Kapitel 15
Drei Tage waren vergangen seit Cosette das erste Mal die Medizin von Herbert bekommen hatte, doch keine Besserung war bisher eingetroffen. Es war heller Nachmittag, der Schneesturm war vorüber und die wärmende Sonne schien durch die Balkonfenster Cosette's und ließ die Eiszapfen tropfen. Koukol wusch den Lappen in kaltes Brunnenwasser und legte es wieder auf Cosette's Stirn, es hatte nicht lange gedauert bis es wieder warm gewesen war.
Koukol seufzte und legte den Kopf in seine Hände. Seit Cosette fieberte, war er nur selten von ihrem Bett gewichen, seine Arbeit hatte er sofort liegen lassen. Auf Befehl des Grafen, aber auch aus eigener Sorge. Er bereute es das er Cosette so lange allein gelassen und vergessen hatte die Balkontür zu versperren. Er hoffte dass sie es überstehen würde, denn wenn nicht, würde er es sich nie verzeihen.
Er hatte auf Grund seiner grausamen Kindheit nie das Bedürfnis verspürt sich mit anderen Kindern, geschweige denn mit Menschen im Allgemeinen abzugeben. Alle waren sie immer abweisend und brutal zu ihm gewesen, nur weil er etwas anders war als die anderen. Doch Cosette in ihrer kindlichen Unschuld und ohne von ihren Eltern beeinflusst oder weggesperrt zu werden, sah sie die Hässlichkeit nicht. Sie sah ihn als vollwertigen Menschen an, weshalb sie ihm ans Herz gewachsen war.
Ein Hustanfall seitens Cosette's ließ ihn hochschrecken. Sofort griff er nach dem heißen Kamillentee, den er eben gebracht hatte und gab ihn ihr zu trinken, was den Hustenreiz etwas linderte. Auch mit Hühnersuppe wollte er sie gleich füttern, doch drehte sie ihren Kopf quengelnd weg. Resigniert stand Koukol auf und schürte das Feuer das schon nicht mehr war als eine vor sich hin siechende Glut.
Nachdem Koukol Cosette weiterhin nicht aus den Augen gelassen und immer wieder ihren Stirnlappen ausgewaschen hatte, kamen die Herrschaften des Schlosses herein, nachdem die Nacht angebrochen war. „Wie geht es ihr?", fragte Herbert sogleich. Traurig schüttelte Koukol den Kopf um zu signalisieren das Cosette's Zustand sich nicht verändert hatte.
Der Graf setzte sich an ihr Bett und betastete ihre heiße Stirn. Herbert nahm die Schüssel mit der Hühnersuppe und setzte sich auf die andere Seite des Bettes. „Cosette, Cosette!" Kurz regte sich die Kleine, drehte den Kopf herum und schlief weiter. Herbert begann ihre Wange sanft zu streicheln und rief sie immer wieder aus dem traumlosen Schlaf, bis sie endlich zu sich kam und wach blieb.
„Du musst essen Kleines", sagte Herbert sanft und drückte ihr den Löffel gegen die Lippen. Angewidert drehte Cosette ihren Kopf weg, sie mochte nichts essen. Ratlos blickte Herbert zu seinem Vater. Dieser nahm ihn die Schüssel weg und drückte Cosette abermals das Essen an den Mund. „Bitte Cosette, sei lieb, ein Haps für Herbert, ja? Oder magst du ihn nicht?" Für einen kurzen Moment schien Cosette wieder völlig munter zu sein, machte bei der Aussage große Augen, blickte Herbert an und machte langsam den Mund auf.
Freudig sahen die drei Männer sie an. Es war ein gutes Zeichen wenn sie wieder begann zu essen. Es gab weitere Hapse, für Koukol, dem Grafen, den Pferden und nochmals den liebenden Menschen, die Cosette nun schon als ihre Familie ansah. Sie aß nicht viel, doch war der Graf völlig zufrieden und ließ sie in Ruhe weiter schlafen, als sie selbst mit Bitten nichts mehr Essen wollte. Der Graf führte Herbert hinaus, er spürte das seinem Sohn was auf der Zunge lag, doch Cosette sollte nichts mitbekommen. Ihre Identität musste ein Geheimnis bleiben.
Vor der Tür Cosette's im Gang standen sie an den großen Fenstern und schwiegen zunächst.
