Sie wartete nur darauf, dass er die Zähne in seine Hand schlug.

„Tu es halt." Annies Stimme war rau und leise. „Bringen wir es hinter uns." Denn tief unter ihnen lag der Distrikt Shiganshina. Und die Spannung zwischen ihnen erschien ihr fast schon hörbar. Wie das fortwährende Geräusch von Fingerkuppen, die über Glasränder strichen.

Sie hatten sich im Schutze dichter Wälder der Mauer genähert, ein Stück westlich des Distrikts, dessen zerstörtes Tor nur erreichbar war, wenn man durch offenes Gelände reiste. Als die graue Wand schließlich in all ihrer Macht und Masse vor ihnen gen Himmel strebte, hatten sie eine Seilschaft gebildet: Annie kletterte mit dem Manöver-Gerät voraus, einen Haken nach oben schießend und sich daran hochziehend. Dann kam der andere Haken an die Reihe. Langsam und stetig ging es aufwärts. Eren stieg ihr nach, an einem Reservedraht mitgezogen, den er sich um diagonal um den Körper geschlungen hatte. Eigentlich ging das Aufseilen zu zweit ja anders. Der Größere von ihnen hätte das Manövergerät haben sollen, und der Leichtere hätte sich an dessen Rücken klammern müssen, mit ineinander geklinkten Geschirren. Dann hätte es nichtmals des mühselig langsamen Kletterns bedurft, sondern nur eines höheren Verbrauches von Gas. Doch Annie wollte weder die Ausrüstung abgeben, noch Eren an ihrem Rücken haben. Also musste es anders gehen, und es ging auch anders, und wenn ihnen nach dem Aufstieg noch so sehr die Waden brannten und der Rücken sich anfühlte wie von Nadeln gespickt.

Annie erreichte die Kante der Krone, klimmte ächzend darüber hinweg und feuerte ein letztes Mal den Haken ab, nur als Sicherung. Der Haken schlug ein paar Schritt voraus in den ebenen Betonboden, und sie ging so weit nach vorn, bis Eren ebenfalls die Kante erreichte. Er war nicht besser dran an sie und hievte sich mit rasselndem Atem auf die Mauerkrone. Doch während Annie sich nach der Klettertour auf den von der Sonne aufgeheizten Boden fallen ließ, blieb er stehen, in Bann geschlagen von dem Ausblick.

Dort unten lag seine einstige Heimat. Eine Geisterstadt mit zerfallenen Dächern, eingestürzten Wänden und Straßen, zwischen deren Pflastersteinen das Unkraut in die Höhe schoss. Es war Nachmittag, und die Sonne malte warme Farben auf die Ruinen und Trümmer, verwildert und moosbewachsen.

Als Erens Blick wieder auf seine Begleiterin fiel, spürte Annie deutlich das Feuer.

„Tu es halt." Rau und leise. „Bringen wir es hinter uns." Sie wartete nur darauf, dass er die Zähne in seine Hand schlug. Sollte er es doch tun, sollte er sich gleich hier oben auf sie stürzen. Annie wollte nicht mehr warten, sondern bloß noch einen Ort erreichen, an dem sie sich auf ein Bett fallen lassen konnte, oder auch auf den nackten Boden. Nach Shiganshina gehen, den Keller besuchen, ein dummes Duell austragen – ein letztes Mal den Titanen beschwören – und dann rennen. Bloß noch rennen, bis zum Hafen, wo ein Kriegsschiff der Marine ankern würde, und dort würde sie Eren abliefern und endlich schlafen.

„Nein." Eren schaute auf sie herunter, melancholisch und ruhig. „Der Waffenstillstand gilt noch immer."

„Scheiß", murmelte sie, „auf den Waffenstillstand."

„Seitdem wir unsere Vereinbarung getroffen haben", entgegnete er viel zu ruhig und gefasst, „war ich ein artiger Gefangener. Mein Teil der Abmachung ist erfüllt. Nun wirst du deinen Teil einhalten. Und mich den Keller besuchen lassen."

Irritiert funkelte sie ihn an. Die Verwirrung machte sie nur noch unleidlicher als die Erschöpfung, die sich in ihren Muskeln und ihrem Verstand einnistete. „Das alles nützt dir überhaupt nichts. Diese Abmachung verschwendet nur Zeit, und ich war bescheuert, mit dir über so etwas zu verhandeln."

