Der erste Sinn von ihr, der wieder zu Bewusstsein kam, war der Geruchsinn. Ein Duft schoss ihr durch die Nase ins Hirn, giftig wie ein Schlangenbiss. Annies Augenlider flatterten und flogen auf. Eine Gestalt, die sich gerade noch über sie gebeugt hatte, zuckte zurück.

„Hoppla", erklang eine freundliche Stimme, „Schau, da ist sie wieder unter den Lebenden."

Licht. Tageslicht. Annie kniff die Augen wieder zusammen, während bereits Tränen im Anmarsch waren. Ihre Kehle, wie mit Pappe gestopft. Unter ihr, die Weichheit eines Federbettes. Auf ihr, eine leichte Decke.

„Riechsalz tut sein Werk immer, auch wenn es nicht besonders angenehm ist", sprach die Stimme, die Annie nun eindeutig einer Frau zuordnen konnte. „Tut mir leid, Liebes, doch noch länger wollte ich dich wirklich nicht liegen lassen. Du musst aufstehen."

Annies Zunge schien am Gaumen festzukleben. Schwer und pelzig fühlte sie sich an. Erneut zwang sie die Augen auf, blickte der Frau ins Gesicht. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht wirklich alt. Es gab nur feine Lachfältchen, noch keine Krähenfüße.

Kraft hatte die Frau auch noch. Sie ergriff Annies Arm und half ihr, sich aufzusetzen. Sofort überkam sie ein Hauch von Schwindel, gefolgt vom brennenden Bedürf, die Blase zu entleeren.

Wo bin ich? Das wollte sie fragen. Doch hervor kam nur ein Röcheln.

„Kein Grund, mir wortreich zu danken", scherzte die Frau. „Ich bin übrigens Irmgard Springer. Komm hoch, dein Kreislauf wird schon wieder in Schwung kommen. Möchtest du Wasser?"

Die Umgebung klärte sich ein wenig. Annie erkannte, dass sie in der unteren Etage eines Stockbettes gelegen hatte. Als sie nun aufgesetzt wurde und Irmgard die Beine ihrer Patientin über die Bettkante schob, packte sie mit der freien Hand das Gestell, um nicht von einem weiteren Schwindelanfall überwältigt zu werden. Sie war entkleidet worden, bis auf die Unterwäsche.

„Kl...", machte sie, würgte an dem Wort wie an einem zu großen Bissen zähen Fleisches. „Klo."

„Sicherlich, sicherlich. Beginnen wir mit dem, was man im Sitzen tun kann."

Gab es etwas Erniedrigenderes für Annie Leonhardt, als auf einen Nachttopf geholfen zu werden? Mit zittrigen Beinen wurde sie durch den Raum geführt.

„Mach dir keine Gedanken um irgendwas", sagte Irmgard derweil fürsorglich. „Du wirst essen, du wirst baden, und du wirst dich gut fühlen."

Sie widersprach nicht. Konnte sie gar nicht. Wollte auch gar nicht. Ihr Kopf schien vollgestopft mit weichen Federwölkchen. Erinnerungen kamen nur langsam wieder hoch. Wald. Sie waren im Wald gewesen. In der Hütte. Mit den anderen. Dann war sie mit Eren nach draußen gegangen, unter den Baum... Und dann...

Eren. Ein Gedanke wie ein Eiszapfen. Prompt schwemmte Übelkeit über sie herein, und sie übergab sich in einen Kübel, den Irmgard ihr reaktionsschnell hinhielt.

„Was für ein armes Ding du doch bist."

Wenig später saß sie in einem Badezuber, und das heiße Wasser sorgte wirklich für so etwas wie Wohlgefühl. Sie bekam Tee, der ihren Kopf klärte und den sauren Geschmack aus Mund und Rachen entfernte. Ihre bösen Vorahnungen vertrieb das Bad zwar nicht, doch sie lenkte sich vorerst noch mit der drängendsten Frage ab, indem sie beobachtete, wie das Wasser sich allmählich trübte.

