Ein Ort, ein Traum, so vertraut. Die Höhle. Annie schritt über bleiche, knackende und knirschende Dinge. Sie sahen aus wie Röhren, diese Dinge, oder Äste, oder Bögen, oder wie Kugeln.

Blank genagt, aufgebrochen und ausgesaugt.

Wann war sie zuletzt hier gewesen? Nach Shiganshina, richtig. Vor fünf Jahren, als sie zum letzten Mal derartig an ihre Grenzen gegangen war. Welche Furcht sie damals gehabt hatte. Denn dort hinten, hinter der Biegung des Tunnels, hatte ein schwerer, schwarzer Tisch gestanden, aus einem einzigen Block aus Obsidian gehauen. Auf diesem Tisch hatte ein kindergroßer Dämon gekauert. Wie ein ausgehungerter Affe war dieses Wesen auf dem Tisch umhergehüpft und hatte seine Zähne in die Leiche einer alten Frau geschlagen.

Heute gab es kein Dämonenkind, das wild auf dem Tisch herumwirbelte. Aber einen Tisch, den gab es wieder. Eine junge Frau stand dort, ganz ohne Haut. Der Weibliche Titan, nur gerade gar nicht titanisch. Normalgroß, menschengroß. Über den Tisch gebeugt, an einer Leiche fressend. Heißhungrig schlang sie das Fleisch in sich hinein.

Annie trat langsam näher. Bekümmert blickte sie auf die Leiche, die gefressen wurde. Da lag keine Greisin mehr wie beim letzten Mal, sondern eine Frau in den Vierzigern. Ein paar Falten mehr als ich... ein paar graue Strähnen... Ein wenig aus der Form... Doch allmählich erkenne ich mich.

Habe ich es wieder übertrieben?", fragte sie.

Angesprochen, wandte der Weibliche Titan den Kopf. Sie richtete sich auf, schluckte den letzten Bissen und zwang ein mattes Lächeln auf ihre Züge. Mit erschöpfter Geste deutete sie auf Annies linke Seite.

Annie blickte hin. Ihr fehlte dort die Hand, der Arm, bis zum Ellenbogen. Ihr fehlte dort der Fuß, das Bein, bis zum Knie.

Oh", machte sie. Hatte sie gar nicht bemerkt. Wie konnte sie so überhaupt stehen? Natürlich, ein Traum.

Sie wachte auf.

Pechschwarz und feucht. Wie in einer Tropfsteinhöhle. Blind tastete Annie umher. Die schleimige Unterlage, eine Titanen-Zunge. Der zerrende, nagende Schmerz von der Stirn bis zur Brust, die aufgerissenen Wunden direkt nach der Wandlung. Der schreiende, grelle Schmerz im linken Bein. Der fiebrig rote Schmerz im linken Arm. Sie war nicht mehr ganz. Stimmt ja.

Sie war in Erens Maul.

Plötzlich, ein Beben! Sie flog zum Gaumen, stieß gegen das halbweiche Gewebe, prallte wieder nach unten ab, landete wie auf einer rohen Rinderhälfte. Bloß um im nächsten Moment heftig nach vorn geworfen zu werden. Sie schlug sich den Kopf an den Schneidezähnen und sah blendend helle Punkte vor ihren Augen explodieren. Instinktiv versuchte sie, die Balance zu finden, sich hinzustellen. Ein Schockschwall aus Schmerz jagte ihr linkes Knie empor. Im Sturz wollte fing sie mit den Händen ab und brach links ein, denn auch dort war bloß ein Stumpf.

Von jenseits der fleischigen Wand kamen Geschrei und Geräusche. Gebrüll und Gekrache, Geknirsche und Gematsche.

Er kämpft mit den anderen Titanen.

Und dabei schüttelte er sie durch. Sie flatterte im Mundraum umher wie ein Kieselstein auf einem Sandsieb. Annie krallte sich einhändig in die Zunge, die sich plötzlich unter ihr aufbäumte! Er presste sie gegen den Gaumen. Hielt sie dort fest, drückte ihr gleichzeitig die Luft aus dem Brustkorb.

