Sie alle zu töten war das Erste, was sie tat.

Der Weibliche Titan wandte sich den ehemaligen Dörflern von Ragako zu, denn einige Wenige standen noch. Sie wälzten sich aus den Trümmern des eingestürzten Turmes, nicht anders, als es Annie selbst eben noch getan hatte. Manche waren schon frei, richteten ihre Blicke auf die vier Menschen und zwei Wandler und schlurften heran. Einer sprang sogar, doch wurde im Fluge von einem hochschießenden Knie getroffen. Der Kopf schnappte zurück, riss fast komplett ab.

Es ging schnell. Zekes Fähigkeit hatte das Potenzial, wahre Kämpfer zu erschaffen, doch hier hatte er seine Kunst schleifen lassen. Das Titanen-Serum zu schlucken war nicht optimal. So schuf es noch derbere, gröbere Karikaturen des Menschenbildes als ohnehin schon.

Es war einfach, sie zu zerschlagen, zu zertreten. Ich töte nur unbekannte Menschen, sagte sie sich, um die vielstimmigen Schreie der Titanen zu übertönen. Ich töte nur Unbekannte. Kein Grund zur Trauer. Kein Grund zum Weinen. Nur Unbekannte. Kein Grund zum Schreien.

Dann war es getan.

Zwischen dampfenden, leblosen Riesenkörpern hindurch stapfte Annie zurück zu der Gruppe tapferer Kundschafter. Was für eine seltsame Laune das Schicksal hatte, ausgerechnet diese Leute hier zusammen zu bringen. Connie und Krista waren entgeistert von ihrem Tun, während Reiner und Berthold sie natürlich erkannten und sich zweifelsohne nun den Kopf zerbrachen, warum Annie schon wieder hier auftauchte. Und noch dazu aus einem geistlosen Titanen schlüpfte wie ein Küken aus einem Ei.

Andererseits sollten sie sich vielleicht mehr Gedanken um... dieses Ding da machen.

Der Kiefer-Titan besaß keine aussagekräftige Mimik. Er kauerte auf einem Schutthaufen, als wäre er bereit, jederzeit auch auf sie loszuspringen.

Es wurde Zeit, die Karten offen zu legen. Der Weibliche Titan nahm eine straffere Körperhaltung ein – und nur so aus Laune salutierte er auch gleich. Schwang den linken Arm auf den Rücken, schlug die rechte Faust aufs Herz.

ICH WILL REDEN." Ihre Stimme, rauchig und tief, brachte Connie und Krista zum Zusammenzucken. „WER IST DER BEFEHLSHABENDE OFFIZIER?"

Offenbar war der Trupp gewaltig dezimiert worden. Niemand der Überlebenden war ausgerüstet oder trug auch nur Uniform. In einem solchen Moment bestimmte eine Gruppe spontan, wer für den Augenblick die Rolle des Offiziers einzunehmen hatte.

Die Blicke flogen zu Reiner.

Natürlich. Die Mundwinkel des Weiblichen Titanen zuckten. Wen sollten sie sonst bestimmen.

Reiner war noch immer verdattert und bemerkte gar nicht, wie er einstimmig zum Anführer gewählt wurde. Berthold stieß ihm schließlich den Ellenbogen in die Rippen. Er zuckte weg, verstand dann aber und legte die Hände als Trichter vor den Mund.

„Akzeptiert! Reden wir!"

Annie stieg aus. Mit kribbelnden Gliedern kletterte sie aus dem Spalt, der sich im Nacken auftat, und weiter auf die Schulter ihres Titanen, noch immer über eine dünne Leine aus Nervenfasern mit dem riesigen Körper verbunden.

„Monster! Scheiße! Sie ists." Dies war das Erste, was ihr an die menschlichen Ohren drang. Connie, der schon immer die lauteste Stimme gehabt hatte, wenn Eren gerade nicht anwesend war, um den Spitzenplatz abzuräumen. „Alle Frauen um mich herum sind Monster!"

Annie ließ den Weiblichen Titan auf ein Knie gehen, streifte die letzten Nervenstränge ab. Sie glitt den Arm hinunter aufs Knie und rutschte weiter zu Boden, während der Titanen-Leib begann, sich aufzulösen.

Connie kam ihr begeistert entgegen. „Annie! Schitt! Du und Ymir, ihr seid wie Eren!"

„Ymir?"

Der Wandler des Kiefer-Titanen war ebenfalls ausgestiegen. Der drahtige Leib mit dem seltsam großen Kopf lag ausgestreckt am Boden, als hätte er alle Kraft verbraucht.

„Stille Wasser sind tief, schaue da", ließ sich Ymir vernehmen, die aus dem Nacken des Wesens kroch. Wie Spinnweben klebten rote Fasern an Gesicht und Gliedmaßen.

