Annie Leonhardt hatte sich nie hilfloser gefühlt. Zum zweiten Mal in ihrem Leben befand sie sich am empfangenden Ende eines Titanen-Albtraums. Bisher war Trost der einzige Moment gewesen, da sie grotesken Gesichtern ins Auge hatte sehen müssen, ohne selbst auf gleicher Höhe – oder größer – zu sein. Und nun dies, in der Rückkehr nach Rose.
Für einen Titanen bist du wie die Maus gegenüber der Katze. Musst du reisen, so renne. Geschwindigkeit wird dich retten. Vielleicht. Mit Glück. Doch Sicherheit gibt es nur in Löchern.
Es war die dritte Nacht seit Shiganshina, und sie befuhren noch immer den Fluss, unter einem Dreiviertel-Mond. Im Norden erhob sich die Mauer, im Silberlicht bleich wie Knochen.
Der Titan hätte längst in Schlaf fallen müssen, wie alle anderen auch. Doch dieser eine watete ihnen noch immer nach, war vor sicherlich fünf Kilometern schon in den Fluss gestiegen und stapfte unbeirrt durchs Wasser, das ihm bis zur Brust ging. Er war ungelenk, fast schon komisch anzusehen, wie er hartnäckig die Arme über die Wasserlinie hielt und sich für jeden Schritt förmlich nach vorn warf. Seine hüpfenden Bemühungen schufen Wellen, die platschend ans Heck des Bootes schlugen und die ersehnte Beute nur weiter wegschoben.
„Soll ich nochmal?" Eren trug nach wie vor das Manövergerät. „Soll ich?"
„Nein, lass!" Annie musste sich zu dieser Antwort zwingen. Am liebsten hätte sie lauthals Ja gerufen. „Wir brauchen das Gas noch!"
Erens Taktik war gut gewesen: Wann immer sie unerwünschte Gesellschaft bekommen hatten, war er außen ans Heck des Bootes geklettert und hatte den Gasantrieb des Manövergeräts angeworfen. Der Schub hatte sie vorwärts gejagt, außer Reichweite vom Himmel greifender Hände. Die wilde Fahrt schmiss sie zwar gegen die Böschung und durch den Pflanzenwuchs am Ufer, denn mit Lenken war es auf diese Art nicht weit her, doch immerhin waren sie schnell gewesen!
Nun aber ging ihnen das Gas langsam aus. Noch mehr Schübe konnten sie sich nicht leisten. Sie brauchten das Manövergerät noch immer zum Klettern!
Annie warf einen Blick nach vorn. „Dort kommt die Biegung." Sie raffte sich hoch, schwankend wegen des Schaukelns. Zumindest schob sie es darauf. Weiche Kniee kann ich jetzt nicht brauchen. Sie klammerte sich an die Bordwand. „Hier müssen wir raus!"
Sofern die Karte stimmte, konnte es besser nicht werden. Nach der kommenden Biegung würde der Fluss sich ostwärts schlängeln. Fort von der Mauer, zurück ins Titanen-Gebiet.
Eren schwang sich den Rucksack auf, packte das Ruder und paddelte noch ein letztes Mal aus Leibeskräften. Dabei drehte er dem Bug notgedrungen den Rücken zu. „Sag, wenn wir aufsetzen!"
„Mehr nach backbord. - Genau jetzt!"
Dumpf schlug das Boot gegen das Ufer. Die beiden Passagiere sprangen links und rechts über die Bordwand, landeten platschend im seichten Wasser.
Annie eilte um den Bug herum und klammerte sich an Erens Rücken; dieser legte bereits an und feuerte eine Zugleine die steile Böschung empor. Mit hellem Knirschen schlug der Haken in einen Baumstamm. Das Manövergerät zerrte sie im Eilschritt nach oben, und sie schauten sich gar nicht erst um, sondern rannten.
Hinter ihnen schnaubte der Titan.
Kein Wald, nur vereinzelte Bäume und Grasland zwischen dem Fluss und der Mauer.
„Fünf Runden um den Exerzierplatz!", platzte es aus Eren hervor, „Mehr ist es nicht!"
Sie wollte ihm sagen, dass er sich den Atem sparen solle, doch ihr fehlte die Puste dazu. Wie lang, wie lang nun schon ohne echte Verpflegung, ohne echte Ruhe, mit geschwächtem Körper und frisch nachgewachsenen Gliedmaßen? Ihr linker Stiefel scheuerte, denn der darin steckende Fuß war noch immer schmaler als der andere.