„Dann", schlug er lakonisch vor, „tu es halt. Brich die Vereinbarung. Ich jedenfalls tue es nicht." Damit wandte er sich wieder dem leblosen Distrikt zu. Er ließ sich in den Schneidersitz fallen, atmete tief und seufzend ein und aus.

Ich hasse dich. Der Gedanke flackerte in Annies Geist auf wie eine Kerzenflamme. Ich hasse dich, Eren Jäger. Denn er brachte sie dazu, hier zu hocken und mit ihm auf den Sonnenuntergang zu warten. Dann würden sie in die Ruinenstadt hinabsteigen und sich eine Trümmerbude ansehen, um in einen wahrscheinlich voll Wasser stehenden Keller zu kriechen.

Eren maß, wie weit die Sonne schon hinterm Horizont verschwunden war. „Zwei Fingerbreit Tageslicht", verkündete er und ließ die Hand sinken. „Gehen wir. Es wird dunkel sein, bis wir unten sind."

Annie knurrte angesichts des bestimmenden Tonfalls etwas Unverständliches. Sie hatte sich die Zeit damit vertrieben, das Manöver-Gerät zu warten, und schlug das Werkzeug in die Stofftasche zurück, nachdem alle beweglichen Teile geölt und geschmiert waren. Wann immer ihr dabei die Finger zittrig geworden waren, hatte sie in einen der Kraftfutter-Riegel gebissen. Drei Stück hatte sie so verdrückt. Sie war wach, unglaublich wach, und ihr war schlecht. Der falsche Zeitpunkt zum Abseilen. Zumindest für den, der unter ihr hängen durfte.

Warum sie die Disziplin aufbrachte, ihren Unmut nicht auf eklige Weise über Eren zu entladen, verstand sie selbst nicht so ganz. Vermutlich war es fehlgeleiteter Stolz. Immerhin ging das Abseilen schneller als das Hochklettern. Auch Titanen waren weit und breit nicht mehr zu sehen. Nur einen einzelnen Großen hatten sie im Laufe des Nachmittags gesehen. Er war von Süden gekommen.

„Sie sind also Menschen", hatte Eren gesagt. Als Annie nicht antwortete, hatte er nachgefasst. „Von wo kommen sie? Was für ein Mensch war dieser da?" Er zeigte auf den Riesen, der sich zwischen den Häusern hindurch schob wie ein Betrunkener zwischen Schanktischen. „Ist er ein Feind deiner Menschen gewesen?"

Annie hatte widerstrebend von dem zerlegten Manövergerät aufgesehen. „Du meinst, er wäre ein Kriegsgefangener?"

„Zum Beispiel."

„Nein. Er ist wohl eher ein Verbrecher gewesen, vielleicht ein Rebell oder ein Mörder." Oder er kam einfach nur dem falschen Marleyer quer. „Er ist verurteilt worden, als Titan durch dieses Land zu streifen und Menschen zu fressen."

„Lebenslänglich?"

„Nein. Das würde bedeuten, es gäbe einen Weg zurück." Ihr Blick wurde trübe, als ein Gesicht, vom Vergessen halb verschleiert, vor ihrem inneren Auge erschien. „In einen Titan verwandelt zu werden, ist im Grunde einfach eine kompliziertere Vollstreckung einer Todesstrafe. Ja, ein Titan wird zum Menschen, wenn er einen Wandler verschlingt, wie gesagt. Doch diese Chance ist klein, verschwindend klein."

„Warum?"

„Weil es nur wenige von uns Wandlern gibt, natürlich." Sie seufzte schwer. „Nehmen wir an, man würde dich zum Tode am Galgen verurteilen. Nehmen wir an, das Seil reißt, und du brichst dir beim Sturz vom Podest nicht die Beine. Nehmen wir an, eine Ratte hat in der Zelle deine Fesseln durchgenagt, und niemand hat es gemerkt, und ein herrenloses Pferd wartet nur darauf, dich in die Freiheit zu tragen. Das alles ist viel wahrscheinlicher, als dass ein Titan auf einen Wandler trifft und diesen auch noch fressen kann."

Sich diese dumme Geschichte auszudenken, lenkte ab. Annie lenkte sich ab von der Erinnerung an Kindergeschrei und kopflose Panik und das Knacken von Knochen.

