In ihrem überreizten Geiste dachte Annie Leonhardt, dass Titanen die freundlichsten Bewohner dieser verfluchten Insel, dieses angeblichen Paradieses waren. Oder zumindest die Erträglicheren.
[style type="normal"]Nachdem die Neuankömmlinge ihre Begrüßung ausgesprochen hatten, hing das Schweigen wie fettiger Rauch an der Decke. [/style]
[style type="italic"]Es hätte ein ruhiger Abend werden können. [style type="normal"]Annie nickte nur in die ungefähre Richtung der Tür, ließ verstohlen die beiden Notizbücher im Rucksack verschwinden.[/style][/style]
[style type="normal"]„Da haben wir ja das große Los gezogen." Der Mann, der sich als Rolf Springer vorgestellt hatte, ließ sich als erster auf der anderen Seite der Feuerstelle nieder. Er musterte weiterhin das Wappen auf Annies zerschlissener Uniform. „Eine Hütte unter dem Schutze der Militärpolizei. Auch wenn sie ein bisschen heruntergekommen ausschaut, die Garde des Königs." [/style]
[style type="normal"]Das Gespöttel ging Annie zum einen Ohr rein und zum anderen wieder hinaus. Ihre Erwiderung bestand lediglich aus einem Schulterzucken.[/style]
[style type="normal"]Eren dagegen war... hibbeliger? Aus dem Augenwinkel konnte sie erkennen, dass er ein leichtes Zittern zu unterdrücken versuchte. Seine Hände umkrampften die Kniescheiben. Und... grinste er? Oder fletschte vor Panik die Zähne?[/style]
[style type="italic"]Für dieses Problem haben wir keinen Plan[style type="normal"], dachte sie düster. Risse ein Zehn-Meter-Titan das Dach des Häuschens weg, wüßten sie eher, was nun zu tun wäre. Sie hatten Trost gemieden, um genau dieser Situation zu entgehen, und danach hatten sie sich vor allem wegen knurrender Mägen den Kopf zerbrochen. Die Schutzhütte war wie ein kleines Geschenk erschienen, eine gemütliche Abwechslung zu den unbequemen Schlafplätzen, die sie jenseits der Mauer hatten beziehen müssen. [/style]Was wir nicht bedachten, war, dass man hier auf Leute treffen kann, die man nicht mal eben so wieder los wird. Auf Leute, die Fragen stellen können.[/style]
[style type="normal"]Sie hatte Eren eingeschärft, jeden unnötigen Kontakt zu vermeiden. Andernfalls würde sie tun, was nötig wäre – und er hatte sehr wohl kapiert, was sie damit meinte. Vermutlich versetzte ihn dies nun aber nur umso mehr in Panik.[/style]
[style type="normal"]Springer schien etwas zu riechen. Sein Blick ruhte nun auf Eren. „Was ist los, Junge? Ist mein Gesicht auf einem Steckbrief, oder warum schaust du mich so an?" [/style]
[style type="italic"]Nein, nicht dein Gesicht ist das Problem. Seins ist es.[style type="normal"] Seit dem Prozess musste es etliche Illustrationen von Eren gegeben haben, gedruckt in allen möglichen Zeitungen. Der Titanen-Junge war als Schlagzeile auf den Frühstückstischen der Bürger gelandet. Nur etwas mehr als ein Monat war seitdem vergangen! [/style][/style]
[style type="italic"][style type="normal"]Annies Zeigefinger zuckte unruhig. Eren war ein schlechter Lügner. Er würde seinen Namen hervorblöken wie das brave Schäfchen, das er war! Dann gäbe es einen Aufschrei, und den musste jemand wieder zum Schweigen bringen. [/style]Und dieser Jemand werde ich sei-[/style]
[style type="normal"]„Herr Springer!" Eren rutschte von der Bank, kein bisschen panisch, sondern geradezu... glücklich? „Schön, Sie wiederzusehen!"[/style]
[style type="italic"]Ihr kennt euch?[/style]
[style type="normal"]„Wir kennen uns?"[/style]
[style type="normal"]„E-" Ein Stocken, so kurz wie die Pause zwischen zwei Herzschlägen. „Jean Kirstein, Herr Springer. War mit ihrem Sohn in der 104. Rekruten-Einheit."[/style]
[style type="italic"]Was ist das jetzt. Flucht nach vorn?[style type="normal"] Da stand das Lämmchen vor dem Metzger, und sein Plan, um nicht geschlachtet zu werden, war zu bellen wie ein Hund?[/style][/style]
[style type="normal"]Springers Miene hellte sich nach einem Moment erstaunten Schweigens auf. „Ach. Daher kommt mir dein Gesicht so vertraut vor."[/style]
[style type="normal"]War der Kerl also wirklich Connies Vater. Die Welt innerhalb der Mauern war klein.[/style]
[style type="italic"]Besser nicht daran denken, wer die Welt erst so klein gemacht hat. [style type="normal"]Annie stellte sich lieber die Frage, ob man Jean und Connie als dicke Kumpel bezeichnen konnte. Dass Eren mit dem Stoppelkopf herumgehangen hatte, wußte sie. Doch Kirstein? [/style][/style]