Jäh flog ein Schatten über sie hinweg – das Boot! Geworfen von Riesenhand. Es schlug vor ihnen auf und zersprengte zu Kleinholz. Sie sprangen über die Trümmer hinweg, als wären es Hürden.
„Noch drei – Komm!" Eren warf einen Blick zurück, stieß sie plötzlich mit der Schulter an. Sie gab einen Protestlaut von sich und packte ihn am Rucksack, um nicht zu stürzen. Eren feuerte einen Haken nach links in einen einzeln stehenden Baum. Annie krallte sich daraufhin statt in den Rucksack lieber in seine Schultergurte, zerrte sich höher und schwang die Beine um Erens Hüften – unter ihr fauchte ausstoßendes Gas aus dem Manövergerät. Der Schub schleuderte sie beide zur Seite, an gespannter Leine um den Baum herum. Eren zog die Beine an. Wenn er jetzt hängen blieb, an einer Bodenwelle oder auch nur einem Stück Strauch, dann -
„Zieh hoch!", schrie sie in sein Ohr.
„Mach ich ja!"
Der Baum war die Zirkelspitze ihrer Kreisbahn. Sie schraubten sich höher und kurvten zuerst in Richtung des Flusses zurück. Der Titan war schon fast da und warf sich ihnen entgegen, als wäre er noch immer im Wasser. Die zugreifende Hand verfehlte ihr Ziel um Haaresbreite.
Sie zogen über den Kopf des Riesen hinweg und wandten sich, nun in beachtlicher Höhe, wieder der Mauer zu.
„Und jetzt springen wir!", rief Eren, „Festhalten!"
Annie hätte ihm gern gesagt, wie überflüssig dieser Rat war. Doch sie verkrampfte einfach nur, als sie sich vom Baum lösten. Durch die Luft segelten. Flogen. Durch Gasantrieb und Zentrifugalkraft, wie aus einer Schleuder abgefeuert. Der Mauer zu, einer Klippe weiß wie Kreide.
Das rasende Zischen des Gases dröhnte in ihren Ohren. Sie glaubte, etwas Stotterndes und Rasselndes in diesem Zischen zu hören.
Fast leer.
Schlingernd kam der Haken zurück. Ein Tschäng! ertönte, als er wieder abgefeuert wurde. Hell klirrend schlug er in den Stein der Mauer, und sie rasten geradewegs darauf zu. Bis der zweite Haken nach links flog, in enorm schrägem Winkel, und sie zur Seite riss.
An einem einzelnen Stück Wand aufzusteigen, war kompliziert. Eren hantierte zudem nicht nur mit seinem eigenen Körpergewicht. Ächzend schwang er die Beine hoch und damit den Gasantrieb nach unten. Annie spürte das Reißen der Schwerkraft im Rücken, im Magen, dieses flaue Zerren. Solche Manöver machten keinen Spaß, wenn man selbst keinerlei Einfluss auf das Herumgeschleuder hatte.
Aufwärts ging es, aufwärts, aufwärts! Das Manövergerät spuckte und röchelte.
Es trug sie bis ganz nach oben. Und gab den Geist auf.
Am Morgen des vierten Tages seit Shinganshina wanderten sie über die Mauerkrone.
Eren hatte westwärts gewollt, wo sie irgendwann nach Trost gelangt wären, welches eingekapselt zwischen den Wänden von Mauer Rose lag.
„Nein", hatte Annie erwidert, „Wir gehen nicht nach Trost. Auf keinen Fall."
„Wir finden dort immerhin die Mauer-Garnison", hatte Eren entgegnet.
„Ausgerechnet dort. Sie werden dich erkennen als den Helden, der das Loch in der Mauer gestopft hat", hielt sie dagegen. „Erinnerst du dich noch an deinen Auftritt, mit diesem glatzköpfigen Kommandeur? Keine Chance, dort unerkannt durchzukommen. Zwei Leute aus verschiedenen Einheiten zusammen auf der Mauer, das ist schon genug für ein paar Fragen."
Von ihrem abgerissenen Äußeren ganz zu schweigen. Ihre Uniformen waren in verwahrlostem Zustand. Annie fehlten auf der linken Seite Teile von Ärmel und Hosenbein, während Eren barfuß war und seine Unterschenkel bis zu den Schienbeinen blasse Haut zeigten. Was an Stoff noch vorhanden war, starrte vor Staub und Dreck und getrocknetem Schweiß. Sie konnten einander riechen, im wahrsten Wortsinne.