War sie selbst auch so schlimm, so grob?

Plötzlich trennten sich die Zahnreihen, und blendend helles Tageslicht fiel hindurch. Massige Finger – seine Finger – langten hinein, packten sie grob um die Körpermitte. Er zog sie hervor wie ein knorpeliges Fleischstück.

Titanenleichen. Dampfende Kadaver lagen ringsum, verdreht zwischen den Trümmern und allmählich verschwindend. Hatte er sie alle erledigt? Nein, einer lebte noch.

Das Grinsegesicht?

Der allererste Titan, der den Keller geknackt und sie ins Freie gejagt hatte, war noch da. Er lag auf dem Rücken. Eren hatte es geschafft, das Monster förmlich am Boden festzunageln, indem er tonnenweise Bauschutt auf dem flachen Rumpf des Titanen gestapelt und schwere Balken auf die Gliedmaßen gewuchtet hatte. Er zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Verwirrt starrte Annie dem letzten lebenden Titan in ganz Shiganshina entgegen. Warum, warum gerade dieses Ding?Warum...

Das Grauen durchzuckte sie einen Augenblick später.

Es ist sie. Das hatte Eren gesagt, als er das Grinsegesicht gesehen hatte. Und wie er es gesagt hatte. Wie zu einer verlorenen Liebe. Hatte da eine Erinnerung aus ihm gesprochen?

Dina Fritz. Das Familienfoto. Dina Fritz war zur Strafe für Rebellion zum Titanen geworden. Und nun lag sie hier?

Solche Zufälle gibt es nicht.

Doch dies war Annie schon einmal durch den Kopf gegangen. Als sie den Felsbrocken gesehen hatte, der Erens Haus zerschmetterte. Das Leben dieses Jungen war voller Zufälle. Dies hier, das war die Krönung. Schicksalsfäden liefen zusammen.

Also... tauscht er mich ein?

Der Gedanke war vielleicht... nicht schlecht? Es war taktisch von ihm, und eine Erlösung für sie. Oder nicht? Es müsste eh so enden, zum Abschluss ihrer Dienstzeit. Auf diese Art gaben Krieger die Fackel weiter. Also warum nicht jetzt, gleich hier, dann hätte sie endlich Ruhe. Kalte Ruhe, sie wollte einen Panzer aus Eis um Herz und Seele hochziehen. Dies hier war in Ordnung, es würde einfach vorbei sein.

So dachte sie einen Moment lang. Bis Eren wirklich die Hand ausstreckte und sie über dem Maul des Monsters baumeln ließ. Dina schnappte nach ihr! Wie ein Hund. Sie hing dort wie ein Stück gehackte Leber für einen Jagdhund! Gerade außer Reichweite war ihr verbliebener Fuß.

Und dann brüllte Eren sie auch noch an. Die Donnerstimme schlug ihr wie ein Sturmwind entgegen. Die Ruhe löste sich auf, wurde weggefetzt.

Nein, windete sich der Gedanke durch ihren Kopf wie ein Wurm, Nein, nein, nein! Es sollte anders sein! Friedvoller, feierlicher, angemessener! Wie man so etwas gestaltete, wußte sie nicht, aber sicherlich sollte es nicht so werden, wie es jetzt war!

Dina zappelte, und ein paar Brocken Schutt rollten von ihrer Brust herab. Sie kam plötzlich höher und schnappte erneut mit knallenden Kiefern, doch Eren hob Annie ebenfalls höher, und die Zähne schnappten ins Leere.

Eren brüllte ihr dröhnende Worte entgegen, die in ihren Ohren keinen Sinn ergaben, sondern einfach nur weh taten. Vermutlich beschimpfte er sie wieder. Nannte Namen von Fremden, von Toten. Ein tolles Gedächtnis für Namen hatte er.

Annie hing einfach nur zwischen seinen Fingern, blickte in das Gesicht des Riesen und versuchte schließlich nichtmals mehr, irgendwas in dieser grünäugigen, zähnebleckenden Fratze zu erkennen. War es bloß Erens Unerfahrenheit, oder konnte der Angreifer-Titan wirklich nicht sprechen? Er versuchte es jedenfalls wirklich. Er röhrte ihr schließlich nicht bloß eintönigen Lärm ins Gesicht, sondern ließ einen Felssturz an Silben über sie hinwegrollen.