[style type="normal"]Der Alte, der sich zuvor als Konrad Sattler vorgestellt hatte, hatte sich in der Zwischenzeit auf die Bank neben Springer sacken lassen und begonnen, seine Oberschenkel zu massieren. „Uffza. Hoppelige Straßen und alte Knochen, das verträgt sich nicht. - Ihr kennt euch?"[/style]
[style type="normal"]„Entfernt." Springer deutete mit einem Kopfnicken auf Eren. „Jean Kirstein, ein Freund von Connie... Kann aber nicht mehr sagen, wann wir uns zuletzt über den Weg liefen." In seiner Stimme lag nur noch ein winziger Hauch des Zweifels. Nein, völlig überzeugt schien er nicht. Doch vermutlich sagte er sich gerade, dass er sich auch nicht das Gesicht jedes Bengels merken konnte, der ihm begegnete.[/style]
[style type="normal"]„Schon länger her, Herr Springer."[/style]
[style type="italic"]Wie lebhaft[style type="normal"]. Annie unterdrückte ein Augenrollen. [/style]So benimmt er sich also, wenn er glaubt, eine tolle Lügengeschichte zu haben.[style type="normal"] Immerhin war seine Antwort vage und damit gut.[/style][/style]
[style type="normal"]„Mag sein, ja... In seinen Briefen hat Connie den Namen auch öfters verwendet." Springer war überzeugt genug, um die Unebenheiten der Lüge selbst zu glätten. „Und die junge Dame?"[/style]
[style type="normal"]Eren öffnete erneut den Mund. „Kri-..." [/style]
[style type="normal"]„Annie Leonhardt. Ebenfalls 104. Rekruten-Einheit."[/style]
[style type="normal"]Nun kam sie also an die Reihe. Diesen Teil der Geschichte nahm sie selbst in die Hand.[/style]
[style type="italic"]Mein Name ist nicht von der Druckerschwärze der Käseblätter vergiftet worden. Kein Problem also, ihn zu nennen. [style type="normal"]Außerdem wollte sie sehen, wie Springer reagierte.[/style][/style]
[style type="normal"]Offenbar war sie in dessen Vorstellung kein solcher Freund von Connie, wie Jean einer war. Zumindest hellte sich seine Miene diesmal nicht auf, sondern wurde wieder zu einer steinernen Fassade.[/style]
[style type="normal"]„Frau Leonhardt." Er legte solch strenges Gewicht in seine Anrede, als setze er zu einer Standpauke an. „Würde es Ihren Vorgesetzten erfreuen, Ihre Uniform in einem derartig heruntergekommenen Zustand zu sehen?" Die Schärfe, mit der diese Frage um die Ecke kam, überraschte sie. „Ihr beide seht aus wie um Haaresbreite einer Sägemühle entflohen. Legt man gerade bei der Polizei nicht einen gewissen Wert auf eine saubere Uniform?"[/style]
[style type="normal"]So war das also. Jean war der Kumpel. Sie war bloß Drückeberger-Elite-Abschaum.[/style]
[style type="normal"]Annie lag prompt ein tüchtiges [style type="italic"]Geht Sie nichts an[/style] auf der Zunge, und sie wollte es bereits ausspucken. Doch Eren war schneller. Zu ihrem tiefsten Erstaunen. [/style]
[style type="normal"]„Truppenmanöver", erklärte er sogleich, „Einheitenübergreifend." Schien Spaß am Lügen gefunden zu haben. [/style]
[style type="normal"]„Ausgerechnet", schnaubte Springer nach einem Moment der Stille belustigt. Eren ließ sich nicht beirren und schmückte weiter aus.[/style]
[style type="normal"]„Wir beide hatten dabei mit ein paar anderen kameraden die Aufgabe, die Opfer eines Titanenangriffs zu spielen. Dafür muss man immerhin auch entsprechend aussehen." Er zupfte an seinem ausgefransten und gekürzten Hosenbein, um diesen Punkt zu verdeutlichen.[/style]
[style type="normal"][style type="italic"]Tapferer Versuch.[/style] Annie fand die Lüge mehr als durchschaubar, hatte jedoch selbst auch nichts Besseres auf Lager. Zudem: Seine Geschichte war zwar hirnrissig, doch andererseits waren sie schließlich beim Militär.[/style]
[style type="normal"]Springer schüttelte leicht den Kopf. „Kundschafter und Polizei im gemeinsamen Manöver, das ist mal was Neues."[/style]
[style type="normal"][style type="italic"]Er glaubt kein Wort davon.[/style] Annie fasste Springer näher ins Auge. [style type="italic"]Ein ehemaliger Soldat. Vielleicht sogar Offizier. Unehrenhaft aus der Militärpolizei entlassen?[/style] Der grimmige Blick auf das Einhorn-Wappen konnte allerhand bedeuten.[/style]
[style type="normal"]„Neuer als ein Titan", sagte Sattler erheblich freundlicher, „der auf seiten der Kundschafter kämpfen soll, ist das ja auch nicht."[/style]
[style type="normal"]Springer grunzte unleidlich. „Doch."[/style]
[style type="italic"]Eher Kundschafter als unehrenhafte Entlassung.[/style]