„Ich wurde gefressen." Eren hatte nicht gemerkt, dass sie innerlich abgeschweift war. „In Trost hat ein Titan Armin fressen wollen, doch letztlich hat es mich getroffen. Ich hatte zuvor noch ein Bein verloren, und dann noch einen Arm. Dann wurde ich geschluckt, das weiß ich noch."

Annie musterte ihn eingehend von der Seite. „Dann hast du Glück gehabt."

„Er hat ausgesehen wie ein alter Mann. Wie ein freundlicher, bärtiger, alter Mann. Er hatte Pech. Er hätte wieder er selbst sein können."

Sie legte die Stirn in Falten und Schärfe in die Stimme. „Und du wärest tot."

„Ja." Es schwang ein Und? in seiner Stimme mit. Eren sah zu, wie der große Titan durch das zerschmetterte Tor marschierte, auf dem Weg nach Trost oder einem anderen Mauer-Distrikt, und er sah noch verlorener aus aus das riesige Monstrum mit den entgleisten Gesichtszügen. Denn der Titan hatte wenigstens ein Ziel, doch Eren Jäger hatte keins mehr. Wie sollte er auch noch schreien, alle Titanen der Welt zu töten, wenn er plötzlich Menschen in ihnen sehen musste, und wenn die Welt plötzlich so groß und fremd war?

Er hatte nichts mehr, außer einem Schlüssel um den Hals und einem Keller. Und zu diesem Keller gingen sie nun. Im Revier der Titanen wurde der Mensch zum Nachttier. Sie lösten sich von der Wand, und Eren übernahm die Führung. Annie folgte ihm durch das Labyrinth aus Straßen und Gassen, mit gezogenen Schwertern. Sie lauschte auf jedes Knarren und blickte in jeden Schatten. Der Einzelgänger-Titan wanderte in ihren Gedanken herum. Wenn es diesen einen Neuankömmling auf der Insel gab, waren weitere nicht unwahrscheinlich. In Kürze würden sicherlich noch mehr Titanen durch die Bresche ziehen. Durch das Nadelöhr, das Shiganshina darstellte.

Eren hielt plötzlich inne, als sie um eine weitere Ecke bogen. Er hob den Arm. Seine Stimme klang, als wäre sie dem Brechen nahe „Dort."

Annie sah im Schein der Lampe die Reste eines Hauses, dessen Erdgeschoss gänzlich zertrümmert war vom Einschlag eines mächtigen Mauerbrockens. Ihre Augen wurden größer.

Das ist nicht möglich. Solche Zufälle gibt es nicht.

„Dort", sagte Eren, „ist ein Trümmerteil eingeschlagen, nachdem der Koloss-Titan das Tor durchstoßen hat." Er suchteerstmals, seit sie in der Stadt selbst waren, bewussten Blickkontakt zu ihr. „Aber – aber das weißt du ja eh, nicht? Du hast sicher gesehen, was passiert ist."

Da war wieder die Spannung. Die Luft lud sich auf mit einem anhaltenden, leisen, schrillen Pfeifen. „Nein", entgegnete Annie, „Ich sehe diesen Ort zum ersten Mal. Als der Koloss-Titan... als Berthold das Tor eintrat, war ich längst ohnmächtig. Und bin erst im Flüchtlingslager wieder aufgewacht."

Sie hatte das Gefühl, seine Hand zucken zu sehen. Sollte er!

Er tat es wieder nicht. Er sagte nur „Ach so". Und dann: „Komm mit. Wir müssen den Keller freilegen."

Der dumme Keller. Annie stapfte ihrem Gefangenen, der sich gar nicht mehrentsprechend benahm, hinterher, zwischen die Reste aus Fachwerk, auf denen Schlingpflanzen und Moos wucherten. Sie hängten die Lampen auf und räumten vermodertes Gebälk und Ziegelscherben beiseite. Mäuse und Kellerasseln und Eidechsen flohen in Panik. Annie fing aus Laune eine der Echsen und hob sie am Schwanz hoch. Das Tierchen bewegte sich zu solch später Stunde nur langsam. Damit war es den Titanen irgendwie ähnlich. Seine Situation dagegen... Plötzlich trennte sich der Schweif ab! Die Echse fiel zu Boden und huschte davon, während der Schweif ruckte, zuckte und sich um Annies Finger windete.

Eren beobachtete sie. „Du bist ein schrecklicher Mensch."