Und Namen sind mehr als nur Schall und Rauch, wie mir scheint.

„Ihr seid zwar Titanen, aber die Guten, oder? Seid ihr doch?", kam es wieder von Connie. „Mensch, wir sind hier voll verloren gewesen. Hier wimmelt es von Menschenfressern. Und wir wären zum Nachtisch geblieben, wärst du nicht gewesen. Mann, ich sollte sauer sein, dass du dich all die Male kleiner machtest, als du bist" - er lachte über seinen eigenen Spruch - „aber grade bin ich nur froh, noch zu leben!"

Sie starrte ihn an, verblüfft über den Wortschwall, und bereute, aus dem Titan geklettert zu sein.

Zum Glück kam Berthold hinzu. Er nahm sie bei den Schultern, was Annie nur am Rande wahrnahm. „Annie! Alles gut? Bist du verletzt?"

Sie musste den Kopf in den Nacken legen. „Alles gut."

„Wie bist du -...", er senkte seine Stimme zu einem hastigen Wispern, „Wie bist du da hineingeraten? Ist das ein Plan gewesen? Eine Bestrafung?"

Was für eine dämliche Vorstellung. „Nein. Wie du es ausdrückst, ich geriet halt... hinein." Als Reiner auch noch hinzu kam, sie nun von allen Seiten umringt war, machte sie sich von Berthold los.

Reiner starrte sie an, grimmig und missmutig. „Du wolltest reden?"

Nicken. „Reden wir."

„Ihr seid wohl zum Spähen hier, nicht? Sucht ein Loch in der Mauer oder so?"

Sie alle drei, die Wandler von Marley, hatten sich ein Stück von den anderen zurückgezogen und sich auf einigen Trümmersteinen niedergelassen, die eine halbwegs bequeme Sitzfläche boten. Sie hockten da, im Schneidersitz, die Hände in den Schoß gelegt.

„Ja." Reiner seufzte verdrossen. „Doch glaubst du, man findet was? Zum Verrücktwerden, das Ganze. Wir kamen von Osten, und ein anderer Trupp kam uns von Westen entgegen, doch kein Mensch hat auch nur ein Mäuseloch gefunden."

Annie starrte ihn entgeistert an. „Du... du glaubst wirklich, da wäre irgendwo ein Loch?"

„Wie kämen die Titanen denn sonst rein", schnaubte er und zeigte zum Himmel. „Keiner von denen, die wir wir sahen, hatte Flügel."

Ihr Blick wanderte zu Berthold, der ebenso entgeistert aussah. Er schüttelte kaum merklich den Kopf.

Es ist also nicht besser geworden mit ihm. Es fühlte sich nicht gut an. Es erfüllte Annie nur mit noch mehr Unruhe, zu wissen, dass einer von ihnen allmählich in den Wahnsinn abdriftete. Die Lage war bereits unkontrollierbar genug.

„Reiner." Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf sein Knie. „Da ist kein Loch in der Mauer. Wer sollte es denn gemacht haben, wenn nicht Berthold oder du?"

Die weiche Decke der Scheinwelt wurde ihm fortgezogen. Reiner wurde wieder von der Klarheit durchzuckt, kalt und haaresträubend.

„Ach ja. Ja! Stimmt ja." Zitternd straffte er den Rücken, murmelte Undeutliches und räusperte sich. „Ich... ich weiß wieder."

Berthold barg sein Gesicht in den Händen.

Annie fuhr fort. „Kein Loch. Etwas ganz anderes ist hier los. Und ihr habt es auch genau gesehen. Kriegsherr Zeke ist hier, und er führt seine Monster-Parade zur Geisterstunde auf. Was danach kommt, wissen wir alle."

Die anderen nickten.

„Es hat Ragako getroffen, oder?", wollte Berthold wissen.

„Ja. Ausgerechnet."

Ihre Blicke gingen zu Connie, der von einem anderen Trümmerhaufen aus Ausschau hielt.

„Wir waren dort... zu sagen, dass er einen Verdacht hat, wäre untertrieben."

Annie wurde die Kehle enger. Wenn Connie und Eren einander begegneten, würde die hässliche Wahrheit ans Licht kommen. Was die Sache gerade so erträglich machte, war, dass es nicht Annie selbst sein würde, die ihm die Titanisierung des Dorfes erklären musste.

Wir haben versucht, es ihm auszureden. Ymir ebenfalls."

„Verstehe."

Ymir.

Und dann war da noch Ymir.