[style type="normal"]„Nun... Welch ein reich gedeckter Tisch, der Dame und der Herr!" Sattler erzwang einen Themenwechsel mit einer Fröhlichkeit, die zu laut war, um nicht aufgesetzt zu sein. „Schaut, wie wäre es mit ein paar kleinen Tauschgeschäften?" Er hob einen Rucksack neben sich auf die Bank und öffnete die Verschnürung.[/style]
[style type="normal"]Annie wußte nicht, was sie weniger leiden konnte. Die Abneigung Springers, die immerhin ehrlich war, oder die Freundlichkeit Sattlers, die einfach nur höflich gelogen war. Sein Wunsch nach Schönwetter war so stark, dass er bei dem vorgeschlagenen Tauschgeschäft mit voller Absicht einen Kuhhandel einging. Ein paar Pilzspieße gegen Dörrfleisch und Weißbrot, noch dazu mit Kräuterbutter? [/style]
[style type="italic"]Verstehe. Man stopfe den Streithähnen die Mäuler mit Essen.[style type="normal"] [/style][/style]
[style type="normal"]Stimmung wie auf einer Beerdigung. Zumindest ihrer Meinung nach. Eren hatte seinen Spaß. Er bedankte sich artig für das Essen und schlang eine Brotkante hinunter, ungeachtet der Blicke, die zwischen Springer und Annie getauscht wurden. [/style]
[style type="normal"]Sattler berichtete, dass er und seine zwei Begleiter gerade auf dem Heimweg seien, zu einem Dorf namens Ragako. „Gute Geschäfte in Trost gemacht", erklärte er fröhlich, „Wir verkaufen alles Mögliche, müsst ihr wissen. Holzkohle. Schnitzereien. Kerzen aus Bienenwachs." Er führte die Liste noch ein wenig weiter aus. „Was man eben so produzieren kann, wenn man mitten im Wald wohnt."[/style]
[style type="normal"]Es gab Spannenderes, doch das Thema war immerhin harmlos, daher ließ Annie sich einfach berieseln. Mit halbem Ohr lauschte sie sowieso auf das, was ihr Begleiter so von sich gab.[/style]
[style type="normal"]Eren unterhielt sich mit Springer und packte Geschichten aus den Jungs-Barracken aus. Offenbar war Connies Vater wirklich ebenfalls im Militär gewesen, denn sie kamen immer wieder zu dem Schluss, dass alles beim Alten geblieben war. Die Sprüche der Ausbilder, das Essen in der Messe, selbst die Hindernisbahn. Alles das Gleiche. Dann sprachen sie über die Kundschafter-Legion.[/style]
[style type="normal"]„Connie erzählte schon davon: Sie waren auch einmal Kundschafter, nicht?"[/style]
[style type="italic"]Er wußte es also[style type="normal"], dachte sie. [/style]Er wußte, dass Connies Vater einer von Seinesgleichen ist.[/style]
[style type="normal"]„Früher mal." Springer nickte, und ein melancholisches Lächeln flackerte über sein Gesicht. „Bis Connie geboren wurde. Da wurde ich vernünftig, könnte man sagen."[/style]
[style type="normal"]„Irmgard hätte dich sonst auch verlassen", mischte sich Sattler gutmütig ein. „Meine Schwester hat deine [style type="italic"]Unvernunft[/style] lang genug ertragen, als ihr nur zu zweit wart."[/style]
[style type="normal"]„Connie wollte anfangs nicht zu den Kundschaftern", warf Annie nun ein. „Ich weiß ziemlich genau, dass er zur Polizei wollte." Wie sehr viele andere Rekruten ebenfalls. Daran erinnerte sie sich. Wie nicht nur Connie, sondern sie alle mit leuchtenden Augen von Mauer Sina geredet, in ihrem Enthusiasmus vom Platz in den Top Zehn geträumt hatten. Oder zumindest fast alle. Eren war von Anfang an für die Kundschafter gewesen, Mikasa und Armin waren ihm nachgerannt. Er hatte Mina und ein paar andere begeistert und mitgerissen. Oder hätte es zumindest, wenn Trost nicht gewesen wäre.[/style]
[style type="italic"]Ohne Trost wäre ein Großteil der Top Zehn zur Polizei gegangen.[style type="normal"] Ohne Trost hätte die Vernunft gesiegt. Doch Trost war passiert, und die Unvernunft hatte eingesetzt. [/style][/style]
[style type="normal"]„Connie wollte, was seine Mutter sich für ihn wünschte", versetzte Springer nüchtern. „Die Polizei ist ein fauler Haufen, doch es ist sicher dort, in Sina. Sicherer als hier, seit Maria gefallen ist." Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Er senkte den Blick auf die glimmende Feuerstelle. „Ohne Maria ist Rose unsere Letzte Grenze. Und ohne den Sieg von Trost wäre auch Rose... Nun. Da fragt man sich schon, was gewesen wäre, wenn dieser Titanen-Junge nicht aufgetaucht wäre."[/style]
[style type="normal"]Daraufhin kehrte Schweigen ein. Die Springers und Sattler deuteten die Wortlosigkeit vermutlich als eine Art andächtiges Gedenken. [/style]