„Reiner und Berthold aus dem Verkehr ziehen." Annie hob den Zeigefinger wie eine Messerpitze. „Das ist es, was du wolltest. Das ist, was wir tun werden. Und nichts weiter." Sie blickte ihm ins Gesicht. „Ziehe jemand anderen in diese Sache, und ich werde tun, was nötig ist."
Er nickte steig, mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten.
„In Ordnung. Wir gehen nicht nach Trost."
Das ewige Diskutieren. In Shiganshina, als sie die Worte ihres Vaters empfangen hatte, war ihr alles wesentlich rosiger erschienen. Annie spürte, dass die Dinge ihr erneut entglitten. Eren war unzufrieden mit ihrer Gesellschaft. Sie war nun zwar seine Verbündete, doch konnte ihm gerade nichts weiter bieten als Wissensbrocken über Wandler und die Außenwelt, und nichtmals damit glänzte sie wirklich. Während der Flussfahrt war sie nicht in der Lage gewesen, auf seine Theorien hinsichtlich der Titanen-Magie einzugehen. Dass das Fressen der Schlüssel sei, etwas Unumkehrbares umzukehren und so weiter. Sie hatte sich nie solche Gedanken gemacht, und so hatte sie immer nur mit den Schultern zucken und „Keine Ahnung, vielleicht?" sagen können. Sie sah ihm an, dass ihm dies nicht genügte. Er sehnte sich nach einem Kameraden, der mit seinen Gedanken mehr anzustellen vermochte.
Annie ahnte, wen Eren lieber bei sich hätte. Und sie fürchtete, Eren würde daher früher oder später etwas Dummes tun. Doch was konnte sie schon dagegen ausrichten?
Es ist einfach beschissen, nicht die Kontrolle zu haben.
Sie gingen nicht nach Trost. Westwärts zogen sie trotzdem, denn sie mussten jene Stadt, die zuletzt Opfer eines Titanen-Angriffs geworden war, im Norden umgehen, um das Hauptquartier der Kundschafter zu erreichen.
Als sie eine günstige Stelle fanden, machten sie sich an den Abstieg. Das Manövergerät wurde zerlegt.
„Treu bis zuletzt", sagte Eren, während er die Trommel öffnete und die Leinen hervorholte.
Annie nahm sich währenddessen einen der beiden Haken und gebrauchte eins der größeren Metallteile als behelfsmäßigen Hammer, um ihn in die Mauer zu treiben.
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. „Kein Gas", murmelte sie, „Keine Verpflegung, keine Ruhepause."
Sie blickte zu Eren, der die beiden Zugleinen des Manövergeräts und auch die Ersatz-Leinen aus dem Rucksack zu einem einzigen Seil verband und dann an ihrem Haken verankerte.
„Und am Ende des Weges", fügte sie ungerührt hinzu, „Reiner und Berthold."
Eren ließ das Kletterseil langsam an der Mauer herab. Gemächlich glitt es ihm durch die Finger. „Wie denkst du über Reiner und Berthold?" Er ließ die Frage ausgesprochen beiläufig klingen.
Sie legte die Stirn in Falten. „Was möchtest du hören? Dass sie dir friedlich zuhören werden, wenn du ihnen frisch gebackene Waffeln bringst, oder so etwas?" Ihr Magen gab ein sanftes Rumpeln von sich.
Eren schwieg geduldig. Er blinzelte nichtmals, sondern saß ihre Bissigkeit einfach aus, in einem Wettstreit, wem das Schweigen zuerst zu unangenehm werden würde.
Wann ist der Bastard so ruhig geworden? Annie verstand ihn nicht, beim besten Willen. Da stand er, mit all dem frisch erbeuteten Wissen, und überraschte sie. Sie, die keine Überraschungen mochte.
Nach einigen Augenblicken gab sie sich seufzend geschlagen. „Im Zweifelsfalle konzentrierst du dich auf Reiner. Berthold wird einfach mitziehen. Überzeuge den einen, dann hast du auch den anderen." Geschäftsmäßig kratzte sie sich am Nasenrücken, während sie nach einem Augenblick hinzufügte: „Und klappt es nicht, dann werden wir eben kämpfen."
Nun runzelte Eren selbst die Stirn. Enttäuschung flackerte hoch.
„Oh", machte sie lahm, „Ich sehe es dir an. Du willst mich fragen, ob ich nur Gewalt als Lösung habe? Nun, in diesem Falle ja. Weil es Probleme eben löst. Letzten Endes ist die einzig wichtige Frage die, wer dich nach Marley bringt. Entweder tue ich das, und du gehst zum Widerstand. Oder sie tun es, und du wirst in Marleys Händen sein. So einfach ist es."