Irmgard Springer saß auf einem Stuhl neben dem Zuber, mit Annies zerschlissener Kleidung in den Händen. Nachdenklich kratzte die ältere Dame mit dem Daumennagel über eine harte, dunkelrote Schmutzstelle am Ärmelrest.

„Ich erkenne eingetrocknetes Blut", sagte sie leise, „wenn ich ich es sehe, weißt du?"

Annie erwiderte nichts.

„Dies ist keine Farbe."

Schweigen war die Antwort.

„Ist es dir recht, wenn ich diese Uniform wegwerfe?"

„Ja." Betreten senkte sie den Blick. „Danke."

In die Wanne hinein hatte man ihr noch helfen müssen. Heraus kletterte sie allein, und Frau Springer gab ihr eine erdbraune Hose sowie ein hellgrünes Hemd zum Anziehen. Der Schnitt der Kleider verriet Annie, wer der eigentliche Besitzer sein musste.

„Sagen Sie mir bitte, wo bin ich eigentlich?"

„In Ragako."

Wie befürchtet.

„Augen wie eine furchtbar saure Wildkatze", begrüßte Rolf Springer sie kurz darauf, am Küchentisch sitzend und einen Keil Holz mit dem Schnitzmesser bearbeitend. Eine Jagdflinte lehnte an seinem Stuhl. „Du strahlst vor Lebenslust."

„Wo ist er."

„Wer, kleines Einhorn?", versetzte er ungerührt. „Jean? Oder Eren Jäger?"

Wie befürchtet. Annie kämpfte um die nächsten paar Atemzüge. Bleigewichte schienen ihre Füße am Boden zu verankern, doch gleichzeitig hatte sie das Gefühl, langsam vom Erdboden wegzudriften.

„Eren Jäger. Sagen Sie mir, wo er ist."

„Das weiß ich nicht."

Er log. Sie war sich sicher, dass er log. Es musste einfach so sein. Denn andernfalls stehe ich erneut mit leeren Händen da. Sie ballte die Fäuste. Denn dann ist Eren Jäger wieder irgendwo innerhalb der Mauern unterwegs und ich weiß nicht, wo. Denn dann habe ich den Besitzer der Kommando-Fähigkeit, den Sohn des Diebes des Gründer-Titanen, verloren.

Denn dann würde sie nicht nach Hause gehen können. Nicht sofort, nicht in ein paar Tagen. Nicht, ehe sie ihn nicht wieder gejagt und gefangen hatte.

„Du scheinst Wurzeln geschlagen zu haben", ließ sich plötzlich wieder Springer hören, „Öffne deiner Zähne Gehege. Lasse deiner Rede freien Lauf. Oder setz dich einfach und iss." Er zeigte auf einen Teller am anderen Ende des Tisches. Zwei Scheiben Brot mit Käse lagen darauf. „Du wirst mir wohl so oder so nicht erzählen, was wirklich los ist."

Annie ignorierte die Aufforderung. „Wo ist Eren Jäger?", fragte sie nochmals, tonlos diesmal. „Bitte. Sagen Sie mir, wo er ist." Ich flehe dich an, du... „Ich flehe Sie an."

Schweigen. Rolf Springer schwieg lang auf diese Worte hin.

„Ich weiß es wirklich nicht", erwiderte er schließlich. „Er sagte einfach, dass es so besser wäre. Er lieh sich ein Pferd und ritt Richtung Osten, so viel kann ich dir sagen. Doch darüber hinaus?" Er zuckte mit den Schultern und fuhr dann damit fort, das Holzstück mit dem Schnitzmesser zu bearbeiten. „Er wird in ein paar Tagen wieder da sein. So lang bist du unser Gast."

„Gast." Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Ein Gast bin ich? Keine Gefangene?"