[style type="italic"]Ja, was wäre wenn[style type="normal"]. Hätte Eren das Loch nicht blockiert, wäre der Gepanzerte Titan erschienen. Auch Trosts zweites Tor wäre gefallen. Die Mauerteufel wären um eine weitere Mauer zurückgejagt worden. Flüchtlinge wären in gewaltigen Massen gen Sina gezogen. Ob man sie überhaupt eingelassen hätte? [/style][/style]
[style type="italic"]Und Reiner, Berthold und ich hätten auf den Zug des Gründer-Titan gewartet.[style type="normal"] Da hätten sie warten können, bis sie schwarz wurden. Der Gründer-Titan war längst nicht mehr im Königshaus gewesen. Eren hatte ihn schon damals gehabt. [/style]Er hatte ihn schon länger, als ich ihn kenne.[style type="normal"] Dieser Gedanke schmerzte besonders. Sie hatte das Ziel ihrer Mission hunderte Male im Schwitzkasten gehabt. Und dabei nicht das Geringste bemerkt.[/style][/style]
[style type="normal"]„Tjaja", sagte Sattler nun, „Gut, dass er da war." Er hielt seine Feldflasche in die Höhe. „Auf den Titanen-Jungen. Prost!"[/style]
[style type="italic"]„Auf den Titanen-Jungen"[style type="normal"], fiel der Rest mit ein. [/style]„Prost!"[/style]
[style type="normal"]Von fast allen unbemerkt, schien Eren ein Stückchen zu wachsen.[/style]
[style type="italic"]Ist das gut? Ist das schlecht? Es gefällt mir jedenfalls nicht.[/style]
[style type="normal"]Der kleine Springer hielt Annie eine Brotkante, dick mit Kräuterbutter bestrichen, unter die Nase. Als sie zugriff, missverstand er dies als Erlaubnis, reden zu dürfen.[/style]
[style type="normal"]„Wäre ja eigentlich auch zum Militär gegangen", sagte er, „Hab auch die ersten Tage in der Rekruten-Einheit mitgemacht... doch dann kam das Manövergerät." Er legte eine Pause ein, wie vor der Pointe eines Witzes. „Hab leider Höhenangst."[/style]
[style type="normal"]Eine ihrer Augenbrauen schnellte hoch. „Wirklich." [/style]
[style type="normal"]Seine Ohren röteten sich ein klein wenig. „Oh ja, ich... ich kriege manchmal schon das Flattern, wenn ich auf eine Leiter steigen muss!" Er lachte, unsicher, denn sie tat es nicht. Und er hörte auch schnell wieder auf.[/style]
[style type="normal"]„Warum?" Aus einer Laune heraus fasste sie zu. „Warum hast du dich überhaupt mustern lassen, wenn du Höhe nicht ertragen kannst?" Er wollte sie unterhalten, indem er einen Spaß auf eigene Kosten machte? Dann sollte er auch leiden.[/style]
[style type="normal"]„Naja..." [/style]
[style type="normal"]„Die Polizei. Dafür braucht man Punkte", zählte sie auf. „Die Mauerwache. Die arbeiten weit, weit oben. Die Kundschafter. Die haben Flügel in ihrem Wappen. Wo in Marias Namen wolltest du wohl landen?"[/style]
[style type="normal"]„Keine Ahnung, ich... ich hatte gehofft, meine Angst im Ernstfall zu überwinden, und..." Nicht nur seine Ohren waren nun rot. Sein Gesicht hatte die Farbe einer reifen Kirsche angenommen. Sein peinlich berührtes Grinsen war so dämlich, es erinnerte Annie an Berthold.[/style]
[style type="normal"]„Nicht entschlossen genug versucht wohl", versetzte sie und biss in das Brot. Es schmeckte unverdient gut.[/style]
[style type="normal"]Martin verging die Lust. Um ihr zu entkommen, irrte sein Blick unstet im Raum umher und blieb an einem der Spieße hängen, die noch auf den Randsteinen der Feuerstelle lagen. „Oh, die da... sehen irgendwie komisch aus, oder? Eine andere Sorte?"[/style]
[style type="normal"]Annie war erstaunt, als Eren sich daraufhin angesprochen fühlte. Er schluckte seinen derzeitigen Bissen hörbar herunter. „Oh? Die sind nur verbrannt, nichts weiter." Er nahm sich die komischen Pilze, grinste schief in die Runde. „Hab da einfach nicht aufgepasst. Werfe sie eben weg."[/style]
[style type="normal"]Er marschierte zur Tür, um den Spieß zu entsorgen. Offenbar verband er dies mit einem dringenden Bedürfnis, denn er verschwand komplett nach draußen. Und kam auch nicht wieder. Annie hörte, wie er nach rechts abbog und sich durch ein knackendes Dickicht schob.[/style]
[style type="normal"]„Titanen-Opfer also", sagte Springer unvermittelt. „In einem Manöver. Truppenübergreifend."[/style]
[style type="italic"]Bin ich also wieder dran.[style type="normal"] „Titanen-Opfer", erwiderte Annie lahm. „In einem Manöver."[/style][/style]
[style type="normal"]„Man liegt herum, röchelt und lässt sich retten?" Als sie nickte, lachte er kurz und, sie hörte es ganz deutlich, völlig unehrlich. „Verstehe. Sicherlich ein großer Spaß. Doch wohin lauft ihr zwei Kauknochen nun, so ganz ohne Gepäck? Ist das Manöver noch nicht vorbei?"[/style]