So einfach. So effektiv. Im Grunde hätte sie es dabei belassen können.
Doch mehr Worte kamen. Hatten gelauert, in einer dunklen Ecke. Nun rollten sie ihr über die Zunge und sprangen aus ihrem Mund.
„Du brauchst dir im Grunde keine Hoffnungen machen. Sie werden dich sehen, und sie werden sich fragen, warum ich dich nicht längst zum Hafen geschleppt habe. Dann wirst du sie ansehen mit deinem Welpenblick und – Nein!" Sie stieß seine Hand, die gerade hochgehen wollte, beiseite. „Glaubs mir! Du wirst ihnen sagen, dass du den Gründer-Titanen in dir trägst oder was auch immer, denn was hast du sonst. Und dann wird alles hochgehen."
„Wie du über deine Kameraden denkst", versetzte Eren bitter. Doch sein Einwand kam auch kraftlos, ohne echten Biss.
Annies Augen wurden schmal. „Ich darf dich erinnern? Unsere Familien daheim erfreuen sich an dem Status als Ehren-Bürger von Marley. Diesen Status würden sie in dem Moment verlieren, in dem klar wird, dass wir übergelaufen sind. Reiner und Berthold werden die Bestrafung ihrer Familien nicht in Kauf nehmen, so sehr du auch an sie appellierst."
„Du ballst eh schon die Faust, noch ehe wir sie sehen. Du kennst sie sogar länger als jeden anderen hier! Gerade du solltest die beiden -"
„Scheiß auf die beiden", brauste sie ihn beiseite, „Stellen wir das gleich klar. Du bist derjenige, der diplomatisch sein will, nicht ich! Du fragst mich, als hätte ich schöne Worte auf Lager, um sie zum friedlichen Mitkommen zu bewegen. Du kommst mir, als müsste ich mir etwas für deinen Plan einfallen lassen!" Wütend biss sie sich auf die Unterlippe, atmete einige Male tief durch.
„Lass uns einfach verschwinden." Ihre Stimme wurde leise, beschwörend. Ihr Blick versenkte sich in dem Seinen. „Nein, ich will nicht gegen die beiden kämpfen, wenn es sich vermeiden lässt. Willst du auch nicht? Fein. Kehren wir wieder um. Lassen wir das hier. Komm mit nach Marley. Sobald das Militär erkennt, dass die Kommando-Fähigkeit im eigenen Lande ist, werden sie Reiner und Berthold ohnehin zurückpfeifen."
So einfach. Es könnte alles so einfach sein. Zu ihrer vollendeten Enttäuschung schüttelte Eren jedoch hartnäckig den Kopf. „Nein. Bis dahin kann zu viel passieren."
Wie gern würde ich ihn einfach packen und mitzerren.
„Mag sein. Doch dann beschwere dich nicht, wenn es ungemütlich wird", versetzte sie kühl. „Sofern du mich fragst, führt an einem Kampf nichts vorbei. Und ich werde tun, was nötig ist, um dich zum Widerstand zu schaffen."
„Ja", murmelte er tonlos, „Weil du heim willst, ich weiß."
„Genau." Sie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Hielt mühsam die Frage zurück, ob daran etwas falsch war.
Eren seufzte schwer, wandte sich ab. Wortlos machte er sich als Erster an den Abstieg.
Das südliche Territorium von Mauer Rose war hügelig, zerklüftet und bedeckt von dunklen Wäldern. Im Vorübergehen sammelten sie blaue Beeren, Bucheckern und kleine grüne Äpfel, die so sauer waren, dass Annie sie nach dem ersten Bissen schon wieder ausgespuckt hätte. Doch der Hunger trieb rein. Es war nicht die Zeit, wählerisch zu sein.
„Vielleicht finden wir ja eine Jagdfalle", sagte Eren, „Mit einem Hasen darin."
Sie schnaufte, biss nochmals von dem Apfel ab und spuckte Kerne in seine Richtung. Er tat, als bemerke er es nicht.
Sie sammelten Pilze und sahen ein Eichhörnchen einen Baum hochflitzen. Eren warf einen Stein, verfehlte jedoch weit. Sie schöpften Wasser aus einem Bach und suchten Fische, fanden aber keine. Frösche quakten in einem kleinen Teich und durften sitzen bleiben. Sie plünderten ein Nest voller Enteneier. Sie standen um Birken herum und diskutierten, ob Ausbilder Shadis wirklich gesagt hatte, man könne die Rinde dieser Bäume essen. Sie kamen zum Schluss, dass jemand wie Shadis dies wohl könne.