Doch sie verstand einfach nichts.

Unter ihren Füßen. Dina lächelte so warm und freundlich. Plötzlich verrutschten mehrere Balken, und ein Arm des Lächelnden Titanen kam frei. Dina schnappte nach Erens Fußknöchel und zerrte daran, und der Angreifer-Titan kam wirklich ins Schwanken! Annie wurde geschüttelt, ihr Magen drehte sich. Bittere, salzige Flüssigkeit zwängte sich ihre Speiseröhre empor. Sie würgte, und dann lachte sie hysterisch. Das hier, das war so ungeschickt und dämlich und peinlich und – warum kümmerte sie das!

Eren fand das Gleichgewicht wieder, stampfte Dinas herumrudernden Arm nieder. Und schrie sie nochmals an.

VERSTEH JETZT ENDLICH, WER DAS KOMMANDO HAT!"

Durch Annies Körper schien ein Blitz zu gehen. Worte prügelten sich mit der Wucht von Hammerschlägen in ihren Geist. Ihr war plötzlich, als schlüge ein zweites Herz in ihrer Brust.

Eren brüllte sie an, aus nächster Nähe, und Speichel flog ihr ins Gesicht.

MAUER SIE EIN, SAGTE ICH!"

Worte, direkt in ihrem Schädel. Sie war sich dessen nicht bewusst, doch sie musste irgendeine Reaktion gezeigt haben, denn unvermittelt wurde Eren still. Er starrte sie nur an. Abwartend.

„Du", murmelte sie, „hast das Kommando."

Eren öffnete das Maul, und ein wesentlich leiseres Rumpeln kam hervor.

SPERR SIE EIN. ICH WILL SIE IN SICHERHEIT."

Sie sollte diesen Titan einsperren? Dass sie die Chance hatte, nicht gefressen zu werden, war ein Gedanke, der seltsamerweise nur ganz hinten in ihrem Kopf auftauchte. Sie hätte erleichtert sein müssen. Oder nicht?

„Wie soll ich das machen?"

Keine Widerrede, wenn der Gründer spricht." Kaum war die Frage von ihren Lippen, tauchte eine weitere Stimme in ihren Gedanken auf. „Ich zeige dir das Wie. In alten Zeiten schufen wir schließlich Paläste." Diese Stimme kam den Pfad entlang. Diesmal war es nicht Erik, sondern ein älteres Gefäß. Viel älter. „Als der Reck´ noch Stolz des Hauses war. Da ist kein Steinmetz, der mir reich´ das Wasser!"

Sie streckte wie eine Marionette am Faden ihren Arm aus, der unterhalb des Ellenbogens in einem Stumpf endete.

Fleisch und Knochen sind nicht alles, was mich erhört. Schwarz wie Onyx, oder wolkengrau, oder leuchtend wie die Stern´ am Himmel. Hah! Durch die schwere Erde selbst fließt Blut. Ich ruf´ das Eisen in diesem Rot!"

Sie hatte keine Kraft. Sie glaubte, sie hatte keine Kraft. Sie spürte, da war noch Kraft. Das Kommando presste diese aus ihr hervor wie Saft aus einem Apfel.

Als wenn ein Kind wie du wüßt´, wo die Grenze ist. Komm. Ich schieb dich dorthin."

Mechanisch hob Annie die Hand mit dem Ring und klappte die versteckte Klinge aus. Sie verstand, sie müsste sich nun verletzen, und wollte es auf ihre Weise tun. Doch von innen presste sich unvermittelt ein fremder Wille in den Arm, und die Hand fuhr zum Mund. Diese Stimme wollte, dass es auf drastischere Weise passierte! Sie schlug die Zähne ins Fleisch, doch Blut spritzte bereits kurz davor, denn das ausgeklappte Ringmesser war durch die Oberlippe gestoßen. Kratzte auf Zähne. Sie presste die Augen zu.