[style type="normal"]Spaßeshalber versuchte sie es mit der Wahrheit. „Er bringt mich heim", sagte sie. Und war selbst überrascht, wie seltsam [style type="italic"]weich[/style] sie dabei klang.[/style]
[style type="normal"]Doch die Antwort war zu kryptisch, eine Nachfrage unvermeidlich. Auch wenn Springer sekundenkurz zögerte, vermutlich verwundert von der so gewichtig vorgebrachten Erwiderung.[/style]
[style type="normal"]„Das ist nett von ihm", sagte er. „Habt ihr es noch weit?"[/style]
[style type="normal"]„Bis Chlorba." Chlorba war eine der Mauerstädte, westlich gelegen und damit geeignet für ein Ausschmücken der Geschichte. [/style]
[style type="normal"]„Hmhm. Ohne Pferde, ohne Waffen, in zerfledderter Kleidung?" Er deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung, in der Eren verschwunden war. „Dein Freund hat nichtmals Stiefel."[/style]
[style type="normal"]„Es fällt dann unter Überlebensprüfung." Bitte sehr. Sie konnte sich auch dämliche Dinge ausdenken.[/style]
[style type="normal"]Springer musterte sie für einen langen Moment. „Verarsch mich nicht."[/style]
[style type="normal"]Ein Holzscheit knackte, ganz leise, in der Feuerstelle. Ein paar Fünkchen flatterten in die Höhe.[/style]
[style type="normal"]Als keine Antwort kam, seufzte Springer. „Eine Wette vielleicht?", schlug er murrend vor.[/style]
[style type="normal"]„Ja. Eine Wette."[/style]
[style type="normal"]„So, so." Er schüttelte den Kopf und wandte sich von ihr ab.[/style]
[style type="normal"]Erneutes Schweigen. Nicht wie vorhin. Kein bisschen andächtig, sondern schmerzhaft peinlich.[/style]
[style type="normal"]Schließlich aber tauchte Eren wieder auf. „Ruf der Natur", erklärte er gut gelaunt, lächelte in die Runde und strich seine Handinnenflächen an den Seiten seiner ramponierten Hose ab.[/style]
[style type="normal"]Annie stand schnell auf. „Hättest du mal was gesagt", knurrte sie ihn an. „Ich muss auch, aber allein geh ich nicht nachts ins Dickicht. Komm!" Sie packte ihn im Vorbeigehen am Arm und zog ihn mit.[/style]
[style type="normal"][/style]
[style type="normal"]„Seit wann hast du Angst vor der Dunkelheit?"[/style]
[style type="normal"]„Ich hab keine Angst vor der Dunkelheit!" Mit der einen Hand drängte sie die Äste von Haselsträuchern beiseite, mit der anderen Hand zerrte sie Eren mit sich. „Wir müssen reden. Wo uns niemand sonst zuhört!" [/style]
[style type="normal"]„Warum?" Er war ehrlich überrascht. „Etwa wegen Martin?"[/style]
[style type="normal"]„Wegen – warum wegen ihm denn bitte?" Das Dickicht öffnete sich zu einer kleinen Lichtung. Sie gab ihm einen leichten Schubs, stemmte die Hände in die Hüften und seufzte entnervt. „Weil ich es vermasselt habe. Weil dein neuer bester Freund gemerkt hat, dass unsere Geschichte erstunken und erlogen ist." Auf Erens verständnislosen Blick hin warf sie die Hände in die Höhe. „ Ja, ich gebe es zu. Offenbar bin ich ein noch schlechterer Lügner als du."[/style]
[style type="normal"]„Was – was hast du gesagt?"[/style]
[style type="normal"]„Er fragte, warum wir noch immer so zerfleddert rumlaufen. Ich sagte, wegen Überlebensprüfung. Er sagte, ich würde lügen. Ich sagte nichts. Er schlug mir vor, was ich stattdessen erzählen könnte, und ich habs erzählt."[/style]
[style type="normal"]Eren schluckte leicht. „Nun... Ja, dann hat er es wohl bemerkt, ja." Unsicher kratzte er sich am Hinterkopf. „Verflucht, was jetzt?"[/style]
[style type="normal"]„Das ist einfach." Annie nickte in jene Richtung, aus der die beiden gekommen waren. „Einer von uns geht wieder rein und schnappt sich den Rucksack mit den Büchern. Der andere stiehlt das Pferd. Dann ziehen wir durch bis zum Hauptquartier der Kundschafter und erledigen das Ganze."[/style]
[style type="normal"]„Was?", platzte er viel zu laut hervor. „Wir können – Wir können nicht einfach abhauen und auch noch das Pferd mitnehmen!" Er hatte selbst gemerkt, dass ihm der halbe Wald hatte zuhören können, und sich nach den ersten paar Worten selbst gezügelt. Sein Wispern war scharf und flehend. „Bitte. Überlass die Angelegenheit mir. Ich rücke das wieder gerade."[/style]
[style type="normal"]„Und wie? Mit einem Felsbrocken, den du irgendwo reinschiebst?", fragte sie kalt und zischend. Zugegeben, das war unfair. Doch sie war in Laune. „Warum nicht einfach gehen? Willst du unbedingt diese kleine Grillfeier fortsetzen? Um Geschichten vom Titanen-Jungen zu hören?"[/style]