Sie sprachen nicht über Ymir. Denn sie hatten erneut übersehen, dass ein Wandler direkt unter ihnen gewesen war. Neben ihnen während der Tagesmärsche, in Hörweite während der Mahlzeiten, manchmal direkt vor ihnen in der Schlange zur Essensausgabe. Und es war ausgerechnet eine junge Frau namens Ymir, die gerade ein Stückchen entfernt mit Krista zusammenhockte, ebenso heimlichtuerisch ins Gespräch vertieft.

Wie gut, dass ich nicht vorhabe, jemals über diese Geschichte Bericht zu erstatten, dachte Annie bei sich. Mein Offizier würde mir den Vogel zeigen und fragen, warum ich dieses Mädchen mit dem Namen, der vor Mythos nur so trieft, nicht mal genauer untersucht hätte.

„Egal." Sie klatschte in die Hände, als schlage sie ein Geschichtsbuch zu. „Die Lage hat sich von Grund auf geändert. Jedes weitere Handeln auf dieser Insel ist zwecklos. Denn Eren trägt den Gründer-Titan in sich."

Es durchzuckte die anderen wie ein Stromstoß. Reiners Augen schienen förmlich aus ihren Sockeln zu fallen. Berthold öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sein Unterkiefer wollte nicht mehr hochkommen.

„Und nicht nur das! Hört genau zu, denn ich wiederhole es nicht. Ich habe beschlossen, Eren nicht an Marley abzugeben. Nein, ich werde ihn zur Eldischen Widerstandsbewegung schaffen. Vor euch steht eine frisch rekrutierte Widerständlerin, und nun dürft ihr wählen."

Es war die volle Flucht nach vorn. Und noch dazu kein bisschen, wie Annie es sich ausgemalt hatte. Ursprünglich hätte sie gar nicht hier sein sollen, zumindest nicht allein. Sie hätte die Notizbücher gehabt, ob nun die Originale oder ihr Selbstverfasstes, doch ihre Hände waren leer. Was blieb also, als das Kinn zu heben, die Arme vor der Brust zu kreuzen und so selbstsicher zu klingen wie ein Hauptmann unter Gefreiten?

„Ihr dürft wählen, ob ihr für mich oder gegen mich seid. Für oder gegen Eldia."

Eren würde aufschreien. Schon wieder Kampf, schon wieder nichts anderes als Kante gegen Kante. Rhetorisch schlug sie ihren beiden Kameraden die Bratpfanne ins Gesicht, und bei beiden landete sie damit Volltreffer.

Reiner fand die Sprache zuerst wieder. „Du... du... Eldia?" Die Worte kamen keuchend aus seiner Kehle, als habe er sich an ihnen verbrannt.

„Ja", versetzte sie barsch. „Eldia. Du kennst das Wort. Es ist das, was die Marleys immer mit einer Menge Galle aussprechen. Was sie einem ins Gesicht spucken, also Leuten wie uns, du entsinnst dich?"

Er knickte fast ein unter ihrer Bissigkeit. Leider nur fast. Er schüttelte den Kopf, fasste sich an die Stirn und massierte seine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger.

„Seit wann bist du für irgendwas, was nicht direkt mit dir zu tun hat?", knurrte er schließlich. „Hast du dir den Kopf gestoßen und siehst nun Gespenster? Es gibt keine Eldische Widerstands-Bewegung."

„Wohl."

„Es gab mal diese eine, doch die ist längst zerschlagen!"

„Nein, sie spielen nur ein sehr langes Spiel." Sofern sich ihre über sieben Jahre alte Erinnerung nicht als überholt zeigte, sobald sie erst heim kam. Doch dies war eine Wette, die sie eingehen musste.

„Und... Eren hat ernsthaft den Gründer-Titan in sich?"

„Ja, von seinem Vater geerbt."

„Ich packe das nicht." Er schlug die Hände vors Gesicht.

„Jungs." Annie ergriff Reiner und Berthold, der seit der großen Enthüllungs-Bratpfanne noch gar nichts gesagt hatte, an den Armen. „Reiner, du sagtest es doch, oder? Wofür sind wir hier? Um die Menschheit vor den Mauer-Titanen zu retten. Und nichts anderes tun wir, wenn wir Eren zum Widerstand schaffen." Eindringlich konzentrierte sie sich auf Reiner. So hatte sie es Eren schließlich auch geraten. Im Zweifel musste Reiner überzeugt werden. „Sag mir, dass ich falsch liege. Sag mir, dass wir nicht deswegen hier sind."

„Aber unsere Familien", fiel Berthold dazwischen, „Was ist mit denen?"

Das Haar in der Suppe. „Wen werden Ehrenbürger-Titel noch kümmern", zischte Annie in seine Richtung, „wenn der Gründer-Titan den Widerstand erreicht? Dies wird nicht nur das Blatt wenden, es wird den ganzen Tisch umwerfen, auf dem dieses ganze, idiotische Spiel gespielt wird!"