Um ihren ausgestreckten Arm raste ein winziger Blitz – der Titanen-Arm platzte aus dem Nichts hervor und peitschte abwärts, umfasste den Hals des Lächelnden Titanen. Zwischen den Fingern flimmerte etwas wie ein helles, blaues Schäumen. Etwas Flüssiges, dassich rasch ausbreitete und zu etwas Festem erstarrte.

„Trenn den Kopf ab", sprach Annie halb befehlend, halb wimmernd. Es waren nicht ihre Worte, die da aus ihrem Munde kamen. „Ab dem Kiefer. Trenn den Hals ab, ab dem Brustbein."

Die Augen des Angreifer-Titanen, gebannt von dem Glänzen des Titanensteins, flackerten erst, dann weiteten sie sich und wendeten sich wieder Annie zu.

„Tu´s jetzt, Reck´!", blaffte sie ihn an. Herrisch wie ein General, doch ihn anschauend wie ein verschrecktes Kind. „Ich seh dich, Stürmer, Freiheitsucher! Bist der Falsche für das Werk? Dies´ Verschachtung, diese Fesslung, ist doch dein Begehr, so nimm auch Anteil!"

Er tats. Mit bloßen Händen trennte er Fleisch und Knochen, den Hals von den Schultern und den Schädel vom Hals. Annies Titanen-Arm griff um den entstehenden Brocken herum; das blaue Schäumen verschloss und versiegelte die frisch gerissenen Wunden. Alles verband sich zu einem gläsernen Mantel rund um dieses Stück Fleisch, das gerade so lang war wie ein erwachsener Mensch.

Die Stimme amüsierte sich. Zumindest ließ sie Annie so klingen, auch wenn deren Gesichtsausdruck dazu nicht passen wollte.

„Hah. Ihr beid´, der Reck´ und die Maid. Habt noch Töne, habt noch Mut? Schau mich an! Gut so, Stürmer. Hast den Gründer erobert, das nehm´ ich übel. Neun hab´ ich bestimmt, zu acht hast du´s verdünnt. Ich warn´ dich bloß und geh´ nun fort. Mein Werk sei getan, werd glücklich ´mit."

Der Titanen-Arm erschlaffte, löste sich zäh und schwer von Annies Schulter und zerplatzte beim Aufprall in einer Woge aus heißem Dampf.

Vor ihnen im Schutt lag der frisch geschaffene, eiförmige Stein, in dessen Inneren das Gewebe pulsierte. Die Schwachstelle. Die Essenz eines Lebens. Das, worauf es ankam.

Als der fremde Geist Annie verließ, verlor sie das eigene Bewusstsein gleich mit.

Am Morgen hatten sie in Shiganshina getobt.

Den Rest des Tages und die ganze Nacht hindurch schlief sie. Am Morgen des darauf folgenden Tages wurde sie wach.

Schaukeln. Annie öffnete die Augen. Über ihr, das Blau eines wolkenlosen Himmels. Zweige mit grünen Blättern streckten sich über sie hinweg. Sie driftete unter ihnen hindurch. Sah ihnen nach, als sie vorüber zogen.

Die Sommer auf dieser Insel, sie waren einfach schön.

Um sie herum erhoben sich hölzerne Wände. Etwas platschte. Wellenschlag. Sie brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, dass sie in einem Boot lag.

„Ich habe deinen Stiefel."

Sie hob den Kopf, stemmte sich stöhnend auf die Ellenbogen. Sie lag mit dem Kopf Richtung Bug. Eren saß heckwärts auf der Bordwand, das Manövergerät angelegt. Was er ihr hinhielt, war wirklich ein Stiefel, ein Linker. Hatte er ihn etwa aufgelesen, ehe sie Shiganshina verließen?

Sie blickte an sich herunter. „Ich habe keinen Fuß für diesen Stiefel." Eine stetige, aber hauchdünne Schlierensäule dampfte von dem Stumpf auf. Immerhin einen Unterschenkel hatte sie bereits wieder.

Eren bedachte sie mit einem Lächeln. „Schwach wie ein Spatz im Winter, hm?"