[style type="normal"]Er stand dort, mit hängenden Schultern. Bitterlich enttäuscht. „Ich... Nein, nicht deswegen. Diese Leute, es sind einfach normale..."[/style]
[style type="normal"]„Verstehe." Sie hob die Hand, mit der Innenfläche nach außen. Er verstummte wieder, und als sie erneut das Wort ergriff, klang ihre Stimme ungewöhnlich weich. Einfühlsam. Wie schwarzes Samt. „Du hast Heimweh nach diesen Leuten, nicht? Nach Menschen, die dich nicht als etwas Besonderes sehen."[/style]
[style type="normal"]Er nickte. „Seit Trost... seit Trost haben sich die Leute nicht mehr so benommen wie gerade hier. Jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe war." Er nahm einen tiefen Atemzug. „Seit ich der Titanen-Junge bin, gibt es nur noch Wut, Hass oder nackte Angst um mich herum. Oder Tod." Die letzten Worte ließen seinen Blick wieder hart werden, und er richtete seine Augen anklagend auf sie.[/style]
[style type="normal"]Annie ließ die Wut an sich abprallen. „Das Los eines Wandlers. Diesem Schicksal kannst du nicht entgehen", sprach sie, noch immer in der gleichen, einfühlsamen Stimmlage, und tat einen Schritt auf ihn zu. „Die Welt ist grausam. Und es nützt nichts, sie dafür zu verfluchen."[/style]
[style type="normal"]Er ballte die Fäuste. Sie legte ihre Hände darüber. „Du siehst endlich mal wieder aus wie dein gewöhnliches Selbst", sprach sie, legte die Stirn in leichte Fältchen. „Ich habe mich schon gefragt, wo er ist, der schreiende Hitzkopf. Der, der mich in den letzten Tagen mehr als einmal zerfetzen wollte. Schau, da ist er wieder."[/style]
[style type="normal"]Er zog die Fäuste weg und schlug zu – sie lenkte ihn mit dem Oberarm ab, wendete eine Grifftechnik an und packte sein Handgelenk. Er schlug mit der freien Hand zu, und sie wiederholte das Spiel auf der anderen Seite. Selbst ihre Bewegungen waren irgendwie sanfter als sonst. Wann endeten ihre Techniken schon damit, dass sie beide noch auf den Füßen standen?[/style]
[style type="normal"]„Ich habe keine Angst vor dir", stellte sie gleichmütig fest. „Denn ich weiß, du bist mehr als nur ein brüllender Trottel. Du hattest mehr als genug Möglichkeiten, mich loszuwerden, und du hast es nicht getan. Du hättest mich sogar an dieses Grinsegesicht in Shiganshina verfüttern können, doch stattdessen hast du mich auf ein Boot gepackt. Dir liegt also etwas an dem, was wir bald tun werden." Ihr Blick versenkte sich in Seinem. „Der Auftrag. Dein Vater. Die Rebellion."[/style]
[style type="normal"]Die Spannung hielt an. Eine kleine Weile aber nur. Dann verrauchten die Kräfte, die sich gegeneinander stemmten.[/style]
[style type="normal"]„Du kennst den Plan", sagte sie.[/style]
[style type="normal"]Eren nickte, nachdenklich und missmutig. „Ja... Ja, ich kenne ihn." Er machte sich unwirsch los, denn sie hielt noch immer seine Handgelenke. Nun gab sie ihn frei.[/style]
[style type="normal"]„Dann sag ihn mir."[/style]
[style type="normal"]„Wir halten uns fern von allen, holen einfach nur Reiner und Berthold." Eren antwortete lustlos, als bete er eine Litanei herunter. „Und einen besseren Plan als zu kämpfen haben wir noch immer nicht, oder?"[/style]
[style type="normal"]Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Möchtest wieder streiten?" [/style]
[style type="normal"]Er gab ein Ächzen von sich, als verursache bereits die Vorstellung an ein weiteres Wortgefecht Bauchschmerzen. Ihre Mundwinkel zuckten ein klein wenig in die Höhe.[/style]
[style type="normal"]„Du klingst wie beim Nahkampf-Unterricht... Nein. Es läuft sowieso wieder auf das Gleiche hinaus. Ich sage, wir reden immerhin von deinen Kameraden. Du erzählst mir was von Ehrenbürgern und Pflichterfüllung. Ich sage [style type="italic"]Trotzdem[/style], du sagst [style type="italic"]Keine Chance[/style]." Während er dies darlegte, breitete er die Arme aus, hob die Hände wie Waagschalen hoch und runter und stapfte umher wie auf einer Theaterbühne. Der Wald war sein Publikum. „[style type="italic"]Nein, Eren, sie werden dich einfach packen und heimschleppen! Wir schlagen ihnen gleich in die Fresse, dann wird es wenigstens eine Überraschung - [/style]Lachst du etwa?"[/style]
[style type="normal"]„Grimmeliger Schüler. Aber schneller Lerner." Gefiel ihr. Hatte ihr schon immer gefallen. „Mach weiter."[/style]