Springers Stimme wurde schärfer. „Warum solltest du so etwas sein. Der Titanen-Bengel war verstockt wie ein Fisch! Sag du es mir, sollte ich dich fesseln und knebeln und in den Kartoffelkeller werfen?"

Würde dir nichts nützen, dachte sie bei sich. Sie schüttelte leicht den Kopf. „Wenn ich will, kann ich also gehen? Niemand hält mich auf?"

„Eren Jäger wünschte sich, dass du hier bleibst und die Füße still hältst, aber ja. Wenn du unbedingt willst, kannst du gehen. Titanen-Bengel sagte das auch. Will sie gehen, dann lasst sie. So waren seine Worte." Als er Eren weiter zitierte, riss er in gespielter Panik die Hände in die Höhe. „Bloß nicht aufhalten! Von mir aus, ganz ehrlich."

Ihr erster Gedanke war, loszustürmen. Mit Titanen-Schritten durch den Wald und über die Wiesen, zum Hauptquartier der Kundschafter. Sie hatte keine Ahnung, wo das lag, doch sie würde es schon finden. Und wenn sie kreuz und quer rennen musste! Und dann alter Plan, neues Glück. Scheiß auf alles und jeden. Sie würde heim gehen. Sie würde ihn nach Marley schleifen. Sie würde ihn stutzen, wie sie es von Anfang an hätte tun sollen, und sie würde schwimmen, um das Festland zu erreichen. Ja, von Anfang an, von Anfang an.

Sie marschierte zur Tür, und Bodendielen knarrten unter ihren Füßen. Durch puren Willen schien sich bereits ein Blitz in ihrem Körper zu regen, bereit zum Einschlag, nur auf den Funken wartend, der mit Blut gezündet wurde.

„Er sagte auch", ließ sich Rolf Springer noch einmal hören, „Ich hole weitere Verbündete. Mehr treue Gefährten. Er legte so großen Wert auf diese Formulierung, dass er mir sogar einen Zettel da ließ."

Annie stutzte und wandte den Kopf in Springers Richtung. Der ehemalige Kundschafter hielt ein Blatt Papier zwischen Zeige- und Mittelfinger in die Höhe. Sie nahm es, und der Geruch von Holzkohle und Pfefferminzöl streifte ihre Nase.

Von Herzen hoffe ich, dass dieses Buch in den Händen eines treuen Kameraden liegt. So stand es da auf dieser Seite, welche die Allererste im ersten Notizbuch gewesen war. Bis Eren sie offenbar herausgerissen hatte.

Annie Leonhardt blieb in Ragako.

Er schrie vor Panik, als sie ihn in die Tiefe schubste.

Martin stürzte, mit den Armen rudernd, mehrere Meter tief. Dann schlug er in einem Heuhaufen auf. Staub wölkte auf.

Annie spähte vom oberen Stockwerk der Scheune aus über die Kante. „Lebst du noch?"

Zunächst kam keine Antwort. Dann aber raschelte es in dem Bündel, und Martin wälzte sich frei. Er war bleich wie geronnene Milch und zitterte am ganzen Körper.

„Hast du noch immer Angst vor der Höhe?", fragte Annie. Als Martin aufblickte, konnte sie nicht erkennen, ob das Kopfnicken vom Geschlotter kam oder eine ehrliche Antwort war.

„Ich bin nicht sicher, ob das hilft!"

Tja, aber was anderes fällt mir auch nicht ein. „Komm wieder rauf."

Annie konnte nichts dafür. Das versicherte sie sich selbst, während sie beobachtete, wie Martin die Leiter wieder hochkletterte. Er selbst war angekommen und hatte erneut das Militär-Thema aufgegriffen. Und damit seine Angst vor Höhen. Er hatte sie gefragt, ob sie nicht ein paar Tricks kennen würde.

„Ich kenne nur das, was auch alle anderen gemacht haben, um sich an Höhe zu gewöhnen."

