren. „Wer ist da?", kam abermals die Frage. Herberts rechtes Auge begann für kurze Zeit unkontrollierbar zu zucken. Knurrend brach er mit aller Kraft die Tür auf. Ein grauhaariger Mann, eine Frau im mittleren Alter und zwei Kinder hielten sich gegenseitig und drängten sich in die Ecke.
„Was wollen sie?", fragte der Arzt. „Ich brauche Medizin für ein Kind mit starkem Fieber und Erkältung, und zwar schnell." „Tut mir leid, die Medizin ist gestern zur Neige gegangen und durch den Sturm konnte mir die nächste Lieferung nicht gesandt werden." „Willst du behaupten es habe auch den gesamten Tag gestürmt?" „Ja Herr." Wieder zuckte Herberts Auge. Er konnte riechen das dieser Mensch log, und wenn es so gewesen wäre, wäre Cosette wohl kaum draußen gewesen. Es konnte nicht stimmen.
„Lüg mich nicht an du Wurm, gib mir alles was du da hast, oder deine Familie wird bezahlen müssen für deine Untat", prophezeite er Zähnefletschend, ein Schritt auf die Familie machend. „Schon gut, aber bitte tue meiner Familie nichts", rief der Arzt ängstlich aus, lief flink zu einem Schrank und riss die Türen auf.
Schnell hatte er in einer Tasche alles zusammengepackt was er hatte und warf es Herbert zu. Dieser sah ihn funkelnd an, es hätte alles zerbrechen können wenn er es nicht aufgefangen hätte, doch er hatte keine Zeit, er konnte sich nicht um diesen Mann kümmern. Kommentarlos verließ er das Haus, hang die Tasche um seiner Schulter, setzte sich aufs Pferd und machte sich sofort wieder auf den Rückweg.
Fortsetzung folgt …