„Hör, wer da spricht."

Sie trieben den Fluss hinunter. Eine schnelle, starke Strömung brachte das kleine Holzboot rasch voran. Die gleiche Strömung, die es dem Aufklärungstrupp unmöglich machte, den Wasserweg für Maria-Expeditionen zu nutzen. „Wir fahren zurück zur Mauer Rose?"

„Ja."

Sie seufzte matt. „Verflucht."

„Ich habe das Kommando, also bestimme ich." Erens Stimme wurde etwas milder. „Und endlich kannst du nicht mehr mit Gewalt darauf antworten."

„Von mir aus." Sie fuhr sich mit der Zunge über aufgesprungene Lippen. „Durst. Wasser. Bitte."

„Gern." Er machte Anstalten, ihr die Feldflasche an die Lippen zu führen. Sie rupfte ihm den Behälter aus der Hand und stürzte sich das Wasser förmlich in die Kehle, dass es zu beiden Seiten aus ihren Mundwinkeln tropfte. Sie leerte die Flasche in einem Rutsch, dann ließ sie sich wieder zurückfallen. Auf ein Kissen aus Uniform-Jacken, wie sie nun feststellte.

„Was willst du machen", fragte sie, „in Rose?"

„Reiner und Berthold davon abhalten, etwas Dummes zu tun."

„Nur das?"

Er schwieg einen Moment. „Nur das."

„Hm." Sie hegte Zweifel. Doch tun konnte sie wenig. Dämmerte eh schon wieder weg. „Ich... schlafe nun... weiter..."

Als sie beim nächsten Mal erwachte, stand ein Sichelmond am Himmel. Unverändert plätscherte und murmelte der Fluss.

Annie schlang die letzten zwei Kraftriegel hinunter, rückte gegen die Bordwand und sah Eren dabei zu, wie er das Ruder bediente. Nun war er also dran, die Zähne zusammenzubeißen und den Schlaf mit Disziplin in Schach zu halten.

„Mich erstaunt, dass uns noch kein Titan aus dem Wasser gefischt hat."

„Wäre zweimal fast passiert", erwiderte Eren. „Aber wir waren schneller. Hiermit." Er klopfte auf das Manövergerät. „Hab mich außen ans Heck geklemmt. Und Gas gegeben."

„Hmhm." Ihre Mundwinkel zuckten hoch. „Das habe ich verpasst, ja?"

„Ja, du hast den ganzen Spaß verpennt."

„Na. Immerhin habe ich gestern – oder vorgestern – einen Diamanten gepresst." Sie überlegte kurz. „Wo hast du den eigentlich gelassen?"

„Versteckt."

„Gut versteckt?"

„Vor wem soll ich ihn gut verstecken?"

„Gute Frage."

Annie beließ es dabei. Hinterfragte auch nicht, warum Dina letztendlich nicht zum Wandler gemacht, sondern eingekapselt worden war. Es konnte ihr nur recht sein.

Sie fuhren ohne Licht. Eren hielt das Boot einfach fern vom tiefen Schwarz des Ufers. Das Ruder platschte, hell und regelmäßig. Im Dickicht raschelte ein Tier, ein Fuchs oder Hase vielleicht.

„Wer", fragte Eren unvermittelt, „war eigentlich diese Stimme, die da aus dir gesprochen hat?"

„Weiß nicht genau. Etwas Altes." Annie streckte den Arm über die Bordwand, tastete mit den Fingerspitzen nach der Wasserfläche. Wenn sie sich so festhielt, war das Sitzen halbwegs bequem; ihr fehlten noch immer Teile von Gliedmaßen, und so hatte sie eine Weile herumprobieren müssen, ehe sie eine angenehme Haltung fand.

Eren ließ nicht locker. „Dieser Stimme hat es wohl nicht gefallen, was mein Vater getan hat. Den Gründer-Titan gestohlen, meine ich."

„Weiß nicht."