„Wollen wir das nicht versuchen?"

Sie hatte ja sonst nichts zu tun. Seit ihrem Beschluss, nicht wie ein tobsüchtiges Ungeheuer durch das Rose-Territorium zu heizen, saß sie ohnehin nur herum. Und wartete im Grunde auf ihre Henker. Eren wollte mehr Verbündete holen? Er wußte, sie war dagegen gewesen. Darum hatte er sie kalt gestellt. Irgendwie respektierte sie diesen Zug wohl, denn Eren tat im Grunde wieder nur, wofür sie ihn sowieso bewunderte: Er ging gegen den Strom. Er rebellierte gegen das Schicksal.

Rebellier gegen das Schicksal, so viel du willst. Aber bitte nicht gegen mich!

Nun, er hatte es getan, und er würde sein Blaues Wunder erleben. Was glaubte er, was passieren würde. Dass man sie, den Weiblichen Titan, akzeptierte? Gar als Verbündete betrachtete und nicht direkt am Galgen aufknüpfen wollte? Nein, da war sie Realist.

Also warte ich einfach hier. Und schaue, was passiert. Denn das war einfach. Es war eine Flucht, ohne dass man dabei rennen musste.

Martin erklimmte den Dachboden. Inzwischen hatte ihn der Schüttelfrost wieder verlassen. Käsig war er jedoch noch immer. Stroh steckte überall in seinen Kleidern. Er zupfte die Halme heraus, die besonders fies stechen mussten.

„Du... du hast von einer zweiten Variante gesprochen?"

„Ja." Sie nahm ihn am Ärmel und zog ihn wieder zu der offenen Luke. Er sträubte sich ganz instinktiv, doch wen sollte das aufhalten. „Komm, wir probieren es rückwärts", erklärte sie, „Vielleicht ist es angenehmer für dich, wenn du dabei nicht runterschaust."

Diesmal schrie er noch lauter. Um ein Haar hätte er sie mit runter gezogen.

„Warum bist du eigentlich so verbissen, zum Militär zu gehen?", fragte sie, als er erneut über die Leiter nach oben gestiegen war. „Werde doch Händler, wie dein Onkel. Oder züchte Pferde oder so etwas."

„Nein." Er lächelte tapfer. „Ich gehe zum Militär. Mein Beschluss, mein Ziel!"

„Dann flieg."

Er flog nicht, er fiel bloß. Er startete rückwärts, doch drehte sich auf die Seite, ehe er im Heu abtauchte.

„Was ist der Grund für diesen Beschluss?" Sie schnaubte verächtlich. „Sag mir nicht, du willst die Menschheit vor den Titanen bewahren oder etwas in dieser Art?"

„Oh, nein nein." Er klimmte die Leiter hoch, hustete Staub und grinste dämlich. „Ganz ehrlich? Du bist der Grund."

„Bekloppt?"

„Nein nein." Er stand noch ganz oben auf der Leiter, blickte freudig über ihre fassungslose Miene zu ihr empor. „Gut, nicht nur du bist der Grund. Dein Freund auch. Schau, er... er hat sich wirklich einen gewaltigen Kopf um dich gemacht, als du ohnmächtig warst."

„Du nennst ihn einen Freund von mir, nachdem er mich betäubt und zurückgelassen hat?"

„Nun ja..." Martin lächelte schief. „Er sagte, er habe gute Gründe."

„Sagte er das." Sie schnaubte. „Ich verstehe trotzdem nicht."

„Na, Kameradschaft." Er hievte sich hoch. „Ich glaube, er tut, was auch immer er tut, aus Kameradschaft. Und das finde ich einfach... beeindruckend."

„Kameradschaft", versetzte sie leise und bitter, „ist doch bloß Zwang. Stecke Leute in die gleiche Uniform, und sie fangen sogleich an, sich aufzuführen wie Freunde oder Verwandschaft. Daran ist nichts beeindruckend oder herzerwärmend oder erstrebenswert."