Gegen Mittag blickten sie südwärts zur Mauer und erspähten die Rauchsignale einer Stadt, eingeschlossen in Stein – Titanenstein – wie ein Küken in seiner Eierschale.
Sie ließen Trost links liegen. Sie wechselten für längere Zeit keine Worte mehr.
Annie versank tief in ihren Gedanken. Dies alles gefiel ihr nicht. Seit dem Keller war Eren in Führung, sie selbst nur Anhängsel. Er traf die Entscheidungen, sie folgte einfach nur. Als sie noch Gas gehabt hatten, hatte er sogar das Manövergerät, ihr Manövergerät, getragen. Doch was sollte sie tun? Kämpfen fiel aus. Selbst wenn sie wieder völlig zu Kräften kam und ihren Titan in allem Glanze beschwörte. Eren wäre ebenfalls bereit, und er war nun nicht mehr nur der Wächter-Titan, sondern auch der Gründer. Er wußte das, hatte die Kraft in Shiganshina erprobt und – nach einigen Misserfolgen – sogar erfolgreich eingesetzt.
Und selbst wenn ich ihn so wie früher besiegen könnte, dachte sie finster, wäre noch immer das alte Problem: Was fange ich mit einem widerspenstigen Gefangenen an? Das hatte schon beim ersten Mal nicht besonders gut geklappt, und da war ein Hafen voller marleyischer Verbündeter in Aussicht gewesen. Nein, nein. Er muss freiwillig mitkommen. Andernfalls wäre er dem Widerstand auch zu nichts nütze. Er würde nur dauernd zurück auf die Insel wollen.
Vielleicht, so ging es ihr in einem besonders finsteren Moment durch den Kopf, sollte ich ihn von einem Titanen fressen lassen. Und den neuen Wandler heim schleppen. Sie richtete den Blick nachdenklich auf einen Punkt zwischen Erens Schulterblättern.
„Autsch", machte ihr Begleiter gerade, stützte sich an einem Baumstamm ab und untersuchte – nicht zum ersten Mal - seine nackten Fußsohlen. Mit spitzen Fingern und verzogenem Gesicht prokelte er einen Dorn hervor. „Ich vermisse langsam wirklich meine Schuhe", gab er mit schiefem Lächeln zu.
Annie blickte auf ihre eigenen Stiefel. Besonders auf den Linken. Kurzentschlossen zog sie ihre ramponierte Jacke aus und zückte ein Taschenmesser. „Setz dich. Da, dorthin."
Ein wenig später marschierte Eren etwas schmerzfreier durchs Unterholz, die Füße mit erdbraunen Bandagen umwickelt. An Annies Uniform fehlte nun auch der rechte Ärmel.
Reiner, dachte sie bei sich, Was wirst du wohl sagen? Dass ich wieder weich geworden bin?
Ursprünglich hatten sie fest mit einer Nacht im Freien gerechnet, wie in den letzten Tagen üblich. Doch dann stand da diese Schutzhütte am Wegesrand. Eine massive Hütte aus Baumstämmen, in deren Mitte eine Feuergrube lag, umgeben von hölzernen Bänken. Im schummrigen Halbdunkel der Dämmerungwaren hier und dort Gerätschaften auszumachen: Ein Rost mit Gestell, eine Axt, rustikales Geschirr, eine hölzerne Kiste.
Eren trat durch den Türrahmen hindurch und spähte umher.
„Lass mich bitte hier", sagte er unvermittelt.
„Was?"
„Steht dort."
Annie schaute hin. An einem Wandhaken hing ein Behälter aus Ton, und die Worte standen wirklich darauf. Mit dickem Pinsel hatte jemand den kleinen Eimer verziert. Das Gefäß war mit schmalen Luftschlitzen versehen.
Eren nahm den Behälter vom Haken und hob den Deckel. „Ist noch Glut drin."
Annie warf derweil einen Blick in die Kiste. „Und Feuerholz ist auch massig da." Ein Glücksfall, schließlich basierte das Prinzip dieser Schutzhütte auf Freiwilligkeit: Jeder, der mochte, durfte sich an den Vorräten bedienen. Zum guten Benehmen bedeutete, diese Vorräte anschließend auch wieder aufzufüllen.