„Ich meinte sicher nicht die Titel!"

„Ja, ich weiß." Sie fühlte sich ein wenig wie in einem Kampf: Den Gegner packen und aus dem Gleichgewicht bringen. Ihm in seinen Bewegungen zuvorkommen und ihn auf die Bretter schicken. „Handeln wir eben schnell. Retten wir sie." Sie hatte keine Ahnung, ob dies möglich war. Es spielte aber auch keine Rolle, denn sie griff schon längst nur noch nach Strohhalmen.

„Das ist doch..." Berthold schien sich eine Rettungsaktion auch nicht wirklich vorstellen können. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, und sein Blick jagte gehetzt zwischen seinen Kameraden hin und her. „Reiner!"

Reiner hob die Hand. „Lass mich nachdenken."

Annie blieb das Herz stehen. Was denn. Sag mir nicht, das hat -...

Connies Stimme platzte urplötzlich dazwischen. „Jemand kommt! Unsere Leute sind unterwegs!"

Kurz darauf waren Reiter zu sehen, mit den grünen Umhängen der Kundschafter-Legion. Erst war es nur ein kleiner Trupp von vier Mann, der am nahen Wald entlang ritt. Doch als sie die Ruinen und Connie bemerkten, der sein Hemd ausgezogen hatte und damit wie mit einer Fahne schwenkte, kamen sie heran. Einer von ihnen nestelte in seiner Satteltasche, und einen Moment später schoss er eine Patrone mit grünem Rauchschweif in die Luft.

Es wurden mehr. Reiter sickerten ins Blickfeld, ganz allmählich. Offenbar hatten sie eine weit auseinander greifende Späh-Formation eingesetzt, um möglichst viel Gelände auf einmal absuchen zu können. Nun sammelten sie sich wieder, wie ein Schwalbenschwarm. Zwei Dutzend fanden sich bereits zusammen, und es wurden immer noch mehr.

Die Neuankömmlinge zogen in dichter werdendem Pulk eine Runde um das Trümmerfeld, welches gestern noch eine Burg gewesen war, und verschafften sich auf diese Weiseein Bild von der Lage. Connie begrüßte sie, indem er weiter winkte und sich heiser schrie. „Sascha! Du lebst noch!" Eine Reiterin winkte daraufhin zurück.

Annie, Reiner und Berthold waren inzwischen ebenfalls aufgestanden. Angespannt blickten sie auf die Reiter. Annie erkannte mehrere Leute, darunter auch jene Frau, die an der Spitze des Trupps ritt, und einer der Fallensteller im Wald der Riesenbäume gewesen war.

„Wer ist diese Frau dort? Mit der Brille?"

„Hanji Zoe", antwortete Reiner, „Und da ist... er?"

Annie schaute dorthin, wohin Reiner schaute, und unterdrückte einen herzhaften Fluch. Dort saß Eren im Sattel, und er starrte sie an wie eine Kuh mit drei Köpfen.

Sie hob die Hände zum Zeichen, dass sie nichts dafür konnte, hier zu sein.

„Was ist das hier für ein Spiel, das du treibst?", herrschte Reiner sie von der Seite an. „Warum ist er dort? Ich dachte, du hättest ihn wenigstens irgendwo versteckt, wenn du ihn schon nicht zum Hafen schaffst!"

„Habe ich nie behauptet", versetzte sie patzig.

„Er weiß, wer wir sind", presste Reiner zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und damit weiß es mindestens Hanji auch. Maria, Rose und Sina, das ist eine Katastrophe."

„Leute." Berthold deutete nervös nach rechts. „Dort ist Mikasa."

Sie drehten die Köpfe und schauten hin, doch war da nur ein herrenloses Pferd, welches gerade gemächlich austrabte. Dafür klickte es metallisch hinter den drei Wandlern. Vom Himmel her kam ein Zischen, und auf einem besonders großen Trümmerstück landete Mikasa, mit gezogenen Schwertern.

„Falsche Schlange", zischte sie von dort oben herunter, als Annie sich umdrehte. „Diesmal kommst du nicht davon."

Annie tat, als würden Mikasas Falkenaugen sie nicht beunruhigen. „Du hast ihn doch wieder zurück, oder nicht?"

„Nicht dein Verdienst."

„Ruhig Blut. Das gilt für alle." Annie hob die Hände, versetzte damit Mikasa in Verwirrung sowie Reiner und Berthold in Panik. „Wir ergeben uns kampflos. - Tut einfach, was sie sagen, Jungs. Niemand von euch will heute noch Blut vergießen, oder?"