Sie schmiss ihn runter. Er schrie, ohne dass eine Veränderung zu verzeichnen war.

Kameradschaft. Was für ein langweiliger Grund. Während sie auf ihn wartete, gingen ihre Gedanken auf einen Ausflug. Nicht zu den seligen Tagen der Ausbildung in der Rekruten-Einheit, sondern weiter zurück. Die Teilnehmer des Krieger-Programmes, die hatten immerhin interessante Gründe, zur Armee zu gehen. Sie selbst vielleicht nicht, nein. Annie war gegangen, weil Papa es wollte. Und weil Papa niemals mehr und niemals weniger als vollständigen Gehorsam verlangt hatte, war Papas Wille eben der Marschbefehl gewesen. Andere Kinder hatten stets schönere Geschichten gehabt. Natürlich, auch da gab es Wiederholungen. Für viele ging es einfach nur um die Familie. Bei Berthold war das der Fall gewesen. Und Marcel. Einfache Gründe. Wirkungsvolle Gründe.

Bei Reiner auch. Irgendetwas Obskures hatte es mit seiner Mutter auf sich gehabt. Seinen Vater würde er sehen, wenn er als Krieger von der Insel heimkehrte, triumphierend, den Gründer-Titanen im Gepäck.

Aber... war da nicht noch etwas anderes gewesen? Sie presste, plötzlich nachdenklich, die Lippen aufeinander. Mit Reiner war sie nicht mehr besonders gut klar gekommen, seitdem er zum Anführer der Krieger-Truppe geworden war. Unterschiedliche Meinungen waren aufeinander geprallt, verschiedene Ansichten über das weitere Vorgehen. Besonders, als sie sich unter die Rekruten gemischt hatten. Er hatte seinen Spaß gehabt, eindeutig, und das hatte sie ihm auch gesagt. Gefallen hatte ihm das nicht.

Doch ich bin mir sicher, er hat nicht mehr von seinem ominösen Vater gesprochen. Nicht mehr seit der Ankunft hier.

Ein unheimliches Gefühl beschlich sie. Eines, das ein Kribbeln auslöste, tief unten im Bauch und zwischen den Schulterblättern. Es war kein Schlechtes.

„Magst du etwas für mich machen, Martin?", wandte sie sich an den kleinen Springer, der soeben wieder neben ihr anlagte.

„Hm?" Sein Gesicht hellte sich auf. „Klar, gern! Was kann ich machen?"

„Besorg mir ein leeres Notizbuch und Schreibzeug." Sie nahm ihn sanft am Arm. „Außerdem... Holzkohle. Und Pfefferminzöl."

„In... In Ordnung? Schreibzeug haben wir zuhause, und das andere, das kriegen wir von Onkel Konrad, nehme ich an..."

„Gut." Sie lächelte. Trat einen Schritt rückwärts, ins Leere. Zerrte ihn mit runter.

Das leere Buch sowie Tintenfässchen und Federkiele in den Armen, kehrte sie ins Gästezimmer zurück und verriegelte die Tür. Martin lief einen Augenblick später von außen dagegen.

„Au."

„Tut mir leid." Sie breitete die Schreibutensilien auf dem kleinen Tisch aus. „Gib Bescheid, wenn du die Holzkohle und das Öl hast."

Den Rest des Nachmittags verbrachte Annie auf dem Zimmer. Sie schrieb. Zuallererst kopierte sie jene Seite mit der Kameraden-Widmung, indem sie Grischa Jägers Handschrift abpauste. Sie achtete auf jeden T-Strich und jeden I-Punkt, jeden Haken und jede Schleife. Als kurz darauf Martin anklopfte, öffnete sie die Tür, zog die bestellten Gegenstände zu sich hinein und knallte wieder zu. Legte den Riegel vor. Sie brauchte Ruhe. Sie brauchte Konzentration. Außerdem war es ohnehin besser, wenn Martin nicht einen einzigen Satz von dem las, was sie nun aufschrieb.