„Dann schlagen wir hier unser Lager auf", entschied Eren. Er trug den tönernen Eimer zur Feuergrube und kippte den Inhalt aus: Ein Knäuel aus Laub, Rinde und Erde kullerte hervor. Eren öffnete dieses Knäuel, und schließlich kamen auch sanft glühende Kohlen zum Vorschein. Annie warf Kienspäne und schließlich größere Holzstücke darauf, und schon nach kurzer Zeit brannte ein tüchtiges Feuer.
Für die Mahlzeit machten sie das Beste aus den spärlichen Nahrungsmitteln. Sie spießten Pilze auf und hängten sie über das Feuer, schlugen die Enteneier in eine rostige Pfanne.
„Ehe wir Reiner und Berthold ausfindig machen", sagte Annie, auf einem gegrillten Bissen Pilz herumkauend, „müssen wir eine Speisekammer überfallen."
„Hmhm." Eren stocherte in seiner Portion Ei herum. „Ich wünsche mir Salz."
„Ich wünsche mir Brot", versetzte sie trocken.
Eren hob den Blick. „Ich wünsche mir Braten."
„Mit dicker Soße."
„Und Kartoffeln."
„Und Eis. Vanille-Eis."
„Was ist das? Schnee?"
„Irgendwie ja." Annie lächelte schmal. „Ihr seid hier ein wenig zurück. Hast du sicher schon bemerkt?"
„Durch die Tagebücher", nickte Eren. „Luftschiffe. Automobile."
„Oh, und mehr. Für uns war dies anfangs sehr seltsam." Annie angelte den Rucksack herbei, wühlte darin herum. „Ich lese ein wenig", erklärte sie beiläufig, „Bin schließlich nur bis zum zweiten Buch gekommen."
Sie bemerkte nicht, wie Eren alarmiert aufblickte. Sie zog die ersten beiden Bücher hervor und legte sie neben sich auf der Holzbank ab, buddelte dann tiefer... und tiefer... und tiefer. Bis sie schließlich inne hielt. Aufblickte.
Eisaugen.
„Es waren drei. Drei! Du bist so helle wie nasser Sand."
Eren riss die Hände in die Höhe, als hielte sie ihm die Mündung einer Muskete unter die Nase. „Unschuld! Ich plädiere auf Unschuld!"
„Wie konntest du das verpennen! Nur wegen dieser Bücher wolltest du überhaupt nach Shinganshina!"
„Ich – wir waren – du warst bewusstlos, und der Titanenstein, ich musste packen, und der Schreibtisch war zertrümmert, da lagen nur zwei, und ich dachte, es wären von vornherein nur zwei -"
„Holzkopf."
„Ich... ich habe dir deinen Stiefel gebracht."
Annie machte Anstalten, sich diesen Stiefel auszuziehen und als Wurfgeschoss zu gebrauchen.
Und dann zuckten sie beide zusammen, denn von draußen erklang das Wiehern eines Pferdes, Hufgetrappel und das Ächzen von Wagenrädern. Ein raues Männerlachen wehte zur Tür hinein.
Annie ließ hastig den Stiefel sinken.
Kurz darauf trat ein Mann in der groben Kleidung der hiesigen Dörfler herein, einen Wanderstab im Arm, als hielte er ein Gewehr. Sein Gesicht erschien im Feuerschein noch viel faltiger und lederner, als es wirklich war. Unter einem breitkrempigen Hut stand büschelweise graues Haar hervor. Nach einem Augenblick des gegenseitigen Musterns grinste er zahnlückig in die Runde.
„Grüß´ euch, Kinder. Ist noch Platz in dieser Hütte?" Er wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich nach draußen. „Rolf! Martin! Ihr könnt kommen. Sind keine Räuber." Er ließ den Blick von Erens Uniform-Jacke zu Annies wandern. Eine Stirnfalte vertiefte sich etwas mehr, als ihm das grüne Einhorn auffiel. „Na, zumindest nicht diese Art Räuber." Er nickte Eren zu. „Konrad mein Name, Sattler. Freut mich."
Die zwei Begleiter Konrads traten aus dem Dunkel hervor ins Licht: Einer war ein Jugendlicher in Erens und Annies Alter, der andere mochte sein Vater sein. Beide teilten sich das freundliche Begrüßerlächeln und die schwarzen, mittellangen Haare.
„Martin", stellte sich der Jugendliche vor.
„Rolf", sprach der andere, „Springer." Er sah ebenfalls das Einhorn, und das Lächeln verschwand.