„Warum? Der Schanz wird nachwachsen." Schulterzuckend schnippste sie das amputierte Körperteil fort. „Außerdem, du zerstörst gerade ihr Heim. Du bist der Koloss-Titan des Eidechsen-Dorfes."

Er sich einfach nicht provozieren. Lag es an der Umgebung? Dabei war dies doch der Ort, der die Wunde geschlagen haben musste. Ja, Annie kannte Erens Geschichte. Hier hatte ein Titan seine Mutter verschlungen, und er hatte zusehen müssen. Warum kochte er also nicht hoch, ging auf sie los und gab ihr dadurch einen Grund, das Ganze zu beenden?

„Du erhoffst dir hier Antworten", erhob Annie erneut die Stimme. „Auf welche Fragen?"

„Auf alle Fragen." Eren versuchte, einen morschen Balken zur Seite zu wuchten. „Ich erhoffe mir einen Sinn auf das alles hier."

Sie ergriff das andere Ende des Balkens. „Ich kann dir genauso Antworten geben. - Auf Drei. Eins. Zwei. Drei!" Polternd warfen sie das Trümmerteil aus dem Weg. „Ganz einfach. Hör nur auf mich."

„Geh und quäl weiter Eidechsen." Da war ein Hauch seiner Wut, tief verscharrt und doch durchblitzend. Er räumte wieder allein Holzstücke beiseite und ignorierte es sogar, als sie ans Ende eines weiteren, langen Balkens fasste. „Ich höre die Wahrheit lieber von Leuten, die auf meiner Seite sind."

„Wie viel Wahrheit könnt ihr Mauervolk schon kennen."

Er ließ ihr das Letzte Wort. Schweigend flogen die letzten Hindernisse ins Halbdunkel. Und schließlich war da eine Falltür. Als Eren sie öffnete, musste er reißen, weil das Holz sich in der Feuchtigkeit verzogen und verklemmt hatte. Scharniere quietschten und schrien verrostet. Schließlich aber flog die Tür auf, und im Schein der Laterne lag eine Treppe.

Annie blickte hinab. „Kein stehendes Wasser? Ein Wunder." Sie folgte Eren, der fahrig seinen Schlüssel hervorzog. Vor der Tür warf er ihr einen Schulterblick zu, der sie dazu brachte, ein paar Stufen Abstand zu lassen.

„Dieser Moment, weißt du? Er ist nicht für dich bestimmt. Armin und Mikasa sollten hier sein... Und Gruppenführer Hanji und Levi. Und Kommandeur Smith. Menschen, die an meine Sache glauben, weißt du?"

„Wie bitter", fauchte sie, „dass ich nicht zum erlauchten Kreis gehöre. Das tut weh, weißt du?" Sie nickte voraus. „Öffne die Tür, und hoffentlich findest du nichts weiter als – als – als schlechte Gedichte und schmutzige Literatur!"

Er knurrte etwas Unverständliches, wandte sich wieder der Tür zu und fummelte am Verschluss-Mechanismus herum. Zögerte er den Moment der Wahrheit noch mehr hinaus? Vielleicht fürchtete er wirklich, dass sich seine Hoffnungen hier zerschlugen. Für diesen Keller hatte die Kundschafter-Legion teuer bezahlt, mit dem Leib und Leben von tapferen Soldaten.

„Er... er passt nicht."

Noch eine Verzögerungstaktik? „Mach Platz."

„Warte -"

Ihr Fuß flog an ihr vorbei. Der Tritt ließ die Tür krachend aufspringen, mit zerborstenem Rahmen. Das Schloss dotzte klimpernd ins Innere, schlidderte über die Holzdielen und gegen einen Schreibtisch. Der Keller lag offen.

Das Arbeitszimmer eines gewöhnlichen Arztes. Es gab Regale voller Bücher und Arzneien und allerlei Werkzeuge. Auf dem Schreibtisch, der ordentlich aufgeräumt war, stand eine kleine Waage.

Eren starrte dies alles an, auf der Suche nach der großen Offenbarung. Doch da gab es keinen Buchrücken, auf dem in dicken Lettern Titanen-Geheimnisse stand, oder Lies das hier und verstehe alles!

Annie betrachtete gelangweilt die Literatur-Auswahl. „Mit Titanen auf Du und Du", sagte sie. Als Eren zu ihr herumfuhr, runzelte sie die Stirn. „Oh, die Verzweiflung, wie ich sie riechen kann."

Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab. „Deine Nase ist auch groß genug."