Die Reiter verlangsamten ihre Pferde, verteilten sich rund um das Trümmerfeld. Hartes Schweigen herrschte, finstere Gesichter starrten herüber, von fast überall. Hanji Zoe und eine Handvoll Soldaten, die vermutlich ihre persönliche Truppe darstellten, hielten auf einem relativ freien Platz ganz in der Nähe an. Auch Eren war bei dieser Gruppe.

„Scheiße, Leonhardt", presste Reiner hervor. „Was lässt dich so ruhig bleiben?"

„Mein Vertrauen in treue Gefährten, Braun. Nichts weiter."

Hanji legte die Hände trichterförmig an den Mund. „Reiner Braun, Berthold Fubar und Annie Leonhardt! Auf ein Wort, oder ein paar mehr? Kommt herüber, und wir unterhalten uns, ruhig und gesittet!"

Also wissen sie alles. Umso besser. Kein Versteckspiel mehr, keine Lügengeschichten. Die Lage war ernst, doch zumindest die Last der jahrelangen Verstellung war abgeworfen.

„Vorwärts." Annie setzte sich in Bewegung. Sie hatte beschlossen, die Würfel fallen zu lassen und zu schauen, was das Schicksal für sie auf Lager hatte. Lief es nicht so, wie Eren es geplant hatte? Zumindest irgendwie? Nein, eigentlich nicht.

„Reiner." Bertholds Stimme war heiser vor Aufregung. „Wenn es stimmt, dass Eren den Gründer-Titan besitzt... Er ist direkt vor unserer Nase...!"

„Was hast du vor?", zischte Reiner zurück.

„Vielleicht sollten wir..."

Annies Kopf ruckte herum, dass man meinen mochte, Wirbel knacken zu hören. Ihr Blick versenkte sich in dem Bertholds.

„Gerade du?" Sie legte ungewöhnlich viel Gefühl in diese zwei Worte, aufgekratzt wie sie war. Berthold missverstand sie erst, seine Züge wurden seltsam... hoffnungsvoll? Bis sie fortfuhr. Kratzig, ruppig. „Gerade du, der nur etwas tut, wenn man es ihm sagt. Komm einfach mit, wie immer."

Und etwas brach in ihm.

Rückblickend war zu sagen: Der Fehler lag bei allen. Selbst Mikasa wurde überrascht, als Berthold die linke Hand zum Mund brachte, den rechten Arm ausstreckte. Mikasa mit den übermenschlichen Reflexen war bereit gewesen, Annie bei der gleichen Bewegung ein Schwert durch die Kehle zu jagen, noch ehe sie die Zähne im Fleisch hätte versenken können.

In einer brüllend heißen Woge platzte die größte Titanenhand aus dem Nichts heraus. Wie eine Walze streckte sich der Arm, eine mächtige Schneise pflügend, dem Ziel entgegen.

Die erste Druckwelle traf sie völlig unvorbereitet. Annie wurde von den Füßen geschleudert und schlidderte übers Gras, während Berthold seinen Titan stückweise rief: Erst Hand und Arm, dann Schulter! Als sie zum Liegen kam und hinstarrte, sah sie ihn noch, mit der rechten Körperhälfte bereits im Titanen-Fleisch verschwunden.

Berthold, der der Beste war, wenn es darum ging, seinen Titan zu beschwören. Keiner war so schnell darin wie er, ob es ums Hervorrufen oder Verschwindenlassen ging. Und er war ein Scharfschütze, auf dem Schießplatz aus jeder Entfernung so zielgenau wie kein Zweiter.

In diesem Moment, nur in diesem Moment, konnte selbst er ein Fänger sein.

„In Deckung!" Berthold schrie wie ein Minenarbeiter, der eine Sprengung ankündigte. „Es tut mir leid."

Dann platzte die Welt auseinander. Hitze leckte über sie hinweg, eine Flutwelle aus Dampf. Einen Augenblick lang glaubte Annie, gestorben zu sein. Aus Reflex hatte sie sich nach hinten geworfen und war mit dem Kopf direkt auf einen Ziegelstein geknallt. Der scharfe Schmerz, der sie durchzuckte, zeigte ihr immerhin: Sie lebte noch. Nur Lebenden konnte der Schädel so weh tun. Sie blickte auf und erkannte, dass jemand die zweite, verheerendere Druckwelle gebrochen und für sie abgemildert hatte.

Der Gepanzerte Titan kniete vor ihr, wie ein Fels in der Brandung. Hinter ihm lag, eine Mauer aus Fleisch, der Koloss-Titan. Der Größte von ihnen lag am Boden wie ein alter Mann, der versuchte, eine kleine Katze unter dem Sofa hervorzuholen.