[style type="normal"]Einen Moment lang erstarrte er, wie vom Blitz getroffen. Dann räusperte er sich, reckte die Arme gen Himmel. „[style type="italic"]Lass uns einfach gehen, Eren, wenn du dich nicht dreschen willst! Dann folgen sie uns von allein! [/style]- Aber Annie, was wenn nicht! - [style type="italic"]Mir doch egal, selbstmörderischer Bastard, ich will heim! [/style]- Aber!" [/style]
[style type="normal"]Plötzlich versuchte er, sich selbst in so etwas wie einen Würgegriff zu nehmen, und rollte auf dem Boden herum wie von einem bösen Geist besessen. Er röchelte etwas vom Aufgeben, vom Lernen vor dem Aufgeben, und die Pausen füllte er mit Würgelauten.[/style]
[style type="normal"]Für einen langen Moment war ihr fast zum Lachen. Auf leisen Sohlen trat Annie an das Schmierentheater heran und stupste den Hauptdarsteller mit der Fußspitze.[/style]
[style type="normal"]„Was ich sage, bleibt also hängen?"[/style]
[style type="normal"]Er nickte. Hörte auf, sich selbst in den Schwitzkasten zu nehmen, und streckte einfach alle Viere von sich. „Ja. Und daher entscheide ich mich dazu, deiner Einschätzung zu vertrauen."[/style]
[style type="normal"]Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie den Haken daran. „Meiner Einschätzung? Dass wir sofort heimgehen sollten?"[/style]
[style type="normal"]„Dass es ohne Kampf nicht gehen wird." [/style]
[style type="normal"]Es wäre auch zu schön gewesen. Als er die Hand ausstreckte, griff sie zu und zog ihn auf die Füße.[/style]
[style type="normal"]„Immerhin lernst du eine rationale Weltsicht von mir", sagte sie.[/style]
[style type="normal"]„Und noch mehr." Eren klopfte sich den Staub ab, fischte in seiner Brusttasche herum und zog ein Taschentuch hervor. Darin eingeschlagen lag ein Dutzend gegrillter Pilzscheibchen, welche Annie kritisch beäugte.[/style]
[style type="normal"]„Wolltest du die nicht wegwerfen?"[/style]
[style type="normal"]„Wollte sie nur nicht teilen." Er hielt ihr das Bündel hin. „Zumindest mit niemand anderem als dir."[/style]
[style type="normal"]„Ach?" Sie lächelte schmal, nahm mit spitzen Fingern ein Stück und betrachtete es näher. „Soll das ein Wink sein, dass du nun gelernt hast, mit Mädchen zu reden?"[/style]
[style type="normal"]„Wenn du es so deuten willst."[/style]
[style type="normal"]„Schokolade wär schöner." Sie schob sich den Pilz in den Mund. Im nächsten Moment musste sie darum kämpfen, nicht das Gesicht zu verziehen. „Lecker", log sie. Nahm notgedrungen noch einen Zweiten.[/style]
[style type="normal"]„Hauptsache, sind auch wirklich alle essbar." Das hatte sie im Scherz gesagt, schon am Nachmittag, während sie suchend durch die Wälder gestrichen waren.[/style]
[style type="normal"]„Mit Pilzen kenne ich mich aus. Bin immerhin der Sohn eines Doktors", hatte die freundliche Antwort gelautet. [/style]
[style type="normal"]„Gehen wir nun also?", fragte sie sanft, deutete mit einem Kopfnicken erneut Richtung Hütte. „Du holst den Rucksack, ich das Pferd?"[/style]
[style type="normal"]Er seufzte schwer. „Können wir erst noch ein wenig hier bleiben?"[/style]
[style type="normal"]„Hier? Jetzt?"[/style]
[style type="normal"]„Hier, im Wald. Jetzt, im Mondlicht." Er vollführte eine weite Geste in die Runde und lächelte gequält. „Ich meine, die Springers und Sattler haben doch sowieso längst verstanden, dass wir nicht ehrlich waren. Können wir nicht noch ein wenig sitzen, ehe wir sie bestehlen?" Er drückte ihr das Tuch mit den Pilzscheibchen in die Hand. „Du kriegst auch alle."[/style]
[style type="normal"]Sie wollte gar nicht alle. Sie wollte keinen einzigen mehr davon. Die Dinger schmeckten einfach nur pappig, mit einem Hauch Brennessel und Zitrone. Doch nachdem sie Eren dermaßen in die Enge getrieben hatte, fühlte sich Annie seltsam verpflichtet, ihm nun einen Gefallen zu tun. Dies bedeutete, seine Geste zu honorieren.[/style]
[style type="italic"]Ja, er tut mir leid.[/style]
[style type="normal"]Sie setzten sich hin, auf die Wurzeln einer Eiche, die wie flache, hölzerne Mauern aus dem Boden ragten. Auf der anderen Seite der Lichtung raschelte ein kleines Tier im Gras. Irgendwo im dunklen Wald ertönte der Schrei einer Eule.[/style]
[style type="normal"]Annie zwang sich die Pilze hinein, schluckte erleichtert den letzten Bissen und stopfte das Taschentuch in ihre Brusttasche. [/style]
[style type="normal"]„Ich mag die Wälder", sagte sie leise. „Mein Vater, er war früher Förster. Wir lebten in einer kleinen Hütte, näher am Wald als am nächsten Nachbarhaus."[/style]