„Vater, könnten wir nicht … falls sie es nicht schaffen sollte … sie zu unserem Gleichen machen?" Ehe der Graf antwortete blickte er gedankenverloren hinaus und betrachtete die vom Vollmond beschienene Landschaft. „Herbert, das geht nicht … ." „Aber … ." „NEIN, Herbert, das ist unmöglich, und das weißt du. Sie würde in ihrer jetzigen Entwicklung für die Ewigkeit stehen bleiben und ihren Blutdurst würde sie wahrscheinlich niemals kontrollieren können. Willst du ihr das wirklich antun?" „Aber wenn sie … ", Herbert versagte die Stimme. Er wollte es nicht aussprechen.
„Ich weiß das es schwer für dich ist, mein Sohn, für mich ebenfalls, doch wir können zunächst nichts tun, außer abwarten." Eine depressive Stimmung machte sich breit, und alles wirkte noch viel dunkler und kälter als es eh schon war. Herbert glaubte schon tatsächlich Kälte zu spüren, was aber unmöglich war. „Vater? Kannst du ihr denn nicht dein Blut zu trinken geben? Das wolltest du auch bei ihrer Mutter." „Ja, aber das wird bei ihr nicht ausreichen. Ihre Mutter hatte nur Flüssigkeit gebraucht, weil sie so viel Blut verloren hatte und unser Blut wirkt bei Menschen auch sehr verjüngend und kräftigend, weshalb auch unsere Rosse all die Jahrhunderte mit uns verbringen konnten. Weshalb wir auch Koukol schon so lange haben. Doch es hat manchmal zu Folge das der Jenige der unser Blut getrunken hat, Lust nach mehr hat, obgleich er schon nach einem halben Liter zu brechen beginnt, ist er doch immer noch Mensch. Bei Cosette wird das allerdings nicht viel bringen, da sie unter einer schweren Krankheit leidet. Letztendlich könnte ich es nur hinausschieben, aber würdest du sie wirklich so leiden lassen wollen?" „Nein", kam es zögernd von Herbert.
Seine Stimmung hatte nun wirklich seinen Tiefpunkt erreicht. Herbert hatte das Gefühl das es noch nie so schlimm gewesen war, trotz der vielen Erlebnisse in den vielen Jahren. Doch Cosette war schon wie eine kleine Schwester für sie, er hatte sie sehr lieb gewonnen und es war nicht mehr so langweilig wie vor ihrer Zeit. Sein Vater war zwar eine sehr gute Gesellschaft, doch auch dieser wurde man des Öfteren überdrüssig. Cosette allerdings hatte etwas Lebendiges und immer Fröhliches an sich. Sie war das pure Leben und war immer für eine Überraschung gut. Und, das faszinierendste an ihr, sie veränderte sich.
Nach weiteren Stillschweigen gingen sie wieder in Cosettes Zimmer und bevor sie wieder in ihre Särge stiegen, fütterte der Graf die Kleine noch einmal. Mit gemischten Gefühlen verließen sie nach der langen Nacht Cosette's Zimmer und der Hausherr trug Koukol dazu auf, Cosette alle paar Stunden auf die gleiche Weise zu füttern.
„Woher wusstest du wie du Cosette zum Essen bringst?", fragte Herbert neugierig. „Nachdem deine arme Mutter gestorben war hatte ich bei dir viele Gelegenheiten zum Üben gehabt, da ich ihr versprach dich nicht größtenteils von der Amme aufziehen zu lassen", lächelte der Graf.
„Glaubst du sie wird es schaffen?", fragte Herbert ängstlich. „Ich hoffe es, doch es ist ein gutes Zeichen das sie gegessen hat." Mit Zuversicht ging der Grafensohn in seinen Sarg. Er war guter Hoffnung, dass sie es schaffte. Sie war zäh und hatte schon anderes überstanden in ihrem kurzen Leben.
Am nächsten Abend wurden die beiden Herrschaften von einem lauten Klopfen geweckt. Koukol ging hin und her und schlug die Faust erregt gegen die Sargdeckel. „Was ist denn los?", fragte Herbert noch ganz verschlafen. Koukol erzählte mit Hilfe seiner Zeichensprache was passiert war.
„WAS?", rief Herbert schockiert. „Vater, ist sie … ?" Er sollte die Antwort nie zu hören bekommen, doch die Blässe die in dem Gesicht seines Vaters zunahm sprach Bände.