Der Gepanzerte richtete den Blick zunächst über die Schulter auf den Koloss, dann blickte er sich um. Er wirkte hektisch, wie jemand, der von einer Wespe belästigt wurde und sie gerade aus den Augen verloren hatte. Plötzlich legte er den Kopf in den Nacken und sah auf.

Annie tat es ihm nach.

„Ah", machte sie halblaut, „Da ist sie abgeblieben."

Mikasa trudelte in einer Höhe, in der sonst Bussarde kreisten. Sie taumelte dort wie ein Papierdrachen mit durchschnittener Schnur, war von der ersten Beschwörung auf Abstand geschleudert worden. So hatte sie die zweite, heftigere Wandlung überleben können.

Das Monster ist auch noch unbeschadet davon gekommen. Anders konnte sich Annie nicht erklären, was Mikasa nun tat: Sie richtete sich nämlich neu aus, fing sich und jagte dann in die Tiefe zurück. Ohne Zugleinen als Steuerhilfen, nur durch schier abnormale Körperbeherrschung. Das Zischen des Gases, in scharfer Überdosis ausgestoßen, war sogar hier unten hörbar. Annie starrte Mikasa nach, die pfeilschnell vorbei flog und nun von Nebelschaden verschluckt wurde.

Das Grollen und Knarren eines in Titanen-Stein gekleideten Riesenkörpers brachte sie dazu, sich wieder herumzudrehen. Reiner hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, die Handläche als Plattform nach oben gedreht.

Annie zögerte.

Doch die Entscheidung, aufzuspringen oder nicht, wurde ihr abgenommen. Connie erschien plötzlich neben ihr.

„Pack zu! Du links, ich rechts! Schitt, Schitt, Schitt!" Für einen Außenstehenden mochte Reiners Geste wohl wie ein Entführungsversuch aussehen. Connie jedenfalls fasste Annies einen Arm und zog ihn sich über die Schulter. Auf der anderen Seite tat Krista, die ebenfalls herbeistürmte, das Gleiche. Gemeinsam zerrten sie Annie weg von dem Gepanzerten Titan, der nun den Kopf herumriss. Denn irgendwo aus der Richtung, in welche der Koloss seine Hand ausgestreckt hatte, erklang ein Geräusch wie ein einschlagender Blitz.

Reiner entschied, dass es einen Ort gab, an dem er eher gebraucht wurde. Er stemmte sich hoch, dann stürmte er los, in den Dampf hinein.

Er sah die Hand, rot und riesig, auf sich zukommen, und erstarrte. Während rechts und links von ihm Reiter ihre Pferde antrieben und vor dem Ding flohen, das da herandonnerte, blieb Eren einfach stehen und beobachtete, wie die Hand immer mehr und mehr von seinem Blickfeld einnahm. Diese Hand, deren Finger sich um die Krone von Mauer Maria gelegt hatten, vor fünf Jahren.

Seltsamerweise fühlte er keinen Hass mehr.

Er hatte alles ausgespien. Sah nun das ganze Bild, auch wenn er davon die Welt nicht besser verstand. Doch zumindest eines lag offen: Die Wurzel des Übels ließ sich nicht einfach packen und ausreißen. Daher hatte Eren Jäger nicht vorgehabt, zu kämpfen.

Die Hand traf ihn direkt, schleuderte ihn aus dem Sattel. Während das Pferd einfach beiseite flog, wurde er von den Fingern des Kolosses umschlossen – Daumen und Zeigefinger schnappten ihn aus der Luft, so genau und präzise, wie er selbst einmal einen Löffel vom Boden aufgehoben hatte.

Die Hand riss ihn hoch, denn der Arm, zum Fang ausgestreckt, stützte sich nun auf den Ellenbogen. Von oben blickte Eren auf den Koloss-Titan hinab, der sich inzwischen vollständig gebildet hatte: Das Monster seiner Albträume lag da auf dem Bauch wie ein halb verhungerter Bettler, der sich nach einer Hand ausstreckte, die ihm Essen reichte.

Der Koloss legte den Kopf in den Nacken, öffnete die Kiefer weit und wollte die Hand zum Mund führen.

Dann schoss Mikasa vom Himmel herab, über die Schulter des Titanen hinweg. Sie fuhr in den Ellenbogen, durchtrennte Muskeln und Sehnen, hackte und schnitt und flog weiter, den Unterarm hinauf, schlug mit den Schwertern zu wie ein Schnitter im Kornfeld. Blut spritzte, Dampf stob auf.

Die Bewegung des Kolosses erlahmte, der Arm erzitterte und schwankte wie ein alter Baum im Sturm. Langsam, ganz langsam, kippte er zur Seite.

Eren sah Mikasa nur als falkenschnellen Schatten vorbei jagen. „Eren! Tu was!" Mehr Blut spritzte in die Höhe, als der Daumen des Kolosses an seinem Gelenk halb abgeschlagen wurde. „Wir müssen jetzt kämpfen!"