Annie verfasste die Geschichte des Widerstandes. Den genauen Wortlaut hatte sie nicht mehr im Kopf, doch hoffte sie, dass dies auch nicht wichtig war. Sie schrieb einfach nur vom Leid der Unterdrückten und dem mutigen Plan der Rebellen, und als sie überhaupt nicht mehr sicher war, was sie vor Tagen in Shiganshina überhaupt gelesen hatte, dichtete sie einfach dazu, was ihr gefiel. Sie hoffte nicht auf Wahrheit oder Genauigkeit. Sie hoffte auf die Pfade der Titanen und auf mentale Anker, die vor Jahren entweder gesetzt worden waren oder nicht, und die nun entweder greifen würden oder nicht. Und vielleicht hoffte sie auch, dass zumindest Reiner von dieser Geschichte berührt werden würde. War er nicht leidenschaftlich besessen von der Idee, die Welt vor den Titanen zu bewahren? Vor den Mauer-Titanen? Warum nicht das mit den Zielen des Widerstandes verbinden.

Vielleicht hast du ja die Eier, dachte Annie bei sich, Vielleicht, Reiner, hast du die Eier, deine Familie hängen zu lassen. Ein grausamer Gedanke, bei dem sie einen kleinen Stich verspürte. Sie selbst hatte diese Entscheidung nicht auf den Schultern. Und nun war sie drauf und dran, Reiner in diese Zwickmühle zu schieben?

Sie zerkrümelte Holzkohle und streute die Bröckchen zwischen die Seiten, tränkte die Fingerspitzen in Pfefferminzöl und rieb es in den Einband. Ja. Ja, ich schiebe ihn da hinein. Ihre Hände waren schwarz und stanken bestialisch.

Die Dämmerung brach herein, als Annie den Federkiel endgültig beiseite legte. Verspannt vom Steiß bis zum Nacken bog sie den Rücken durch und streckte die Arme, bis die Gelenke ein Knacken von sich gaben. War sie müde? Ja. War sie zufrieden mit ihrem Tagewerk? Sehr!

Wenn du das liest, Reiner, dann will ich hören, wie du Grischa Jägers Schreibstil lobst. Na gut... Es soll mir reichen, wenn du dich dem Widerstand anschließt.

Sie gab sich der Zuversicht hin und lächelte.

Denn die Welt war ein freundlicher Ort, und Geschichten endeten gut.

Klopfen. „Annie?" Martin war wieder zurück.

Annie zögerte kurz, dann stand sie auf und entriegelte die Tür. „Was gibt es?", fragte sie, öffnete die Tür nur einen Spalt weit und spähte hindurch.

Martin stand dort, einen Holzbecher in der Hand haltend. „Magst was trinken?" Er deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich. „Da draußen ist ein Händler, der verschenkt ein ganzes Fass hiervon."

„Verschenkt?"

„Ehe es schlecht wird, sagt er. Zum Anködern, sagt Onkel Konrad. Wie auch immer, es schmeckt toll! Alle sind begeistert."

Sie öffnete die Tür etwas weiter, nahm den Becher und schnupperte. „Süß", befand sie nach einem Schluck. „Nicht schlecht." Überhaupt nicht schlecht. Sie nahm noch einen kräftigeren Zug. Und stutzte dann. Ihr war, als ob... „Ich kenne diesen Geschmack."

„Echt?" Martin machte große Augen. „Der Händler sagte, der Saft käme von Bana... Bananen, ja, komisches Wort. Gäbe es höchstens in den Gärten der Reichen, in Mauer Sina. Echt schwer, dran zu kommen, sagte er."