[style type="normal"]Eren gab nur ein leises Brummen von sich. Sie fuhrt fort.[/style]
[style type="normal"]„Wenn ich heim komme, dann gehe ich in die Wälder. Vater hat versprochen, dass wir tun werden, was immer ich mag. Also wird es so kommen. Das Haus wird auf einem Berg stehen, rundherum umgeben von grünen Tannenwäldern und großen, blauen Seen." Sie bewegte die Hand, als male sie mit sanften Pinselstrichen ein Bild in die leere Luft. [/style]
[style type="normal"]„Das klingt schön."[/style]
[style type="normal"]„Hmhm." Sie verspürte mit einem Male eine Art schleichender Mattigkeit. Als läge sich eine schwere Wolldecke auf sie, wärmend und geborgen haltend. Sie wandte den Kopf in Erens Richtung. „Wenn du willst, kannst du mich dann besuchen. Wenn deine Aufgabe im Widerstand beendet ist."[/style]
[style type="normal"]„Werde ich bestimmt."[/style]
[style type="italic"][style type="normal"]Sie lachte leise. [/style]Nun lade ich schon Besucher ein. Für das Danach. [/style]
[style type="italic"][style type="normal"]„Na dann", machte sie, und sie war glücklich, auch wenn sie annahm, dass Eren sie wohl eher so rasch wie möglich vergessen wollte, wenn all dies erst vorbei war. [/style]Aber wen stört das. Es macht Spaß, es sich vorzustellen.[style type="normal"] Ein seltsamer Gedanke, der ihr da kam. Doch vielleicht fühlte es sich eben so an, eine Sache zuende zu bringen.[/style][/style]
[style type="normal"]„Ich wurde zum Wandler, da lag schon Schnee auf den Bergspitzen, aber nicht im Tal." Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte zu dem Wipfeldach der Eiche hinauf. „Also wird es Herbst sein." Ihre Zunge war schwer. In ihrer Brust flackerte ein angenehm warmes Feuer. Es kroch in ihre Glieder. „Ich werde... noch sechs Male den Herbst sehen, ehe meine Zeit... abläuft."[/style]
[style type="normal"]„Hm?"[/style]
[style type="normal"]„Sechs... Ich hab noch sechs..." [/style]
[style type="normal"]„Annie?"[/style]
[style type="normal"]„Bin wach, ja..." Warmes Wachs floß in ihre Lider. Sie fielen zu. „Ich bin noch wach."[/style]
[style type="normal"]Dann schlief sie ein.[/style]
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[style type="normal"]Er ärgerte sich ein wenig. Was hatte Annie mit den sechs Malen gemeint? Doch es half nun eben nichts mehr. [/style]
[style type="normal"]Eren kniete über ihr, fühlte ihren Puls an Hals und Handgelenk. Er legte das Ohr an ihre Brust und lauschte auf den Herzschlag. Sie lebte noch, und sie würde überleben, da war er sich ganz sicher. Trotz der gewaltigen Überdosis an Dumpfrotem Hahnenröhrling, die er ihr untergeschummelt hatte. Er öffnete ihren Mund ein wenig und erwartete halb, dass sich ein winziges Fädchen Rauch aus ihrer Kehle schlängeln würde, doch da war nichts zu sehen. Ein gutes Zeichen?[/style]
[style type="italic"]Dumpfroter Hahnenröhrling. Den jeder stehen lässt, nur mein Vater nicht. Aus einem einzigen Hütchen davon erstellt er ein Schlafmittel, das besser wirkt als jedes andere. [/style]
[style type="normal"]Als er die Pilze gesehen hatte, war sich Eren noch überhaupt nicht sicher gewesen. Ob er sie brauchte. Ob sie überhaupt wirken würden, wie er es sich wünschte, nachdem sie über der offenen Flamme geröstet worden waren. Nun hatte sich beides bestätigt. Ja, er hatte die Pilze definitiv gebraucht. Und sie wirkten selbst auf Annie, auf einen Wandler. Hanji würde diesen Dingern vermutlich ein ganzes Beet im Garten widmen, sobald sie davon erfuhr.[/style]
[style type="italic"]Dieser Pilz... Das Wissen um seine Wirkung hatte nur mein Vater. Und er hatte dieses Wissen nicht, weil er einfach genial war oder etwas in dieser Art. [style type="normal"]Nein. Grischa Jäger war ein Mann aus einer anderen Welt gewesen, und sein Wissen stammte von dort. [/style]Aus Marley.[/style]
[style type="normal"]Einige Momente später erschien Eren im Eingang der Schutzhütte. Annie Leonhardt hing wie ein Sack Kartoffeln über seiner Schulter. Trotz dieser Last versuchte er einen anständigen Salut, bekam jedoch lediglich die Faust aufs Herz.[/style]
[style type="normal"]Die drei anderen Anwesen starrten ihn an, als stünde er splitterfasernackt vor ihnen.[/style]
[style type="normal"]„Herr Springer!", rief er aus, „Eren Jäger! Von Kundschafter zu Kundschafter, ich brauche Ihre Hilfe!"[/style]
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