Die Worte klangen erst sehr laut, als schreie Mikasa ihm direkt ins Ohr, und kamen dann von sehr weit weg, verflüchtigten sich fast im Flugwind. Seine Schwester schoss weit übers Ziel hinaus.

Noch immer in der Hand des Kolosses, sah Eren den Erdboden auf sich zustürzen.

Nein. Nicht unbedingt! Er riss die Hand hoch und versenkte die Zähne darin. Mit der Wandlung riss er das Gefängnis aus Fleisch und Knochen völlig auseinander, knallte kopfüber zu Boden und raffte sich auf, fünfzehn Meter hoch. Ich kann dies immer noch drehen!

Er fiel in Lauf, erst trottend, dann rennend. Stürmte in die Dampfschwaden, aus denen das Gesicht des Kolosses aufragte wie ein Fels aus einer Stromschnelle. Er holte Atem, um zu brüllen. Er würde diesen Kampf mit der Kommando-Fähigkeit aufhalten.

Der Dampf zu seiner Linken teilte sich wie ein Vorhang. Der Gepanzerte Titan stürzte daraus hervor, donnerte mit gestrecktem Arm in ihn hinein und rammte ihm die Luft aus den Lungen.

Annie hatte Reiner nachgesehen, während Connie und Krista sie aus der unmittelbaren Gefahrenzone und zwischen einige Bäume zerrten, welche ebenfalls die Druckwelle überstanden hatten.

„Schitt!", rief Connie nochmals aus. „Was war das jetzt? Wo kommen diese Dinger auf einmal her?"

Annie blinzelte ihn an. Sie öffnete den Mund, doch fiel ihr keine gute Antwort darauf ein, also schloss sie ihn wieder.

Auch Ymir tauchte nun auf. Deren erster Blick galt Krista, dann wandte sie sich an die übrigen.

„Alles gut?"

„Bei uns ja", erwiderte Connie. „Sind aber nicht vollzählig. Hat jemand Reiner und Berthold gesehen?"

Jenseits der Bäume verflüchtigte sich allmählich der Dampf. Der Koloss stemmte sich auf die Ellenbogen, zog die Beine unter den Leib und machte Anstalten, aufzustehen. Eine Signalpatrone mit schwarzem Rauchschweif schoss in die Höhe, und zu den Füßen des Kolosses donnerten Reiter entlang. Die Kundschafter umkreisten ihn, warfen ihre Haken aus.

Noch eine Signalpatrone, diesmal gelb.

An anderer Stelle wälzten sich zwei Fünfzehn-Meter-Riesen durch die Nebelschwaden, die sich allmählich zerfaserten: Der Angreifer-Titan erwehrte sich den Hieben des Gepanzerten, die wie Hammerschläge durch die Luft schwirrten. Ein schwerer Schwinger donnerte gegen die Brust des Angreifers und schleuderte ihn wie eine Lumpenpuppe durch die Luft.

Wie ruhig es dagegen doch hier war.

Annie tippte Connie gegen die Schulter. „Du bist nicht so dumm, oder?" Als er sie entgeistert anstarrte, fuhr sie fort: „Du weißt genau, wo sie sind."

Er kehrte den Blick betreten zu Boden, ohne zu antworten.

Schließlich kamen Reiter zwischen den Bäumen hindurch.

„Connie!" Sascha war die Erste. „Du lebst noch!"

Prombt kehrte das Leben in ihn zurück. Er stieß die Fäuste in die Höhe. „Du lebst auch noch!"

„Keine Zeit zum Jubeln, Igelkopf." Eine übellaunige Stimme ertönte. Jean lenkte sein Pferd heran, warf Annie einen bösen Blick zu und streckte die Hand in Connies Richtung. „Komm her, sitz auf. Ich rekrutiere dich hiermit für den Trupp Jean!"

„Trupp Jean?" Connie machte große, staunende Augen. „Aber – ich hab gar kein Manövergerät!" Trotz der Widerworte griff er zu.

„Macht nichts." Jean zog ihn hinter sich in den Sattel. „Ich brauche dich auch nicht zum Kämpfen."

„Krista, komm du zu mir." Sascha nahm ebenfalls einen Passagier auf.

„Und was", rief Ymir erbost, „ist mit mir? Wer nimmt mich mit!"

„Dich? - Verfluchtes Chaos. - Such dir ein Pferd und dann -"

„Nein", schnippelte Annie hinein. „Bleib du bei mir, Ymir. Wir Titanen müssen schließlich zusammenhalten, oder?"