Bananen innerhalb der Mauern? Annie hob skeptisch die Augenbrauen. Selbst in Mauer Sina gab es solche – Scheiße!

Unvermittelt schlug sie Martin den Becher aus der Hand. Der Krug dotzte auf den Boden, verspritzte den kläglichen Rest des Inhalts auf dem Boden.

„Bring mich zu ihm!" Annie stieß Martin vorwärts, den Flur hinunter und Richtung Haustür. „Zeig mir den Kerl, schnell schnell schne-"

Der Flur, im einen Moment noch von der Abendsonne erhellt, wurde schwarz. Vor dem Fenster stand Zeke Jäger, siebzehn Meter hoch, den Kopf in den Nacken legend. Und brüllend.

Sie fraß einen Menschen. Dann noch einen. Dann hörte sie auf zu zählen.

Annie durchlebte einen Albtraum, vom dem es kein Erwachen gab. Mit dutzenden anderer Verdammter stapfte und schwankte und schlurfte sie durch das Rose-Territorium. Denn sie war ein Titan, wie die Dörfler von Ragako auch. Und sie war nicht der, der sie sonst war. Andernfalls hätte Zeke sie erkannt.

Der Tier-Titan stampfte neben dem Rudel wie ein Schäfer neben seiner Herde. Zu Beginn, als er die frisch rekrutierten Titanen aus dem Dorf geführt hatte, hatten seine Augen sekundenkurz auf ihr geruht, doch dann hatte er den Kopf geschüttelt und einen knappen Befehl geknurrt. Sie hatten sich in Marsch gesetzt.

Annie dachte noch. Und weil sie noch dachte, war sie noch. Aber... Was war sie? Nur ein Nervenbündel, Länge ein Meter, Weite zehn Zentimeter? Nur noch die Schwachstelle? Oder noch ein Mensch, mit einem echten Körper?

Wenn ich es recht bedenke, bin ich so oder so kein echter Mensch. Konzentration. Fokus.

Die Höhle. Wieder die Höhle, mit dem Teppich aus Knochen und dem schweren, schwarzen, steinernen Tisch. Nur dass diesmal keine Leiche auf diesem Tisch lag, und Annie konnte sich auch nicht frei bewegen, so wie sonst. Sie hing an der Wand, festgezurrt von Muskelsträngen, und ihr gegenüber stand der Weibliche Titan, genauso gefesselt.

Was ist das hier?" Annie pfiff durch die Zähne. „Heh."

Der Kopf des Weiblichen Titanen ruckte hoch. Sie lächelte schmal zur Begrüßung.

Hängen wir fest?"

Kopfbewegung in Richtung des Ganges.

Annie blickte dorthin. Wo der Tier-Titan stand. Er drehte ihnen den Rücken zu, rührte sich kein bisschen. Stand einfach nur da wie eine Art Wächter. Ein Wächter, der gar nicht wußte, wen er da gefangen gesetzt hatte.

Zeke!" Annie versuchte es mit Schreien. „Zeke Jäger! Hörst du mich, du dummer Affe!"

Doch er hörte nicht.

Sie versetzten die Landbevölkerung in Angst und Schrecken. Reiter flohen vor ihnen und entkamen fast immer. Wer zu Fuß floh, wurde schreiend und kreischend in weit aufgerissene Münder geschoben.

Annie fraß einen Kundschafter. Zumindest einen Teil von ihm.

Verführerisch war es, einfach loszulassen. Zu verschwinden in der Geistlosigkeit. Vielleicht müsste sie dann nicht mehr zusehen, nicht mehr zuhören, nicht mehr riechen und fühlen und schmecken? Doch Nein. Sie blieb, während die Nacht hereinbrach und der Vollmond hoch oben am Himmel stand. Während die Horde, vom Tier-Titan geführt, zu einer Burg gelotst wurde. Zum Kämpfen. Zum Fressen. Während die Kundschafter diesen Rückzugsort verteidigten und dabei starben. Während plötzlich ein Blitz die Nacht erhellte und ein wirbelndes, tobendes, keifendes und schnappendes Untier auf sie herunterfiel!