Blinzeln. Was?

Es begann das Suchen. Annie streifte ziellos im Raum herum, strich mit dem Finger über staubige Oberflächen und blätterte in den Medizinbüchern. Eren suchte mit zunehmender Hast und Hetze nach Hinweisen. Er klapperte alle Bücher ab, schüttelte sie gar und stürzte sich auf herausfallende Lesezeichen. Anschließend stöberte er durch die Vitrinen mit Arzneien, doch offenbar gab es auch da nichts, was ihm auf die Sprünge half. Er klopfte den Boden auf Hohlräume ab und prüfte die Wände auf geheime Türen und Kläppchen. Als er bei seiner Runde wieder bei Annie ankam, riss er ihr das Buch, das sie schon etwas länger durchblätterte, aus der Hand.

„Ey!" Sie zuckte zurück. „Glaubst wohl, ich verstecke etwas vor dir?"

Ein Blick voller Panik, denn das Buch war nur eine Abhandlung über Kinderkrankheiten. Verzweiflung, die sich immer mehr aufschaukelte. „Etwas muss hier sein."

„Weil ein Mann es dir sagt, der dir einen Schlüssel in die Hand drückte und dann auf Nimmerwiedersehen verschwand?"

Er gab ihr eine Ohrfeige, die brannte. Ihr Bein flog ihm in den Schritt. Aufkeuchend ging er zu Boden.

„Nun ist Sense." Sich die Wange reibend, ragte sie über ihm auf. „Mit Backpfeifen haben schon etliche Duelle begonnen, Jäger. Sollen wir dieses Zimmer verwüsten?"

Sein Blick raste wild umher, fing sich an der Unterkante des Schreibtisches. „Nein! Warte!"

„Dann also erst draußen, aber ich zerre dich die Stufen hoch." Sie packte sein Hosenbein.

„Ein Loch! Ein Schlüsselloch!"

„Oh, bei Maria, Rose und Sina!" Obwohl sie nicht an die Mauer-Religion glaubte, mochte Annie diesen Fluch doch irgendwie ganz gern. Sie ließ ihn wieder los. „Dann mach halt!"

Er war erbärmlich, wie er sich am Tisch hochzog. Und erst glaubte Annie, der Schlüssel passe bloß wieder nicht, denn er brauchte nicht weniger als sieben Versuche. Doch das lag nur an seinen zittrigen Händen, denn der Schlüssel passte. Der beschissene Schlüssel passte. Ein Geheimfach sprang auf, und dort lagen Bücher, und es roch nach Holzkohle und Pfefferminz-Öl.

Das Wohnzimmer. Ihr Wohnzimmer.

Mentaler Anker Nummer 17, Holzkohle und Pfefferminz-Öl", sprach eine Stimme, die aus ihrem eigenen Mund kam, aber doch nicht Ihre war. Sie war männlich, und seltsam vertraut. „Gesetzt für den Fall, dass Annie Leonhardt gemeinsam mit Grisha Jägers Nachfolger dessen Tägebücher findet. Passwort: Von Herzen hoffe ich, dass dieses Buch in den Händen eines treuen Kameraden liegt."

Ihr gegenüber saß ihr Vater, vornüber gebeugt und die Hände auf den Knieen. Sein Bein, es war heile, und von der Krücke keine Spur. Annie nickte ihm zu, ganz ohne Wollen. „Du darfst sprechen."

Ein Moment des Schweigens folgte.

Liebe Annie." Ihr Vater sprach tonlos, ohne Leidenschaft. „Solltest du mich nun so sehen, solltest du in diesem Moment in Gegenwart eines Wandlers sein, der sowohl den Angreifer-Titan als auch den Gründer in sich trägt. Wie auch immer die Lage ist, ich hoffe, Folgendes ist dir möglich: Unterstütze Grisha Jägers Nachfolger in seinen Bestrebungen. Bringe ihn nach Marley und in die Hände des Widerstandes."

Er erhob sich, und seine Stimme wurde kräftiger. „Annie. Selbst wenn alle Welt dir in den Rücken fällt: Du weißt, wer für dich da sein wird. Und wir werden wieder zusammen sein, wenn du dem Widerstand den Gründer-Titan bringst. Tue dies, und du wirst frei sein, zu leben, wo du magst. Wir verbringen deine letzten Jahre in den Bergen oder am Meer, oder in einem anderen Land. Von daher: Ich erteile dir Erlaubnis, Marley zu verraten!"