„Ich frage mich, warum. Also, wer sollte sich dafür interessieren, was mit diesen Ymir-Kräften passiert? Gibt es so etwas wie Benimm-Regeln?" Als keine Antwort kam, sprach er weiter. „Ich meine... würde irgendwas Fürchterliches passieren, wenn man alle Ymir-Kräfte wieder zusammenbringen würde? Hat schon jemand so etwas versucht?"

„Warum sollte man Titanen zusammenbringen. Außer für diesen speziellen Fall mit dem Gründer."

„Kein Grund, warum es noch niemand versucht haben sollte."

Sie warf ihm eine Handvoll Wasser ins Gesicht. „Wenn du derlei wissen willst", versetzte sie matt, „fährst du im Augenblick in die falsche Richtung. Innerhalb der Mauern findest du sicher nichts zu solchen Sachen. In den Militär-Archiven Marleys schon."

„Das ist wahr." Eren klang plötzlich seltsam entschlossen. „Dafür allein würde es sich lohnen, nach Marley zu reisen."

Eigentlich wollte sie, dass dieses dumme Thema wieder einschlief. Vielleicht sollte sie einfach selbst wieder einschlafen. Doch irgendwie... „Was fasziniert dich daran?"

Die Holzbohlen knarrten. Eren hockte sich vor ihr hin. „Ein Boot zu fahren, ist eben langweilig", versetzte er. „Und mir geht diese Ymir-Geschichte nicht aus dem Kopf. Es ist doch so: Neun Titanen sind als ein Einzelner auf die Welt gekommen. So fing es an. Zumindest, wenn ein wahrer Kern in diesem Schöpfungs-Mythos steckt. Also. Was, wenn diese neun Titanen erneut eins werden? Verschwinden sie dann wieder? Schließt sich ein Kreis, und der Spuk ist vorbei?"

„Warum sollte das so sein."

„Warum sollten wir uns in die Hand beißen, um zu Riesen zu werden?"

„Weil es einfach so funktionert."

„Was spräche dann gegen meine Idee? Höre!"

„Du vergleichst Äpfel mit Birnen. Ach. Lass mich wieder schlafen."

Eren legte ihr plötzlich die Hände auf die Schultern. „Annie. Es gibt in dieser Titanen-Zauberei nie ein Zurück, oder? Ein Mensch wird zum Titan, und er wird nie wieder zum Menschen. Außer?"

„Außer er frisst einen Wandler."

„Fressen. Fressen ist das Zurück."

Er war aufgeregt. Sie war skeptisch.

~ Zwei Tage später, in Shiganshina

„Ein Hort-Titan, oder was meinst du, Pieck?"

„Habe noch nie von einem Abnormalen gehört, der sein Gewölle vergräbt."

Zeke Jäger verfolgte, wie seine Untergebene als vierfüßiger Titan die schwere Holzdecke vollständig von dem Loch zerrte. Beim Passieren der Geröllhalde hatte Pieck ein helles Schimmern bemerkt und neugierig nachgeschaut. Was sie nach einem ersten Blick erhaschen konnte, war interessant genug gewesen.

Zeke sprang ins Loch hinein. Offenbar hatte es sich einst um einen Arbeitskeller gehandelt, eine Art Lagerraum und Haus-Bibliothek. Die Bücher waren beeindruckend gut erhalten. Sie konnten noch nicht lang der Witterung ausgesetzt sein.

„Das ist aber auch kein gewöhnliches Gewölle", stellte Zeke nach einem fachmännischen Blick auf den eiförmigen Klumpen fest. Er legte die Hand an den Titanen-Stein. „Hm. Es ist warm."

Über ihm erschien die Schnauze von Pieck. Er winkte ihr.

„Wir nehmen dies hier mit. Seie so nett."

„Jawohl." Pieck streckte den länglichen Kopf in die Tiefe und packte den Stein mit den Zähnen. Als sie die Last nach oben wuchtete, wollte Zeke sich durch die Kellertreppe wieder nach oben begeben. Doch im letzten Moment hielt er inne. Unter dem Stein hatte ein Buch gelegen. Ein Notizbuch?

~ Zur gleichen Zeit, im Rose-Territorium

„Es waren drei. Drei! Du bist so helle wie nasser Sand."