Annie riss die Augen auf – ihre menschlichen Augen. Kurz sah sie nichts, absolut nichts, denn es war stockfinster dort, wo sie, der Mensch, war. Der Anblick des verrückten Kobolds, der nun mit Klauen und Zähnen unter die Monster fuhr, riss sie aus jeglicher Lethargie hervor!

Der Kiefer-Titan. Marcels Mörder. Er war hier. Und der Tier-Titan, er war es nicht mehr.

Der Wächter vor der Knochenhöhle war fort.

Die Fähigkeit Zekes schwand, zumindest für Annie, die selbst ein Wandler war. Sie gewann Stück für Stück Kontrolle über den Titanen-Körper, in dem sie steckte. Und keinen Moment zu früh! Denn der Turm stürzte ein, als brüllende Lawine aus Stein. Annies Titan riss die Arme schützend über den Kopf, als das Gebäude auf sie alle niederhagelte und sie unter sich begrub, und begann rasch, sich wieder frei zu graben. Ein hartes Stück Arbeit, denn dieser Leib war wirklich schwach und schmächtig.

Sie wälzte sich aus den Trümmern.

Es war schon wieder Morgen. Wann war bloß die Sonne aufgegangen?

„Ey, du potthässliches Ding! Mach sie fertig, sieh zu!"

Annie stemmte sich gerade hoch – da sah sie den Kiefer-Titan auf sich zufliegen. Er schlug die Klauen in ihre Schulter, um abzubremsen und einen Halt zu finden, und schwang sich auf ihren Rücken, um ihr in den Nacken zu beißen.

Oh bitte nein! Panisch griff Annie hinter sich, doch der Kiefer-Titan wehrte die schwachen Versuche, ihn zu packen, ab. Er riss das Maul auf und biss zu! Annie spürte, wie die Zähne eindrangen. Durch die zähe Titanenhaut, bis zu ihrem weichen, menschlichen Körper. Die Spitzen von Schneidezähnen trafen ihre Schultern – und dann war der Kiefer-Titan plötzlich weg. Abgerissen und beiseite geschleudert.

Schmerz. Blut. Annies Rücken, ihr menschlicher Rücken, brannte wegen der geschlagenen Wunde und war nass. Doch sie lebte noch. Und sie nutzte die Chance. Sie wandelte, und der Weibliche Titan platzte aus dem Nacken des schwächlichen Dinges hervor.

Ja! Sie warf den Kopf in den Nacken und brüllte. Ja! JA!

Als sie herumfuhr, sah sie ihren Retter, der den Kiefer-Titan von ihr weg gerissen hatte. Sie erkannte ihn trotz seiner verzerrten Gesichtszüge. Gerade wand sich der Kiefer-Titan aus Martins Griff, wirbelte um ihn herum und zog die krallenscharfen Finger durch seinen Nacken.

Nein.

Er fiel. Dampfte. Löste sich auf. Starb.

Der Weibliche Titan stand dort, wie zur Salzsäule erstarrt.

Der Kiefer-Titan flitzte über die Trümmer, schwang sich auf die Spitze eines Schutthaufens und kauerte sich dort hin, kichernd wie eine Krähe.

Hahaha... Duuu..."

Die eisblauen Augen des Weiblichen Titan richteten sich aus der Höhe herab auf ihn.

DU."

Sie erhaschte aufgeregte Stimmen von irgendwo hinter ihr. Langsam wandte sie den Kopf dorthin, und ein freudloses Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Wie schön. So viele bekannte Gesichter. Annie Leonhardt freute sich natürlich sehr, ihre alten Kameraden wiederzutreffen. Es war ja nicht so, dass sie ihren Freunden Unglück zu bringen pflegte, oder?