Erneutes Schweigen.

Du bist ein harter Mann, Alfons."

Belehr mich nicht."

Tut mir leid, doch du bist so kalt", kam es lachend aus ihrem Munde. „Ich hoffe, deine liebe Tochter findet einen der vorigen Anker, Nummer Sieben oder Neun vielleicht. Da hattest du noch Feuer."

Resultate zählen, Erik. Davon ab muss ich dir noch dreiunddreißig weitere Male das Gleiche erzählen. Und über eine Erinnerung werde ich mich nicht dafür entschuldigen, ein schlechter Vater gewesen zu sein. Das wärs. Setz den Anker."

Ein harter Mann, ich sage es", sinnierte Annie gleichmütig. „Doch das musst du ja schließlich sein. Immerhin wirst du dafür sorgen müssen, dass die Propaganda, die alle anderen wie Zuckerwasser trinken, ihr wie Galle in der Kehle brennen muss. Und obenauf noch musst du sie dazu treiben, in Sachen Kampfkunst unter den Besten ihres Jahrgangs zu landen. Und wir wissen beide, das ist eine Knochenmühle."

Du verfällst wieder in unnütze Exposition." Ihr Vater blickte missbilligend drein.

Keine Hektik." Der Mann, durch dessen Mund sie sprach, nahm einen Spiegel von der Stuhllehne und hielt ihn sich vor das Gesicht. Rostrot waren das wirre Haar und der struppige Bart, sonnenverbrannt war die Haut. „Hallo, Annie! Du kennst vielleicht noch den guten alten Onkel Erik? Der lustige Mann, vor dem du seltsamerweise riesige Angst hast.

Ich bin, so alles gut geht, dein Vorgänger. Ich habe das große Mädchen durch ein paar brenzlige Situationen gebracht. Außerdem verhinderte ich ein paar Einschusslöcher in ein paar wichtigen Köpfen, daher werde ich ein klein wenig Einfluss hinsichtlich meiner Nachfolgerschaft in den Ring werfen. Nun. Für diesen Titan ist Kampfkunst das Höchste der Gefühle, worin lediglich der Angreifer gleichwertig ist. Sagen wir es offen, ich hätte lieber den Kerl anstatt der Dame gehabt, doch ein gewisser Eren wollte ja nicht tauschen -"

Erik!"

Scherz. Oh, ich höre was."

Du ziehst das gleiche Schmierentheater ab wie zuvor."

Ja, und? Oh! Schau, wer da draußen ist." Erik hatte sich erhoben und spähte durch das Fenster: Im Garten stand ein Mädchen von etwa sechs Jahren, welches sich keuchend gegen einen mit Polstern umwickelten Pfosten lehnte. „Eben hast du es noch gemacht." Erik klopfte ans Fenster. Das Mädchen schrak zusammen und schaute nichtmals hin, sondern begann wieder, fieberhaft gegen den Pfosten zu treten. „Eine Knochenmühle, ich sage es."

Hat sie etwa aufgehört?" Ihr Vater machte Anstalten, zur Haustür zu stürmen.

Lass gut sein, Alfons. Kümmern wir uns um Nummer 18. Hole bitte das Iltisfett und den Apfelsaft."

Sie standen am Schreibtisch. Eren hatte das erste Büchlein aufgeschlagen, und ein Bild war zwischen den Seiten hervorgetrudelt. Während er es hastig einfing, hatte Annie einen Blick auf die allererste Seite geworfen. Eine Widmung an den Leser stand dort:

Von Herzen hoffe ich, dass dieses Buch in den Händen eines treuen Kameraden liegt.

Eren starrte sie an wie eine Besessene.

„Was ist?"

„Ich fragte, wer Alfons ist." Eren wich ein Stück zurück, als könne sie ihn jeden Moment angreifen. „Du hast plötzlich angefangen, mit dir selbst zu reden."

„Hab ich das?" Sie blinzelte, im Geiste die seltsame Vision noch einmal durchgehend. „Ich... ich hatte gerade eine Eingebung."

Wild. Etwas flatterte in ihr wie ein Vogel in einem viel zu kleinen Käfig. Kribbeln. Es durchlief sie heiß und kalt zugleich, ein Spiel von eisigen Fingernägeln an ihrem Nacken und ein Brennen von glühenden Kohlen in ihrem Bauch. Zittern.

„Lies."