Jean starrte sie verdattert an. Dann fielen ihm wohl die Titanen-Male im Gesicht Ymirs auf. Er zuckte wie angeekelt zusammen. „Unglaublich."

„Wir erklären später!", kam es von Krista. Sie schlug dem Pferd der Jungs klatschend auf die Kuppe. „Vorwärts, Jean-Trupp!"

„Ja- Jawoll! Vorwärts!" Jean schien nicht zu bemerken, kurzzeitig den Befehl an jemand anders abgegeben zu haben. Sein Pferd hatte bereits einen Satz nach vorn getan und fiel nun in Galopp. Mit Sascha im Schlepptau verschwanden sie, am Waldrand entlang in Richtung der beiden kämpfenden Titanen.

„Aber was tun wir denn?", schrie Connie noch. „Was tun wir!"

Ymir stand da wie mit Eiswasser übergossen. Wütend riss sie die Hände in die Höhe.

„Setz dich einfach zu mir", riet Annie noch einmal.

Ymir fuhr zu ihr herum. „Sag bloß, du willst hier hocken bleiben!"

„Ich glaube", sagte sie mit eisiger Ruhe, „Dass er dort mir nichts anderes erlauben wird." Sie blickte auf einen weiteren Reiter, der sich nun zu ihnen gesellte. „Oder, Armin?"

„Im Augenblick wird jeder Titan, von Eren abgesehen, als Feind betrachtet", erklärte Armin mit seiner hohen, weichen, zarten Stimme, „Ich bitte dich daher: Tue nichts."

Annie betrachtete ihn interessiert. „Fein", versetzte sie nach einem Augenblick und wandte sich wieder ab. „Ich werde nichts weiter tun als hier zu hocken und zuzuschauen."

„Dann füge ich mich eben auch." Grummelnd tat Ymir es ihr gleich.

Armin trat neben sie, das Schlachtfeld im Auge behaltend. Er hatte die Hand am Schwert. Vielleicht, um das Zittern zu verbergen. Es war vergebliche Mühe.

„Erstaunlich, dass man ausgerechnet dich dazu einsetzt, das berüchtigte Monster der 57. Expedition in Schach zu halten." Annie blickte ihm von unten herauf ins Gesicht.

„Ich bin nicht so sehr der Kämpfer", erwiderte er leise. „Hier wäre ein guter Platz für mich, so sagte Eren."

„Sagte er das." Sie lachte freudlos. „Hat der Bastard auch erzählt, dass er mich unter Drogen gesetzt und bei Fremden abgeladen hat?"

„Streng genommen hat er dich nicht erwähnt."

Das erstaunte Annie. „Wirklich?" Sie stützte das Kinn in eine Hand. „Erzähl mir mehr."

„Er wollte zunächst nicht mit der Sprache heraus, wer ihn entführt hat", führte der Junge mit der zarten Mädchenstimme weiter aus. „Bis ihm klar wurde, dass es keinen Sinn hat. Wir hatten dich so oder so bereits im Verdacht."

„Oho?" Eine Augenbraue ruckte in die Höhe. „Was hat mich verraten?"

„Mikasa sagte, der Weibliche Titan sähe aus wie du."

Annie schnaubte verächtlich. Ymir jedoch lachte auf.

„Hah, ein schlagender Beweis! Dich erkennt wirklich jeder, Näschen. Allerdings, du hast mehr Holz, wenn du als Titan herumläufst."

„Erspare es mir."

„Ich meine, schau dich an."

Annie winkte ab. „Armin, ich brenne vor Neugierde auf weitere Beweise."

„Du hast mich im Grasland leben lassen." Ernst blieb er, trotz Ymirs Eskapaden.

Sie nickte matt, nach einem Moment des Erinnerns. „Ja... Ein guter Punkt. Ob das eine so gute Idee war, frag ich mich." Den letzten Satz schob sie nur nach, um zu sehen, ob sie Armin provozieren konnte.

Unbeeindruckt fuhr er fort. „Und zudem. Davor." Plötzlich ging Armin neben ihr auf ein Knie nieder. Sein Blick nahm etwas Bohrendes an. Annie fühlte sich fasziniert und eingeschüchtert zugleich von diesem Ausdruck, der etwas völlig Neues war.

„Ja?"

„Als unsere Manövergeräte kontrolliert wurden, nach den Morden an den Versuchs-Titanen, hast du nicht dein Eigenes gezeigt."

Ihre Augen weiteten sich. „Bin überzeugt. Rede nicht weiter."

Armin schwieg, für einen langen Moment. „Ich sage dir dies, damit du dich vorbereiten kannst. Jemand wird dich fragen, woher du das andere Manövergerät hattest."

Kälte kroch ihr in den Nacken. „Habs gefunden."

„Ich... verstehe."